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New Age aus christlicher Sicht

Harry Potter und Co. – die Faszination Fantasy

Der Zauberlehrling Harry Potter zieht nach wie vor eine riesige Fangemeinde in seinen Bann. Doch auch andere Fantasy-Helden begeistern.

Als die allein erziehende Mutter und Sozialhilfeempfängerin Joanne K. Rowling 1997 ihren ersten von sieben Harry Potter-Romanen ablieferte, ahnte sie wohl kaum, welch riesigen Erfolg sie damit haben würde. Und auch nicht, dass ihr Zauberlehrling sie zu einer der reichsten Frauen Grossbritanniens machen würde. Bis heute wurden die Bücher in mehr als sechzig Sprachen übersetzt und ihre Gesamtauflage liegt bei weit über 400 Millionen Exemplaren. Auch die Filme erwiesen sich als Kassenschlager und spielten zusammen mehr als vier Milliarden Dollar ein.

Was fasziniert an Harry Potter?

Die Harry Potter-Geschichten bewegen sich immer zwischen zwei Welten: einer ganz realen, wie wir sie kennen, und der Parallelwelt der Magie, in der Harry Potter das Zauberinternat von Hogwarts besucht. Die Bücher erzählen, welche Abenteuer und Prüfungen Harry und seine Freunde bestehen müssen. Sie sind keine übermenschlichen Superhelden, doch gerade das macht sie so sympathisch. Trotzdem bietet die Zauberwelt Gelegenheit, der Fantasie freien Lauf zu lassen. Es ist wohl diese Mischung, die sich als das Erfolgsrezept der Harry Potter-Reihe erwiesen hat. Zudem erlebt man durch die Lektüre der sieben Bände, wie sich Harry vom elfjährigen Kind zum Teenager entwickelt. Und die Bedrohungen, die vom bösen Zauberer Lord Voldemort ausgehen, verleihen den Romanen natürlich eine zusätzliche Spannung.

Die Welt des J.R.R. Tolkien

Fast noch mehr Fans als der Zauberlehrling Harry Potter hat der dreibändige Fantasy-Roman „Der Herr der Ringe“ („The Lord of the Rings“) des Briten John Ronald Reuel Tolkien (1892–1973). Lange galt er als unverfilmbar, wurde aber dann doch mit einem gigantischen finanziellen Aufwand – man spricht von 270 Millionen Dollar Produktionskosten – auf Zelluloid gebannt. Als der Film zwischen 2001 und 2003 in drei Teilen in den Verleih kam, wurden manche Kinos regelrecht gestürmt. Tolkien erschuf eine Fantasiewelt namens Mittelerde, in der es vor feenhaften Wesen, listigen Zwergen, relativ normalen Menschen, grässlichen Monstern und drolligen, menschenähnlichen Hobbits nur so wimmelt. Mittelerde ist Schauplatz großer Kriege und gigantischer Schlachten zwischen guten und bösen Mächten. Doch Tolkien schrieb nicht einfach nur eine spannende Geschichte, sondern lieferte noch eine wahre Flut zusätzlicher Details: Er erfand komplette Sprachen, zeichnete detaillierte Landkarten von Mittelerde und konstruierte eine mittelerdische Geschichte, die weit über den Zeitraum des „Herrn der Ringe“ in die Vergangenheit zurückreicht.
Der gigantische Erfolg des „Herrn der Ringe“ lässt einen kaum glauben, dass der Schmöker zunächst ein Flop zu werden drohte. Denn das schon Mitte der 50er-Jahre erschienene Werk erlebte seinen Durchbruch erst, als es 1965 in den USA veröffentlicht wurde und dort den Nerv der Hippiegeneration traf. Im „Herrn der Ringe“ fand sie brennend aktuelle Themen wie Krieg und Umweltzerstörung behandelt. Daher ist es kein Zufall, dass Tolkien gerade in der Ökologie- und Friedensbewegung zum Kultautor wurde.
Tolkien, von Beruf Professor in Oxford, war ein tiefgläubiger Katholik. Und so enthält der „Herr der Ringe“ viele christliche Motive. Unter den zahlreichen Wesen, die Mittelerde bevölkern, werden nämlich ausgerechnet die Menschen immer wieder anfällig für das Böse. Als letztendlich sehr stark und standhaft erweisen sich dagegen die Hobbits, eigentlich die schwächsten und naivsten Geschöpfe in Tolkiens Welt. Denn einer von ihnen nimmt zwar nicht das Kreuz, aber den Ring als Machtinstrument des Bösen auf sich, um ihn unter großen Mühen und Gefahren zu zerstören und damit alle anderen Bewohner Mittelerdes zu erlösen.

Geliebter Vampir

Der neuste Star in der Fantasy-Szene ist die 34 Jahre alte Amerikanerin Stephenie Meyer. 2006 erschien ihr Roman „Bis(s) zum Morgengrauen“ („Twilight“), dem bisher drei Fortsetzungsbände folgten. Auch sie stürmten die Bestsellerlisten und dienten als Vorlage für einen Kinofilm. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen dem Vampir Edward Cullen und der Highschool-Schülerin Bella Swan. Im Gegensatz zu „Harry Potter“ und dem „Herrn der Ringe“ drehen sich Meyers „Bis(s)“-Romane vor allem um die Themen Liebe und Beziehung. Daher sind die Geschichten vor allem bei Mädchen und jungen Frauen beliebt. Allerdings ist es eine keusche und enthaltsame Liebe, die Edward und Bella verbindet. Das kann nicht überraschen, wenn man weiss, dass die Autorin zur Glaubengemeinschaft der Mormonen gehört. In ihr ist vorehelicher Sex ein Tabu, Ehe und Familie dagegen sind ein grosses Ideal. Kein Wunder also, dass sich Bella schliesslich entscheidet, ihren geliebten Vampir zu heiraten. Dem Erfolg der Romane haben solch strengen Moralvorstellungen nicht geschadet – im Gegenteil: Offenbar schätzen gerade junge Leser(innen) die moralische Eindeutigkeit in Meyers Büchern. Und sie können endlich wieder einmal an die eine ganz grosse Liebe glauben.

Ist Fantasy gefährlich?

Dennoch ist vor allem vielen bibeltreuen Christen die Fantasy verdächtig: Die Bücher und Filme, so argumentieren sie, verherrlichen Zauberei und Magie. Sie würden daher vor allem Kinder zum Okkultismus verführen. In Deutschland kommt es in kirchlichen Kindergärten und Schulen immer wieder zu erbitterten Debatten, ob Kindern die Lektüre von Büchern wie „Harry Potter“ oder auch „Die kleine Hexe“ von Ottfried Preussler überhaupt erlaubt werden soll. Schliesslich werde schon in der Bibel vor Zauberei und der Anwendung magischer Praktiken gewarnt.
Doch wenn man sich die Sache einmal in Ruhe betrachtet, ist alles halb so wild. Im Alten Testament wird vor Zauberei gewarnt, weil sie Götzendienst ist, also zur Anbetung falscher Götter anstiftet. Davon sind aber die erwähnten Filme und Romane weit entfernt. Zauberei und Magie sind in ihnen Ausdruck der Fantasie, nicht Anleitungen zur Lösung alltäglicher Probleme. Und wenn man genau hinschaut, dann merkt man, dass es in den Büchern bei aller Magie eigentlich um sehr alltägliche Wahrheiten geht. Die Autoren laden zwar in eine Fantasiewelt ein, doch lernt man in ihr viel über Werte wie Treue, Tapferkeit, Hingabe, Liebe, Freundschaft und vieles andere. Kein Wunder also, dass gerade Jugendliche Fantasy-Romane so lieben: In Hogwarts und Mittelerde erfahren sie sehr viel über die reale Welt, in der sie leben.

Lob vom Vatikan

Zu diesem Schluss kommt neuerdings sogar der Vatikan. Nachdem aus ihm eine Weile sehr kritische Stimmen zu „Harry Potter“ zu vernehmen waren, gelangt er nun offenbar zu einem anderen Ergebnis: Die Vatikan-Zeitung „Osservatore Romano“ lobte den neuen Film und wies die Kritik zurück, dass Harry Potter-Geschichten Zauberei und schwarze Magie verherrlichen würden. Der Einsatz von Magie sei kein anderer wie in „klassischen Märchen". Ob das die eingefleischten Fantasy-Kritiker überzeugen wird? Die Diskussionen dürften wohl noch eine ganze Weile andauern. Das Problem sind allerdings nicht die Fantasy-Geschichten, die eben nichts weiter sind als Fantasie-Produkte. Problematisch ist eher, dass in vielen Medien oft völlig unkritisch über selbsternannte Hexen und ihre magischen Praktiken berichtet wird. So wird der Okkultismus tatsächlich salonfähig gemacht. Daher ist es gut, dass es Fantasy-Bücher und -Filme gibt. Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass ihre Fans wenig Neigung zum Ausprobieren okkulter Techniken wie Pendeln und Gläserrücken haben. Gerade weil sie wissen, dass Magie nur in der Fantasie funktioniert. Und für diese Erkenntnis kann man den Fantasy-Autoren doch eigentlich nur dankbar sein.

Dr. Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 29.07.2009

Mittwoch, 29. Juli 2009

 
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