Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Wie gefährlich sind Sekten in der Schweiz?

Manuskript eines Vortrags von Dr. Christian Ruch, gehalten am 24.8.2006 in Brugg

Das religiöse Angebot in der Schweiz ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend unübersichtlich geworden. Prägten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine überschaubare Anzahl von Kirchen und Glaubensgemeinschaften das religiöse Leben, haben heutzutage selbst Experten den Überblick verloren, so verwirrend ist die Vielzahl von Kirchen, Sekten, Bewegungen und Meditationszentren. Ein Beispiel: In Zürich stehen fast 400 verschiedene religiöse Gruppierungen zur Auswahl, doch selbst in kleineren Orten schiessen Freikirchen und neue religiöse Gruppierungen wie Pilze aus dem Boden, dies oft zu Lasten der etablierten beiden grossen Landeskirchen.
Diese Entwicklung kann und darf katholische wie reformierte Christen nicht gleichgültig lassen – nicht zuletzt deshalb, weil viele der Menschen, die sich einer Freikirche, einer neuen religiösen Bewegung oder gar einer Sekte anschliessen, ursprünglich einmal Mitglieder der römisch-katholischen oder evangelisch-reformierten Kirche waren, sich aber aus Enttäuschung von ihr abgewandt haben. Das Erstarken neuer religiöser Organisationen ist also nicht nur, aber auch das Resultat eines Versagens auf landeskirchlicher Seite: Offensichtlich misslingt es in vielen Fällen, die Menschen in geeigneter Weise anzusprechen und ihnen spirituell das zu bieten, was sie suchen. Die zahllosen neuen religiösen Gruppierungen scheinen da Abhilfe zu schaffen – ich sage bewusst „scheinen“, denn ob sie es tatsächlich tun, ist dann wieder eine andere Frage.
Generelle Aussagen fallen aus verschiedensten Gründen schwer, denn die unübersehbare Vielfalt religiöser Organisationen lässt keine pauschalen Antworten zu, zu unterschiedlich sind die Gruppierungen in ihrem Anspruch, ihrem Auftreten und nicht zuletzt auch ihrer Gefährlichkeit. Die Weltanschauungsbeauftragten und sogenannten Sektenexperten werden immer wieder nach „Sekten-Listen“ gefragt – also einer Zusammenstellung aller Gruppierungen von A bis Z und womöglich noch nach Gefährlichkeit klassifiziert. Doch da muss ich Sie gleich enttäuschen: solche Listen gibt es nicht und sie wären auch nicht sinnvoll. Denn zum einen ist die religiöse Landschaft dauernd in Bewegung: Gruppen werden neu gegründet oder verschwinden, benennen sich um oder schliessen sich mit anderen Gruppen zusammen. Zum andern ist auch das Innenleben einer religiösen Organisation dynamisch: die eben noch harmlose Freikirche kann sich in ein paar Jahren zu einer radikalen Sekte wandeln, umgekehrt gibt es Entwicklungen, die das Sektenpotenzial reduzieren. Ein Beispiel: Die „Neuapostolische Kirche“ war bis vor wenigen Jahren eine klassische Sekte. Mittlerweile hat sie sich jedoch einem ökumenischen Dialog mit den beiden grossen Landeskirchen geöffnet und zahlreiche interne Reformen eingeleitet, die den Schluss zulassen, dass hier eine regelrechte „Ent-Sektung“ stattfindet. Ähnliches hat bei den „Siebenten-Tags-Adventisten“ stattgefunden.
Es gibt also zwar keine „Sekten-Listen“, es gibt aber sehr wohl Kriterien, die es ermöglichen eine Gruppe danach zu beurteilen, ob sie die Strukturen einer Sekte aufweist oder nicht. Was also ist eine Sekte, was sind Merkmale einer Sekte? Der Ursprung des Wortes „Sekte“ ist nicht ganz klar: Es stammt entweder vom lateinischen „sequi“ (nachfolgen) oder vom ebenfalls lateinischen „secare“ (abschneiden, abtrennen). Beide Herleitungen helfen, den Begriff „Sekte“ näher zu definieren: Es handelt sich um Nachfolgegemeinschaften, die sich von einer anderen Gruppierung abgetrennt haben. In diesem Sinne lässt sich das frühe Christentum durchaus als Sekte bezeichnen: als eine Nachfolgegemeinschaft, die sich vom Judentum abgetrennt hat. Problematisch an diesem theologischen Sektenbegriff ist jedoch, dass er für zahlreiche heutige Gruppierungen nicht mehr greift. Die berühmt-berüchtigte Scientology-Organisation etwa ist eine Sekte, die nicht aus einer Abspaltung hervorgegangen ist.
Sinnvoller ist es deshalb, einen soziologischen Sektenbegriff anzuwenden. Demnach sind Sekten Organisationen, die
· klar auf eine Führerpersönlichkeit und dessen Ideologie ausgerichtet sind,
· ihre Anhänger eng an die Organisation und deren Heilskonzept binden,
· kein oder nur ein begrenztes soziales oder diakonisches Engagement entwickeln,
· sich von einer feindlichen Welt umringt sehen,
· den Anspruch haben, dass nur sie allein über das richtige Heilskonzept verfügen,
· die mehr oder weniger immun gegen Kritik von innen und aussen sind sowie
· Kritiker, Abtrünnige und Aussteiger diffamieren bzw. im Extremfall sogar bedrohen.
Eines darf dabei nicht übersehen werden: diese Definition ist eine Definition von aussen, keine einzige Sekte würde sich selbst als „Sekte“ bezeichnen. Und es ist daher ein Begriff, der einen klar negativ wertenden Charakter hat. Ihn anzuwenden sollte also immer nur mit grosser Vorsicht und Zurückhaltung erfolgen. Angesichts der zunehmenden Zersplitterung der religiösen Landschaft ist sogar die Frage gestellt worden, ob es noch Sinn macht, von „Sekten“ zu sprechen. Die Religionswissenschaft ist hier in einer anderen Position als die kirchliche Beratungs- und Aufklärungsarbeit. Die Religionswissenschaft kann es bei einer reinen Beschreibung belassen, sie muss keine Wertungen vornehmen. Die kirchliche Beratungs- und Aufklärungsarbeit, die sich heutzutage als eine Art „spiritueller Konsumentenschutz“ versteht, muss jedoch gerade im Interesse des Schutzes sagen können, was ist – mag dies für die betroffene Gruppe auch noch so störend und unbequem sein.
Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: wenn wir seitens der kirchlichen Aufklärungs- und Beratungsarbeit darauf verzichten würden, die sogenannte „Scientology-Kirche“ als Sekte zu bezeichnen und stattdessen ihren Anspruch, Kirche zu sein, einfach so akzeptieren würden, dann würden wir einerseits ihr Gefahrenpotenzial verharmlosen und andererseits unseren eigenen Anspruch, Kirche zu sein, nicht mehr ernst nehmen. Aber wie gesagt: es gilt, sehr vorsichtig mit dem Sektenbegriff umzugehen und ihn nicht leichtfertig zu verwenden.
Doch was ist nun das Gefährliche an Sekten? Um diese Frage zu beantworten, muss man wohl zwei Ebenen unterscheiden – eine gesellschaftliche und eine individuelle. Auf der gesellschaftlichen Ebene kann sich die Gefahr entwickeln, dass Sekten versuchen, in Staat, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an Einfluss zu gewinnen und so der Demokratie Schaden zuzufügen. Hinzu kommt, dass Sekten durch ihre starke Ausrichtung auf eine Führung und den Ausschliesslichkeitsanspruch ihrer Heilslehre weder demokratisch noch tolerant sind. Oder um es pointierter auszudrücken: die Werte einer freiheitlichen Demokratie sind in den allermeisten Fällen mit den Strukturen einer Sekte nicht vereinbar. Es ist umstritten, welche Konsequenzen der Staat daraus ziehen muss. In Deutschland wird die Scientology-Organisation schon seit einigen Jahren vom Verfassungsschutz – einem Staatsschutzorgan – überwacht, in der Schweiz konnte man sich zu einem solchen Schritt bisher nicht durchringen. Im Falle von Scientology ist eine staatliche Beobachtung jedoch sicherlich nicht verkehrt, denn die Organisation verfolgt eine eindeutig anti-demokratische Zielsetzung. Ein Staat, in dem Scientologen das Sagen hätten, wäre sicher kein demokratischer Staat mehr. Allerdings gilt es auch hier, Augenmass zu bewahren. Es gibt m.E. derzeit in der Schweiz keinerlei sektenartig strukturierte Organisation, die eine ernsthafte Gefahr für die Demokratie darstellen würde – und dieser Befund gilt auch für Scientology. Diese Sekte hat es aufgrund der erfolgreichen Aufklärungsarbeit in der Schweiz wie auch in Österreich und Deutschland momentan sogar sehr schwer, neue Anhänger zu gewinnen. Etwas anders kann es aussehen, wenn auf lokaler Ebene eine Sekte versucht, Einfluss zu gewinnen. Wenn sich z.B. Sektenanhänger in grosser Anzahl in einer kleineren Gemeinde niederlassen, kann dies u.U. zu neuen Mehrheitsverhältnissen in der Gemeindeversammlung und in der Schulpflege führen.
Wesentlich problematischer ist das Gefährdungspotenzial von Sekten auf der individuellen Ebene, also für einzelne Personen, wenn sie in eine Sekte geraten. Ich spreche jedoch bewusst von einem „Gefährdungspotenzial“, denn nicht jeder Mensch, der in einer Sekte sein Glück sucht, wird psychisch und/oder finanziell ruiniert. Es gibt auch sehr viele Sektenmitglieder, die sich in ihrer Gruppierung wohl und geborgen fühlen. Denn eines darf nicht ausser Acht gelassen werden: Sekten nehmen nicht nur, sie geben auch – Geborgenheit, einen Lebenssinn oder auch das Gefühl, zu einem auserwählten, erleuchteten Kreis zu zählen.
Doch auch „glückliche“ Sektenmitglieder zahlen in der Regel einen hohen Preis: Das Gefühl der Geborgenheit bezahlen sie oft mit einer subtilen Kontrolle durch die anderen Sektenmitglieder, die Vermittlung eines neuen Lebenssinns mit der Aufgabe der eigenen Kritikfähigkeit und eines eigenständigen Denkens, das Gefühl, auserwählt und/oder erleuchtet zu sein, mit der Entfremdung von der bisherigen Umwelt, von Freunden und Angehörigen. Hinzu kommen in manchen Fällen Gefahren durch einseitige Ernährungsvorschriften, sexuellen Missbrauch, psychisch und physisch nicht ungefährliche Meditations- bzw. Therapiemethoden sowie hohe finanzielle Belastungen für immer neue Kurse und Abgaben. Auch für viele Ehen erweist sich die Sektenmitgliedschaft eines Partners oft als Todesurteil. Zieht nämlich der andere Partner nicht mit, d.h. tritt er nicht ebenfalls der Sekte bei, besteht ein bis zu 90 % hohes Scheidungsrisiko, wie eine britische Untersuchung ergeben hat.
Sie sehen also: Mitglied in einer Sekte zu sein birgt ein nicht unerhebliches Risiko, kann sich für viele Familien als eine grosse Belastung erweisen und zieht in manchen Fällen auch gesellschaftlich relevante Kosten nach sich. Es wäre interessant einmal zu berechnen, wie viel die Schweizer Gesellschaft die Mitgliedschaft in den hierzulande aktiven Sekten kostet, zu denken ist hier etwa an Krankenkassenleistungen für Psychotherapien oder die Unterstützung für Menschen, die direkt oder indirekt durch Zugehörigkeit zu einer Sekte ihren Beruf verloren haben.
Was aber sind nun die „gefährlichsten“ Sekten in der Schweiz? Dies ist natürlich kaum zu beantworten, aber es gibt Hinweise. Man kann z.B. untersuchen, zu welchen Sekten besonders viele Anfragen an die Beratungsstellen gerichtet werden. Dies sagt allerdings nur etwas darüber aus, welche Gruppierungen von Ratsuchenden und Betroffenen als gefährlich eingestuft werden, denn es kann natürlich auch der Fall sein, dass eine Gruppierung, zu der keine Fragen gestellt werden, viel problematischer ist als andere. Die Zürcher Beratungsstelle „infoSekta“, ein privater, nicht-kirchlicher Verein, führt genaue Statistiken über die Gruppierungen, zu denen Anfragen eingehen. Betrachtet man sich die neunziger Jahre, so ergibt sich folgendes Bild:
Von den fast 5000 Anfragen bezogen sich
775 auf die Landmark Education,
554 auf die Scientology-Organisation,
348 auf Pfingstgemeinden,
314 auf die Zeugen Jehovas,
308 auf den Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (VPM),
der Rest auf sonstige Gruppen.
Diese Zusammenstellung überrascht in mehrfacher Hinsicht: Bei der „Landmark Education“ handelt es sich nämlich nicht um eine Sekte im klassischen Sinne, sondern eine aus den USA stammende Organisation, die Kurse zur „Persönlichkeitsentwicklung“ anbietet, dabei aber äusserst problematische Methoden anwendet. Diese Methoden lassen es nach Meinung der meisten Weltanschauungsbeauftragten gerechtfertigt erscheinen, von einer Sekte, genauer gesagt einer „Psycho-Sekte“ zu sprechen. Das Beispiel „Landmark“ zeigt sehr deutlich, dass sektenartige Strukturen nicht auf den religiösen Bereich beschränkt sind – gerade im Bereich der Psychotherapie, der Beratung, Weiterbildung und des Direktvertriebs gibt es mittlerweile zahlreiche Anbieter, die man vielleicht nicht unbedingt als „Sekte“ bezeichnen kann, die sich aber sektenartiger Methoden bedienen. Auch der mittlerweile offiziell aufgelöste „Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis“ (VPM) und die Scientology-Organisation stellen im Grunde recht typische Psycho-Sekten dar.
Dass sich über 300 der an die „infoSekta“ gerichteten Anfragen auf Pfingstbewegungen bezogen, mag auf den ersten Blick erstaunen. Es lässt sich jedoch schon seit längerer Zeit beobachten, dass charismatische, evangelikale und eben auch pfingstlerische Gemeinden boomen und daher auch Beratungsbedarf nach sich ziehen. Aber ist es gerechtfertigt, Freikirchen und Freie Gemeinden dieses Spektrums einfach pauschal als „Sekten“ zu bezeichnen? Sicher nicht, zumal es hier immer auf die einzelne Gemeinde ankommt, sich die Verhältnisse also sehr stark unterscheiden. Allerdings gibt es gerade in diesem Bereich des „entschiedenen Christentums“ auch in der Schweiz Gruppen, die sektenartige Tendenzen aufweisen. Beispiele hierfür sind
· die Organisation „Christlicher Informationsdienst“ oder „Adullam“ in Wattwil SG, deren Gründer und Leiter Werner Arn keinerlei Kritik an seiner Person und seiner Art der Bibelinterpretation duldet,
· das „Missionswerk Kwasizabantu“, deren „Domino-Servite“-Schule in Kaltbrunn SG wegen der brutalen Erziehungsmethoden in den letzten Wochen erneut das Interesse der Medien und auch der St. Galler Behörden erregte, oder
· die „Organische Christus-Generation“ alias „Obadja“ in Walzenhausen AR, deren Gründer und Führer Ivo Sasek u.a. für die körperliche Züchtigung von Kindern eintritt.
Nochmals: Die Statistik der „infoSekta“ darf nicht überbewertet werden, denn es gibt eben auch Sekten, zu der sie wie gesagt keine oder nicht sehr zahlreiche Anfragen erhält, die aber trotzdem als eher gefährlich eingestuft werden müssen. Dazu zwei aktuelle Beispiele:
Anfang des letzten Jahres sorgte das Buch „Allein gegen die Seelenfänger“ der jungen Schweizerin Lea Laasner für sehr grosses Aufsehen in den Medien, sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland. Denn wenn Lea Laasner zu erzählen beginnt, was sie als Kind und Teenager durchmachen musste, enthüllt sich eine Biographie, die unglaublicher kaum sein könnte – wobei „unglaublich“ nicht heissen soll, dass man Lea Laasner nicht abnimmt, was sie erzählt, ganz im Gegenteil, vermittelt sie doch eine grosse Glaubwürdigkeit. „Unglaublich“ ist ihre Geschichte, weil man einfach fassungslos ist, wenn man sie hört bzw. liest.
Lea Laasner wurde 1980 geboren und wuchs in den behüteten Verhältnissen einer Gemeinde im Grossraum Zürich auf. Die familiäre Idylle bekam jedoch Risse, als sich die Mutter immer stärker esoterischen Praktiken zuwandte und den Vater drängte, sich mit der ganzen Familie einer kleinen Gruppe namens „Die Licht-Oase“ anzuschliessen. Diese Gruppe lebte mehr oder weniger in völliger Isolation in Österreich, Bayern, Portugal und schliesslich im mittelamerikanischen Staat Belize, wo sie sich eine Farm kaufte. Mit 13 Jahren wurde Lea die Geliebte des Sektenführers und in den folgenden acht Jahren immer wieder Opfer seiner sexuellen Übergriffe sowie äusserst sadistischer Sexualpraktiken. Schutz durch die Eltern konnte sie längst nicht mehr erwarten, denn die Bindung zu ihnen war durch die sektentypische Gruppendynamik längst zerstört worden. Mit Hilfe eines Polizisten, in den sich Lea verliebt hatte, gelang ihr schliesslich die Flucht von der sekteneigenen Farm und nach einiger Zeit kehrte sie in die Schweiz zurück, wo sie von Verwandten aufgenommen wurde. Sie kam in Kontakt mit dem Sektenexperten Hugo Stamm vom Zürcher „Tages-Anzeiger“, der ihr half, ihre Geschichte als Buch zu veröffentlichen und auf diesem Wege auch ein Stück weit zu verarbeiten.
Lea Laasners Buch belegt auf sehr eindrückliche Weise die Vermutung vieler Weltanschauungsexperten, dass sich die Sektenszene zunehmend zersplittert, so dass inzwischen viele Gruppen und Grüppchen existieren, die man entweder gar nicht kennt oder von denen kaum jemand weiss, wie es in ihnen zugeht. Dass die Grösse einer Gruppe nichts über die Gefährlichkeit für den Einzelnen aussagt, zeigt gerade Lea Laasners Leidensweg: Die „Licht-Oase“ umfasste nur ca. 40 Personen, und doch erlebten die junge Frau und andere drangsalierte Mitglieder ein Martyrium ohne gleichen. Wenn Frau Laasners Buch eine Botschaft hat, dann also wohl die, wachsam zu bleiben, auch und gerade kleineren Gemeinschaften gegenüber.
Das zweite Beispiel betrifft eine Gruppierung, die auch in der Schweiz immer grösseren Erfolg und Zulauf verzeichnen kann: der sogenannte „Bruno Gröning-Freundeskreis“. Bruno Gröning (1906-1959), ein Gelegenheitsarbeiter ohne feste Anstellung und abgeschlossene Berufsausbildung, sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg als Wunderheiler in Deutschland für Aufsehen. Seine angeblichen Heilungserfolge lösten wahre Massenhysterien aus. 1954 erging seitens der Behörden ein Verbot öffentlicher Auftritte und 1959 erlag der vermeintliche Wunderheiler einem Krebsleiden. Dennoch glauben die Anhänger Grönings an dessen Heilkraft, die er heute in Form eines sogenannten „Heilstroms“ aus dem Jenseits aussende. Immer wieder gelingt es dem „Bruno Gröning-Freundeskreis“, in Spitälern, Altersheimen und sogar Universitätshörsälen für den „Heilstrom“ zu werben. Dass zahlreiche Mediziner zum „Bruno Gröning-Freundeskreis“ zählen, macht die Sache umso schlimmer, denn dies verleiht der obskuren Verehrung Grönings und seines angeblichen „Heilstroms“ den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität und Glaubwürdigkeit. Dies kann sich dann verheerend auswirken, wenn schwerkranke Menschen schuldmedizinische Behandlungen ablehnen und sich nur noch auf den „Heilstrom“ verlassen. Um es drastisch zu formulieren: dieser Irrglaube hat schon einigen Kranken, die vielleicht gerettet hätten werden können, das Leben gekostet! Hinzu kommt, dass der „Bruno Gröning-Freundeskreis“ sehr autoritär geführt wird, Bruno Gröning quasi messiashafte Züge zugesprochen werden und Kritik oder Zweifel an ihm bzw. dem „Heilstrom“ nicht akzeptiert wird. Damit muss man zu dem Schluss gelangen, dass der „Bruno Gröning-Freundeskreis“ eine Sekte darstellt bzw. zumindest stark sektenhafte Züge trägt. Dem Erfolg des „Bruno Gröning-Freundeskreises“ scheint dies aber nicht zu schaden, ganz im Gegenteil: In einer Zeit, in der kaum so viel zählt wie die Gesundheit und viele Menschen der Schulmedizin skeptisch bis kritisch gegenüberstehen, sind solche simplen Heils- und Heilungsversprechen besonders attraktiv.
Dies führt uns zu der Frage, was Menschen überhaupt dazu bringt, Mitglied einer Sekte zu werden. Vor zwei Irrtümern sollte man sich jedenfalls hüten: 1.) dass nur labile Menschen Gefahr laufen, in die Fänge einer Sekte zu geraten, 2.) dass man selbst unter keinen Umständen gefährdet sei, Anhänger einer Sekte zu werden. Um es ganz klar zu formulieren: prinzipiell kann jeder von uns in eine Sekte geraten, allerdings stellt sich die Frage, wie wahrscheinlich das ist. Das Risiko für eine Sektenzugehörigkeit setzt nämlich eine gewisse psychische Disposition voraus. Vereinfacht gesagt lässt es sich vielleicht so formulieren: Je grösser die Ängste und Sehnsüchte eines Menschen sind, je ausgeprägter seine Autoritäts- und Leichtgläubigkeit, umso gefährdeter ist er, Sektenmitglied zu werden. Die Sehnsucht nach der heilen Welt, nach Entlastung von der Verantwortung für das eigene Leben, der Wunsch sich wichtig zu fühlen können ebenso ausschlaggebend für eine Anziehung durch Sekten sein wie persönliche Lebenskrisen, sei es nun die Trennung vom Partner, Arbeitslosigkeit oder eine schwere Krankheit.
In diesem Zusammenhang gilt es mit einem Vorurteil aufzuräumen: Es sind nicht in erster Linie Jugendliche, die anfällig für Sekten sind. Hier dürften die Gefährdungen durch Alkohol und Drogen weitaus grösser sein. Zwar waren es in den 70er und 80er Jahren vor allem die sogenannten „Jugendreligionen“ aus Asien (Stichworte wären hier die Bhagwan- oder Hare Krishna-Bewegung), die Aufmerksamkeit erregten, mittlerweile sind es aber vor allem Menschen in der Lebensspanne zwischen 35 und 65 Jahren, die gefährdet sind, in eine Sekte zu geraten. Grund ist wie gesagt meistens eine wie immer geartete Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben bzw. eine ungestillte Sehnsucht. Insofern lässt sich sagen, dass ein erfülltes, glückliches Leben, ein intaktes persönliches Umfeld und sicherlich auch ein gefestigter christlicher Glaube am besten vor Sektenanfälligkeit schützen.
Was aber kann man tun, wenn eine nahestehende Person in eine Sekte geraten ist? Kann und soll man überhaupt helfen? Man sollte es auf jeden Fall versuchen, ob man etwas erreicht, muss sich dann erweisen. Auf jeden Fall gilt: Je länger jemand einer Sekte angehört, desto schwieriger wird der Ausstieg. Grundsätzlich aber ist zu beachten, dass man Ruhe bewahrt – Panik ist in keiner Lebenssituation einer guter Ratgeber. Und in den meisten Fällen ist die Gefährdung durch die Mitgliedschaft in einer Sekte nicht so gross und nicht so akut, dass Grund zur Panik besteht. In einem ersten Schritt sollte man versuchen, sich über die jeweilige Gruppierung genau zu informieren. Bei den diversen Beratungsstellen erhält man meistens ebenso umfassende Informationen wie im Internet.
Entscheidend für eine Ausstiegshilfe ist jedoch, den Kontakt mit dem Sektenmitglied aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig, dass Sektenmitglieder durch Ablehnung und Unverständnis nicht noch mehr in die Isolation gedrängt werden, denn Sektenmitglieder sind oft schon isoliert genug. Meistens ist es ebenso unsinnig wie aussichtslos, dem Angehörigen einer Sekte die Begeisterung für die Gruppe mit missionarischem Eifer oder gar Aggressivität ausreden zu wollen – viel besser ist es, ihn zu fragen, was ihn eigentlich an der Sekte bzw. ihrem Führer so fasziniert. Vielleicht ergibt sich daraus dann ein Gespräch, das den Sektenanhänger zum Nachdenken bringt und irgendwann zum Ausstieg motiviert. Ganz wichtig ist es, dass er von seinem Umfeld signalisiert bekommt: „Wir sind immer für dich da. Wir verstehen zwar nicht, warum du dich von der Gruppe XY so angezogen fühlst, aber wir akzeptieren deine Entscheidung. Akzeptiere du aber bitte auch, dass wir deine Begeisterung nicht teilen, dass wir Bedenken und manchmal auch Angst um dich haben. Und wenn du einmal die Gruppe XY verlassen willst, dann kannst du dich auf uns verlassen.“
Angehörige von Sektenmitgliedern sind in ihrer Verzweiflung oft geneigt, nach dem Verbot von sektenartigen Organisationen zu rufen. So verständlich dieser Wunsch ist – er ist unrealistisch. Denn abgesehen davon, dass die Religions- und Glaubensfreiheit ein hohes, schützenswertes Gut darstellt, würde sich die Frage stellen, welche Gruppierungen verboten werden sollten und welche nicht. Selbstverständlich ist die Justiz gefordert einzugreifen, wenn in Sekten gegen Recht und Gesetz verstossen wird – die Religionsfreiheit ist schliesslich kein Freibrief für illegale oder sogar kriminelle Handlungen!
Der Staat kann aber auch jenseits von Verboten aktiv werden, um die Gefahren, die von Sekten ausgehen, wirksam einzudämmen. Zu den Massnahmen, die staatlicherseits ergriffen werden sollten, zählen:
· Die Einrichtung einer zentralen staatlichen Informations- und Beratungsstelle. Da die kirchlichen und nicht-kirchlichen Beratungsstellen personell und finanziell meistens sehr schwach ausgestattet sind, bedarf es dringend einer staatlichen Informations- und Beratungsstelle. Leider hat der Bundesrat im Juni 2000 die Schaffung einer solchen Stelle mit der Begründung, dass es sich bei religiösen Fragen um Angelegenheiten der Kantone handle, rundweg abgelehnt.
· Die Beseitigung der Wissenslücken durch die gezielte Förderung der Forschung. Es ist daher sehr zu begrüssen, dass der Schweizerische Nationalfonds nun ein grosszügig finanziertes Forschungsprogramm zur religiösen Vielfalt in der Schweiz in Angriff genommen hat.
· Die konsequente Anwendung geltender Gesetze. Leider fällt immer wieder auf, dass Behörden im Falle von Sekten nicht mit der gebotenen Konsequenz einschreiten. Dies hat v. a. zwei Gründe: Zum einen lassen sich die Behörden bisweilen zu sehr von der Aggressivität und Prozessierlust mancher Sekten einschüchtern, zum andern lähmt sie bisweilen ein zu grosser Respekt vor der verfassungsrechtlich abgesicherten Religionsfreiheit.
· Da zum Programm vieler Sekten dubiose, wenn nicht sogar schädliche Heilmethoden und Psychotechniken gehören, ist der Staat gefordert, durch eine klare Gesetzgebung Missstände und Rechtslücken auf diesem Gebiet konsequent zu beseitigen.
· Nicht zuletzt ist ein entschiedenes Einschreiten des Staates und der Justiz zu fordern, wenn es um das Wohl von Kindern geht. Kinder, die in Sekten hineingeboren werden und in ihnen aufwachsen müssen, sind tendenziell am gefährdetsten, wenn es um die schädlichen Auswirkungen einer Sektenzugehörigkeit geht. Das Schicksal der oben erwähnten Lea Laasner zeigt dies sehr deutlich.
Die Schweiz sollte nach den grauenhaften Massenselbstmorden in der Sekte der „Sonnentempler“ im Jahre 1994 besonders sensibel sein, was das Gefahrenpotenzial betrifft, das von Sekten ausgeht, denn der Staat hat zwar einerseits die Pflicht, die Religionsfreiheit zu gewährleisten, andererseits aber auch seine Bürger zu schützen.
Dort, wo Menschen sich nicht mehr aus eigener Kraft gegen eine unerwünschte oder sogar unzulässige Einflussnahme durch sektenartig organisierte Gruppen wehren bzw. schützen können, ist der Staat gefordert. Sekten sind wie gesagt derzeit keine Gefahr für den Staat und unsere Demokratie – aber sie können jederzeit zur Gefahr für den Einzelnen werden. Der Verweis auf die Religionsfreiheit darf nicht zum Alibi für Untätigkeit werden. Wegzuschauen ist keine Lösung – doch dies betrifft nicht nur den Staat, sondern jeden von uns. Die Sektenproblematik ist ein Thema, das uns alle angeht.

© Christian Ruch 2006

Quelle: Infosekten, 27.08.2006

Sonntag, 27. August 2006

 
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