48/2003

INHALT

Lesejahr C

Die Zeit des Wegbereiters

Marie-Louise Gubler zu Lk 3,1-6

 

Nur zwei Heiligen ist es neben Jesus vergönnt, dass nicht nur ihr Todestag, sondern ihr Geburtstag gefeiert wird: der Mutter Jesu (8. September) und dem Täufer Johannes (24. Juni). Das Lukasevangelium hat die heilsgeschichtliche Bedeutung des Täufers durch die zeitliche Verknüpfung der Vorgeschichte Jesu mit jener des Johannes betont. Alle Evangelien leiten das Wirken Jesu mit dem des letzten Propheten Johannes ein: Er ist der Wegbereiter (prodromos, praecursor), der neue Elija vor dem Anbruch des Gottesreiches, die adventliche Gestalt schlechthin. «Unter allen Menschen gibt es keinen Grösseren als Johannes» würdigt ihn Jesus (Lk 7,28). Sein Auftreten hat messianische Erwartungen ausgelöst (Lk 7,19). Ihm sind unzählige Kirchen und Taufkapellen geweiht; Orden, Bruderschaften und Hospize beziehen sich auf ihn (Johanniter), seine Verehrung als Wegbereiter Christi war weit verbreitet (bes. Franziskus, häufiger Vorname), Kunst und Brauchtum haben sich seiner angenommen, sein Märtyrertod durch Herodes Antipas wird auch von Josephus berichtet, sein Grab von Hieronymus in Sebaste (Samaria) bezeugt.

Der Kontext

Lukas stellt das Auftreten und Wirken des Täufers in einen zeitlichen und örtlichen Rahmen. Es folgt der Vorgeschichte Jesu (1­2) und leitet über zu Taufe, Stammbaum und Versuchung Jesu (3,21­4,13). Wie die Vorgeschichte in Jerusalem beginnt (Verkündigung an Zacharias) und endet (Zwölfjähriger im Tempel), spielt sich auch die letzte Szene der Versuchung Jesu im Tempelbezirk ab. Wie die Vorgeschichte mit einer Zeitangabe anfängt (Zeit des Königs Herodes) und im Stammbaum bis an die Anfänge zurückreicht (Adam, der von Gott stammt), so ist auch das Auftreten des Johannes durch eine sechsfache zeitliche Angabe geschichtlich geortet, um die Erfüllung der Verheissung Jesajas sichtbar zu machen: «alles Fleisch wird das Heil schauen» (Jes 40,5 LXX). In drei Abschnitten, die Lukas aus Mk 1,1­3; Q (Mt 3,7­10) und seinem Sondergut schöpft, berichtet er von der Berufung und Aufgabe des Johannes (3,1­6), seiner Predigt und Tauftätigkeit (3,7­18) und seiner Verhaftung durch Herodes Antipas (3,19­20).

Der Text

Im Stil alttestamentlicher Prophetenberufungen (wie Jeremija, der auch schon im Mutterschoss erwählt wurde! Jer 1,1ff.) «ergeht» das Wort Gottes an Johannes, den Zachariassohn in der Wüste (3,2). Im Gegensatz zur ersten Zeitangabe (1,5) weist die zeitliche Einordnung in eine veränderte politische Situation: Die heilsgeschichtlichen Ereignisse fallen in die Zeit fremder Herrscher über Israel. Kaiser Tiberius regierte von 14­37 n. Chr. Von wann an Lukas das «15. Regierungsjahr» des Tiberius datiert, ist nicht ganz klar, vermutlich erfolgt die Berufung des Johannes im Jahr 28/29 n. Chr. Nach der Absetzung des Herodessohnes Archelaos (4 v.­6 n. Chr) wurde Judäa aus der syrischen Provinz ausgegliedert und unmittelbar der römischen Zentralverwaltung unterstellt. Sechster Präfekt (Statthalter) dieser römischen Provinz war von 26­36 n. Chr Pontius Pilatus. Unter römischer Hoheit regierten als Nachfolger Herodes' I. «Vierfürsten» (Tetrarchen) über die übrigen Regionen: Herodes Antipas von 4 v.­39 n. Chr über Galiläa und Peräa im Ostjordanland, sein Halbbruder Philippus von 4 v.­34 n. Chr im vorwiegend heidnischen Norden Transjordaniens. Über Lysanias, den Lukas als vierten hinzufügt, ist nichts Näheres bekannt. Das nordwestlich von Damaskus am Antilibanon gelegene Abilene ging 37 n. Chr mit Galiläa an Agrippa I. über und gehörte zur Zeit des Lukas zum Gebiet des jüdischen Königs Agrippa II. (53­100 n. Chr). Nach den politischen Herrschern nennt Lukas die religiösen Autoritäten, die mit der Geschichte Jesu verbunden sind: der Hohenpriester Hannas (6­15 n. Chr) und sein Schwiegersohn Kajafas (18­36 n. Chr). Mit dieser umfassenden Zeitangabe spannt Lukas das Auftreten des Johannes und damit auch das Christusereignis in einen historisch-politischen Rahmen. Mit dem Wort Gottes an Johannes, das die Täufermission einleitet, tritt das neue Heilshandeln Gottes aus dem Dunkel in eine weltgeschichtliche Öffentlichkeit (vgl. Apg 26,26). Wenn Gott in die Welt eingreift, spricht er durch einen Boten. Der von neugierigen Scharen aufgesuchte «Wüstenheilige» (7,24) wird nach seiner Beauftragung hinausgetrieben, seine Botschaft dem ganzen Volk zu predigen: «Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten» (1,80). So zieht der Prophet Johannes als Wanderprediger durch die Jordanebene. Möglicherweise denkt Lukas an das Stammland der Sünde, die Gegend von Sodom und Gomorra am Toten Meer, wenn er die Jordangegend als Ort der Verkündigung von der Wüste als Ort der Berufung unterscheidet. Die Wassertaufe des Johannes besiegelt den persönlichen Entschluss, das vergangene Leben unter Gottes Gericht zu stellen und auf Vergebung zu warten. Bei Lukas steht die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen im Vordergrund, nicht die eschatologische Einmaligkeit des «Sakramentes der Rettung». Die Busspredigt von «Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden» ist für Lukas Erfüllung der Verheissung von Jes 40,3­5 (LXX). So gewinnt sie gleichsam kanonische Bedeutung. Schon die Essener hatten Jes 40,3 mit den apokalyptischen Bildern vom Einebnen des Weges und Herrichten der Strasse für den Einzug des Königs in eine Stadt für sich in Anspruch genommen. Während sie dies auf die Ankunft Gottes bezogen, versteht Lukas (wie Q, Mt) unter dem Kommenden der Kyrios Jesus. Und entsprechend seiner theologischen Perspektive fügt Lukas (über das Zitat bei Mk, Mt hinaus) die universale Heilsbedeutung der Ankündigung hinzu: «Alle Menschen werden das Heil schauen, das von Gott kommt» (3,6), was im semitischen Sprachgebrauch Teilhabe am Heil bedeutet.

 

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.


Johannes prodromos

 

Die liturgische Verehrung des Täufers durchzieht alle Jahrhunderte. Die Ostkirchen begehen das Fest seiner Geburt nach Epiphanie (7. Januar), im Westen wird es seit dem 5. Jh. zur Sommersonnenwende am 24. Juni gefeiert (nach Lk 1,26 und Joh 3,30). Seiner Enthauptung (decollatio, passio) wird am Kirchweihfest der Grabeskirche des Johannes in Samaria (29. 8.) gedacht. Die Ostkirchen feiern auch die Verkündigung an Zacharias (23. September) und verbinden seine Heiligung im Mutterschoss mit dem Gedächtnis der Heimsuchung (Lk 1,41). Seit dem 4. Jh. ist er Titelheiliger unzähliger Taufkapellen und Kirchen (seit Anfang des 10. Jh.: Lateranbasilika). Als Vorbild asketisch-monastischen Lebens betrachten ihn die Karmeliter als Mitglied ihres von Elija gestifteten Ordens; sein selbstloser Dienst für den kommenden Herrn war Leitbild der Hospitaliterorden und ihrer sozialen Einrichtungen (Pilgerstationen, Spitäler, Armenhäuser, Nothilfe der Johanniter), die in Jerusalem, Rhodos, Malta und heute weltweit karitativ tätig sind; sein Martyrium war Anstoss für Bruderschaften, zum Tod Verurteilte zu begleiten (S. Giovanni decollato in Rom). Die Ikonographie stellt ihn seit dem 14. Jh. auch geflügelt dar (nach Mal 3,1) und mit Maria als Vorläufer neben den Pantokrator Christus (byzantinische Deesis, Ikonostasen) oder im Weltgericht neben Elija (stehend oder kniend). Bei der Höllenfahrt Christi (descensio, anastasis) bildet der Täufer das Gegenstück zu Abel oder kündigt im Limbus der Väter den Erlöser an. Die Hauptszene bleibt aber die Taufe Jesu. Viele seiner zahlreichen Patronate entspringen der lukanischen Vorgeschichte (Trinkerfürsorge, Musiker: Guido von Arezzo 990­1050 entnahm die Tonsilben utremifasolati den Anfangssilben der 1. Strophe des lateinischen Vesperhymnus zum Johannesfest) oder seinem Auftreten und Wirken (Architekten, Hirten, gegen Kopfweh und Epilepsie u.a.). Seine Attribute weisen auf seine heilsgeschichtliche Rolle (Lamm, Hirtenstab oder Kreuzstab, Buch als Erfüllung des AT, Schale, Muschel oder Krug, Axt nach Mt 3,10, Schüssel mit abgeschlagenem Haupt, Kamelfell oder purpurner bzw. grüner Märtyrermantel). Seit dem 6. Jh. wird seine Heimat in Ain Karim in judäischen Bergland verehrt und der umstrittene Taufort «Aenon bei Salim» (Joh 3,23) seit dem 4. Jh. auf der jordanischen Seite belegt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003