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New Age aus christlicher Sicht

Buchtipp: „Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus“ von Jon Krakauer

„In Bountiful angekommen, heiratete Debbies Vater innerhalb kurzer Zeit selbst insgesamt sechs Frauen, mit denen er fünfundvierzig Kinder zeugte (…). Um bei so vielen Nachkommen den Überblick zu behalten, verfiel ihr Vater auf die Idee, allen Kindern, die in einem bestimmten Jahr geboren wurden, Namen zu geben, die mit demselben Buchstaben begannen. ´Wir nannten sie die A´s, die T´s, die J´s oder so´, erklärte er im kanadischen Fernsehen. 1976 war zum Beispiel das Jahr der J´s: Zwischen Juni und Oktober jenes Jahres brachten Olers Frauen die Kinder Jared, Jeanette, Julia und Jennifer zur Welt.“
Diese bizarre Episode (S. 62) ist nur eine von unzähligen aus Jon Krakauers Buch „über religiösen Fundamentalismus“, genauer gesagt über den Fundamentalismus jener mormonischen Splittergruppen in abgelegenen Gegenden des amerikanischen und kanadischen Westens, die nach wie vor die Polygamie praktizieren. Die bereits 2003 erschienene Reportage ist nun in einer Taschenbuchausgabe erhältlich, die nicht nur preisgünstiger ist, sondern auch eine Art Dialog zwischen dem Autor und der mormonischen Hauptkirche enthält (S. 414-439). Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (HLT) reagierte nämlich schon vor Veröffentlichung des Werkes in den USA äusserst kritisch auf das Buch, obwohl es sie eigentlich nur am Rande betrifft. Krakauer verweist vielmehr an mehreren Stellen, dass das polygame und oft genug inzestuöse Treiben der mormonischen Fundamentalisten in vielen Fällen eine heftige Missbilligung seitens der HLT erfahren hat. Vermutlich reagierte die HLT deshalb so kritisch auf Krakauers Buch, weil der Autor die Entstehungsgeschichte der Mormonen aufrollt und dabei auch die Praxis der Polygamie in den ersten Jahrzehnten des Mormonentums beleuchtet. Der Autor zeigt, dass die Splittergruppen nur das weiterführen, was von der HLT aus politischer Raison – der Aufnahme Utahs in die amerikanische Föderation – aufgegeben wurde. Das Buch konfrontiert die HLT also mit ihrer eigenen Geschichte, mag sie sich noch so sehr von ihren Abspaltungen distanzieren.
Die Kritiker seitens der HLT erkannten allerdings auch, dass es Krakauer um weit mehr als eine Geschichte der Mormonen geht: Ausgehend von einem durch mormonische Fundamentalisten begangenen Verbrechen, das als „Mordfall Lafferty“ im Jahre 1984 in die Schlagzeilen geriet, möchte der Autor zeigen, zu welchen Handlungen eine fundamentalistische Gesinnung führen kann, und dass dieses Problem nicht einfach auf den islamistischen Fanatismus reduziert werden kann, so wohlfeil dies seit dem 11. September 2001 auch sein mag. Angesichts der Debatten um die Gründe für den Wahlerfolg George W. Bushs im vergangenen November ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur religionssoziologischen Analyse der republikanischen Stammlande. Schade ist nur, dass Krakauers Skepsis gegenüber religiöser Überzeugung an einigen Stellen dazu führt, dass Religion als angebliche Antagonistin der Vernunft zumindest unterschwellig ein wenig vorschnell unter Generalverdacht gestellt wird. Bisweilen leidet Krakauer an einer Art Tunnelblick, dessen Fokussierung auf den Fundamentalismus mormonischer Spielart ausblendet, dass es, z.B. in Europa, ganz andere, weitaus vernunftskompatiblere Formen des religiösen Lebens gibt.
Dennoch ist „Mord im Auftrag Gottes“ ein wichtiges und über weite Strecken spannendes Buch. Zwar hat man als Leser bisweilen Mühe, im Geflecht der polygam-inzestuösen Verstrickungen, die der Autor darstellt, den Durchblick zu behalten, doch gerade das macht den – natürlich auch voyeuristischen – Reiz des Werkes aus. Möchte man den momentan so oft strapazierten Begriff der „Parallelgesellschaft“ anwenden, so ist dies in diesem Falle sicher berechtigt. Erschreckend dabei ist, wie schutzlos viele Frauen und Mädchen dem Hyper-Patriarchat innerhalb des mormonischen Fundamentalismus ausgeliefert sind und eine schützende Staats- und Polizeigewalt wohl nicht zuletzt aufgrund der Entlegenheit der (Tat-)Orte in vielen Fällen nicht oder erst sehr spät zur Stelle ist. Dies sollte man bei aller voyeuristischen Faszination und allem wohligen Gruseln, die man bei der Lektüre empfinden mag, nie vergessen. Denn eines zeigt das Buch sehr deutlich: im Spektrum des mormonischen Fundamentalismus sind es einmal mehr die Frauen, die den Preis für männlichen Erwähltheits- und Unfehlbarkeitswahn zahlen.
Christian Ruch, Zürich

Jon Krakauer, „Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus“, Piper Verlag, München 2004, 480 S., 18,10 CHF, 9,90 EUR.

Quelle: Infosekten, 04.01.2005

Dienstag, 4. Januar 2005

 
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