Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Der neue "Religionsführer Zürich" - eine Rezension

Mit grosser Ausdauer und zähem Fleiss hat Claude-Alain Humbert in der Stadt Zürich 370 Kirchen, religiös-spirituelle Gruppierungen, Zentren und weltanschauliche Bewegungen ausgemacht und viele von ihnen mehrmals besucht. Sodann hat er alle beschrieben und den meisten seine Beschreibungen zur Korrektur unterbreitet, damit sie sich in den Texten wiedererkennen konnten. Diese Texte hat er dann, in Anlehnung an Oswald Eggenbergers Handbuch, gruppiert und unter dem Titel «Religionsführer Zürich» veröffentlicht. Als Folge dieses Vorgehens sind seine Texte nahe an Selbstdarstellungen, obwohl er diesen «Überblick über das religiös/spirituelle Leben in der Stadt Zürich» aus seiner Sicht vermitteln wollte. Das veranlasste den bekannten «Sektenkritiker» Hugo Stamm unmittelbar vor der Buchvernissage zu einer scharfen Kritik: Dieser Religionsführer sei «ein unbeholfen formuliertes Nachschlagewerk, das über weite Strecken einer Selbstdarstellung der Gruppen und einer wertfreien Faktenanhäufung gleicht. Es gibt keine Einordnung, keine Bewertung und nur wenige kritische Anmerkungen. Dabei weisen viele Gruppen sektenhafte Aspekte auf.»

Eine «religiöse Topographie»
Die Vernissage versprach ein Abend zum Thema «Zürich als Spiegel des europäischen Wandels der religiösen Landschaft» zu werden. Tatsächlich geriet sie zunächst zu einem Lob auf die von Alain-Claude Humbert geleistete «sachliche Darstellung» auf Grund seiner «vorurteilsfreien Besuche», wie sich Christoph Peter Baumann ausdrückte, der als Leiter von Inforel (Information Religion Basel) vor vier Jahren einen vergleichbaren Religionsführer für Basel herausgegeben hatte. Auch Jean-François Mayer, Lehrbeauftragter für Religionswissenschaft an der Universität Freiburg, lobte am «Religionsführer Zürich», dass er nur beschreibe und nicht beurteile – was im Übrigen zur Philosophie von Inforel passt: «Inforel informiert über alle Religionsgemeinschaften sachlich und verteilt keine Noten.» Am Anfang des Unternehmens «Religionsführer Zürich» sei die Begeisterung eines einzelnen gestanden, freute sich Jean-François Mayer. Gleichzeitig, so ist beizufügen, die Begeisterung eines Autodidakten, der sich vermutlich zu rasch mit den Auskünften seiner Auskunftspersonen innerhalb der beschriebenen Organisationen zufrieden gab und sich zu wenig um ein wirkliches Aussenbild bemühte (historisch-kritische Einordnung, Berücksichtigung der Auskünfte von kritischen Mitgliedern, Ehemaligen und Aussenstehenden).
So äusserten sich denn auch in einem zweiten Teil der Vernissage drei Vertreter und eine Vertreterin von unterschiedlichen Organisationen nur lobend über die von Claude-Alain Humbert verfasste Darstellung. Dabei verortete die Sprecherin des 1919 gegründeten Systems zur Erforschung der Wahrheit («Daskalos-Kreis) den Ursprung ihrer Vereinigung in historisch waghalsiger Weise im pharaonischen Ägypten (Echnaton). Der Sprecher der Hare-Krischna-Bewegung (ISKCON) wiederum bezeichnete den Verfasser, der als «Aussenstehender» verstanden sein will, als spirituellen Weggefährten.

«Gelbe Seiten» versus «K-Tipp» oder «Saldo»
So konnte man auf das von Martin Frischknecht, Chefredaktor der Esoterikzeitschrift «Spuren» moderierte Podiumsgespräch, zu dem auch Mitarbeiter von Sekteninformations und –beratungsstellen eingeladen worden waren, gespannt sein. Dass es nicht zu einem Pingpong oder gar Zweikampf zwischen Falken und Tauben der Sektenberatung geriet, war nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass die Einwände gegen den «Religionsführer Zürich» die Grenzen des Buches benannten ohne die Leistung von Claude-Alain Humbert zu bestreiten.
Diese Grenzen veranschaulichte Georg Otto Schmid, Mitarbeiter der «Evangelischen Informationsstelle: Kirche – Sekten – Religionen» mit dem Bild «Gelbe Seiten» versus «K-Tipp» oder «Saldo», will heissen: der «Religionsführer Zürich» informiert über die in Zürich zu findenden religiösen und spirituellen Gruppierungen, er verzichtet indes auf Informationen im Sinne des Verbraucherschutzes – analog den «Gelben Seiten» im Telephonbuch. Die Veröffentlichungen von «Sektenkritikern» hingegen bieten analog den Konsumentenmagazinen «K-Tipp» und «Saldo» diese zusätzlichen Informationen. Denn Beratungsstellen wissen mehr als die Gruppen selber erzählen.
Diese kritischen Informationen sind heute kaum mehr theologischer Art bzw. kommen nicht nur von kirchlichen Beratungsstellen. So vertrat im Podiumsgespräch der Psychologe Dieter Sträuli, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Zürich und Berater der Fachstelle für Sektenfragen infoSekta , einen psychohygienischen Standpunkt. Für ihn ist zum einen der Mensch «homo religiosus»; zum andern gibt es Gruppen mit einem seiner Erfahrung nach gefährlichen Exklusivitätsanspruch, Gruppen auch, die mit Beeinflussungstechniken das individuelle Gewissen durch ein Gruppengewissen ersetzen können. Von den in Zürich vertretenen Gruppen, so Georg Otto Schmid, würden etwa zwei Dutzend Anlass für diesbezügliche Anfragen an die Evangelische Informationsstelle geben.
Auf die Vielfalt von religiösen und spirituellen Gruppen angesprochen, meinte Claude-Alain Humbert, neue Gruppierungen entstünden eben durch Abspaltungen, während Dieter Sträuli darauf hinwies, dass der Mensch wählerisch sei und eine Vielfalt diesem Anspruch entgegen komme. Zur bestehenden Vielfalt würden in Zukunft noch mehr ethnische christliche Gruppierungen wie Afrikanische Kirchen kommen, ist Jean-François Mayer überzeugt. Zudem würden andere Religionen in Zukunft zunehmend auch die physische Umgebung der Städte prägen, beispielsweise durch Minarette.
Weil der «Religionsführer Zürich» eine «religiöse Topographie» bietet, berücksichtigt er spirituelle Orte; das hat zur Folge, dass zum Beispiel die römisch-katholische Kirche nicht eine einzige Darstellung erhalten hat, sondern nach einem allgemeinen Artikel «fremdsprachige katholische Gottesdienste», «Orden und ordensähnliche Vereinigungen» sowie «verschiedene katholische Gruppierungen» vorgestellt werden. Entstanden ist so eine Materialsammlung, die den Kundigen viele nützliche Informationen zur Verfügung stellt, von Unkundigen indes nicht als «Einkaufsführer» genutzt werden sollte.

Rolf Weibel

Quelle: Infosekten, 13.05.2004

Donnerstag, 13. Mai 2004

 
nach oben © Sonntag, 21. Januar 2018, 13:43 Uhr · kath.ch/infosekten · infosekten@kath.ch