Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Buchtipp: „Der Gewalt keine Chance! Ein Leitfaden zur Prävention“ von Martina Schäfer

Gewalt in all ihren Ausprägungen scheint eine immer grössere Macht über unser Leben zu bekommen – sei es in Form der Fernsehbilder, die uns täglich erreichen, sei es im Kontext des ganz „normalen“ Alltagslebens. Die promovierte Germanistin und Diplompädagogin Martina Schäfer hat sich nun in einem sehr lesenswerten Buch dieses Themas angenommen. Da sie darüber hinaus in der katholischen Arbeitsgruppe „Neue religiösen Bewegungen“, einem Gremium der Schweizerischen Bischofskonferenz, mitwirkt, hat sie auch der Gewalt in Sekten ein eigenes Kapitel gewidmet.
Schäfers Buch bietet nicht nur, wie es der Titel verspricht, einen „Leitfaden zur Prävention“ von Gewalt, sondern besticht durch eine wünschenswert klare und rigorose Definition von Gewalt, die – etwa im Falle sexueller Gewalt gegen Frauen – nicht den geringsten Verharmlosungsspielraum lässt: „(…) die Täter sind auf jeden Fall die Schuldigen“ (S. 19), so Martina Schäfers kompromissloses Credo. Diese Täter hat die Autorin in originelle Gattungen eingeteilt, sie spricht beispielsweise von „Zombies“ und „Vampiren“. Letztere sind (zumeist männliche) Wesen, die ihre (zumeist weiblichen) Opfer im übertragenen Sinne „aussaugen“, indem sie sie durch verbale oder sogar tätliche Annäherungsversuche zu einer Reaktion nötigen und dadurch ein Mindestmass an Kommunikation und Aufmerksamkeit erzwingen können, das ihnen auf anderem Wege möglicherweise nicht zuteil würde. So kann der „Vampir“ doch noch „eine Beziehung aufbauen, die zwar noch ohne Körperkontakt geschieht, aber für ihn gewissermassen das Einfallstor zu einer körperlichen ist“ (S. 39). „Zombies“ dagegen sind bereits schwer gestörte und oft auch geschädigte Psycho- und Soziopathen, die nur noch „mit Hilfe starker und extremer Gefühle anderer Menschen, mitreissender, seelischer Erschütterungen [ihrer Opfer, C.R.] die eigenen Gefühle aufzuwecken“ vermögen. Doch auch hier gilt, dass „kein Mann dazu geboren worden“ ist, „ein Täter zu werden“ (S. 41).
Wie man und frau sich effizient gegen solche Attacken, die von anzüglichen Sprüchen und Witzen bis zu massiver körperlicher Gewalt reichen können, wehrt, zeigt Martina Schäfer mit durchaus handfesten Tipps – nicht umsonst ist die Autorin ausgebildete Lehrerin für die Selbstverteidigungstechnik Wen-Do! Was aber, wenn die Gewalt in Gestalt sanfter Verführung in einer sektenartig strukturierten Gemeinschaft daherkommt? Die Autorin rät dazu, „die Person des Gurus selber zu hinterfragen, insbesondere sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen“ (S. 157). Auf die diversen Sehnsüchte und Bedürfnisse des Menschen antworte der Guru „mit dem Satz: ´Ich weiss, was du brauchst.´ Das ist eine Antwort, die misstrauisch stimmen sollte, denn das ´Ich weiss´ stellt eine Anmassung, eine Selbstermächtigung dar“ (S. 162). Gurus, so ist Martina Schäfer überzeugt, „spielen auf dem Klavier Sehnsucht und Grössenwahn“ (S. 167) und halten ihre Anhänger damit in einer Unmündigkeit, die verhindert, dass sie ihren „sehnsuchtsgetränkten Grössenwahn“, an dem sie partizipieren, „durch die Erfüllung realer Bedürfnisse und konkreten Lebensehrgeizes abzulösen“ vermögen (S. 166). Solche Gruppierungen und Phänomene bergen nach Ansicht der Autorin schon deshalb ein potenzielles Gewaltrisiko, weil Gewalt dort beginne, „wo es verboten ist, nein zu sagen“ (S. 187).
Martina Schäfers Buch überzeugt nicht nur durch seine zahlreichen Beispiele aus dem Alltag der Gewaltprävention, sondern auch durch solche klaren, unmissverständlichen Aussagen, die der Tendenz zur Indifferenz in der Betrachtung neuer religiöser Bewegungen, wie sie in manchen Publikationen, etwa den so genannten „Religionsführern“ für eine Stadt oder eine Region, bisweilen anzutreffen sind, eine klare Absage erteilen. Unausgesprochen zieht sich durch das Buch etwas, das heutzutage leider nicht mehr selbstverständlich ist, gerade für Christinnen und Christen jedoch stets selbstverständlich sein sollte: eine uneingeschränkte Solidarität mit den Opfern und den Schwächeren.
Christian Ruch, Zürich

Martina Schäfer, „Der Gewalt keine Chance! Ein Leitfaden zur Prävention“, Paulusverlag, Fribourg/Schweiz 2004, 208 S., 18 EUR, 28 CHF.

Quelle: Infosekten, 08.12.2004

Mittwoch, 8. Dezember 2004

 
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