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New Age aus christlicher Sicht

Fernweh nach Mittelerde - Was fasziniert an Tolkiens „Herr der Ringe“?

Schon seit Jahrzehnten huldigt eine wachsende Fangemeinde dem Epos „Der Herr der Ringe“. Auch die Verfilmung, die zuletzt in die Kinos kam, hat zu dieser Beliebtheit beigetragen. Wer dem Faszinierenden an dieser Fantasy-trilogie nachgeht, findet verblüffend viele Anklänge an den Glauben.

Für Menschen, die mit Fantasy-literatur nichts am Hut haben, muss es befremdlich anmuten: schon seit Jahrzehnten huldigt eine anscheinend weiter wachsende Fangemeinde dem dreiteiligen Epos „Der Herr der Ringe“ („The Lord of the Rings“) des Briten John Ronald Reuel Tolkien (1892–1973). Und als das Werk unter einem gigantischen logistischen wie finanziellen Aufwand – man spricht von 270 Mio. US-Dollar Produktionskosten – verfilmt wurde und zwischen 2001 und 2003 in drei Teilen in die Kinos kam, gab es erst recht kein Halten mehr. Der Rummel um die Ringtrilogie hat wohl selbst den Zauberlehrling Harry Potter etwas in den Hintergrund gedrängt.
Warum dieser Kult? Was fasziniert an Tolkiens Fantasiewelt namens Mittelerde, in der es vor feenhaften Elben, listigen Zwergen, relativ normalen Menschen, widerlichen Orks und drolligen, menschenähnlichen Hobbits nur so wimmelt, und die zum Schauplatz großer Kriege und blutigster Schlachten zwischen guten und bösen Mächten wird?

Tolkien hat mit Mittelerde eine eigene Welt geschaffen

Zum einen liegt die Faszination sicher darin, dass Tolkien nicht einfach eine, wenn auch sehr spannende Geschichte erzählt, sondern mit Mittelerde eine eigene Welt erschaffen hat. Er entwarf lernbare, das heißt grammatikalisch logische Sprachen, detaillierte Karten, eine mittelerdische Geschichte, die weit über den Zeitraum des „Herrn der Ringe“ in die Vergangenheit ausgreift sowie nicht zuletzt einen eigenen Schöpfungsmythos. Jedenfalls kommt die Darstellung Mittelerdes und seiner Bewohner um einiges komplexer und differenzierter daher als die eigentliche Handlung des „Herrn der Ringe“, in der es zwischen „gut“ und „böse“ kaum Schattierungen gibt. Dass das Gute letztendlich siegt, versteht sich dabei von selbst.
Bezeichnenderweise erlebte das Mitte der 50er-Jahre publizierte Werk seinen Durchbruch erst, als es 1965 in den USA veröffentlicht wurde und dort den Nerv der zunehmend zivilisationskritischen Studierendengeneration der anbrechenden Hippieära traf. Im „Herr der Ringe“ fand sie Themen wie Krieg und Umweltzerstörung behandelt, und es ist daher kein Zufall, dass Tolkien gerade in der Ökologie- und Friedensbewegung zum Kultautor avancierte und viele die Trilogie dort kennen lernten. Gleichzeitig erfüllt sie den Wunsch nach Romantik und Wiederverzauberung, so dass sich Mittelerde als Gegenentwurf zu einer zunehmend rationalen und nüchternen Umwelt, das heißt als Fluchtpunkt geradezu anbietet.

Gegenentwurf zu einer als nüchtern erfahrenen Umwelt

Tolkien, ein in Oxford wirkender Professor für englische Sprache und Literatur, griff für den „Herr der Ringe“ einerseits auf bekannte Mythen und Legenden zurück, andererseits verarbeitete er darin auch seine eigenen Umweltwahrnehmungen. Das beschaulich-idyllische Auenland etwa, die Heimat der Hobbits, ist nichts anderes als der Ausdruck von Tolkiens Sehnsucht nach einem landwirtschaftlich geprägten England, das von der Industrialisierung zurückgedrängt und zu Tolkiens Lebzeiten bereits größtenteils zerstört war. Die gigantischen Schlachten und Gemetzel reflektieren seine Erfahrungen als britischer Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs.
Ein weiterer Zugang zum „Herrn der Ringe“ eröffnet sich, wenn man berücksichtigt, dass Tolkien ein tiefgläubiger und sehr überzeugter Katholik war. Auch wenn es natürlich nicht seine Absicht war, ein theologisches Werk zu verfassen, enthält „Der Herr der Ringe“ doch sehr viele katholische Momente. So wird beispielsweise das Böse nicht einfach nur als böse beschrieben, sondern als eine Macht, die lebensfeindlich ist, weil sie die Seele zuerst korrumpiert und schließlich zerstört, womit die Schöpfung und das, was Leben ausmacht, zwangsläufig erlöschen müssen.
Interessanterweise sind es unter den zahlreichen Wesen, die Mittelerde bevölkern, die Menschen, die immer wieder anfällig für das Böse werden und sich von seinen falschen Versprechungen verführen lassen.
Als letztendlich sehr stark und standhaft erweisen sich dagegen die Hobbits, die eigentlich schwächsten und naivsten Geschöpfe in Tolkiens Kosmos, weil einer von ihnen, Frodo, nicht das Kreuz, aber den Ring als Machtinstrument des Bösen auf sich nimmt, um ihn unter großen Mühen und Gefahren zu zerstören und damit alle anderen Bewohner Mittelerdes zu erlösen.
Thomas Howard vom „Internationalen Theologischen Institut“ in Gamming/Österreich, meinte dazu: „Die anderen – sehr starke Charaktere – können helfen, aber die Hobbits müssen es machen. Und so scheint es, als ob durch die Schwachheit das Böse zu Fall gebracht wird. In unserer Welt wurde natürlich der Heiland schwach. Er führte keine Armeen an, er kam wie ein Diener, er ließ es zu, dass man ihn peinigte und ans Kreuz schlug und schien von Cäsar und seinem Imperium besiegt. Und doch genau auf diesem Weg hat Gott die Mächte des Bösen überwältigt.“

Kein theologisches Werk, aber „katholische Momente“

Im „Herr der Ringe“ finden sich daneben madonnenähnliche Elbenwesen, mit dem vermeintlichen Tod und dem Wiedererscheinen des Zauberers Gandalf das Auferstehungsmotiv und weiteres mehr. Interessant ist auch der Schluss des Werkes: Nach getanem Erlösungswerk kehrt der Hobbit Frodo nämlich nicht etwa zu seinem behaglichen Leben im Auenland zurück, sondern entschwindet mit den Elben in eine jenseitige Welt, was stark an die Himmelfahrt Christi erinnert. Tolkien selbst gab schließlich zu: „Alles, was ich schreibe, ist ganz davon bestimmt, dass ich Katholik bin.“
Natürlich sind es nicht in erster Linie diese „Katholizismen“, die Tolkiens Fangemeinde faszinieren – sondern das im besten Sinne Märchenhafte. Tolkien erschuf eine Fantasiewelt, in der die Konstanten des Lebens – Treue, Versuchung, Tapferkeit, Verrat, Hingabe, Freundschaft und viele andere – auf besonders prägnante Weise hervortreten und gerade dadurch viel über das Leben aussagen, mögen der Schauplatz und die Akteure noch so irreal sein. Kein Wunder also, dass gerade Jugendliche das Werk so lieben: in Mittelerde erfahren sie sehr viel über die reale Welt, in der sie leben.

Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 06.07.2004

Dienstag, 6. Juli 2004

 
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