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New Age aus christlicher Sicht

Das „Judas-Evangelium“ zwischen Sensation und nüchterner Betrachtung

Markttechnisch geschickt – nämlich wenige Tage vor Ostern – hat das Magazin „National Geographic“ Fragmente des scheinbar verschollenen „Judas-Evangeliums“ präsentiert. Einige Medien nahmen dies gleich zum Anlass zu fragen, ob nun die Theologie und das Bild vom Verräter Judas korrigiert werden müssten. Das Schweizer Boulevard-Blatt „Blick“ fragte beispielsweise, ob der Verrat des Judas „eine Mega-Lüge“ und Judas nicht vielleicht sogar „Jesu bester Freund“ gewesen sei (1). Im Zeitalter der ins Kraut schiessenden Verschwörungstheorien à la „Da Vinci-Code“ war es klar, dass sich die Journalisten auf diesen angeblich sensationellen Fund stürzen würden. Doch es ist wie so oft im Leben: Das scheinbar besonders Sensationelle ist bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so aufregend, und dies gilt auch für das „Judas-Evangelium“.
Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Existenz des Textes bekannt war, obschon er als verschollen galt. Denn im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. sahen sich Vertreter der Kirche wie der gallische Bischof Irenäus von Lyon immer wieder herausgefordert, gegen aus ihrer Sicht „häretische“ Lehren und Gruppierungen der sogenannten „Gnosis“ (dt. „Erkenntnis“) vorzugehen. Zur Gnosis zählte auch das kirchlicherseits bekämpfte „Judas-Evangelium“ und ihm wahrscheinlich nahe stehende Strömungen wie die „Orphiten“ und „Kainiten“, zwei Gruppierungen, die neben dem Brudermörder Kain auch den Verräter Judas ins Positive umdeuteten. Judas verehrten sie deswegen, „weil er das ‚Geheimnis’ kannte, dass Jesus am Kreuz sterben musste, damit sich die Erlösung vollziehe. Dieses höhere Wissen – gnosis – habe die als übel angesehene Tat des Judas motiviert, so dass sie recht besehen eine Wohltat war, die dem Menschengeschlecht erwiesen wurde. Denn Judas lieferte Jesus aus, weil gerade die finsteren Kräfte (!) verhindern wollten, dass er stirbt – um so das Heil zu behindern oder wenigstens zu verzögern“, so der Basler Neutestamentler Ekkehard W. Stegemann in der NZZ (2). Judas wird damit vom verabscheuenswürdigen Verräter zum Werkzeug des Heilsgeschehens – eine Deutung, die sich in die „gnostische Linie der Protest-Exegese gegen jüdische und grosskirchliche Überlieferungen“ einreihen lässt, denn „wenn man die geltende Überlieferung für falsch hält, muss man sich mit dem Schurken des Stücks identifizieren“, meint Stegemann (3). Das nun veröffentlichte „Judas-Evangelium“ liefert also wichtige Erkenntnisse über die immer noch unzureichend bekannte Gnosis und darüber, wie Gnostiker/innen Judas sahen, nicht aber über Judas selbst. Dies schon deshalb, weil der Text wohl nicht vor der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden und damit um einiges jünger als die kanonischen Evangelien ist (4).
Was aber steht nun im „Judas-Evangelium“ bzw. in dem jetzt vorgestellten Fragment? Der Text ist mittlerweile in einer deutschen Übersetzung im Internet abrufbar (5), und darin ist zu lesen, dass Jesus Judas für einen besonderen Jünger hält: „Wissend, dass Judas etwas Erhabenes wiedergab, sprach Jesus zu ihm, ‚Tritt beiseite von den Anderen und ich werde dir die Geheimnisse dieses Reiches offenbaren. Du hast die Möglichkeit, dieses Reich zu erlangen, jedoch wirst du großes Leid erfahren. (…) Sonst muss jemand Anderes deine Aufgabe erfüllen, damit die Zwölf wieder Eins mit ihrem Gott werden können.’ Judas aber sprach zu ihm, ‚Wann wirst du mir diese Dinge offenbaren und wann wird der große Tag des Lichtes über diesem Geschlecht anbrechen?’ Als er aber dies sprach, verließ ihn Jesus.“ (6)
Judas erfährt von Jesus auch, dass seine Mission des Verrats ihm den Hass der Menschen eintragen werde: „Jesus (…) sprach, ‚Du wirst der Dreizehnte werden und du wirst verflucht werden von den kommenden Generationen – und du wirst kommen, über sie zu
herrschen. In den letzten Tagen werden sie deine Erhebung (…) in das [Geschlecht] der Heiligen verfluchen.’“ Jesus lehrt Judas eine komplexe Kosmologie, die wiederum eindeutig gnostische Züge trägt. Vom Verrat hingegen erfährt man nicht mehr viel. Gegen Ende des Textes spricht Jesus zu Judas: „’Doch du wirst sie alle übertreffen. Für dich wird der Mann opfern, der mich kleidet.“ (8)
Hinter dieser Formulierung steckt „eine Variation bekannter gnostischer Christologie, die Doketismus genannt wird, weil der irdische, leidensfähige Leib des Erlösers nur ein ‚Scheinleib’ gewesen sei“, erläutert Stegemann (9).
Das Fragment endet mit einer Schilderung des Verrats: Die Hohepriester „traten an Judas heran und sprachen zu ihm, ‚Was tust du hier? Du bist ein Jünger Jesu’. Judas aber antwortete ihnen, wie sie es wünschten. Und er empfing ein wenig Geld und lieferte ihn ihnen aus.“ (10)
Dies ist eigentlich alles, was man über Judas und den von ihm verübten Verrat erfährt, alles weitere sind aus heutiger Sicht schwerverständliche gnostische Aussagen und Symbole, die wie gesagt viel zur Erforschung der Gnosis, aber kaum zur Erhellung des Verrats durch Judas beitragen dürften. Zu glauben, nun die Motivation des Judas endlich erhellen zu können, ist nach Ansicht Stegemanns schon deshalb „barer Unsinn, da Judas Ischariot, wenn er denn nicht überhaupt eine fiktive Gestalt ist, nicht mehr lebte, als dieses Evangelium entstand.“ (11)

Christian Ruch

(1) Blick, 8.4.2006, siehe http://www.kath.ch/index.php?&na=0,0,0,0,d,57877,0,0
(2) NZZ, 28.5.2005, siehe http://www.nzz.ch/2005/06/28/fe/articleCWEED.html
(3) NZZ am Sonntag, 9.4.2006, siehe http://www.kath.ch/index.php?&na=0,0,0,0,d,57893,0,0
(4) Siehe ebd.
(5) „Das Evangelium nach Judas Iskariot. In einer deutschen Übersetzung von Bernhard Siebert“, o. O. u. J. (2006), abrufbar unter http://bsiebert.bs.ohost.de/Judas/GermanGospelOfJudas.pdf
(6) Ebd., S. 2.
(7) Ebd., S. 4.
(8) Ebd., S. 7.
(9) NZZ (wie Anm. 2).
(10) Evangelium (wie Anm. 5), S. 7.
(11) NZZ (wie Anm. 2).

Quelle: Infosekten, 11.04.2006

Dienstag, 11. April 2006

 
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