Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Auf der Suche nach Erleuchtung – Buddhismus im deutschsprachigen Raum

„Wenn dereinst die Eisenvögel fliegen und die Pferde auf Rädern rollen, dann wird der Mann aus dem Schneeland seine Heimat verlassen müssen wie die Ameisen, und die Lehre wird den ´rotwangigen Mann´ erreichen.“

Diese Weissagung des buddhistischen Magiers und Heiligen Padmasambhava, der den Buddhismus im 8. nachchristlichen Jahrhundert in Tibet einführte, wird heute allgemein so interpretiert, dass sie sich in unserer Zeit erfüllt habe: die Eisenvögel als Symbole für Flugzeuge, die Pferde auf Rädern als Bild für Autos, die Flucht der Tibeter, die wie die Ameisen ihre Heimat auf oft gefährlichen Himalaya-Pfaden vor der Unterdrückung durch die chinesische Besatzungsmacht verlassen, und schliesslich die buddhistische Lehre, die den „rotwangigen Mann“, also die Menschen im Westen erreicht hat.
Wie immer man diese Weissagung deuten will – eines steht sicher fest: der Buddhismus – und zwar längst nicht nur der tibetische! – erfreut sich im Westen eines anhaltenden Booms, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Besonders gilt dies natürlich für das weltliche und geistliche Oberhaupt Tibets, den XIV. Dalai Lama. Auf die Frage „Wer ist der weiseste Mensch der Gegenwart?“ nannte im Januar 2002 jeder dritte Deutsche den Dalai Lama, der damit Papst Johannes Paul II., Nelson Mandela, Kofi Annan und Stephen Hawking mit jeweils 7-14 % weit hinter sich liess. Bei Katholiken kam der tibetische Friedensnobelpreisträger sogar auf 37 %, der „eigene“ Papst dagegen nur auf magere 19 %.
Der so Angehimmelte steht der Begeisterung, mit der sich westlich geprägte Menschen auf den Buddhismus stürzen, sehr skeptisch gegenüber und rät dazu, erst einmal in der eigenen Religion nach spiritueller Erfüllung zu suchen. Den Buddhismus-Begeisterten schrieb er daher ins Stammbuch: „Lassen Sie Vorsicht walten. Vermeiden Sie es um jeden Preis, Buddhist zu werden, ohne darüber wirklich nachgedacht zu haben, ohne über ein Grundwissen zu verfügen, nur weil Sie Lust dazu verspüren, denn dann werden Sie früher oder später entdecken müssen, dass Ihnen gewisse Praktiken gar nicht entsprechen oder sie Ihnen unmöglich erscheinen.“ Und: „Man sollte die religiöse Gemeinschaft, der man entstammt, weiterhin achten und sich nicht bewusst von ihr absondern. (...) Einen Übertritt zum Buddhismus sollte man sich gründlich überlegen. Ein spontaner Wechsel der Religion erweist sich fast immer als schwierig und kann auch zu schweren seelischen Störungen führen. Wer sich zum Buddhismus bekehrt, der sollte sich bescheiden und nicht mit religiösem Übereifer des Konvertiten alles von Grund auf anders machen wollen. So will es eine alte tibetische Weisheit, die uns rät: ‚Ändere dein Bewusstsein, aber lasse dein Äusseres, so wie es ist.’“
Doch haben diese Ermahnungen quasi von höchster Stelle dem Boom des Buddhismus bisher noch keinen Abbruch getan, und dieser Boom kann überzeugte Christinnen und Christen nicht einfach kalt lassen. Sie müssen sich jedoch die Frage gefallen lassen, wie es dazu kommen konnte, dass der Buddhismus für getaufte Mitteleuropäer/innen eine solch attraktive Zweit-, Neben- und in vielen Fällen auch Alternativreligion werden konnte. Offenbar füllt der Buddhismus ein spirituelles Vakuum, für das nicht nur, aber auch die christlichen Kirchen zur Verantwortung zu ziehen sind.
Der erste Erklärungsansatz ist relativ simpel: Exotisches ist tendenziell immer faszinierender, als das, was man schon kennt. Und im Falle des tibetischen Buddhismus kommt hinzu, dass das Interesse am und die Faszination durch den Mythos Tibet selbstverständlich auch der Religion Tibets stets einen fruchtbaren Boden bereitet haben. Selbst für Hollywood war Tibet eine Weile lang so interessant, dass in relativ kurzen Abständen gleich drei Spielfilme zu diesem Thema gedreht wurden und sich als sehr erfolgreich erwiesen: „Sieben Jahre in Tibet“, „Little Buddha“ und „Kundun“. Da es in diesen Filmen auch oder sogar hauptsächlich um religiöse Praktiken und Fragen ging, wirkten sie als eine Art Werbeträger für den tibetischen Buddhismus. Das heisst aber noch lange nicht, dass die meisten Tibet- und Dalai Lama-Begeisterten jetzt zu sozusagen katechetisch gefestigten Buddhisten konvertieren. Dies dürfte sogar die Ausnahme sein. Weitaus häufiger dürften Elemente des tibetischen Buddhismus, seien es nun Rituale oder Glaubensinhalte, in den eigenen Glaubenskosmos integriert werden. Um es pointiert auszudrücken: Sonntags geht man ab und zu in die Kirche und donnerstagabends in einen Meditationskurs, ohne dabei auch nur den geringsten Widerspruch zu entdecken. Der katholische Theologe Michael Fuss hat in diesem Zusammenhang von „buddhistischen Christen“ gesprochen, womit Menschen gemeint sind, die buddhistische Elemente in ihren angestammten christlichen Glauben einfügen. Daneben gibt es natürlich auch noch jene, die Elemente des Buddhismus, des Christentums und anderer Traditionen zu einer Art privater Hyperreligion verschmelzen lassen. Dieses Phänomen betrifft natürlich nicht nur den Buddhismus, sondern zahlreiche andere ausserchristliche Glaubensströmungen.
Der zweite Erklärungsansatz ist schon etwas komplexer: Denn es mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, dass ausgerechnet eine so individualisierte und emanzipierte Gesellschaft wie die der postindustriellen Staaten des Westens sich von Religionsformen, seien sie nun buddhistischer oder hinduistischer Provenienz, angezogen fühlt, in denen der Person des Lehrers eine sehr grosse, im Falle des tibetischen Buddhismus sogar nahezu absolute Autorität zugesprochen wird. Um es zugespitzt zu formulieren: nicht selten weisen jene, die am Autoritätsanspruch eines Papstes kein gutes Haar lassen, Meistern und Gurus gegenüber eine völlig kritiklose und fast schon devot zu nennende Unterwürfigkeit auf. Vielleicht sehnen sich gerade die autoritätslosen Menschen des Westens – ein Stichwort wäre hier die „vaterlose Gesellschaft“ – nach Autoritäten, die ein tibetischer Lama, ein Zen-Meister oder Guru als eine Art Vaterersatz darstellen kann. Dass dies Missbrauch, sei er nun finanziell oder sexuell, begünstigen kann, liegt auf der Hand. Der Dalai Lama warnt daher zu Recht: „Probiert den Guru zwölf Jahre lang aus, bevor ihr euer ganzes Leben für ihn oder sie aufgebt. Zwölf Jahre, nicht nur eine Stunde.“
Ein dritter Ansatz ist darin zu suchen, dass der Buddhismus im Grunde oft gar nicht mehr als eine Religion, sondern eher als praktische Lebensphilosophie und damit als eine der heutzutage so heiss begehrten Anleitungen zum Glücklichsein wahrgenommen wird – als „eine Religion ohne Schöpfergott und ohne Seele im Sinne eines unveränderlichen Wesenskerns. Aber mit Toleranz, Ruhe und Mitgefühl. (…) Ist der Buddhismus also fast so etwas wie eine Idealreligion? Folgt man westlichen Anhängern und Medien, könnte man ab und an zu diesem Schluss kommen. Buddhismus als das bessere Christentum mit mindestens gleich guter Ethik und vernünftigeren Grundlagen“ und noch dazu als eine Lehre, „die nicht aufs Jenseits vertröstet“, so der evangelisch-reformierte Schweizer Theologe Joachim Finger. Doch ist es überhaupt legitim, von dem Buddhismus zu sprechen? Gilt es nicht zu differenzieren und die einzelnen buddhistischen Richtungen näher und damit gesondert zu betrachten? Dies soll im Folgenden geschehen.
Zunächst ist einmal festzuhalten, dass europäische Buddhistinnen und Buddhisten ungeachtet ihrer Ausprägung in Dachverbänden zusammengeschlossen sind:
• Auf europäischer Ebene verbindet die „Europäische Buddhistische Union“ (EBU) mit Sitz im französischen Arvillard die unterschiedlichen nationalen Organisationen sowie die verschiedenen Richtungen des Buddhismus. 1998 ging die EBU von schätzungsweise 1-3 Mio. europäischen Anhänger(inne)n des Buddhismus aus.
Auf nationaler Ebene existieren im deutschsprachigen Raum
• Die „Deutsche Buddhistische Union“ (DBU), die 1955 gegründet wurde und zur Jahrtausendwende 470 verschiedene buddhistische Gemeinden bzw. Organisationen, Zentren oder Tempel umfasst hat,
• die 1978 gegründete „Schweizerische Buddhistische Union“ (SBU) mit 88 Mitgliedsorganisationen (Stand 2000)
• sowie die „Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft“ (ÖBR), die 1983 ins Leben gerufen wurde und der 8 Zentren und 13 Gruppen angehören. Die Gründung der ÖBR stand übrigens in Zusammenhang mit der staatlichen Anerkennung des Buddhismus als offizielle Religion.

Betrachtet man sich die Mitgliedsstruktur der DBU näher, so fällt auf, dass im Jahr 2000 von den 470 Mitgliedsgruppen und -zentren 147 zum tibetischen Buddhismus und 138 zum Zen zu zählen waren, also beide Richtungen über die Hälfte der Mitgliedsverbände stellten; nur 40 Mitglieder waren beispielsweise der Theravada-Tradition zuzurechnen. Auf den tibetischen Buddhismus sowie die Tradition des Zen soll deshalb kurz etwas näher eingegangen werden.

Tibetischer Buddhismus
Der Westen hätte wohl viel langsamer und damit vielleicht auch für beide Seiten behutsamer mit dem tibetischen Buddhismus Bekanntschaft gemacht, wäre 1949/50 nicht die so genannte „Volksbefreiungsarmee“ der kurz zuvor gegründeten VR China in das bis dahin faktisch unabhängige Tibet einmarschiert. Am 10. März 1959 kam es zu einem tibetischen Volksaufstand, der von den Chinesen brutal niedergeschlagen wurde und schätzungsweise 87 000 Tibetern das Leben kostete. Unmittelbar darauf flüchtete der Dalai Lama und mit ihm ein grosser Teil der politischen und religiösen Elite ins Exil nach Indien. Dadurch war die schon topographisch bedingte Abschottung und Isolation des tibetischen Kulturraums schlagartig zu Ende, so dass das grösste Hindernis für die Entdeckung der tibetischen Kultur und Religion durch den Westen und umgekehrt des Westens durch die Tibeter beseitigt war. Vor der Flucht des Dalai Lama ins Exil hatte es kaum Kontakt zwischen dem tibetischen Buddhismus und dem Westen gegeben.
Jugendliche, die in den sechziger Jahren auf ihrem spirituellen Trip nach Asien reisten, und junge tibetische Mönche, die zur Ausbildung in den Westen geschickt wurden, dürften wohl die Pioniere der Begegnung zwischen Tibetern und dem Abendland gewesen sein. Ihnen folgten tibetische Lamas, die von ihren damals noch wenigen westlichen Anhängern zu Vorträgen und zur Abhaltung von Ritualen eingeladen wurden. 1973 kam es zur ersten Europa-Reise des Dalai Lama, der sich seither und besonders seit der Verleihung des Friedensnobelpreises 1989 zum wichtigsten Medium und Werbeträger des tibetischen Buddhismus entwickelt hat. Im Rahmen dieser Reise von 1973 erfolgte auch der erste Empfang des Dalai Lama beim Papst, was so etwas wie den offiziellen Beginn des Dialogs zwischen Katholizismus und tibetischem Buddhismus markiert. Dabei darf nicht übersehen werden, dass der Dalai Lama bereits 1968 durch seinen Kontakt mit dem amerikanischen Trappistenmönch Thomas Merton einen Zugang zur christlichen Spiritualität gefunden hatte.
Eine wichtige Ausgangsbasis für die Etablierung des tibetischen Buddhismus in Europa stellte das tibetische Kloster in Rikon bei Zürich dar, das 1968 gegründet wurde. Die Schweiz hatte Anfang der sechziger Jahre verhältnismässig viele tibetische Flüchtlinge aufgenommen und stellt neben den USA die grösste exiltibetische Gemeinschaft im Westen. In Deutschland (womit natürlich nur die alte Bundesrepublik gemeint ist), setzten die Besuche und Vorträge tibetischer Lamas ungefähr Mitte der siebziger Jahre ein.
Doch wurden mit den in den Westen entsandten Lamas nicht nur das Wissen und die Rituale des tibetischen Buddhismus in den Westen exportiert werden, sondern auch dessen Konflikte und Probleme. Denn auch wenn der tibetische Buddhismus noch so sehr als die vollkommen friedfertige Religion eines ebenso friedfertigen Volk gelten mag, so gab und gibt es auch hier, wie in jeder Religionsgemeinschaft, Streitigkeiten, Machtkämpfe und Abspaltungen. Dies wurde besonders deutlich, als in den neunziger Jahren innerhalb der Gelug-Schule des Dalai Lama der Konflikt um den Schutzgeist Dorje Shugden und in der Kagyü-Schule die heftigen Auseinandersetzungen um die Rechtmässigkeit des 17. Karmapas ausbrachen und auch westliche Anhänger des tibetischen Buddhismus davon in Mitleidenschaft gezogen wurden. Schwerwiegender sind jedoch die Probleme, die sich aus dem Aufeinanderprallen der tibetischen Tradition und der westlichen Sozialisation ergeben. Viele Lamas, die in den Westen gekommen sind, waren auf die Begegnung mit den westlichen Erleuchtungshungrigen ebenso wenig vorbereitet, wie diese auf sie. Als besonders problematisch erweist sich dabei immer wieder, dass einige Lamas die Bewunderung ihrer weiblichen Anhängerinnen ausnutzen, um auf der Basis des absoluten Gehorsams, die Schülerinnen und Schüler ihrem Lama gemäss der Tradition des tibetischen Buddhismus entgegenzubringen haben, diese Anhängerinnen sexuell auszubeuten.
Ein weiteres Problem ist die Vermittelbarkeit des tibetischen Buddhismus, denn ein Bemühen um Authentizität kann das westliche Publikum schnell überfordern. Der tibetische Buddhismus besteht eben nicht nur aus den mehr oder weniger allgemein gehaltenen Weisheiten des Dalai Lama, sondern weist eine extrem komplexe Theologie auf. Zum einen ist er, ganz im Gegensatz zu den buddhistischen Traditionen Südasiens, eine ausgesprochen polytheistische Religion, voller Götter, Schutzgeister und Dämonen, was darauf zurückzuführen ist, dass der Buddhismus, als er sich in Tibet durchzusetzen begann, zahlreiche Elemente der dort praktizierten schamanistischen Bön-Religion integrierte. Zum andern ist der tibetische Buddhismus bis heute stark von einem magischen bis okkulten Denken beeinflusst, das selbst auf die Politik des Dalai Lama Einfluss hat. Nach wie vor werden vor wichtigen Entscheidungen der tibetischen Exilregierung Orakel und Trancemedien befragt. Wer sich auf einen authentischen tibetischen Buddhismus einlassen möchte, wird also mit einer beinahe archaisch anmutenden religiösen Praxis konfrontiert, die mit einem aufgeklärten, westlichen Denken nicht unbedingt kompatibel ist, um es einmal vorsichtig zu formulieren.
Hinzu kommt, dass das, was der westliche Konsument heute an buddhistischer Theologie und religiöser Praxis erlernen kann, in Tibet selbst kaum für Laien bestimmt war, sondern ordinierten Mönchen und Nonnen vorbehalten war. Tibetische Laien hatten so gut wie keine Möglichkeit, so etwas wie einen spirituellen Einweihungsweg zu beschreiten. Dies ist bis heute bemerkbar, denn die Exil-Tibeter verfügen in der Regel nur über ein äusserst rudimentäres religiöses Wissen, was zu der paradoxen Situation führen kann, dass sich westliche Interessenten, die sich ernsthaft mit dem tibetischen Buddhismus beschäftigen, schnell über ein weitaus besseres Wissen verfügen als die Tibeter selbst.

Zen-Buddhismus
Im Gegensatz zur verwirrenden Götter-, Geister- und Bilderflut des tibetischen Buddhismus kommt der Zen-Buddhismus ausgesprochen nüchtern daher. Dies mag dazu beigetragen haben, dass es zu einer eigentlich christlich-buddhistischen Synthese in Gestalt des „christlichen Zen“ gekommen ist, der sich vor allem im Katholizismus breiten Raum schaffen konnte – eine Entwicklung, die jedoch sowohl auf katholischer wie auf buddhistischer Seite nicht nur Zustimmung gefunden hat. Auf katholischer Seite zeigt das dem Zen-Meister und Benediktinermönch Willigis Jäger seitens des Vatikans im Jahr 2002 auferlegte Bussschweigen – an das sich Jäger aber offensichtlich nicht zu halten gedenkt –, dass der Vereinbarkeit von christlichem und buddhistischem Gedankengut zumindest aus römischer Perspektive Grenzen gesetzt sind. Aber auch auf buddhistischer Seite wurden kritische Stimmen laut: Die Zen-Organisation „Mumonkai“ sah Mitte der neunziger Jahre im „christlichen Zen“ eine Vereinnahmung durch den Katholizismus, ja sogar einen Betrug, da buddhistische und christliche Lehren schlichtweg nicht zu vereinbaren seien.
Weder solche Einwände buddhistischer Organisationen noch des römisch-katholischen Lehramtes vermochten indes zu verhindern, dass es heute eine Vielzahl christlicher bzw. katholischer Bildungseinrichtungen gibt, für die der Zen-Buddhismus, seine Lehren und Meditationsformen zum festen Bestandteil ihres Programms zählen und die den Zen als durchaus vereinbar mit christlicher Theologie ansehen. Wie war es dazu gekommen?
Der Zen-Buddhismus als Resultat einer Verschmelzung des Mahayana-Buddhismus und Taoismus entstand im 7. nachchristlichen Jahrhundert in China und breitete sich von dort nach Vietnam, Korea und Japan aus. Wichtig für den Westen wurde vor allem die japanische Ausprägung des Zen. 1929 kam der Jesuit P. Hugo M. Enomiya-Lasalle nach Japan und lernte dort den Zen kennen. Ende der 60er Jahre begann er diese Tradition auf Vortragsreisen im Westen bekannt zu machen und 1978 wurde an das Franziskanerkloster in Dietfurt ein zen-buddhistisches Meditationszentrum angeschlossen. Weitere bekannte Lehrende des „christlichen Zen“ sind u.a. der Schweizer P. Niklaus Brantschen SJ, der bereits erwähnte P. Willigis Jäger OSB oder Sr. Annemarie Schlüter-Rodes.
Die Problematik am Begriff des „christlichen Zen“ besteht sicher insbesondere darin, dass der Buddhismus und das Christentum grosse und im Grunde kaum überbrückbare Differenzen aufweisen: Das Christentum glaubt an einen Schöpfergott, geht von einem personalen Gottesbegriff aus und sieht den Menschen grundsätzlich unter einen „eschatologischen Vorbehalt“ gestellt, d.h. dass der Mensch ein Wesen ist, das einerseits erlösungsbedürftig, aber andererseits nicht zur Selbsterlösung fähig ist. Der Buddhismus kennt weder einen Schöpfer- noch einen personalen Gott und geht grundsätzlich davon aus, dass der Mensch aus eigener Kraft ins Nirwana eingehen kann, d.h. dass er zur Selbsterlösung befähigt ist.
Die von Rom beanstandeten Äusserungen Willigis Jägers zeigen m.E. recht deutlich, dass auch er diesem Widerspruch nicht entgeht, daraus aber offensichtlich die Konsequenz gezogen hat, sich auf die Seite eines buddhistischen oder doch zumindest nicht-personalen Gottesverständnisses zu schlagen: „Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt. Der Komponist steht nicht ausserhalb und dirigiert. Er erklingt als diese Symphonie. Er ist ihre Musik, und alle Formen sind nur Noten. Was wir Gott nennen, erschafft sich Augenblick für Augenblick neu.“ Dieses Verständnis hat zur Konsequenz, dass sich Jäger auch von einer genuin christlichen Soteriologie im Sinne einer Erlösung durch Jesus Christus verabschiedet hat: „Erlösung (…) ist die Erkenntnis, dass alles Eins ist. Erlösung ist gleich Erwachen zu unserem wahren Wesen, zu unserer wahren Identität. Es ist ein Prozess der Enthüllung und Befreiung. Was wir wirklich sind, beginnt nicht mit der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Die vorpersonale Wirklichkeit entfaltet sich auf einem zeitlosen Hintergrund. Das Personale und Individuelle entsteht, wenn diese erste Wirklichkeit heraustritt und sich in die unzähligen Formen ergiesst.“
Der evangelische Theologe Harald Lamprecht kommentierte diese Sichtweise wohl sehr zutreffend, als er schrieb: „Dass Jesus Christus vor 2000 Jahren am Kreuz in Golgatha gestorben ist, hat für Willigis Jäger keine einmalige Bedeutung mehr. Erlösung geschehe nach seiner Meinung nicht durch einen stellvertretenden Sühnetod Jesu, sondern durch Erkenntnis der inneren Einheit des Menschen mit Gott. Diese letzte Einheit schliesse alle Religionen ein. Zwar auf verschiedenen Wegen würden sie doch letztlich alle zum gleichen Ziel führen. Im äusseren Bereich der Kulte und Riten sei dies zwar nicht zu sehen, die esoterischen Wege der Religionen würden sich aber entsprechen und von verschiedenen Seiten auf den einen Gipfel des Berges führen – eben der Erkenntnis der wesenhaften Einheit mit Gott oder Brahman oder Allah oder dem Nichts des Buddhismus. Dies meint er, wenn er davon spricht, dass die Mystik ‚transkonfessionell’ sei, dass sie sich über die traditionellen Grenzen der Konfessionen (bei ihm auch: der Religionen) hinwegsetzt. Wieviel eine solche Interpretation der mystischen Erfahrung allerdings noch mit dem Wesen der jeweiligen Religionen gemein hat, darf und muss gefragt werden.“
Genau hier liegt wohl die Problematik des „christlichen Zen“: dass er den jeweiligen charakteristischen Merkmalen des Christentums, aber eben auch des Buddhismus nicht gerecht wird und so – nota bene im Interesse beider Religionen – notwendige Grenzen verwischt und negiert werden. Ein mystagogischer Einheitsbrei, der im Grunde die religiösen Traditionen austauschbar werden lässt, ist allerdings noch keine Errungenschaft. Um Missverständnisse zu vermeiden: Selbstverständlich geht es nicht um den Aufbau apologetischer Wagenburg-Positionen, wie sie bisweilen im evangelikal-fundamentalistischen Lager anzutreffen sind. Christinnen und Christen sollten den diversen Traditionen des Buddhismus in Fairness und mit Respekt für ein äusserst reiches Erbe begegnen und im Dialog mit ihm die Gemeinsamkeiten pflegen, ohne das Eigene und auch das Trennende zu verleugnen. C.G. Jung hat wohl die richtige Richtung vorgegeben, als er davon abriet, dass „wir unsere eigenen Fundamente wie überlebte Irrtümer verlassen und uns wie heimatlose Seeräuber an fremden Küsten diebisch niederlassen.“ So kann gerade die faszinierende Fremdheit des Buddhismus uns helfen, eigene Defizite, aber auch den eigenen Reichtum neu zu entdecken.

Christian Ruch

Zum Thema "Der tibetische Buddhismus und der Westen" hat die "Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen" (EZW) eine neue Publikation herausgegeben:
Ulrich Dehn / Christian Ruch (Hg.)
"Wenn Eisenvögel fliegen ..."
Der tibetische Buddhismus und der Westen
EZW-Texte 185
Berlin 2006, 72 Seiten
2,50 Euro plus Porto

Diesen EZW-Text können Sie online bestellen unter:
http://nl.xeu.de/j.cfm?i=297784&k=41596

Quelle: Infosekten, 02.08.2006

Mittwoch, 2. August 2006

 
nach oben © Freitag, 19. Januar 2018, 12:33 Uhr · kath.ch/infosekten · infosekten@kath.ch