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New Age aus christlicher Sicht

„Alles Leben ist Yoga“ – was bleibt von Sri Aurobindo?

Am 5. Dezember jährt sich der Todestag des indischen Philosophen und Gurus Sri Aurobindo (geb. 1872) zum 60. Mal. Angesichts der Schnelllebigkeit der spirituellen Szene ist das fast eine Ewigkeit, und so stellt sich die Frage, was von seinem Werk und Denken eigentlich bleibt. Sie stellt sich umso mehr, als der scheinbar sichtbarste Ausdruck seiner Philosophie, die 1968 Stadt gewordene Utopie Auroville in Südindien weit hinter dem zurückgeblieben ist, was ihr einst zugedacht war. Statt einer Großstadt entstand ein Siedlungskonglomerat, das bei nüchterner Betrachtung ziemlich zu stagnieren scheint. Statt der einst erwarteten 50 000 Bewohner leben derzeit nur etwas mehr als 2000 Menschen in Auroville, das manchen Beobachtern wie etwa der Schriftstellerin Ulla Lenze[1] bereits als Ausdruck von „kraftlos gewordenen Utopien“ erscheint.[2] Immerhin wird Auroville weiterhin von der Unesco unterstützt und seit 1988 auch von der indischen Regierung gefördert.[3]

Dabei darf nicht übersehen werden, dass Auroville ein Projekt war, das erst viele Jahre nach Sri Aurobindos Tod von seiner immer nur „Die Mutter“ genannten spirituellen Gefährtin Mira Richard, geb. Alfassa (geb. 1878) vorangetrieben und schließlich realisiert wurde. Sie überlebte Sri Aurobindo um immerhin fast 23 Jahre. Es wäre einmal interessant zu untersuchen, ob Auroville dem Denken und der Intention Sri Aurobindos überhaupt entspricht. Angeblich soll die Idee noch zu seinen Lebzeiten entstanden sein[4], doch sicher ist das nicht. Die immer wieder, auch von Sri Aurobindo selbst, postulierte Einheit zwischen ihm und der „Mutter“ dürfte diese Frage im Kreis der Anhänger jedenfalls ziemlich müßig erscheinen lassen.

Wer nach einer heute noch greifbaren Wirkung Sri Aurobindos sucht, muss entscheiden, welcher Aspekt seiner vielschichtigen Persönlichkeit betrachtet werden soll: der des Politikers, des Philosophen und Yogis oder des Dichters. Als Politiker scheint Sri Aurobindo, der sich zwischen 1893 und 1910 äußerst aktiv in der indischen Unabhängigkeitsbewegung engagierte, bis heute im Schatten Gandhis zu stehen. Dies auch deshalb, weil Gandhis „ahimsa“, der Weg absoluter Gewaltlosigkeit, zum Mythos wurde und beispielsweise vom Dalai Lama nach wie vor als taugliches politisches Konzept betrachtet wird. Sri Aurobindo hat das Ideal des bedingungslosen „ahimsa“ stets abgelehnt, und dies nicht nur im Kampf gegen die britische Kolonialmacht, sondern als politische Maxime generell. Besonders deutlich wird dies in seinen Analysen und Kommentaren zur Situation im nationalsozialistischen Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs.[5] In seiner politisch aktiven Zeit zeigte Sri Aurobindo wenig Berührungsängste zu radikalen Formen des Widerstands, so dass er nicht umsonst immer wieder in Konflikt mit den britischen Kolonialbehörden geriet und schließlich 1910 in die französische Kolonie Pondicherry an der indischen Ostküste auswich, wo er vor Verfolgung weitgehend sicher sein konnte, aber trotzdem – sehr zum Leidwesen seiner Anhänger – allen politischen Aktivitäten entsagte, um sich stattdessen bis zum Lebensende seinem spirituellen Pfad zu widmen, den er als „integralen Yoga“ bezeichnete.

Allerdings sollte man sich hüten, beide Bereiche scharf voneinander getrennt zu betrachten, denn für Sri Aurobindo war auch politisches Handeln eine Form des Yoga. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass er seine wichtigsten Yoga-Erfahrungen machte, als er in einer Gefängniszelle der Engländer saß. Überhaupt zeichnet sich der „integrale Yoga“ nicht durch eine lebensferne Weltabgewandtheit aus, sondern versucht, ähnlich wie der Zen, Spiritualität auch in der Profanität des Alltags zu verwirklichen. „Alles Leben ist Yoga“[6], lautete Sri Aurobindos Maxime. Insofern entspricht es wohl schon Sri Aurobindos Anliegen, wenn in Auroville bis heute versucht wird, eine Art Yoga des Alltäglichen zu praktizieren. Der „integrale Yoga“ verzichtet sogar auf spezielle Anleitungen zur spirituellen Praxis wie etwa konkrete Meditationsanleitungen.

Gerade das Beispiel Auroville zeigt jedoch auch sehr schön, wie der „integrale Yoga“ vor dem Problem steht, dass er die Aufhebung der Grenze zwischen Immanenz und Transzendenz schon aufgrund der anthropologischen und gesellschaftlichen Prämissen und Konstanten nur sehr bedingt zu gewährleisten vermag. Und so ist es kein Zufall, dass gerade im Werk Sri Aurobindos sehr oft eine auffällige Diskrepanz zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit zutage tritt. Dies liegt vor allem daran, dass Sri Aurobindo der Evolution des Menschen ein Potenzial zutraute, bei dem man sich im Abstand von 60 Jahren fragen muss, ob es jemals realistisch gewesen ist. Sri Aurobindos Erwartung einer Herabkunft der „Supramental“ genannten, ungeahnten Weisheit und Schöpferkraft und sein Glaube an eine Menschheit, die im Zuge dieser Herabkunft und der Evolution generell ungeahnte und geradezu übermenschliche Bewusstseinsebenen erreichen könne, scheint angesichts des doch weitgehend lamentablen Zustands der Weltbevölkerung zumindest bisher doch eine ziemliche Illusion zu sein. Mit seinem deutschen Bewunderer Karlheinz Stockhausen, der Sri Aurobindo Ende der sechziger Jahre für sich entdeckte, scheint Sri Aurobindo das Schicksal zu teilen, dass das hohe Niveau des Werks und der daraus resultierende Anspruch selbst jene schnell überfordert, die zu folgen durchaus bereit wären. Die Popularität eines Osho alias Bhagwan Shree Rajneesh oder auch eines Dalai Lama, die im Gegensatz zu Sri Aurobindo nie vor Plattitüden zurückgeschreckt sind, lag weder für den Meister des „integralen Yoga“ noch für „die Mutter“ jemals im Bereich einer realistischen Erreichbarkeit, was die Zahl der Anhänger immer vergleichsweise bescheiden bleiben ließ.

So basiert die Dankbarkeit und Wertschätzung, die Inder Sri Aurobindo bis heute erweisen, vor allem auf dem Verdienst, Wegbereiter der indischen Unabhängigkeit gewesen zu sein. Rabindranath Tagore, Indiens großer Dichter, schrieb schon 1907: „Rabindranath, O Aurobindo, bows to thee! O friend, my country´s friend, O Voice incarnate, free, Of India´s soul....The fiery messenger that with the lamp of God Hath come”.[7] Das mag sehr pathetisch klingen. Doch wer heute Sri Aurobindos Kommentare zur politischen Situation auf dem indischen Subkontinent liest, stellt fest, dass er die Sprengkraft der Teilung in ein mehrheitlich hinduistisches Indien und mehrheitlich islamisches Pakistan bzw. Bangladesh sowie die Konflikte zwischen Moslems und Hindus generell mit einer so faszinierenden Klarheit erkannt hat, das seine Schriften zu diesem Thema weiterhin und derzeit erst recht hochaktuell sind. Dem Islam stand er dabei äußerst kritisch gegenüber: „You can live amicably with a religion whose principle is toleration“, äußerte er 1923 im Gespräch mit seinen Schülern. „But how is it possible to to live peacefully with a religion (gemeint ist der Islam, C.R.) whose principle is ‘I will not tolerate you’?”[8]

Ebenso erstaunlich ist die Prägnanz, mit der er das Potenzial Indiens zu einer Weltmacht vorhergesehen hat: „India has the greatest chance because of her past and because the spiritual force is accumulated here“.[9] Als Indien schließlich 1947 seine Unabhängigkeit erlangte, erklärte Sri Aurobindo, „dass in die Gemeinschaft der Nationen eine neue Kraft mit unermesslichen Möglichkeiten eintritt, die eine große Rolle zu spielen hat bei der Bestimmung der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und spirituellen Zukunft der Menschheit“, denn Indien sei dazu bestimmt, „als Helfer und Lenker der ganzen menschlichen Rasse auch für Gott und die Welt zu leben.“[10] In dieser Rolle sah Sri Aurobindo Indien übrigens schon deshalb, weil er im Abendland so etwas wie eine Art spirituelle Schwindsucht wahrnahm. Als Kind vom völlig anglisierten Vater zur Erziehung nach England geschickt, hatte Sri Aurobindo dort den Eindruck gewonnen, dass die Form des dort praktizierten Christentums jeglicher spirituellen Kraft entbehre, was der junge indische Nationalist als Symptom für den Abstieg des Westens interpretierte. Bereits 1910 attestierte er Europa, auf allen Gebieten mit Ausnahme der Wissenschaft, also nota bene auch im religiösen Bereich, „bankrott“ zu sein.[11] Vielleicht macht ja auch das Sri Aurobindo überraschend aktuell.

Die zaghafte Renaissance seines Werks, die momentan zu beobachten ist, dürfte jedoch andere Gründe haben. Die Schnelllebigkeit der spirituellen Trends und Moden, der Begeisterung für Meister und Gurus sorgt zwar einerseits dafür, dass sie schnell wieder aus der Mode sind, die Szene aber andererseits gerade deshalb so etwas wie ein „Guru-Recycling“ betreiben muss, um laufend vermeintlich Neues zu bieten. Das Osho-Revival in den Esoterik-Abteilungen der Buchhandlungen ist das beste Beispiel dafür, zumal nun eine Generation Erleuchtungshungriger herangewachsen ist, die von Oshos Eskapaden nichts mehr mitbekommen hat und der man ihn nun getrost als etwas „Neues“ verkaufen kann. Vergleichbares dürfte sich im Falle Sri Aurobindos trotz des noch grösseren zeitlichen Abstands nicht ereignen, denn das verhindert schon das bereits erwähnte hohe Niveau des Werks. Dennoch – oder gerade deshalb – gibt es durchaus vereinzelte Versuche, Sri Aurobindo sozusagen gegenwarts- und damit auch konsumentenkompatibel zu machen. Der Psychiater und Homöopath A.S. Dalal, der bereits mehrere Werke zu Sri Aurobindo und der „Mutter“ herausgebracht hat, veröffentlichte 2008 ein Buch, in dem er die spirituellen Konzepte Eckhart Tolles und Sri Aurobindos miteinander vergleicht. Seit einigen Monaten liegt dieses Werk nun auch auf Deutsch vor.[12] Der Anspruch, „die beiden Meisterdenker und Mystiker“ (Umschlagtext) sozusagen miteinander ins Gespräch zu bringen, scheitert jedoch insofern, als selbst der Autor immer wieder zugeben muss, dass zwischen beiden Ansätzen große Unterschiede bestehen. Wer das Buch liest, erfährt zwar ein wenig etwas über Tolle und Sri Aurobindo, die angestrebte Synthese wirkt aber doch befremdend, da sehr konstruiert und gesucht. Zu unterschiedlich sind offenbar die kulturellen Paradigmen zwischen den beiden „Meisterdenkern“, so dass man sich am Schluss des Buchs fragt, was das Ganze eigentlich soll.

Wesentlich lesenswerter ist da schon die neue Sri Aurobindo-Biografie des Karlsruher Indologen und Philosophen Wilfried Huchzermeyer, die im Oktober erschienen ist.[13] Sie schließt eine bedauerliche Lücke, denn nachdem die ausgezeichnete, wenngleich wenig distanzierte rororo-Bildmonografie von Otto Wolff vergriffen war, gab es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt lange keine lieferbare Biografie mehr. Huchzermeyer ist eine ebenso gut lesbare wie auf einem intensiven Quellenstudium und großer Sachkenntnis ruhende Beschreibung vom Leben und Werk Sri Aurobindos gelungen, die auch die Zeit nach dem Ableben des Gurus kurz streift und darüber hinaus sehr wertvolles Informationsmaterial im Anhang bietet. Insgesamt also ist „Sri Aurobindo – Leben und Werk“ ein sehr empfehlenswertes Buch, auch wenn es, und das ist vielleicht sein einziger Schwachpunkt, einmal mehr eine Biografie ist, die ganz offenkundig von einem Anhänger verfasst worden ist. So bleiben etwa die Konflikte zwischen dem Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry und den Bewohnern Aurovilles unerwähnt, und die Vermutung, Sri Aurobindo habe mittels yogischer Kraft den Briten zum Sieg im Zweiten Weltkrieg verholfen, wirkt auf Außenstehende wohl eher befremdlich. Doch das sind insgesamt eher „lässliche Sünden“ eines ansonsten sehr gelungenen Buchs.

Dass das Interesse an Sri Aurobindo ein wenig wieder erwacht, könnte auch daran liegen, dass sich im Spektrum der Satsang-Bewegung und anderen Bereichen die „Idee einer fortschreitenden evolutiven Bewusstseinsentwicklung“[14] ausbreitet, die sich an Sri Aurobindos Denken anschließen lässt. Zu nennen ist hierbei die „Integrale Theorie“ von Ken Wilber, der in seinen Büchern immer wieder auf Sri Aurobindo verwiesen hat Bei genauerer Betrachtung ist Sri Aurobindo jedoch offenbar nur einer von zahllosen Ideengebern Wilbers, was natürlich nicht ausschließt, dass Wilbers Bücher ein gewisses Interesse an Sri Aurobindo wecken. Außerdem darf man nicht übersehen, dass auch der 2007 verstorbene Sri Chinmoy, der einen Großteil seiner Jugend im Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry verbrachte[15], zur Bekanntheit des Yogis beigetragen hat. Allerdings ist zu fragen, ob dies in vielen Fällen zu einer vertieften Beschäftigung mit Sri Aurobindo führt. Denn Im Interesse eines möglichst schnellen Spiritualitätskonsums erscheint es beispielsweise schon fast als Zumutung, sich durch drei dickleibige, eng bedruckte Bände wie Sri Aurobindos „Das göttliche Leben“ zu ackern, in denen es noch dazu vor Bezügen zur indischen Philosophie nur so wimmelt. Hinzu kommt, dass es in der westlichen Welt kaum Organisationsstrukturen gibt, in denen der „integrale Yoga“ gepflegt wird.

Das ist eigentlich gar nicht so erstaunlich, denn Gurus, die sich wie Sri Aurobindo nicht mit wohlfeilen Banalitäten zufrieden geben, sind schlichtweg zu anstrengend und letztendlich trotz aller postulierten Integralität unerreichbar – auch und gerade für ihre Anhängerschar. Der Schweizer Religionsexperte Georg Schmid schrieb daher völlig zu Recht: „Der Meister und die Mutter bleiben (…) das Maß aller Dinge. Was die Schülerschaft leistet, ist im besten Fall Kopie und Repetition. So wirkten und wirken Aurobindo und die Mutter nicht nur inspirativ, sondern auch in mancher Hinsicht normativ. Normierte Schüler aber sind klägliche Vorboten des Übermenschen.“[16] Sollte es also tatsächlich so etwas wie eine Sri Aurobindo-Renaissance geben, dürfte sie sich einmal mehr auf ein intellektuelles Publikum beschränken. Eigentlich schade – denn zumindest als politischer Analytiker hätte Sri Aurobindo auch heute noch vieles zu sagen, was es uns leichter machen würde, Indiens Aufstieg, aber auch seine Konflikte besser zu verstehen.

Dr. phil. Christian Ruch

[1] Ulla Lenzes Roman „Archanu“ (Zürich 2008) beschäftigt sich u.a. mit den in Auroville feststellbaren Entwicklungen.

[2] Claudia Knepper, „Kraftlos gewordene Utopien. Der Roman ‚Archanu’ und sein Hintergrund in Auroville“, im Materialdienst der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (MD) 12/2009, 460-464, 460.

[3] Weitere Informationen unter www.auroville.org.

[4] Dies wird auf der Wikipedia-Seite über Mira Alfassa erwähnt, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Mirra_Alfassa.

[5] Siehe dazu ausführlicher Christian Ruch, „ ‚…es hatte seine Seele gesucht und seine Stärke entdeckt’. Sri Aurobindo über Deutschland, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg“, in MD 5/2005, 175-178.

[6] Sri Aurobindo, „Die Synthese des Yoga“, Gladenbach 1972, 17.

[7] Zit. nach www.sriaurobindosociety.org.in/sriauro/aurolife.htm.

[8] Sri Aurobindo, „India’s Rebirth. A selection from Sri Aurobindo’s writings, talks and speeches“, Paris/Mysore 32003, 165.

[9] Ebd., 182.

[10] Sri Aurobindo, „Über sich selbst. Aus Aufzeichnungen und Briefen“, Gladenbach 1994, 339f.

[11] Ders., (wie Anm. 8), 79f.

[12] „Eckhart Tolle – Sri Aurobindo. Ein neues Denken – ein neuer Mensch – eine neue Welt. Texte, Begegnungen und Gespräche mit A.S. Dalal“, Grafing 2010.

[13] Wilfried Huchzermeyer, „Sri Aurobindo – Leben und Werk“, Karlsruhe 2010.

[14] Michael Utsch, „Evolution des Bewusstseins? Unterschiede zwischen evolutiver und kontemplativer Bewusstseinsentwicklung“, im MD 4/2009, 123-132, 123.

[15] Siehe http://www.srichinmoy.org/deutsch/sri_chinmoy.

[16] Zit. nach http://www.relinfo.ch/aurobindo/info.html.

Quelle: Infosekten, 04.12.2010

Samstag, 4. Dezember 2010

 
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