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Werner Herzogs „Rad der Zeit“ – eine Filmkritik

Wohl in nur wenigen Bereichen ist die Diskrepanz zwischen gut gemeint und gut gemacht so ausgeprägt wie beim Thema „Tibet“. Zahllos sind mittlerweile die Bücher und Filme, die sich dem angeblich so geheimnisvollen Land hinter den Gipfeln des Himalaya und seiner buddhistischen Kultur annehmen, aber eben selten über eine naive Tibet-Begeisterung und/oder eine unkritische Bewunderung des Dalai Lama herauskommen.
Eines der jüngeren Symptome für diesen Befund ist „Rad der Zeit“, ein Dokumentarfilm von Werner Herzog, der jetzt in die Schweizer Kinos kam, aber auch schon als DVD erhältlich ist. Herzog widmet sich darin der Kalachakra-Initiation, die der Dalai Lama in regelmässigen Abständen vornimmt, zuletzt in Graz und Toronto. In Graz, Bodh Gaya (Indien) und in Tibet selbst entstanden die Aufnahmen für „Rad der Zeit“, wobei die Thematisierung des heiligen Bergs Kailash in Tibet eigentlich wenig mit dem Thema Kalachakra zu tun hat und in dem Film eher wie ein Fremdkörper wirkt. Fast scheint es so, als habe Herzog die Grundbedürfnisse des tibetophilen Filmpublikums bedienen wollen, zu denen eben auch Bilder vom Kailash gehören – ebenso wie selbstverständlich ein „Exklusivinterview“ mit dem Dalai Lama, das so exklusiv wohl gar nicht war, wenn man bedenkt, wem das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter schon alles die Gnade eines Gesprächs gewährt hat.
Über Sinn und Zweck des Kalachakra erfährt man in den 80 Filmminuten erstaunlich wenig. Dafür sieht man Mönche beim Kochen, Mönche beim theologischen Disput oder Mönche beim sorgfältigen Streuen des Sandmandalas. Es mag ja sein, dass allein schon der Anblick roter tibetischer Mönchs- und Nonnenroben hierzulande die Tibetbegeisterten in Verzückung versetzt, aber mit diesen doch recht aussagearmen Bildern hat Herzog den hundert Tibetfilmen nur einen hundertersten hinzugefügt.
Ärgerlich daran ist vor allem die politische Naivität Herzogs. Er zeigt zum Beispiel einen tibetischen Mönch, der sich mittels Niederwerfungen (!!) von Ost-Tibet über die Himalaya-Pässe bis nach Bodh Gaya gequält und daher für die Strecke drei Jahre gebraucht hat – zweifellos eine Leistung, die auch westliche Extremsportler blass aussehen lässt. Herzog lässt aber bei aller Bewunderung unerwähnt, dass der Mönch auch ein grosses politisches Risiko eingegangen ist, weil er das Land wie viele seiner Landsleute illegal verlassen musste, da die chinesischen Besatzungsbehörden es natürlich nicht dulden, dass Tibeter eine Zeremonie des Dalai Lama besuchen. Da nützt es auch nicht viel, dass in wenigen Minuten der Tibeter Takna Jigme Sangpo zu Wort kommt, der fast vierzig Jahre in chinesischen Gefängnissen zubringen musste und oft schwer misshandelt wurde.
Fazit: Aus der Idee, westlichen Menschen das Kalachakra-Ritual näher zu bringen, hätte man viel mehr machen können. So aber ist ein Film entstanden, der eher wie Schulfernsehen, d.h. oft ziemlich langatmig und -weilig wirkt und man sich fast wünscht, dass sich das Rad der Zeit für einmal etwas schneller dreht. Doch vielleicht liegt das ja auch nur daran, dass man in wehmütiger Erinnerung an frühere Herzog-Filme den Berserker Klaus Kinski vermisst, wie er schreiend und tobend durch die jeweilige Szenerie wütete…
Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 26.07.2004

Montag, 26. Juli 2004

 
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