Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Buchtipp: „Scientology. Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will“ von Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck

Noch ein Buch über Scientology und dann noch eins mit stattlichen 600 Seiten Umfang – muss das denn sein? Sind in letzter Zeit nicht schon genüg Bücher über die umstrittene Organisation erschienen? Wertet man die Psycho-Sekte durch eine solche Fülle nicht unnötig auf, erreicht also das Gegenteil dessen, was die Bücher bezwecken, nämlich zur Eindämmung der Gefahren durch Scientology beizutragen?
Um es gleich vorwegzunehmen: Das Buch von Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck gehört mit zum Besten und Wichtigsten, was in letzter Zeit zur angeblichen „Kirche“ veröffentlicht wurde. Denn zum einen bietet es einen guten Überblick über die aktuelle „Frontlage“ in der Auseinandersetzung mit Scientology – Stichworte: Tom Cruise oder die Eröffnung der neuen Berliner Glitzer-„Org“ in der Ottto-Suhr-Allee –, zum andern ist das Werk eines der ersten Geschichtsbücher über Scientology und bietet als ein solches eine ausführliche Biografie des Sektengründers L. Ron Hubbard. Natürlich war, vor allem auf dem amerikanischen Markt, an kritischen Büchern über Hubbard auch bisher kein Mangel, doch diese Literatur – man denke etwa an „Bare-Faced Messiah“ von Russell Miller – ist, obschon z.T. als Volltext-Version im Internet abrufbar und natürlich in großen Bibliotheken erhältlich, mitunter schwer zu bekommen. Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck haben nun die wichtigsten Darstellungen Hubbards gesichtet und auf über achtzig Seiten zu einem neuen biografischen Abriss synthetisiert.
Viel Neues erfährt man jedoch nicht nur über den Scientology-Gründer, sondern auch den jetzigen Herrscher über das Sektenimperium, David Miscavige. Auf ebenso spannende wie informative Weise erzählen die beiden Autoren, wie sich Miscavige und sein Rudel junger, fanatischer Scientologen nach Hubbards Tod an die Macht kämpften und in klassisch stalinistischer Manier die alte Garde außer Gefecht setzten. Es gibt derzeit wohl kaum ein deutschsprachiges Buch, das die Hintergründe über den Wechsel an der Scientology-Spitze von Hubbard zu Miscavige so umfassend darstellt.
Selbstverständlich liegt der Fokus von Nordhausen und v. Billerbeck auf dem immensen Gefahrenpotenzial, das von Scientology ausgeht. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) ist den Autoren das Bemühen anzumerken, die Verhältnismäßigkeit zu wahren und auch auf die Schwächen von Scientology hinzuweisen. So zeigen sie beispielsweise überzeugend, dass mit dem Internet ein Medium herangewachsen ist, in dem sich der Widerstand gegen die Sekte auf so effiziente Weise organisieren lässt, dass es dem Psycho-Konzern bisher nicht gelungen ist, diesen Widerstand auf dem üblichen Weg der Einschüchterung, Verleumdung und Nutzung von Rechtsmitteln loszuwerden.
Alles in allem also ein ebenso wichtiges wie lesenswertes Buch. Aus kirchlicher Sicht gibt es allerdings zwei Wermutstropfen zu beklagen: Der eine betrifft den Umstand, dass mit Ausnahme der Werke von Friedrich-Wilhelm Haack Bücher theologischer Provenienz (zumindest gemäß Literaturverzeichnis) wie etwa Werner Thiedes wichtiger Beitrag über den „geistesmagischen“ Aspekt der Scientology-Ideologie unbeachtet geblieben sind, zum andern geht mit den Autoren wohl ein wenig die journalistische Feder durch, wenn sie das (zugegeben umstrittene) „Opus Dei“ in die Nähe von Scientology rücken. Der Bedeutung des Werks tut dies aber kaum Abbruch, und so ist ein unverzichtbares Vademecum für die Auseinandersetzung mit Scientology entstanden, zumal es durch einen von Ralf Bernd Abel verfassten Rechtsratgeber praxisnah abgerundet wird.

Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck, „Scientology. Wie der Sektenkonzern die Welt erobern will“, Ch. Links Verlag, Berlin 2008, 600 S., 19,90 EUR, 35,90 CHF.

Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 16.10.2008

Donnerstag, 16. Oktober 2008

 
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