10/2003

INHALT

Pastoral

Die Rolle der Religion bei der Bewältigung kritischer Lebensereignisse

von Urs Winter

 

Der liebe Gott hat es so gewollt, dass ich diese Aufgabe kriege. Ich akzeptiere sie» (Freiburger Nachrichten, 4. Januar 2002, S. 1). Diese Worte machten vor gut einem Jahr in der Schweizer Presse Schlagzeilen. Sie stammen von Silvano Beltrametti, dem ehemaligen Skialpin-Abfahrer, welcher seit einem Unfall im vergangenen Jahr querschnittsgelähmt ist. Die Zeilen liessen mich aufhorchen, da ich mich seit längerer Zeit mit der Frage auseinander setze, ob und wie Religion bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen wie beispielsweise einem Todesfall, einer ernsthaften Erkrankung oder einer Trennung vom Lebenspartner eingesetzt wird.

1. Einleitung

Im folgenden Beitrag gehe ich zunächst auf zwei psychologische Mechanismen ein, welche bei der Bewältigung dieser Ereignisse im Zusammenhang mit Religion eine Rolle spielen. Anschliessend stelle ich Befunde einer eigenen Studie dar, welche ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit am psychologischen Departement der Universität Freiburg unternahm.

2. Die Funktion der Religion aus psychologischer Sicht

Von einem psychologischen Standpunkt aus betrachtet, werden im religiösen Handeln und Erleben neben religiösen auch psychologische und soziale Motive verfolgt und befriedigt (z.B. Leuba, 1912; S. Freud, 1927; Geerz, 1966; Pargament, 1997; Pargament, Koenig & Perez, 2000). Im Zusammenhang mit kritischen Lebensereignissen scheint die Suche nach Sinn und die Suche nach Trost sowie sozialer Unterstützung entscheidend zu sein.

2.1 Die Suche nach Sinn

Seit Anbeginn der Menschheit suchen Menschen in der Welt Sinn und Ordnung. Viele religiöse Traditionen betrachten die Welt als sinnhaft und geordnet (Pargament, 1997) und stellen somit den Gläubigen ein Sinnsystem zur Verfügung, welches Antwort auf Fragen wie Leiden, Tod, Ungerechtigkeit und Tragik gibt (Moos & Schaefer, 1986; Ganzevoort, 1998; Payne, 1999). Damit verhilft die Religion dem Menschen, seine Rolle im Universum zu verstehen, Lebensperspektiven zu finden und Mut zu haben, das erfahrene Leid besser zu ertragen (George, Larson, Koenig & McCullough, 2000). So konnten beispielsweise Nolen-Hoeksema und Larson (1999) nachweisen, dass es religiösen Menschen einfacher fällt, Sinn in einem Todesfall zu finden.
Eine Stärke der Religion in diesem Zusammenhang liegt in ihrer Fähigkeit, schwierige Ereignisse von einem neuen Standpunkt aus zu betrachten. Durch diese Neubewertung (engl. Reframing) eines Ereignisses kann Leid zu etwas Erklärbarem, Ertragbarem bis hin zu etwas Wertvollem werden. Dabei möchte ich auf zwei Strategien etwas näher eingehen (Pargament, 1997):

a) Religiöses Reframing des Ereignisses ­ der Wille Gottes

Diese Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass im belastenden Ereignis der Wille Gottes vermutet wird. Das Ereignis verliert dadurch seine Sinnlosigkeit und kann als Möglichkeit des Wachstums verstanden werden, zum Beispiel das Leben in all seinen Aspekten kennen zu lernen. So konnten Siegel und Schrimshaw (2002) zeigen, dass die Zuschreibung einer HIV-Infektion als «Gottes Wille» oder «Plan» bei der Bewältigung der Krankheit eine Rolle spielt. Die eingangs zitierten Worte von Silvano Beltrametti könnten zu dieser Strategie gezählt werden.

b) Religiöses Reframing des Heiligen ­ ein bestrafender Gott

Diese Strategie betrifft das Heilige selbst und verlangt eine Neueinschätzung Gottes. Der Mensch erachtet das Ereignis dabei als Strafe Gottes für sein Fehlverhalten. Laut Bearon und Koenig (1990) attribuieren nur wenige Menschen belastende Ereignisse als Bestrafung Gottes. Viel eher werden positive Neueinschätzungen vorgenommen.

2.2 Die Suche nach Trost und sozialer Unterstützung

Quelle des Trostes in belastenden Situationen kann die Liebe und Barmherzigkeit Gottes sein. Der Mensch sucht dabei in der Beziehung zu Gott Stärke oder Geborgenheit, damit er mit belastenden Situationen besser umgehen kann. Psychologisch kann man sich diesem Phänomen in zweifacher Hinsicht nähern: Tardy (1985) betrachtet Gott als Mitglied des sozialen Stützsystems und postuliert, dass die Gottheit emotionale, instrumentale und informative Unterstützung spenden kann (s. auch Sommer & Fydrich, 1989; Schwarzer & Leppin, 1989). Einen anderen psychologischen Erklärungsansatz wählt Kirkpatrick (1992). Er erklärt das Phänomen der Unterstützung durch Gott mit Hilfe der Bindungstheorie, wobei Gott die Rolle einer wichtigen Bezugsperson zugesprochen wird, welche in belastenden Zeiten Trost und emotionale Unterstützung spendet.
Neben der Unterstützung durch Gott kann die religiöse Gemeinschaft selbst Quelle sozialer Unterstützung sein. Für den Soziologen Emile Durkheim (1915) ist Religion primär ein soziales Phänomen. Durch gemeinsam geteilte Glaubensüberzeugungen und Rituale erfährt der Gläubige ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Intimität. Ellison und George (1994) konnten beispielsweise aufzeigen, dass in eine religiöse Glaubensgemeinschaft integrierte Menschen weniger einsam sind als Menschen, bei welchen die Verbindung zur religiösen Gemeinschaft einen weniger wichtigen Platz in ihrem Leben einnimmt. Beispiel einer sozialen Unterstützung durch die religiöse Gemeinschaft ist die seelsorgerliche Begleitung nach einem Todesfall durch einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin. So zeigte sich in der Untersuchung von Nolen-Hoeksema und Larson (1999), dass religiöse Menschen bei der Verarbeitung eines Todesfalles mehr soziale Unterstützung erhalten als areligiöse.
Pargament (1997) zählt zur sozialen religiösen Unterstützung ebenfalls das Spenden von sozialer Unterstützung (z.B. eine Person in das persönliche Gebet einschliessen). Dieses altruistische Verhalten verhilft der Person unter anderem, sich von den eigenen Problemen abzulenken, und gibt der Person ein Gefühl der Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit (Krause, Herzog & Baker, 1992).

3. Studie

Die Untersuchung zielte darauf ab, die Rolle der Religion bei der Bewältigung eines kritischen Lebensereignisses in der Schweiz zu ergründen. Dabei wurden 1500 Fragebögen an religiöse Gemeinschaften der Landeskirchen und Freikirchen gesandt. Bisherige Befunde zur Rolle der Religion bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen liegen hauptsächlich aus den USA vor. Da sich der kulturelle und religiöse Kontext der Schweiz von demjenigen der USA beträchtlich unterscheidet (Koenig et al., 2001; Höllinger & Smith, 2002), stellte sich die Frage, ob diese Befunde auch in der Schweiz repliziert werden können.
In der Studie wurden zwei grundlegende Fragestellungen aufgeworfen:
a) Welche Faktoren sind entscheidend, dass eine Person in einer belastenden Situation Religion zur Bewältigung einsetzt?
b) Wie wirken sich die religiösen Bewältigungsstrategien auf den Ausgang der Situation aus, das heisst, gibt es religiöse Strategien, welche die Bewältigung erleichtern, und solche, welche die Bewältigung eher zusätzlich erschweren?

3.1 Beschreibung der Stichprobe

An der Untersuchung haben 243 Frauen und 85 Männer teilgenommen. Dies bedeutet, dass nur etwa ein Viertel der Stichprobe Männer sind. Dieses Verhältnis scheint die Wirklichkeit des kirchlichen Alltags widerzuspiegeln. Die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher und der kirchlich-engagierten Menschen sind Frauen (Family, 1999). Bei der Religionszugehörigkeit steht die römisch-katholische Konfession an erster Stelle (45%), gefolgt von reformierten Gläubigen (26%) und Freikirchen (25%). Das Durchschnittsalter beträgt 44,47 Jahre, wobei Personen von 19 bis 83 Jahren an der Untersuchung teilgenommen haben.
Aufgrund der Rekrutierung der Befragten, lassen die vorliegenden Befunde keine Generalisierung auf die deutschschweizerische Bevölkerung zu. Jedoch dürften die Befunde die Situation von mittel- bis hochreligiösen Deutschschweizern repräsentieren, welche sich dem christlichen Glaubensgut nahe fühlen. Dies zeigt sich durch die Erhebung der allgemeinen Religiosität, welche sich unter anderem aus Fragen zum persönlichen Gebet und Gottesdienstbesuch zusammensetzt. Dabei zeigt sich folgendes Bild: 65% aller Versuchspersonen beten täglich ein- oder mehrmals, 19% einmal in der Woche, 12% einmal im Monat oder einige Male pro Jahr und 4% beten nie. Ein ähnliches Bild zeigt der Gottesdienstbesuch: 47% gehen einmal oder mehrmals wöchentlich in einen Gottesdienst, 13% alle vierzehn Tage, 15% einmal im Monat, 19% ein paar Mal im Jahr und 6% besuchen nie einen Gottesdienst.

3.2 Kritische Lebensereignisse

Die Befragten wurden gebeten, das belastendste Ereignis anzugeben, welches sie innerhalb der letzten drei Jahren erlebten. Die Vielzahl der erwähnten Ereignisse wurden anschliessend in die vier Kategorien soziale Konflikte, Krankheit, Todesfall und Andere eingeteilt. Dabei zeigte sich, dass ein Drittel der Probanden einen sozialen Konflikt erlebten, wobei eine Krise in den Familienbeziehungen die prominenteste Stelle innehat. Die Kategorie der Krankheit bildet die zweitgrösste Gruppe (21%). Innerhalb dieser Kategorie wurden Krankheiten oder Verletzungen im Zusammenhang mit einem Familienmitglied (11%) oder die eigene Person betreffend (7%) am häufigsten erwähnt. Die dritte Kategorie des Todesfalles bildet 16% der Ereignisse. Insbesondere der Tod eines Familienmitgliedes (6%) oder der Tod eines engen Freundes (4%) stellen darin die meistgenannten Situationen dar. Die drei Kategorien Todesfall, soziale Konflikte und Krankheit decken somit ca. 70% aller genannten Ereignisse ab. Die restlichen Situationen wurden der Kategorie Andere zugeteilt.

3.3 Religiöse Bewältigungsstrategien

Den Befragten wurden anschliessend eine Vielzahl von religiösen Bewältigungsstrategien unterbreitet, welche sie hinsichtlich des beschriebenen Ereignisses zu beurteilen hatten. Die Betroffenen schätzten dabei ein, in welchem Ausmass sie die beschriebenen Gedanken oder Tätigkeiten ausführten. Beispiele solcher Aussagen sind: «Ich sah meine Situation als Aufgabe, welche mir Gott gegeben hatte», «Ich fragte mich, was ich getan hatte, da Gott mich offensichtlich bestrafte», «Ich bat Gott um Stärke, Hilfe oder Führung», «Ich arbeitete zusammen mit Gott an einer Lösung der Situation» und « Ich fragte mich, ob Gott mich verlassen habe».
Mit Hilfe statistischer Analysen liessen sich die Fülle dieser Strategien in zwei grundlegende Kategorien einteilen, welche im Folgenden mit positiven und negativen Strategien bezeichnet werden. Gemeinsamkeit beider Strategien ist es, dass sie eine Beziehung zur Transzendenz ausdrücken. Beim positiven religiösen Bewältigunsverhalten (engl. Coping) handelt es sich dabei um das Streben nach einer engen Beziehung zu Gott, wobei sich der Mensch Gott anvertraut und bei ihm Liebe, Halt und Führung sucht. Gemeinsam mit Gott wird die belastende Situation kooperativ angegangen. Beim negativen religiösen Coping wird die Beziehung zu Gott in Frage gestellt. Der Mensch erlebt sich als ein von Gott Verlassener, Nicht-Geliebter. Gott scheint das Fehlverhalten des Individuums zu bestrafen.
Zusammenfassend lassen sich in den gegensätzlichen Bewältigungskategorien unterschiedliche Gottesbilder ausmachen. Während im ersten Fall von einem barmherzigen und wohlwollenden Gottesbild ausgegangen wird, wird Gott im zweiten Fall als bestrafend, fern und unberechenbar erlebt.
In der Studie zeigte sich, dass positive religiöse Strategien häufig eingesetzt werden. Hingegen wurden die belastenden Situationen nur in wenigen Fällen als Strafe Gottes betrachtet. Es scheinen sich somit der Befunde von Pargament et al. (1998a) und Pargament et al. (2001a) zu bestätigen: Positive religiöse Strategien werden gegenüber den negativen vorgezogen.

3.4 Faktoren, welche die Wahl religiöser Strategien beeinflussen, und die Auswirkung des religiösen Bewältigungsverhaltens

a) Welche Faktoren sind entscheidend, dass eine Person in einer belastenden Situation Religion zur Bewältigung einsetzt?

Weder das Alter, die Konfession, das Geschlecht noch die Art des Ereignisses hat einen Einfluss auf die Wahl religiöser Strategien. Entscheidend scheint die allgemeine Religiosität zu sein, welche die Person vor dem Eintreffen des Ereignisses ausübte. Dies bedeutet, je mehr ein Mensch seine Religiosität im Alltag pflegt (z.B. durch das persönliche Gebet), desto eher wird er dies auch in belastenden Situationen tun. Es ist daher unwahrscheinlich, dass eine Person, welche der Religion in ihrem Alltag keinen wichtigen Stellenwert beimisst, diese bei der Bewältigung einer spezifischen Situation einsetzt.

b) Wie wirken sich die religiösen Bewältigungsstrategien auf den Ausgang der Bewältigung aus?

Sowohl positive wie negative religiöse Strategien weisen Effekte auf den Ausgang eines Ereignisses auf. Während das positive religiöse Coping sich in geringem Masse als hilfreich erweist, zeigen sich grössere Effekte hinsichtlich des negativen religiösen Bewältigungsverhaltens. Diese Strategie zeigt schädigende Einflüsse auf drei Indikatoren der psychischen Gesundheit (subjektives Wohlbefinden, Ängstlichkeit und Depressivität), das heisst, negative Strategien erhöhen die Ängstlichkeit und Depressivität einerseits und vermindern das subjektive Wohlbefinden andererseits signifikant.
Zusammenfassend bestätigt sich somit die Grundannahme von Pargament (1997), welche besagt, dass Religion sowohl einen positiven als auch einen negativen Einfluss auf die Bewältigung von belastenden Lebensereignissen haben kann.

4. Fazit für die Praxis

Aufgrund der Ergebnisse der empirischen Untersuchung lässt sich für die Praxis Folgendes festhalten: Seelsorger und Psychologen sollten für die religiöse Dimension ihrer Klienten ein offenes Ohr haben. Insbesondere gilt es, Aussagen über bestrafende Gottesbilder oder Gefühle der Gottverlassenheit ernst zu nehmen («red flags») und zu thematisieren. Gerade für mittel- und hochreligiöse Gläubige spielt die Religion eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen. Daher sollte der Bereich Religion innerhalb der beratenden und psychotherapeutischen Versorgung zumindest angesprochen werden, da sich dahinter sowohl Ressourcen als auch Belastungen verbergen können. Ebenfalls wäre es vorteilhaft, wenn eine Auseinandersetzung mit religiösen Themen (z.B. Gottesbilder, Thema Schuld) ein Bestandteil einer psychotherapeutischen Ausbildung wäre.

 

Urs Winter ist Theologe (Lizentiat in katholischer Theologie) und wird demnächst das Studium der klinischen Psychologie abschliessen; im Rahmen dieses Zweitstudiums führte er eine psychologische Studie durch, über die er hier referiert; das Literaturverzeichnis ist bei ihm elektronisch erhältlich (urs.winter@unifr.ch); als wichtigste Quelle wäre zu nennen: Kenneth I. Pargament, The psychology of religion and coping: theory, research, practice, New York 1997.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003