Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Die Absolutheitsansprüche der Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas sind bekannt dafür, dass sie traditionelle Feste wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten ablehnen. Dasselbe gilt auch für die Feste im Lebenslauf wie die Konfirmation und den Geburtstag. Weil die Bibel darüber nichts berichtet, werden diese Anlässe für nichtig angesehen und ignoriert.

Allerdings gibt es bei dieser Glaubensgemeinschaft zwei wichtige religiöse Zeremonien: die öffentlichen Taufen, die einen wichtigen Bestandteil der jährlichen Bezirksversammlungen bilden und die Gedächtnismahlfeier. Das Gedächtnismahl findet einmal jährlich am 14. Nisan statt, der 2010 auf den 30. März fiel und regional stark beworben wurde. Während dieser Zeremonie werden Brot und Wein durch die Reihen der Teilnehmer gereicht. Befremdlich wirkt allerdings, dass praktisch niemand vom ungesäuerten Brot und dem Wein nimmt. Die aktive Teilnahme am Abendmahl ist nämlich den 144.000 Gläubigen der Zeugen Jehovas vorbehalten, die sich zu dem "gesalbten Überrest" zählen. Die Anzahl der Teilnehmer an dieser Gedenkfeier, die als Höhepunkt des Jahres gilt, wird genau notiert – auch die Statistik mag ein Grund für die Werbeaktivitäten sein. Im Jahr 2008 waren nach Angaben der Zeugen Jehovas weltweit 17.790.631 Personen bei Gedächtnismahlfeiern anwesend, vom Brot und Wein nahmen jedoch nur 9986 (Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2009, 31).

Eine Erklärung liefert das Studienbuch "Was lehrt die Bibel wirklich?", das übrigens auch komplett online verfügbar ist (Selters 2007, 207; http://www.watchtower.org/x/bh/): "Wer sollte bei der Gedenkfeier von dem Brot und dem Wein nehmen? Von diesen Symbolen sollten logischerweise nur diejenigen nehmen, die in den neuen Bund aufgenommen worden sind, die also die Hoffnung auf ein Leben im Himmel haben. Die Bestätigung, dass sie auserwählt worden sind, als Könige im Himmel zu regieren, erhalten die Betreffenden durch Gottes heiligen Geist (Römer 8:16). Sie stehen auch in einem besonderen Königreichsbund mit Jesus (Lukas 22:29). Wie verhält es sich mit denen, die auf ewiges Leben in einem irdischen Paradies hoffen? Auch sie befolgen Jesu Gebot und begehen das Abendmahl des Herrn, aber sie nehmen nicht von den Symbolen, sondern sind als respektvolle Beobachter anwesend. ... Obwohl sich zu der Gruppe, die die himmlische Hoffnung hat, weltweit nur noch einige tausend Personen bekennen, ist die Feier für alle Christen von größter Bedeutung. Sie alle können bei diesem Anlass über die unübertreffliche Liebe Jehovas und Jesu Christi nachdenken."

Das Nachdenken über den Absolutheitsanspruch der Zeugen Jehovas kann aber auch ins Grübeln, ja bis zur Verzweiflung führen. Vor wenigen Tagen ist in Bielefeld ein 83-jähriger Mann zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden, weil er kurz vor Ende des Gottesdienstes mit einer schussbereiten Maschinenpistole in den Königreichssaal der Zeugen Jehovas eindrang, in dem sich seine 58-jährige Tochter mit 80 anderen Gläubigen befand. Wohl nur ein technischer Defekt verhinderte das Massaker, das der wütende Vater geplant hatte – die Richter verurteilten ihn wegen 39-fachen Mordversuchs. Schon im Alter von 18 Jahren habe seine Tochter mit ihrer Familie gebrochen und sich den Zeugen Jehovas angeschlossen. Der Vater hat die Glaubensgemeinschaft für den Beziehungsabbruch seiner Tochter verantwortlich gemacht und lange über Rache nachgedacht, bis er sie in die Tat umsetzen wollte.

Religiöse Dogmen rechtfertigen keinesfalls eine kriminelle Handlung, und die genauen Zusammenhänge dieses Falls sind nicht bekannt. Dennoch belegt auch eine psychologische Dissertation die starke soziale Kontrolle, die innerhalb der Gemeinschaft für ein Klima der Überwachung und Unterdrückung sorgt (Bruno Deckert, All along the Watchtower. Eine psychoimmunologische Studie zu den Zeugen Jehovas, Göttingen 2007). Wenn Mitglieder einen "unmoralischen Lebenswandel" führen oder "falsche Lehren" fördern, können sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Für den Ausschluss werden weit reichende Konsequenzen bis hin zum vermeintlichen Verlust der Gotteskindschaft und des ewigen Lebens in Aussicht gestellt. Kein Wunder, dass solche vereinnahmenden Lehren Konflikte im sozialen Umfeld hervorrufen.

Dr. Michael Utsch, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Berlin

Quelle: Infosekten, 22.04.2010

Donnerstag, 22. April 2010

 
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