Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Ahnenkult und Totentaufe – zur Problematik der genealogischen Datenerfassung durch die Mormonen

In vielen Archiven und Bibliotheken spielt sich derzeit ein stilles Drama ab, das unabsehbare Folgen für die Kultur haben könnte: der sogenannte „Säurefrass“ zerstört langsam aber sicher unzählige Bücher und Aktenbestände. Papier wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts grösstenteils industriell und unter Beigabe von Säure produziert, was heute zur Folge hat, dass diese Säure das Papier allmählich zerstört. Schon jetzt sind in vielen Archiven ganze Aktenbestände gesperrt, weil ihre Benutzung den Zerfallsprozess nur noch beschleunigen würde. Zwar gibt es mittlerweile ein Entsäuerungsverfahren, doch ist dies ebenso aufwendig wie teuer. Vielen Archiven bleibt deshalb nur die Verfilmung ihrer Bestände als Ausweg, da aber Länder, Kommunen und Kirchen in Zeiten leerer Kassen dafür immer weniger Mittel zur Verfügung stellen und die Verfilmungsunternehmen ohnehin völlig überlastet sind, scheint der Kampf gegen den Aktenschwund von vornherein verloren.
Warum sich also nicht an die Mormonen, genauer gesagt die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ (HLT) wenden? Schliesslich betreibt die HLT bzw. ihre 1894 gegründete „Genealogical Society“ zum Zwecke reger Ahnenforschung eine Datenerfassung gigantischen Ausmasses, indem sie vor allem Kirchenbücher (also Geburts- und Sterberegister) ausleiht, sie verfilmen lässt und ihrem Inhaber gratis eine Kopie des Films zur Verfügung stellt. Beispielsweise wurden schon zu Beginn der siebziger Jahre sämtliche Kirchenbücher der Erzdiözese Freiburg verfilmt, so dass sich heute im weltgrössten Ahnenforschungszentrum der HLT, der in Salt Lake City ansässigen Family History Library und dem mit ihr verbundenen FamilySearch Center, selbst die Geburts- und Sterberegister kleinster Schwarzwaldgemeinden finden lassen. Ähnliches gilt für die Kirchenbücher der evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg, deren Bestände allem Anschein nach in den sechziger und siebziger Jahren ebenfalls komplett verfilmt wurden und heute in der Family History Library einsehbar sind. Gehortet werden die Daten ausserdem in angeblich atombombensicheren Stollen, die eigens dafür in einem Granitfelsen 32 Kilometer südöstlich von Salt Lake City angelegt wurden.
Das Verfilmungsunternehmen Mikrofilm-Center GmbH im brandenburgischen Kossenblatt hat, nachdem die Firma kurz vor der Insolvenz stand, derzeit einen grossen Auftrag der „Genealogical Society“ in Arbeit und verfilmt ostdeutsche Kirchenregister. „Etwa zweimal im Jahr bekommen wir Besuch von den Mormonen, die sich dann nach dem aktuellen Stand der Dinge erkundigen“, so der Firmenprokurist gegenüber der „Berliner Morgenpost“. Offenbar hat das Unternehmen keine Schwierigkeiten, bei den Pfarrämtern an das zu verfilmende Material heranzukommen, zumal man dort froh sein dürfte, dass die Informationen auf diesem Wege erhalten bleiben, und vermutlich auch nicht wissen dürfte, für wen die Mikrofilm-Center GmbH die Verfilmung vornimmt.
Möglicherweise ist dies sogar ganz im Sinne der Mormonen, denn zumindest die katholische Kirche hat die in einigen Bistümern seit 1969 bestehende und auch vertraglich geregelte Zusammenarbeit mit der „Genealogical Society“ aufgekündigt. Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat im April 2002 eine „Handreichung zur Verfilmung von Kirchenbüchern durch die Mormonen“ verabschiedet, in der es heisst: „Das Angebot der Genealogischen Gesellschaft von Utah auf Sicherungsverfilmung der Kirchenbücher soll künftig nicht mehr wahrgenommen werden. Dies betrifft Neuverfilmungen ebenso wie die Nachverfilmung schadhafter Filmkopien.“ Auf protestantischer Seite überwog schon früher eine restriktive Praxis; so lehnten nach Angaben des evangelischen Sektenexperten Rüdiger Hauth 11 der 18 westdeutschen Landeskirchen zwischen 1947 und 1980 die leihweise Herausgabe der Kirchenbücher zwecks Verfilmung ab, drei Landeskirchen, darunter wie gesagt auch die badische und die württembergische, stimmten ihr zu, die übrigen vier zogen die Zustimmung zur Verfilmung nach ursprünglicher Einwilligung wieder zurück.
Ausschlaggebend für die ablehnende Haltung der evangelischen und neuerdings auch der katholischen Kirche dürfte v.a. die religiöse Motivation der HLT sein. Dass diese nämlich so unermüdlich genealogische Daten erfasst und speichert, hängt mit ihrem Glaube zusammen, demzufolge Nicht-Mormonen nachträglich mormonisch getauft werden müssen, um der ganzen Fülle ewigen Heils und der Erlösung im Jenseits teilhaftig zu werden. Zu diesem Zweck lassen sich Mormonen stellvertretend für Verstorbene taufen und wirken somit als eine Art Miterlöser der Toten, bei denen es sich in der Regel um Verwandte handeln dürfte. Da dies offenbar jedoch nur funktioniert, wenn man die Namen der Vorfahren kennt, haben die Mormonen eben jene gigantische Ahnenforschung in Gang gesetzt, deren Datensammlung mittlerweile über eine Milliarde Mikrofilme umfassen soll.
Während diese Daten mittlerweile auch via Internet zugänglich sind (unter http://www.familysearch.org), ist nur vor Ort, d.h. im Ahnenforschungszentrum in Salt Lake City einsehbar, wer unter den Verstorbenen nun tatsächlich schon posthum zum Mormonen getauft wurde. Abgefragt werden kann dies an hochmodernen EDV-Arbeitsplätzen in einem speziellen Suchprogramm, das dem Publikum zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung steht. Gibt man z.B. den Namen „Martin Luther“ ein, erhält man folgenden Eintrag:

Luther, Martin
Geschlecht: männlich
Geboren: 10 Nov 1483 Eisleben, Sachsen, Preussen
Taufe: 1 Dez 1987 PROVO
Begabung: 6 Jan 1988 PROVO
Siegelung an Eltern: 6 Jan 1988 PROVO
Vater: Hans LUTHER
Mutter: Margarete
Quelle: Formular von HLT-Mitglied eingereicht.
Serie Nr. 8707831, Blatt #: 23, Standortnummer der Quelle: 1396321

Aus diesem Eintrag geht also hervor, dass der Reformator am 1. Dezember 1987 in Provo, einer Nachbarstadt von Salt Lake City, mormonisch getauft wurde, und dies wahrscheinlich auf Initiative jenes, möglicherweise deutschen HLT-Mitglieds, von dem das Formular eingereicht wurde. Ausserdem wurde Luther kurz darauf, am 6. Januar 1988 und ebenfalls in Provo, auch noch mit der „Begabung“ und der „Siegelung an die Eltern“ versehen. Dabei handelt es sich um zwei weitere Rituale, wobei die „Begabung“ darin besteht, dass man entweder für sich selbst oder wiederum stellvertretend für Verstorbene, „geheime Erkennungsworte und -zeichen“ erhält, die beim Weg in den obersten der drei Himmel behilflich sein sollen. Dorthin gelangt nach Auffassung der Mormonen ausserdem nur, wer für die Ewigkeit an die Eltern und einen Ehepartner „gesiegelt“ wurde.
Diese, doch einigermassen skurril anmutenden Vorstellungen haben dazu geführt, dass nicht nur Luther, sondern auch eine ganze Reihe von Päpsten getauft und an Eltern bzw. Ehepartner „gesiegelt“ wurden. Der besonders berüchtigte Papst Alexander VI. wurde gleich viermal getauft, ausserdem wurde ihm eine „Mrs. Pope Alexander III“ (sic!) anver- bzw. -getraut. Besonders makaber wurde es, als die Mormonen in ihrem Eifer auch noch anfingen, jüdische Holocaust-Opfer zu taufen, wogegen sich der Protest jüdischer Organisationen erhob und diese Praxis 1995 eingestellt wurde.
Der mormonische Ahnenkult und die damit verbundene Erfassungswut werfen selbstverständlich eine ganze Reihe von Problemen auf; zum einen stellt sich die Frage nach dem Datenschutz, denn es gibt zumindest Hinweise darauf, dass die Datensammlung auch schon für andere als genealogische Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. So soll das Material zur Durchführung einer medizinischen Studie verwendet worden sein. Aus kirchlicher Sicht am problematischsten dürfte jedoch sein, dass die Datenerhebung in erster Linie zum Zwecke des, wie es der katholische Theologe Michael Fuss so schön formuliert hat, „spirituellen Kidnapping“ betrieben wird. Sein evangelischer Kollege Werner Thiede hat dazu festgestellt: „Das Angebot von mormonischer Seite, sich vertraglich zu verpflichten, dass keine pauschalen, listenmäßigen Totentaufen durch Benutzung der verfilmten Kirchenbücher vollzogen werden, dürfte kirchlich-theologische Bedenken gegen die massenweise ‚Auslieferung‘ der Daten christlich getaufter Verstorbener zum Zwecke der genannten Tempelrituale kaum ausräumen können.“
Aus einer rein wissenschaftlichen Perspektive ist es zweifellos ebenso verdienstvoll wie faszinierend, was die Mormonen mit Bienenfleiss und unter ungeheurem finanziellem Aufwand betreiben, um genealogische Daten zu erheben und zu sichern. Einige Pfarrer halten denn auch heute noch den Nutzen der Datensicherung für grösser als den Schaden durch eine posthume mormonische Taufe. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es nicht etwas beschämend und bedenklich ist, wenn aus purer Geldnot für die Erhaltung von Archivmaterial auf die Dienstleistungen einer religiösen Organisation zurückgegriffen werden muss, deren Motivation zumindest diskutabel ist. Den Kirchen und anderen öffentlichen Körperschaften sollte der Erhalt von Kirchenbüchern so viel wert sein, dass er auch in Zeiten knapper Mittel finanziert werden kann.

Christian Ruch

Artikel erschienen im „Materialdienst“ der EZW (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin), Heft 2/2004, S. 68ff.

Quelle: Infosekten, 02.08.2006

Mittwoch, 2. August 2006

 
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