Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Religiös pluralistische Schweiz

von Rolf Weibel

Die Schweiz wird kulturell und religiös zunehmend pluralistisch; sie weist immer mehr Merkmale einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft auf. Damit will gesagt sein, dass die Religiosität der schweizerischen Wohnbevölkerung von mehreren Religionen geprägt wird und ungehindert in mehreren Glaubensgemeinschaften auch zum Ausdruck gebracht werden kann. «Pluralisierung des religiösen Feldes»<1> besagt aber nicht bloss diese zahlenmässige Zunahme von Religionen bzw. Religionsgemeinschaften, sondern ihre öffentliche Präsenz.

1. Öffentliche Präsenz
Dass in der schweizerischen Gesellschaft mehr als eine Religion Menschen prägt und gruppiert, begann im 16. Jahrhundert mit der Reformation. Wohl gab es vorher ­ und auch nachher ­ einzelne und Gruppen, die sich von einer anderen Religion als der christlichen bzw. einer anderen Konfession als der katholischen oder reformierten beeinflussen liessen, nur wurden diese als Abweichler betrachtet und behandelt: als Häretiker, Sektierer oder Ketzer. Noch im 18. Jahrhundert wurden in reformierten Kantonen die Täufer verfolgt und wurde im katholischen Luzern der fromme Jakob Schmidli von der Sulzig 1747 als Ketzer erwürgt und verbrannt und mit ihm seine Bücher und Schriften; und in reformierten wie katholischen Kantonen waren die Juden vielen Einschränkungen unterworfen.
Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts begann sich unter dem Einfluss von Pietismus und Aufklärung und unter dem Eindruck des Gedankens von Toleranz und Religionsfreiheit die staatliche Beschränkung des religiösen Pluralismus auf die katholische und reformierte Konfession zu lockern. Der jüdischen Minderheit brachte allerdings erst die Verfassungsrevision von 1874 die verfassungsmässige Gleichstellung.
Trotz der im 19. Jahrhundert einsetzenden konfessionellen Durchmischung der Bevölkerung und also der konfessionellen Pluralisierung blieb «das religiöse Feld» durch das katholisch-reformierte Gegenüber bis in die Gegenwart nachhaltig geprägt. Nicht zu unterschätzen sind dabei allerdings die Freiräume, die die Volksfrömmigkeit den Angehörigen beider Konfessionen mehr oder weniger zugestand, die Freiräume auch, die sich die Menschen für archaische und esoterische Alternativen wie für abergläubische Anschauungen und Praktiken insgeheim nahmen.

2. Staat und Religion
Die Auseinandersetzung um die Neuordnung des Religionsrechts im Kanton Zürich auf das Abstimmungswochenende vom 28./29. November 2003 hin ist ungeachtet des Ausgangs der Volksabstimmung auch ein signifikanter Ausdruck der Pluralisierung «des religiösen Feldes» in diesem Kanton. Zum einen nimmt nämlich der Staat die Präsenz von mehreren Religionsgemeinschaften zur Kenntnis und will für ihr gutes Miteinander bzw. zumindest ein tolerantes Nebeneinander vorsorgen. Zum andern haben sich die bisher anerkannten Kirchen mit ihrer Unterstützung der Möglichkeit, weitere Religionsgemeinschaften anzuerkennen, auf den Weg gemacht, den Pluralismus konstruktiv zu verarbeiten.
Das Verhältnis von Staat und Kirche<2> wurde bis in die frühe Neuzeit von der grundlegenden Bedeutung der Religion für die Staatlichkeit bestimmt. Die gemeinsame Religion bzw. Konfession war eine unverzichtbare Voraussetzung für das politische Zusammenleben und Zusammenbleiben. Die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Bikonfessionalität war deshalb nicht nur ein theologisches und kirchliches, sondern ebenso ein politisches Problem. Die Alte Eidgenossenschaft brach nur deshalb nicht auseinander, weil die Verhältnisse von Staat und Kirche von den Ständen eigenständig geordnet werden konnten. Die Eidgenossenschaft als Staatenbund verzichtete mithin auf ein eigenes Religionsrecht und ersetzte die für seine Staatlichkeit erforderliche Religion durch überkonfessionelle Elemente. Die Französische Revolution stellte dem Staat schliesslich überreligiöse Gemeinsamkeiten der Bürger zur Verfügung.
Beim langwierigen Übergang vom Staatenbund zum Bundesstaat von 1848 wurden solche Elemente aus Aufklärung und Französischer Revolution in die Verfassungen eingebaut und so eine konfessionelle Durchmischung der Bevölkerung rechtlich erst ermöglicht. Zudem machten mehrere Kantone auch neue Erfahrungen mit konfessionellen Minderheiten innerhalb der eigenen Grenzen. 1803 erhielten der reformierte Kanton Zürich mit Dietikon und Rheinau und der reformierte Kanton Schaffhausen mit Ramsen katholische Gemeinden; der reformierten Waadt wurde bei der Kantonsgründung 1803 der überwiegend katholische Bezirk Echallens angegliedert. Durch die Aufteilung des Fürstbistums Basel 1815 gelangten der katholische Jura an den reformierten Kanton Bern und der katholische Bezirk Birseck an den reformierten Kanton Basel. Mit katholischen savoyardischen und französischen Landgemeinden wurde die reformierte Stadt Genf 1815 zum Kanton. Das katholische Solothurn hatte mit dem Bucheggberg einen reformierten Bezirk, wie das katholische Freiburg den reformierten Seebezirk hatte.
Das Verfassungsrecht entwickelte sich, der politischen Entwicklung des halben Jahrhunderts zwischen 1798 und 1848 entsprechend, aber nicht stetig. Die Erste Helvetische Verfassung vom 12. April 1798 erklärte in Artikel 6 die Gewissensfreiheit als unbegrenzt («illimitée»). Die Zweite Helvetische Verfassung vom 25. Mai 1802 bestimmte in Artikel 1 wieder einschränkend die christliche Religion nach dem katholischen und evangelisch-reformierten Glaubensbekenntnis als «die Religion des Staates». Die Mediationsverfassung vom 19. Februar 1803 verzichtete auf gemeinsame religionsrechtliche Bestimmungen, so dass in mehreren kantonalen Verfassungen die Religionsfreiheit sogar wieder auf ein einziges Bekenntnis eingeschränkt werden konnte. Daran änderte auch die Bundesverfassung vom 7. August 1815 nichts. Erst die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 12. September 1848 gewährte den anerkannten christlichen Religionen Kultusfreiheit. Nach dem gescheiterten Revisionsprojekt von 1865 und dem nicht zu Ende geführten Revisionsprojekt von 1870/1872 gewährte erst die Verfassung vom 19. April 1874 den Bürgern (und Bürgerinnen, die damals mit gemeint waren) Glaubens- und Gewissensfreiheit, und zwar auch den jüdischen, indem der Begriff «Konfession» durch den Begriff «Religionsgenossenschaft» ersetzt wurde.

3. Das 19. Jahrhundert
Eine grössere Aufmerksamkeit als die Pluralisierung der Konfessionen haben die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts gefunden: auf reformierter Seite der Kampf um das Staatskirchentum, auf katholischer Seite der Kampf zwischen josephinistischen und ultramontanen Vorstellungen. Auf beiden Seiten gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber vor allem einen Aufbruch religiöser Erneuerung.

3.1. Reformiert: Erweckung
Auf reformierter Seite gehört namentlich die Erweckung ­ Le Réveil ­ von Genf dazu. Die Geschichte der Erweckungsbewegung von Genf ist für die Pluralisierung der reformierten Konfession bzw. der reformierten Staatskirchen im 19. Jahrhundert paradigmatisch. Auf der einen Seite überwarfen sich Anhänger der Erweckungstheologie mit der Staatskirche ­ der Église nationale ­ und gründeten freikirchliche Gemeinden; diese Gemeinden schlossen sich 1849 zur Église libre zusammen. Auf der anderen Seite versuchten Erweckungstheologen durch die Gründung von Einrichtungen innerhalb der Staatskirche zur Glaubenserneuerung beizutragen; so gründete Louis Gaussen mit seinen Freunden 1831 die «Société évangelique» von Genf. Diesem Genfer Paradigma entsprechend verlief die Entwicklung in der ganzen reformierten Schweiz: Zum einen entstanden freie Richtungsgemeinden und Freikirchen, das heisst von den Staatskirchen bzw. den Kantonalkirchen unabhängige Gemeinden, und zum andern bildeten sich innerhalb der Staatskirchen bzw. der Kantonalkirchen freie Vereinigungen und kirchlich-theologische Gruppen, namentlich die «kirchlichen Richtungen». Zu einer bedeutenden «Richtungsgemeinde» entwickelte sich die Pilgermission(sanstalt) St. Chrischona.

3.2. Katholisch: Kirchenpolitik
Auch auf katholischer Seite gab es eine Erweckungsbewegung. Ihr bekanntester Vertreter ist der Luzerner Nikaus Wolf von Rippertschwand. Die Erweckung um Niklaus Wolf hatte jedoch keine kirchenpolitische Zielrichtung, sie gehörte «völlig in den katholischen Bereich christlicher Glaubenshaltung»<3>.
In der Auseinandersetzung zwischen den liberal und den ultramontan gesinnten Katholiken ­ die Meinung der Katholikinnen war damals öffentlich noch nicht gefragt ­ ging es aber sehr wohl auch um kirchenpolitische Ziele. Im Unterschied zur reformierten Schweiz bildeten sich in der katholischen Schweiz aber keine Richtungen; der liberale Katholizismus überliess in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dem ultramontanen Katholizismus das Feld. In der Auseinandersetzung um das Erste Vatikanische Konzil traten einige liberale Katholiken noch einmal in Erscheinung und schritten gegen die Neuerung der Primatsbeschlüsse zur Gründung einer altkonfessionellen katholischen Kirche, der christkatholischen Kirche. In der römisch-katholischen Grosskirche kam die liberale Richtung damit an ihr Ende; das 20. Jahrhundert kennt dann nur noch einige späte Nachfahren wie Georg Sebastian Huber (1893­1963).

3.3. Neue «Gastgemeinden»
Die im Gefolge der Reformation eingetretene Zweiteilung der Schweiz in katholische und reformierte Kantone hatte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand. Mit der Industrialisierung begannen starke Binnenwanderungen, die eine konfessionelle Mischung der Bevölkerung zur Folge hatten. Schon vor dieser Binnenwanderung kam zudem ein für die Pluralisierung der schweizerischen Gesellschaft folgenreicher Austausch mit dem Ausland und namentlich mit Übersee in Gang.
Aus Deutschland und Skandinavien eingewanderte Lutheraner schlossen sich in verschiedenen Städten ­ in Genf bereits im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert dann auch in Basel und Zürich ­ zu kleinen lutherischen Gemeinden zusammen.
Künstler, Schriftsteller und Kaufleute englischer Sprache gründeten 1818 in Lausanne eine anglikanische Gemeinde. In Luzern wurde ab 1839 die Kapelle der Päpstlichen Nuntiatur regelmässig für anglikanische Gottesdienste für Touristen zur Verfügung gestellt.
Gastgemeinden wurden aber auch von eingewanderten ostchristlichen Gläubigen gebildet. So liessen sich im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts orthodoxe Russen und Griechen, hauptsächlich Diplomaten, Kaufleute, Kurgäste und Emigranten, vor allem in der Westschweiz nieder. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts kamen im Gefolge der türkischen Christenverfolgung zahlreiche Armenier in die Schweiz, wiederum vor allem in die Westschweiz. Eine russische Emigration wurde durch die Oktoberrevolution von 1917 ausgelöst; diese Emigranten bauten zum Teil eine vom Moskauer Patriarchat unabhängige Jurisdiktion auf. Im Gefolge des Zweiten Weltkrieges kamen Ostchristen als Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa auch in die Schweiz.
Neben autochthonen «Richtungsgemeinden» und «Gastgemeinden» von Zugewanderten entstanden im 19. Jahrhundert in der Schweiz neuartige Gemeinden. Zunehmend erschienen damals nämlich Missionare einerseits ausländischer, insbesondere angelsächsischer Freikirchen, und anderseits religiöser Sondergruppen, die sich von den christlichen Kirchen bewusst abgrenzten.

3.4. Freikirchen
Die Missionare der Freikirchen anglikanischer Herkunft begannen zunächst einfach evangelistisch zu wirken; doch bildeten sich schon bald Gemeinden, namentlich nach der Verfassungsrevision von 1874, die die Religionsfreiheit auf dem ganzen Staatsgebiet garantierte. Diese Gemeindebildungen erfolgten da und dort gegen heftige Widerstände und waren nicht nur von verbalen, sondern zuweilen gar von handgreiflichen Auseinandersetzungen begleitet. Besonders viel Ablehnung und auch Spott musste die Heilsarmee ertragen. In Zürich wurde 1885 gegen die Heilsarmee sogar ein Versammlungsverbot erlassen mit der Begründung, es handle sich um Schaustellungen ohne wissenschaftlichen oder künstlerischen Wert, nicht aber um religiöse Veranstaltungen.
Neben der Heilsarmee kamen damals die bischöfliche Methodistenkirche und die methodistische Evangelische Gemeinschaft, die sich 1968 zur Evangelisch-Methodistischen Kirche (EMK) vereinigten, in die Schweiz; ferner die aus der ersten Erweckungsbewegung in England und Amerika zu Beginn des 18. Jahrhunderts hervorgegangenen Baptisten.

3.5. «Christliche Sekten»
Von Amerika kamen aber auch Missionare mit ganz neuartigen Botschaften nach Europa und in die Schweiz: 1850 wurde Thomas Stenhouse als erster Präsident der Schweizer Mission der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ­ der Mormonen ­ ordiniert und als Missionar nach Genf entsandt; 1864 beschloss der Bundesrat, die Mormonen als eine christliche Sekte zu bezeichnen, was einen gewissen Schutz zur Folge hatte. Neben den Mormonen kamen noch weitere so genannte christliche Sekten in die Schweiz: 1867 die Siebenten-Tages-Adventisten, 1903 die Bibelforscher der Wachtturmgesellschaft ­ die Zeugen Jehovas ­, dann auch die Allgemeine Christliche Apostolische Mission, die seit 1907 Neuapostolische Kirche heisst.

4. Das 20. Jahrhundert
Ende des 19. Jahrhunderts regte die methodistische Heiligungsbewegung in Amerika, aber auch in Europa, eine neue Erweckungsbewegung an. Die Erfahrung der Ausgiessung des Geistes wie am Pfingstfest wurde zur Sehnsucht vieler erweckter Christen; sie erwarteten namentlich das Wirken des Geistes in einer «Geistestaufe» zu spüren und Gaben und Kräfte des Geistes nach 1 Kor 12­14 und Röm 12 verliehen zu erhalten, insbesondere die Glossolalie ­ die Zungenrede ­ und die Gebetsheilung.<4>

4.1. Pfingstbewegung
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden diese Erwartungen zunächst in Kansas und dann vor allem in Los Angeles erfüllt. Dies löste eine Bewegung enthusiastischen Christentums aus, die als Pfingstbewegung über Norwegen auch in die Schweiz kam und auch in der Schweiz zu Gemeindegründungen führte. Neben den Pfingstgemeinden entstand eine eigentliche Heilungsbewegung mit Heilungsevangelisten.

4.2. Charismatische Aufbrüche
Das Anliegen der Pfingstbewegung wurde nach der Mitte des 20. Jahrhunderts auch in den Traditionskirchen aufgenommen und als Charismatische Bewegung institutionalisiert. Neben dieser innerkirchlichen Erneuerungsbewegung entstanden freie charismatische Gemeinden, die im Unterschied zu den in der ersten Hälfte des Jahrhunderts entstandenen neupfingstlerisch ­ neopentekostal ­ genannt werden.
In der römisch-katholischen Kirche ist die Charismatische Bewegung nicht die erste und nicht die einzige jener Erneuerungsbewegungen, die heute unter dem einen Namen «Neue Geistliche Gemeinschaft» zusammengefasst werden, obwohl sie mit ihren unterschiedlichen Spiritualitäten ­ und ihren entsprechenden Theologien ­ eine plurale innerkirchliche Erscheinung sind.

4.3. Arbeitsmigration
Eine andere Art innerkirchlicher Pluralisierung hatte die Zuwanderung von evangelischen und insbesondere katholischen Christen und Christinnen aus anderen Kulturen zur Folge. Zu erinnern ist hier vor allem an die Arbeitsmigranten und -migrantinnen aus Italien, Spanien und Portugal, die die Mehrheitsverhältnisse in reformierten Kantonen wie Zürich und Genf umgekehrt haben. Dazu kommt die afrikanische christliche Diaspora mit den african initiated oder instituted churches.<5>
Einen erheblichen Pluralisierungsschub brachte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Einwanderung von Arbeitskräften aus dem Osten mit sich. Mit der Zuwanderung aus Griechenland und Jugoslawien stieg die Zahl der orthodoxen Christen zwischen 1960 und 2000 von 5800 auf 131800. Die Arbeitskräfte aus Jugoslawien und der Türkei ­ und in einem gewissen Mass das Personal internationaler Organisationen ­ haben die muslimische Wohnbevölkerung zwischen 1960 und 2000 erheblich vergrössert: von 2700 auf 310800. Rechnet man noch die Asyl Suchenden sowie die sich illegal Aufenthaltenden dazu, werden es vermutlich über 400000 sein.
Zu den islamischen Gemeinschaften gehören auch die Angehörigen der Bahái-Religion. Die Schweizer Bahái-Gemeinde konnte im Herbst 2003 ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

4.4. Asyl Suchende
Gleichzeitig mit dem Entstehen grosser asiatischer buddhistischer Kolonien ­ vorwiegend von Tibetern, Vietnamesen, Kambodschanern und Thailändern ­ nahm das Interesse von Schweizern am Buddhismus zu. Ein frühes Interesse für den Buddhismus wurde in der Schweiz durch philosophische und theosophische Strömungen allerdings bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geweckt. Das erste Zentrum wurde 1910/1911 in Lausanne gegründet. Heute gibt es Zentren und Begegnungsstätten für Buddhisten praktisch aller Richtungen. Am Ergebnis der Volkszählung 2000 fällt auf, dass sich mehr Schweizer/Schweizerinnen als Ausländer/Ausländerinnen buddhistischen Vereinigungen zugehörig erklären.
Bei den hinduistischen Vereinigungen ist das Verhältnis bedeutend anders: von den knapp 28000 Angehörigen hinduistischer Vereinigungen sind nur gut 2000 Schweizer/Schweizerinnen. Die grosse Zahl der Angehörigen hinduistischer Vereinigungen geht auf die Zuwanderung aus Sri Lanka, Indien, Nepal und Bali seit den 1980er Jahren zurück. Hinduistisches Gedankengut und Meditationspraktiken wurden in der Schweiz indes bereits in den 1920er Jahren verbreitet, namentlich in neuhinduistischen Gruppen und Yogaschulen.<6>

4.5. «Cults»
Die Gründung der Hare-Krishna-Bewegung(ISKCON) im Jahre 1972 gehört in einen neuen Abschnitt der Pluralisierungsgeschichte. Ende der 1960er Jahre traten in Europa nämlich religiöse und parareligiöse Bewegungen auf, die in ihrer Werbung vor allem und zum Teil konzeptionell ausdrücklich Jugendliche und junge Erwachsene ansprachen. Der deutsche Theologe Friedrich W. Haack bezeichnete sie deshalb 1974 erstmals als «Jugendreligionen». Diese Jugendreligionen hatten ­ und haben ­ als Teil der neuen religiösen Bewegungen ganz unterschiedliche religiöse Hintergründe; da gibt es indisch-hinduistische Gurubewegungen, neue christliche Sekten, synkretistisch-spiritistische Neubildungen sowie weltanschaulich-therapeutische Gruppen.
Eine Besonderheit dieser Gruppen ist ihr Konflikt- und Gefahrenpotential. So hielt es sogar die Sektion für konsularischen Schutz des Eidgenössischen Departementes für Auswärtige Angelegenheiten für notwendig, sich 1987 dazu wie folgt zu äussern. «Natur und Tätigkeit dieser neuen Kulte oder Sekten sind sehr beunruhigend, denn dahinter verbergen sich nicht nur religiöse Schwärmerei oder gar Fanatismus, sondern oft auch betrügerische finanzielle Machenschaften grossen Stils...».

4.6. Konfessionslose
Ein neues Phänomen in der schweizerischen Gesellschaft sind die Konfessionslosen. Zwischen 1960 und 2000 vervielfachte sich ihre Zahl von 29000 auf fast 810000; auch die Zahl jener, die keine Angabe zur Konfession machten, hat in dieser Zeit zugenommen: von 11000 auf gut 315000.

4.7. Zivilreligion
Die (Selbst-)Bezeichnung «konfessionslos» ist als solche bloss eine Nicht-Zugehörigkeits-Aussage; sie bedeutet nicht schon «religionslos» in dem strengen Sinne wie in einer anderen Hinsicht von «kulturlos» gesprochen werden kann. Dabei ist zu beachten, dass es nicht nur um die weltanschauliche oder religiöse Orientierung der einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft geht, sondern um die religiösen Dimensionen unserer Gesellschaft selbst. In dieser hat sich ­ wie in anderen westlichen Gesellschaften ­ über die Bikonfessionalität bzw. Multikonfessionalität hinaus ein Phänomen herausgebildet, das im Anschluss an den amerikanischen Soziologen Robert N. Bellah «Zivilreligion» genannt wird. «Dabei handelt es sich um eine Art religiöses Symbolsystem, das hochgeneralisierte Symbole benutzt (Gott) und gleichsam über den Konfessionen und Religionen eine neue religiöse Ebene definiert, die religiös und überhaupt gesamtgesellschaftlich der Tendenz nach konsensfähig ist. Zivilreligion soll Werte und damit aus ihnen abgeleitete Normen in einem letztbedeutsamen Horizont zur Sprache bringen, damit aber auch zugleich legitimieren.»<7>

4.8. Altkonfessionalismus
Um Konsens geht es schliesslich auch in der ökumenischen Bewegung. Bereits das 19. und dann vor allem das 20. Jahrhundert trugen mit dieser Bewegung von christlicher bzw. kirchlicher Seite her zu einem neuen Verständnis von konfessioneller Pluralität bei; und zwar mit dem Bemühen, von einer zerstrittenen zu einer befriedeten Pluralität, von einer unversöhnten zu einer versöhnten Verschiedenheit und damit zu einer Kirchengemeinschaft in Einheit und Vielfalt zu finden.
In diese Bewegung ist auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil auch die römisch-katholische Kirche eingetreten. Mit diesem Konzil hat sie zugleich einen Modernisierungsschritt getan, der eine strukturelle, kulturelle und individuelle Binnenpluralisierung zur Folge hatte. Gegen diesen Entwicklungsschritt hat Alterzbischof Marcel Lefebvre eine altkonfessionelle römisch-katholische Bewegung und Kirche gegründet, wobei die Referenzzeit allerdings bloss das Jahrhundert zwischen Pius IX. und Pius XII. ist.

5. Zwischen Koexistenz und Kooperation
Von einem christlichen Konsens, einer ökumenischen Verständigung sind die Kirchen nicht zuletzt deshalb noch weit entfernt, weil bereits die Vorstellungen von Verständigung und Konsens strittig sind. Noch weiter entfernt sind wir in unserer Gesellschaft von einer Art religiöser Verständigung bzw. interreligiösem Konsens. Was trotzdem bzw. gerade deshalb zu suchen ist, sind Wege und Möglichkeiten konstruktiver Koexistenz.
Nicht vergessen gehen dürfen dabei die Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich als konfessionslos bezeichnen ­ auch und gerade dann nicht, wenn sie religionskritisch sind. Ein gutes Miteinander auf einem pluralistisch gewordenen «religiösen Feld» verlangt nämlich einen kritischen Respekt voreinander. Zum einen sind im Zeichen der Religionsfreiheit die Entscheide der anderen zu respektieren. Pflicht des Staates ist hierbei, dieses Recht mit seinen Mitteln zu gewährleisten. Zum andern ist die religiöse und kulturelle Pluralität konstruktiv zu verarbeiten; das schliesst einen kritischen und selbstkritischen Umgang mit den von den anderen vertretenen Werten und Normen ein. Was der Staat in dieser Hinsicht vorkehren kann und darf, ist nicht nur eine grundsätzliche Frage des Religionsrechts, sondern auch eine drängende Frage der Migrationspolitik.<8>
Wie sich die Kirchen bzw. Religionsgemeinschaften verhalten können bzw. müssen, hängt vom jeweiligen Gegenüber ab. Mir scheinen drei grundlegende Haltungen denkbar und je nachdem auch erforderlich, nämlich Dialog, Konkurrenz und Protest.<9> Wird das «religiöse Feld» als religiöser Markt verstanden, entspricht der Dialog einer Zusammenarbeit, die im gemeinsamen Interesse liegt, die Konkurrenz einem Wettbewerb, der fair sein muss, und der Protest dem Konsumentenschutz. Religiöse und kulturelle Werte sind als solche dem Leben förderlich und also konstruktiv; weil sie jedoch von Menschen und menschlichen Einrichtungen vermittelt werden, können sie für das Leben auch hinderlich und also destruktiv sein. Was konstruktiv ist, fördern ­ was destruktiv ist, verhindern: das ist keine neue Aufgabe, sie ist in einem pluralistisch gewordenen «religiösen Feld» nur komplexer geworden.

Anmerkungen
1 Der vorliegende Text geht auf das Referat «Die Pluralisierung des Ðreligiösen Feldesð in der Schweiz» zurück, das der Verfasser auf der Tagung der ökumenischen Arbeitsgruppe «Neue Religiöse Bewegungen in der Schweiz» vom 28./29. November 2003 zum Thema «Spirituelle Sehnsucht in Distanz zur Kirche. Zwi-schen Beliebigkeit und Vereinnahmung» gehalten hat.

2 Die historischen und systematischen Hauptlinien des Verhältnisses von Staat und Kirche auf eidgenössischer und kantonaler Ebene bis in die frühen 1990er Jahre sind bestens zusammengestellt in: Dieter Kraus, Schweizerisches Staatskirchenrecht, Tübingen 1993. Die aktuelle Rechtslage findet sich in der Studie des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien (SFM) im Auftrag der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR): Sandro Cattacin, Cla Reto Famos, Michael Duttwiler und Hans Mahnig, Staat und Religion in der Schweiz ­ Anerkennungskämpfe, Anerkennungsformen, Bern, September 2003 (http://www.ekr-cfr.ch/d/publikationen.htm).

3 Rudolf Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Dritter Band von 1720 bis l950, Zürich 1984, 185.

4 Erste Einführungen (mit weiterführenden bibliographischen Angaben) finden sich für christliche Gruppierungen in kirchengeschichtlichen Werken und für nicht christliche Gruppierungen im neuen Historischen Lexikon der Schweiz.

5 Afrikanisch initiierte Kirchen in Europa, Werkmappe Nr. 87/2002 (Wien; zu beziehen bei der Schweizerischen Katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen», Postfach 143, 9436 Balgach).

6 Gefragt wurde nach Zugehörigkeit, so dass auf Grund von Beobachtungen angenommen werden darf, dass die Zahl der mit hinduistischen und vor allem buddhistischen Gedanken Sympathisierenden erheblich höher ist.

7 Karl-Fritz Daiber, Religion in Kirche und Gesellschaft. Theologische und soziologische Studien zur Präsenz von Religion in der gegenwärtigen Kultur, Stuttgart 1997, 75.

8 Siehe dazu für den Bereich der Schule TANGRAM 14: «Religion in der Schule», (Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus), Oktober 2003.

9 Unerlässliche Voraussetzung ist allerdings ein empathisches Kennenlernen.

© Schweizerische Kirchenzeitung - 2004

Quelle: Infosekten, 17.02.2004

Dienstag, 17. Februar 2004

 
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