Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Okkultismus und Satanismus

Bericht von einer Tagung im RomeroHaus

Die Beschäftigung mit Erscheinungen und Fähigkeiten, die mit dem wissenschaftlichen Denken nicht oder noch nicht erklärt werden können – der Okkultismus – scheint immer noch zuzunehmen: als eine Gegenbewegung zum rational geprägten Lebens-, Menschen- und Weltverständnis wie als eine Protestbewegung mit auch gefährlichen Ideologien und Praktiken. Die Oekumenische Arbeitsgruppe «Neue Religiöse Bewegungen» führte deshalb zusammen mit dem RomeroHaus eine gut besuchte offene Tagung durch, die sich unter dem Titel «Satanisten – Okkultisten» mit okkulten Gegenwelten beschäftigte.

«Orden»
Dem Leitwort des RomeroHauses «Wir verbinden Welten», an das Othmar Eckert in seiner Begrüssung erinnerte, und der Leitfrage der Veranstalterin: «Was bewegt Okkultisten?» entsprechend sollte die Tagung mit einem Gespräch eröffnet werden. Doch Satorius (Markus Wehrli aus Rothenburg bei Luzern), der Prior des Schwartzen Ordens von Lucifer, erschien nicht. So begann die Tagung mit einem spannenden Rückblick des Ethnologen Peter Koenig auf die Geschichte des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) anhand seiner Ahnen. Begonnen hat die Geschichte des O.T.O. um 1900 im Kontext der Freimaurerei, indem Carl Kellner (1850-1905) das Hatha-Yoga in den Westen einführte und einen Hatha-Yoga-Kreis gründete. Nach ihm führte Theodor Reuss (1850-1923) einen libertinistischen Manichäismus in die Bewegung ein: in den höheren Graden wurde Sexualmagie geübt. Für die Schweiz wichtig wurden Felix Lazerus Pinkus (1881-1947) und sein Ziehsohn Hermann Joseph Metzger (1919-1990). Sie führten die Spermagnosis ein bzw. übten sie. Diese Übung muss man sich sehr handgreiflich vorstellen, wirkliche Anwendungen von Sperma, das als Träger der Göttlichkeit angesehen wurde.
Heinrich Arnold Krumm bzw. Arnoldo Krumm-Heller (1879-1949) machte sich als Homöopath auf die Suche nach der Universalmedizin und fand sie im yogisch gnostisch aufgeladenen Sperma. Der englische Okkultist und Magier Edward Alexander (Aleister) Crowley (1875-1947) trug mit seinem «Buch des Gesetzes» (1904) weiter zum Ausbau der O.T.O.-Lehre und –Praxis bei und gewann vor allem eine Klientel in den USA. Von den verschiedenen Strömungen der O.T.O.-Bewegung verstand sich schliesslich die amerikanische als die wahre zu etablieren.
An Stelle des nicht erschienenen Satorius stellte Federico Tolli einen gesellschaftlich akzeptierten und konformen Okkultismus vor, wie er sich in Deutschland im Dachverband «Concilium-GENA» zusammengeschlossen hat. Als einst katholischer Theologe möchte er vom Okkultismus zu den Kirchen eine Brücke bauen. So erklärt er den Okkultismus als eine Gestalt des Mystizismus, der in der Mystik eine Entsprechung habe. Den Okkultisten gehe es um «hermetische» Individuation, die Annahme seiner selbst («Erkenne dich selbst!»), um spirituelle Entwicklung und die persönliche Beziehung zum Göttlichen. Die okkulten Rituale seien Wege zur Heiligung und Vergöttlichung.
Gegen Aleister Crowley bezeichnete Federico Tolli die Magie als spirituellen Lebensweg, der nicht das Universum nach seinem Willen formen will, sondern sein eigenes Universum formen lässt. Diese Magie gründe auf dem holistischen Weltbild und der «hermetischen» Lehre, namentlich der Hermes Trismegistos zugeschriebenen «Tabula Smaragdina». Gegen den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit beruft sich dieser Okkultismus auf Carl Gustav Jung und seine Archetypenlehre, die sich in verschiedenen Analogiesystemen des Okkultismus (Tarot, Kabbala, Alchemie usw.) wiederfinde. Und die Vergöttlichung sei im Sinne von heil werden, ganz werden zu verstehen und habe eine Entsprechung in der christlichen Lehre von der «theosis».
Kritisch nachgefragt bei Federico Tolli wurde, was Einsteiger und Einsteigerinnen in den sanften hermetischen Okkultismus mit ihrer Schattenproblematik machen bzw. wie die Gruppen darauf eingehen. Umgekehrt regte er an, die Kirchen könnten für die okkulte Szene Seelsorge anbieten.

Gefährliche Ideologien und Praktiken
Der Satanismus von Satorius wird mit dem Rechtsextremismus in Verbindung gebracht. Nach Einschätzung von Peter Koenig ist die Ideologie von Satorius Neofaschismus im Gewand des Satanismus.
Zu welch gefährlichen Praktiken der Satanismus selber und schon der Jugendsatanismus führen können, zeigte Joachim Müller mit konkreten Beratungsfällen auf. Gemeinsames Merkmal dieser Fälle waren die Gewalt oder die Gewaltbereitschaft, die sich als Androhung von Gewalt äussert. Die Tatstrafbestände reichen von Vergewaltigung bis Mord. Der Satanismus scheint eine Männerszene zu sein; mehrheitlich Frauen machen dafür den Bereich der schwarzen Magie aus. Weil in der Satanismusszene Arkandisziplin geübt wird und manche Gruppen zeitlich begrenzte kleine Zirkel bilden, sind Behörden kriminellen Machenschaften gegenüber häufig hilflos.
Während in der entsprechenden Erwachsenenszene sexuelle Missbräuche eine Rolle spielen, hat der Jugendsatanismus mit der jugendlichen Protestkultur zu tun. Ungefährlich ist das Spiel mit dem Faszinierenden aber nicht. Doch hat auch der fundamentalistische Kampf gegen den Satan seine Gefahren. So rät Joachim Müller, die Ängste, auch die Dämonenangst ernst zu nehmen und die Menschen bei ihrem Umgang mit ihren Ängsten zu begleiten.

Für eine Balance von Eigenständigkeit und Solidarität
Zwischen Gier und Neugier verortete Martin Scheidegger, Theologe und Psychologe, den Okkultismus: zwischen Freizeitbeschäftigung («Neu...») und Suchtverhalten («...gier»). Als (Sucht-)Gefahren nannte er für den einzelnen Angstzustände und psychische Störungen und für die Gesellschaft eine Gefährdung des demokratischen Verhaltensmusters im Gefolge der Anerkennung der Willkür einer fremden Macht und Autorität.
Wenn das Okkulte als eine Wirklichkeit jenseits der Sinneserfahrung verstanden wird, können in diesem Anderen Erfahrungen verobjektiviert werden, können durch entsprechende Praktiken Angst und Tod gebannt werden.
Symbole eröffnen einen Zugang zu Lebensfragen, wenn man nur Wirklichkeit und Bedeutung zu unterscheiden weiss. Wenn der Teufel als Symbol für das Böse als unpersönliche Macht verstanden wird, dann kann man die Wirklichkeit des Bösen verarbeiten, das Dunkle integrieren und sich so neue Lebensmöglichkeiten eröffnen und versöhnt werden; andernfalls muss man den Teufel bekämpfen.
Der Umgang mit dem Okkulten bzw. vor allem mit okkulten Praktiken verlangt nach einer stabilen Persönlichkeit. Diese Stabilität zeigt sich für Martin Scheidegger daran, wie der Mensch mit Sinnfragen umgeht: sucht er als Sinn des Lebens den Sinn seines Lebens, ist er stabil, sucht er den absoluten Sinn, begibt er sich in Abhängigkeit. Den Sinn seines Lebens findet der Mensch indes nicht einseitig als Individuum, sondern im Rahmen einer Gemeinschaft mit ihren Werten und Normen und ihrer Lehre. Eine stabile Persönlichkeit befindet sich demnach im Gleichgewicht zwischen Eigenständigkeit und Solidarität.
Gefährlich ist der Umgang mit dem Okkulten vor allem in Lebenskrisen, in Situationen, in denen eine Neuorientierung nötig ist. Eine solche Neuorientierung steht aus entwicklungspsychologischer Notwendigkeit vor allem in der Adoleszenz an, und deshalb ist «der magische Kreis» für Jugendliche besonders gefährlich.

Rolf Weibel

Quelle: Infosekten, 18.12.2002

Mittwoch, 18. Dezember 2002

 
nach oben © Mittwoch, 24. Januar 2018, 08:35 Uhr · kath.ch/infosekten · infosekten@kath.ch