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New Age aus christlicher Sicht

Ein „Sphärentraum in ewgen Galaxien“ – zur Vollendung von Karlheinz Stockhausens Opernzyklus LICHT

Man mag über die Musik und den Inhalt denken, was man mag – rekordverdächtig ist der Opernzyklus LICHT von Karlheinz Stockhausen (geb. 1928) allemal, denn mit rund 29 Stunden Musik schuf der Komponist schon unter quantitativem Aspekt eine Oper der Superlative. Von 1977 bis 2002 arbeitete er an diesem Werk, dessen sieben Einzelteile den einzelnen Wochentagen entsprechen und sich um die drei Protagonisten Michael, den „Kosmo-Creator“ unseres Universums, Luzifer, seinen Gegenspieler, und Eva als Vertreterin der Menschheit drehen. Bis auf den MITTWOCH und den SONNTAG wurden auch schon alle Teilopern aufgeführt, drei (DONNERSTAG, SAMSTAG und MONTAG) 1981, 1984 und 1988 an der Mailänder Scala, zwei (DIENSTAG und FREITAG) 1993 und 1996 an der Oper Leipzig.
Der MITTWOCH wurde bereits zwei Mal – von den Opernhäusern in Bonn und Bern – angesetzt, doch in beiden Fällen scheiterte das Projekt. Dies kann insofern nicht verwundern, als gerade der MITTWOCH eine besondere logistische und finanzielle Herausforderung darstellt, zählt zu ihm doch das HELIKOPTER-STREICHQUARTETT, die vielleicht spektakulärste Einzelkomposition des LICHT-Zyklus: Ein Streichquartett wird auf vier Hubschrauber verteilt, die sich mit den spielenden Musikern in den Himmel über dem Konzertsaal erheben, wobei die Töne der Streichinstrumente und das Geknatter der Rotoren in den Saal übertragen und dort vom Klangregisseur gemischt werden. Immerhin wurde das aufwendige Werk schon zwei Mal inszeniert, 1995 unter Stockhausens Regie in Amsterdam und 2003, zum 75. Geburtstag des Komponisten, in Salzburg, jetzt durch den „Red Bull“-Fabrikanten Dietrich Mateschitz (dessen Produkt ja bekanntlich auch Flügel verleihen soll…).
Es sind jedoch kaum die kostspieligen Einfälle Stockhausens, die dafür sorgen, dass der Komponist fast alle Kritiker gegen sich hat und von ihnen in regelmässigen Abständen mit Hohn und Spott übergossen wird, sondern vor allem die religiösen Inhalte und Aussagen, die das Werk transportiert. Zusammengefasst lautet der Vorwurf ungefähr, dass Stockhausen, Wegbereiter der musikalischen Avantgarde und Pionier eines kühl-rationalen Serialismus, seine eigenen Ideale verraten und sich in einer nebulös-irrationalen Privatmythologie verschanzt habe. Dabei wird völlig übersehen, dass schon frühere Werke Stockhausens, etwa der GESANG DER JÜNGLINGE oder MOMENTE, spirituellen Inhalts waren.
Richtig ist hingegen, dass sich Stockhausen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre einer Vielzahl religiöser Strömungen öffnete, die seitdem Eingang in sein Werk gefunden haben. Zu nennen sind hier insbesondere das in den dreissiger Jahren auf dem Weg des Channeling entstandene „Urantia“-Buch, dessen Aussagen vor allem in LICHT eine grosse Rolle spielen, die Neuoffenbarung Jakob Lorbers, die Esoterik, Gnosis und Theosophie, und auch der indische Guru Sri Aurobindo sowie der Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan haben Stockhausen stark beeinflusst.
Dass der Komponist auch die Bewegungen und Gesten seiner Darsteller genau festlegt, hat ihn vor allem in jüngster Zeit dem Verdacht ausgesetzt, er sei darüber hinaus der Eurythmie und damit dem Werk Rudolf Steiners verpflichtet; von „eurythmischem Sakral-Kitsch“ war beispielsweise die Rede. Doch nichts könnte in diesem Falle falscher sein als diese Vermutung, denn gerade der Anthroposophie steht Stockhausen sehr kritisch gegenüber, da diese ihrerseits alle Formen elektronischer Musik ablehnt, als deren Pionier Stockhausen bis heute gilt.
Als an den vergangenen „Donaueschinger Musiktagen“ mit LICHT-BILDER das letzte Teilwerk von LICHT der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, liess sich feststellen, dass sich Stockhausen bei allem eklektizistischen Synkretismus, den der Zyklus aufweist, wieder auf seine Sozialisation im rheinischen Katholizismus zu besinnen scheint. Die LICHT-BILDER sind nichts anderes als ein Lobgesang auf die Schöpfung im Geiste des hl. Franziskus, in dem verschiedenste Tier- und Pflanzenarten und so moderne Heilige wie Edith Stein oder Maximilian Kolbe besungen werden. Damit stellt sich die Frage, ob LICHT tatsächlich so weltabgewandt und abgehoben ist, wie dies bisweilen behauptet wird. Immerhin verarbeitet etwa der DONNERSTAG die Ermordung von Stockhausens Mutter im Zuge des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten und bietet der MITTWOCHS-ABSCHIED eine sehr spannende Collage aus Alltagsgeräuschen.
Was die Kritiker nebst der Zusammenführung unterschiedlichster spiritueller Traditionen ganz offensichtlich so rat- und fassungslos macht, ist der stark transzendente Zug in LICHT im Sinne einer Orientierung auf ferne Welten im Jenseits und Kosmos. So spielt etwa die vierte Szene des MITTWOCHs mit dem Titel MICHAELION in einer „galaktischen Zentrale für Delegierte des Universums.“ Der Text des Sextetts, mit dem das MICHAELION schliesst, belegt wohl auf sehr anschauliche Weise, warum so viele auf- und abgeklärte Zeitgenossen (nicht nur Kritiker) ihre liebe Not mit Stockhausens Aussagen haben. Gesungen wird unter anderem folgendes: „Freuet euch: MITTWOCH aus LICHT im Michaelion / erzeugt Liebe Hoffnung Mut / für Luzifers Frieden mit Gott, / dem Schöpfer aller Universen, Kreaturen. / MICHAEL EVA LUZIFER / Musik der Sterne am Himmel des Allmächtigen, / Sphärentraum in ewgen Galaxien, / Formeln unendlich vieler Konstellationen, / Formeln für Töne Geräusche aus LICHT./ EVA vergib LUZIFER / LUZIFER dreh deinen Geist zu MICHAEL, diene GOTTES Gesetz, / dem Grundton des Alls. /MI-HI-CHA-EL, GOTTES Sohn, Kosmo-Creator, kosmischer Fürst: / Führe uns in GOTTES ewges Licht. (…)“ Dass angesichts eines solchen Librettos das Unverständnis und die Häme nach der Uraufführung des Stücks im Sommer 1998 einmal mehr nicht lange auf sich warten liessen, versteht sich fast schon von selbst.
Den Meister selbst irritiert dies kaum; in bewundernswerter Unbeirrbarkeit steht er nach wie vor zum Anspruch, dass seine „astronische Musik“ als ein „schnelles Flugschiff zum Göttlichen“ den Zugang zur „fremden Schönheit“ in „transrealen“ Welten ermögliche, ja sogar ermöglichen muss. Denn Stockhausen ist der festen Überzeugung, dass eine „fremde Schönheit zur Erhaltung der Hoffnung der Menschen unbedingt notwendig ist. (…) Eine Gesellschaft, die das vergessen hat, die ist wirklich krank. Und man muss diese Gesellschaft aufwecken und ihr sagen: ´Bitte orientiert euch wieder an den fremden Schönheiten.´ Wo ist unsere Fremde? Die Fremde ist in den Sternen heute, ist im Kosmos.“ Und: „Wenn unser Verstand sich extrem anstrengt und an die Grenze dessen kommt, was analysierbar und beschreibbar ist, beginnt die Mystik. Dort ist für mich als Musiker meine Heimat. Da will ich hin.“ Claus Spahn hat unlängst in der „Zeit“ völlig zu Recht festgestellt, dass Stockhausen damit „heiligen Ernst mit dem alten Anspruch des Vorausseins der Avantgarde“ macht, von einem wie immer gearteten Verrat kann also wohl keine Rede sein.
Wenn Stockhausen von der „fremden Schönheit zur Erhaltung der Hoffnung der Menschen“ spricht, wird jedoch deutlich, dass er seine Musik, und insbesondere LICHT, im Grunde als ein Erlösungsmedium versteht – und gerade das macht ihn verdächtig in einer Zeit, die Erlösungs- und Heilsversprechen (oft aus gutem Grund) skeptisch gegenübersteht. Doch wie sieht diese Erlösung konkret aus? Stockhausen geht es ganz eindeutig um eine Vervollkommnung des Menschen, und in diesem Punkt ist sehr deutlich der Einfluss Sri Aurobindos spürbar, den Stockhausen 1968 für sich entdeckte. In den siebziger Jahren erklärte der Komponist: „Wird solch eine neue Musik gemacht, so kündigt das einen neuen Menschen an. Dieser neue Mensch ist ein Geist, der immer weniger mit dem Tierkörper identisch ist, den er auf diesem Planeten für eine gewisse Zeit angenommen hat; ein Geist, der sich nicht mehr mit seinem Körper und dessen Möglichkeiten identifiziert, sondern der beliebige Möglichkeiten, die ihm einfallen, akzeptiert.“ So ist es nur konsequent, dass im ersten Akt des MONTAGs der Frauenchor „um ein neues Paradies zur Vervollkommnung des Menschen“ bittet.
Ob man dem Komponisten auf diesem Weg folgen will, bleibt der individuellen Entscheidung überlassen. Doch egal wie diese ausfällt – sie ändert nichts daran, dass Stockhausens Opus magnum einen der wenigen aktuellen Versuche darstellt, eine Utopie konkret werden zu lassen. Es wird sich weisen müssen, ob er damit seiner Zeit hoffnungslos hinterherhinkt oder ihr vielmehr um Lichtjahre voraus ist. Mag sein, dass Stockhausen, wie es das Magazin „Wired“ einmal formulierte, „lost in the stars“ ist – doch sind nicht gerade jene, die ihrer Zeit weit voraus sind, ziemlich einsame und noch dazu unverstandene Geister?
Christian Ruch, Zürich

Weitere Informationen:
Einen guten Überblick zum Schaffen Stockhausens bietet seine Homepage http://www.stockhausen.org, speziell zu LICHT zu empfehlen ist ausserdem die Site http://www.bernardp.dsl.pipex.com/licht.html .

Quelle: Infosekten, 01.11.2004

Montag, 1. November 2004

 
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