Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

20 Jahre Basler Psi-Tage – (k)ein Grund zum Feiern?

Anfang der achtziger Jahre trug der einsetzende Esoterik-Boom das Interesse an Unerklärlichem allmählich in breitere Bevölkerungsschichten. Frédéric Walthard, der es sich als Generaldirektor der Mustermesse Basel zum Ziel gesetzt hatte, gesellschaftsrelevante Themen aufzugreifen, nahm diesen Trend zum Anlass, Geist- und andere unkonventionelle Heiler aus ganz Europa zu einem Kongress einzuladen. Der Grundstein für die Psi-Tage war damit gelegt. Anfangs wurde Walthard für sein Engagement belächelt, doch müssen heute selbst Kritiker zugeben, dass zumindest unter quantitativem und damit auch kommerziellem Aspekt die Geschichte der Basler Psi-Tage zweifellos eine Erfolgsstory ist: waren es zu Beginn nur einige Hundert Interessenten, die nach Basel pilgerten, um sich über paranormale Phänomene auszutauschen, nehmen heutzutage rund 2000 Besucher an dem viertägigen Kongress teil.
In den zwanzig Jahren ihres Bestehens haben sich die Psi-Tage allerdings inhaltlich gewandelt. Wurde früher mit wissenschaftlichem Ernst das weite Feld der Parapsychologie und anderer Grenzgebiete beackert, drängte sich in den letzten Jahren immer mehr die populäre Esoterik und damit leider auch viel Obskures in den Vordergrund. Immer öfter liessen die Veranstalter bei der Auswahl der Referenten die nötige Sorgfalt vermissen, was zum Beispiel im letzten Jahr dazu führte, dass sich der sektenartig strukturierte und nicht unbedenkliche „Bruno Gröning-Freundeskreis“ völlig ungehemmt darstellen konnte, während kritische Stimmen kaum noch zu Wort kommen konnten. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, der Obskurantismus zelebriere sich selbst, was dem ursprünglichen Ansatz der Psi-Tage, nämlich ein Forum des Austauschs und damit auch der Kontroverse zu sein, völlig zuwiderlief.
Anlässlich des 20jährigen Jubiläums haben sich die Veranstalter glücklicherweise auf ihre alten Tugenden besonnen und mit Walter v. Lucadou und Peter Mulacz Koryphäen der seriösen Parapsychologie eingeladen, die sich dankenswerterweise nicht scheuten, esoterischen Unfug auch als solchen zu benennen. Mulacz etwa riet den Besuchern der Begleitmesse „Aura“, kritischer zu werden und sich von den diversen Anbietern esoterischer Waren und Dienstleistungen nicht mit Pseudo-Antworten abspeisen zu lassen. V. Lucadou erklärte, dass es Fähigkeiten wie Telepathie und Hellsehen durchaus gebe, diese sich aber nicht quasi auf Knopfdruck aktivieren und daher auch kaum für kommerzielle Zwecke nutzen liessen. Zu „echten“ Psi-Phänomenen gehöre im übrigen jener Selbstzweifel, der den zahllosen Scharlatanen und Schwindlern auf dem Esoterik-Markt bezeichnenderweise gerade abgehe.
Ob die Mehrheit des Publikums solche kritischen Anmerkungen hören wollte, sei einmal dahingestellt. Jedenfalls wurde es durch die Zusammenstellung des Tagungsprogramms einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: während v. Lucadou in aufgeklärt-abgeklärter Weise die Parole „Spuk ist normal“ ausgab und überzeugende wissenschaftliche Erklärungsversuche für solche Phänomene bot, liess die australische Esoterik-Queen „Jasmuheen“ kurze Zeit später den ganzen Saal „La-la-la“ singen, um die Leute auf die „Madonna-Frequenz“ einzustimmen.
Zu den Stars der diesjährigen Psi-Tage zählten ausserdem Erich von Däniken, der Schotte Bill Coller, ein vor allem in der Schweiz sehr gefragtes Medium, und der durch sein „Familienaufstellen“ bekannt gewordene deutsche „Therapeut“ Bert Hellinger. Bei seinem Vortrag herrschte eine andächtige Stille im Saal und es wurde auch grosszügig darüber hinweggesehen, dass er seine Redezeit überzog. Von den Veranstaltern wurde zwar kurz darauf hingewiesen, dass Hellingers Theorie und Methode nicht unumstritten seien, ansonsten liess man den gütig-grossväterlich auftretenden Herrn jedoch gewähren. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich Hellinger allerdings als ziemlich egomanisch, was sich nicht nur darin äusserte, dass er alle, mit denen er es zu tun hat, notorisch duzt, sondern auch die Arroganz besass, auf eine Frage, die ihm während einer Podiumsdiskussion gestellt wurde, mit der Rezitation eines Rilke-Gedichtes zu antworten, auf die Frage ansonsten aber nicht einging – sie schien ihn schlichtweg nicht zu interessieren. Dass er es auch während der Psi-Tage nicht lassen konnte, eine kurze „Familienaufstellung“ – noch dazu in einem Missbrauchsfall (!) – durchzuführen, versteht sich da fast schon selbst.
Angesichts solcher Auftritte stellt sich die Frage nach der Zukunft der Psi-Tage; dies um so mehr, als das Kongresszentrum Basel die Verantwortung in die Hände der neu gegründeten „Psi-Tage AG“ gelegt hat. Bisher hatte das Kongresszentrum so etwas wie eine Kontrollfunktion inne und verhinderte beispielsweise den Auftritt der angeblichen Anne Frank-Reinkarnation Barbro Karlen. Fällt diese Aufsicht nun weg, ist es nach bisherigen Erfahrungen nicht ausgeschlossen, dass bei den Organisatoren die letzten Hemmungen fallen und sie mit Blick auf den kommerziellen Erfolg der Psi-Tage vermehrt skandalträchtige Personen einladen werden. Man darf also auf die Referentenliste des nächsten Jahres gespannt sein, wenn einmal mehr das „Geistige Heilen“ Thema der Psi-Tage sein wird. Die Zukunft wird zeigen, ob darüber seriös, kontrovers und fair diskutiert werden kann oder der Kongress erneut und dann wohl endgültig in den Obskurantismus abrutschen wird.
Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 02.12.2002

Montag, 2. Dezember 2002

 
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