Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Neue Vorwürfe gegen Otto Mühl

„Wien entdeckt die Aktionisten“, lautete unlängst der Untertitel eines Berichts der „Neuen Zürcher Zeitung“ (27.1.2004). Anlass für diesen Befund sind diverse Ausstellungen in Wien, in denen das Schaffen der sogenannten „Wiener Aktionisten“ gezeigt und gewürdigt werden soll. Sie sorgten Ende der sechziger Jahre durch so provokante Projekte wie Fäkalorgien in Universitätshörsälen für Schlagzeilen. Während jedoch die einst so wilden und sogar zu „Staatsfeinden“ geadelten Künstler wie Günter Brus und selbst der durch seine bluttriefenden Mysterienspiele berühmt-berüchtigte Hermann Nitsch heute allseits akzeptierte Protagonisten der Kunstszene darstellen und darüber hinaus sehr geschäftstüchtig sind, scheiden sich am Aktionisten Otto Mühl weiterhin die Geister. Dies hat in erster Linie nichts mit seiner Kunst, sondern vielmehr mit seiner Vergangenheit als Gründer und autoritärer Führer der sektenartig strukturierten „Aktionsanalytischen Organisation“ (AAO) zu tun, in der eine „freie Sexualität“ gepredigt und gelebt wurde, was letztendlich dazu führte, dass Mühl und seine Frau sich an Minderjährigen vergriffen und dafür zu sieben Jahren bzw. einem Jahr Haft verurteilt wurden.
Dass Mühl-Werke jetzt im Wiener „Museum für angewandte Kunst“ (MAK) ausgestellt werden, empfinden einige ehemalige AAO-Mitglieder angesichts der Vergehen Mühls als Provokation und Skandal. Brisant daran ist vor allem, dass nun neue Vorwürfe gegen den Künstler erhoben werden. Zwei Frauen, die in der AAO aufwuchsen, werfen Mühl in eidesstattlichen Erklärungen vor, dass er sie bereits im Kindesalter sexuell missbraucht, sich also nicht nur an jungen Mädchen vergangen habe. Zum Zeitpunkt des Prozesses hätten Mühl-Anhänger sie jedoch unter Druck gesetzt, über diese Vorgänge Stillschweigen zu bewahren. Heute sind die Delikte – so sie tatsächlich verübt worden sind – verjährt („Der Spiegel“ 10/2004).
Möglicherweise ist es auf diesen Umstand zurückzuführen, dass sich Mühl jetzt über die AAO-Kommune weitaus unbefangener als unmittelbar nach seiner Haftentlassung äussert, wobei von der damals zur Schau gestellten Reue kaum noch etwas zu spüren ist. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ (10/2004) erklärte Mühl: „Karl der Große hat eine Zwölfjährige geheiratet. Eine habe ich ja angeblich sogar vergewaltigt. Das war aber nicht der Fall. Mir tut es leid, dass sie alle so zerstört worden sind. Sie sind mehr Opfer der Auflösung der Kommune als Opfer der freien Sexualität. (…) Die Mädchen sind doch zu mir gekommen und haben gesagt: Jetzt bin ich 14, jetzt können wir miteinander. Die Jungs wollten zuerst mit meiner Frau, die waren verliebt in sie. Das war kein Recht. Das hat sich ergeben. Acht, neun, zehn Jahre war das alles ganz selbstverständlich, dann hat jemand Anzeige erstattet. Wenn jemand in einer Ehe alles aufschreibt, was geredet wird, dann kann ich auch zum Richter gehen. Viele Sachen sind erfunden worden.“
Ein weiterer Vorwurf, der gegen Mühl erhoben wird, lautet, dass die Gemeinschaft der Getreuen, die sich in seinem neuen Domizil an der portugiesischen Algarve um ihn gebildet hat und aus rund zwei Dutzend Personen bestehen soll, weiterhin AAO-ähnliche Züge trage, d.h. dass es weiterhin zum Austausch von „Generationen übergreifenden Zärtlichkeiten“ komme.
Das alles scheint die Ausstellungsverantwortlichen des MAK kaum anzufechten. Sie hielten nicht nur an der Durchführung der Ausstellung fest, sondern waren auch zu einer kritischen Betrachtung der Kommunevergangenheit Mühls nicht bereit und/oder nicht fähig. Im Internet liess die Museumsleitung verlauten: „Die Kommune am Friedrichshof“ – also die AAO – „war der idealistische Versuch, die Welt durch Kunst zu verändern. In letzter Konsequenz musste dieser anarchistische Vorstoß als Staat im Staat scheitern und Utopie bleiben.“ Abgesehen davon, dass die AAO kaum als „anarchistisch“ bezeichnet werden kann, sondern äusserst rigide und repressive Herrschafts- und Organisationsstrukturen aufwies, und die Formulierung „dieser anarchistische Vorstoß als Staat im Staat“ schon einen Widerspruch in sich darstellt, wird mit keinem Wort erwähnt, dass die Kommune erst dann endgültig auseinanderbrach, als die Opfer des sexuellen Missbrauchs den Mut aufbrachten, die Behörden einzuschalten. Doch für die Perspektive und Anliegen der Opfer scheint sich das MAK gar nicht erst zu interessieren.
So kann es nicht verwundern, dass die Ausstellung schon im Vorfeld zum Politikum wurde, wie die österreichische Zeitung „Der Standard“ berichtete (28.2.04). Während die FPÖ forderte, die Schau „aus Respekt vor den Opfern“ abzusagen, wandten sich die Sozialdemokraten gegen einen Verzicht auf die Ausstellung, weil man die Straftaten Mühls nicht mit seiner Kunst vermischen dürfe – was einen Leserbriefschreiber zu dem sarkastischen Vorschlag veranlasste, dass man dann in diesem Falle ja auch getrost die Bilder Adolf Hitlers ausstellen könne…

Weitere Informationen unter http://www.re-port.de/

Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 02.03.2004

Dienstag, 2. März 2004

 
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