31-32/2003

INHALT

Lesejahr B

Gnade, radikal

Regula Grünenfelder zu Eph 4,30-5,2

 

Auf den Text zu

Was meint dieser erste Satz «Den Heiligen Geist beleidigen»? Der zweite sagt: Bitterkeit, Wut, Zorn. Geschrei, Lästerung und alle Schlechtigkeit.
Es ist noch nicht lange her, da galt es als richtig und wichtig, negativen Gefühlen lautstark Ausdruck zu geben. Unterdrückte Emotionen binden Energien, hiess es. Diese müssten endlich befreit werden, damit sie zur positiven Lebensgestaltung zur Verfügung stehen. «Wut ist eine starke Ich-Kraft» ­ das war eine Einladung, richtig zornig zu werden. Gerade Frauen tat das gut. Wutanfälle passten nicht ins Programm des lieben und netten Mädchens, das viele gut gelernt hatten. Sie passten auch nicht in das Bild einer erwachsenen Frau und Mutter. Manche Frauen litten unter dem hohen Preis für ihre Freundlichkeit: Mit den verbotenen Gefühlen wie Zorn und Bitterkeit waren auch die erlaubten inneren Bewegungen verschwunden: Liebe, Fähigkeit zur Vergebung, Güte.
Frauen hatten gut gelernt, dass gute Mädchen in den Himmel kommen. Dieser Himmel fühlte sich aber gefühlsarm und depressiv an. Böse Mädchen kommen überall hin, hörten sie später. Das klang befreiend. Aber: Wollen Frauen wirklich überall hin? Und wenn ja: Wo ist «überall»?

Mit dem Text unterwegs

Unser Text könnte sich anbieten, den Zuhörenden Freundlichkeit und Anpassung zu predigen. Hört doch auf mit diesen unerfreulichen Gefühlen und Äusserungen! Seid nett zueinander!
Vielleicht gibt es ja auch andere Möglichkeiten, diesen Text so zu lesen. Vielleicht können Mädchen (und Buben, Männer und Frauen) darin eine Ermutigung zum Leben finden. Von Erlösung jedenfalls ist hier die Rede.
Der erste Satz schlägt einen Zeitbogen von der Taufe bis zum Tag der Erlösung. Die Leser und Hörerinnen des Briefes tragen seit der Taufe den Stempel des Heiligen Geistes. Sie leben jetzt mit diesem Zeichen. Im Hier und Heute erinnert es an Erlösung.
Die Wendung «Beleidigt (oder besser: betrübt) nicht den Heiligen Geist» ist nicht vorgeprägt. Wird im Sinne der Paulusbriefe Geist als Freude verstanden (1 Thess 1,6; vgl. Röm 14,17), dann macht die Liste der Affekte und ihrer Konsequenzen Sinn. Freude verträgt sich nicht mit Bitterkeit, Wut und Schmähungen ­ weder auf der Seite der Schimpfenden noch auf der Seite der Beschimpften.
Wer durch das Siegel des Geistes (der Freude) alltäglich an die Erlösung erinnert wird, muss nichts tun. All das Böse, heisst es, «soll weggenommen werden». Es heisst nicht: hinuntergeschluckt, hinter zusammengebissenen Zähnen oder einem falschen Lächeln zurückgehalten. Was der Freude entgegensteht, wird weggenommen. Das ist keine Anleitung für gute Mädchen, das ist eine Verheissung. Wie das gehen soll, steht nicht hier.
Das zeigt sich in der Fortsetzung. Dort heisst es: Seid gütig, barmherzig und schenkt einander Gnade (die Einheitsübersetzung schreibt: Vergebung). Wer den Brief verfasst hat, traut seinen Leuten zu, dass sie Gnade erweisen. Das ist nicht «gnädig sein», mit dünnen Lippen denen, die es eigentlich nicht verdienen, doch etwas vom eigenen Überfluss abgeben. Unsere Gnade stammt aus der unendlichen Gnade Gottes, die uns zuerst erreichte. Das Wort ist identisch.
Das Gleiche buchstabiert der Epheserbrief noch einmal mit der Liebe. Wir sind von Gott geliebt, darum können wir lieben. Der Schlusssatz ist, für viele Ohren ungewohnt, mit Ausdrücken der biblischen Opfersprache formuliert. Aber das muss nicht daran hindern, die Verheissung der Lesung ins heutige Leben zu übersetzen:
Bitterkeit und Zorn müssen nicht heruntergeschluckt oder weggemacht werden. Sie verschwinden auch nicht, wenn sie noch so oft herausgelassen werden. Wir können überall hinkommen ­ es wird nicht funktionieren. Aber es kann eine Verwandlung geben, wenn unser Leben durchlässig und lebendig wird für alles, was uns begegnet, ausser uns und in uns ­ Gnade und Liebe wird.

Über den Text hinaus

Was nimmt unserem Leben die Bitterkeit? Was bringt die Lästerzunge zum Schweigen? Was nimmt dem Zorn die Zerstörungskraft? Was macht unser Leben gemeinschaftsfähig ­ schön? Es ist die Liebe vor allem Gutsein, Zusammenraufen, Differenzieren. Fulbert Steffensky hat diese revolutionäre Gnade, die ­ angenommen ­ uns beziehungsfähig und gütig werden lässt, in einem Liebesgedicht gefunden, «einem der schönsten Gebete». Es stammt von der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral und heisst

Scham
 
Wenn du mich anblickst, werd' ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluss hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein sel'ges Angesicht
  nicht mehr.
 
Ich schäme mich des tristen Munds,
der Stimme, der zerriss'nen, meiner rauhen
  Knie.
Jetzt, da du mich, herbeigeeilt, betrachtest,
fand ich mich arm, fühlt' ich mich bloss.
 
Am Wege trafst du keinen Stein,
der nackter wäre in der Morgenröte
als ich, die Frau, auf die du deinen Blick
  geworfen,
da du sie singen hörtest.
 
Ich werde schweigen. Keiner soll mein Glück
erschaun, der durch das Flachland schreitet,
den Glanz auf meiner plumpen Stirn nicht einer sehen,
das Zittern nicht von meiner Hand...
 
Die Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich
  zärtlich durch dein Wort.
Schon morgen wird, wenn sie zum Fluss
  hinuntersteigt,
die du geküsst, von Schönheit strahlen.
 

 

Literatur: Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.


Er-lesen

Zuerst das Gedicht von Gabriela Mistral vorlesen. Erste Eindrücke sammeln und Verständnisfragen klären. Austausch in Gruppen: Könnte dieses Gedicht ein Gebet sein? Was zeigen sich darin für Bilder von Gott und vom betenden Menschen?

Er-hellen

Information: Laster- und Tugendkataloge im Neuen Testament sind keine systematischen Moraltexte. Sie verhandeln nie spezifisch Christliches, sondern entsprechen mit vergleichbaren griechischen und jüdisch-weisheitlichen Sammlungen. Sie drücken Erfahrungen aus, was dem Zusammenleben nützt und was ihm schadet. Sie stehen da, weil sich im alltäglichen, praktischen Zusammenleben die revolutionäre christliche Gnade zeigt.
Von diesem radikalen Geliebtwerden her ist ein «christlicher» Alltag möglich, der sich nicht in Friedhöflichkeit verquält, der das Siegel der Freude auf Erlösung hin trägt.
Gemeinsam den Lesungstext lesen. Wie können wir ihn verstehen, wenn wir ihn durch die «Brille» von Mistral lesen?

Er-fahren

Einen Tag lang ein Mantra sprechen: «Ich bin geliebt». Abends über die Erfahrungen mit einer vertrauten Person sprechen.


Weise und trunken!

Regula Grünenfelder zu Eph 5,15-20

 

Auf den Text zu

Unser Text handelt von Weisheit und Ekstase. Ekstase! Das klingt interessant in einer Zeit, die Gipfelerfahrungen hohe Bedeutung beimisst. Philo von Alexandrien (ca. 20 v. bis 50 n. Chr.) schrieb öfters von der «nüchternen Trunkenheit». Das ist Ekstase mit Weisheit und Sorgfalt.

Mit dem Text unterwegs

Unsere Lesung bildet den Schlussabschnitt einer grossen Rede über das gute Zusammenleben und über den Grund des guten Zusammenlebens. Nach dieser Rede wird dann die Haustafel folgen. Dieser Schluss nun besteht aus drei Ausrufen. Jede verurteilt zuerst eine negative Haltung und lädt dann Leserinnen und Hörer dazu ein, sich im positiven Gegenstück wiederzufinden:

Nicht als Unweise, sondern als Weise
Nicht unverständig, sondern verständig
Nicht mit Wein berauscht, sondern vom Heiligen Geist erfüllt

Der letzte Imperativ wird in drei Sätzen entfaltet, die alle vom Gebet handeln. Die Predigt gipfelt also in der Liturgie.
Die Lesung beginnt mit dem Aufruf, genau, sorgfältig zu sein. Das Richtige tun ist Ausdruck von Weisheit. Diese Weisheit hat mit der Sensibilität für die Zeit zu tun. Es geht um die Fähigkeit wahrzunehmen, was die Stunde geschlagen hat. Die Weisheit in der Tradition der jüdischen Weisheitslehre bedeutet: den Willen Gottes erkennen und danach handeln. Weisheit umfasst immer Frömmigkeit und konkretes Tun.
Nach dem ersten Gegensatzpaar folgt unvermittelt eine Mahnung, von der die Redewendung stammt: «Die Zeit auskaufen». Sie bedeutet heute: «Die Zeit ausnützen». Wie sie ursprünglich verstanden wurde, ist unklar. Möglicherweise ist sie im Sinne von Dan 2,8 zu deuten als «Zeit gewinnen», um eine Chance zu nützen. Dort sind es die Weisen und Traumverständigen, die mehr Zeit (und Information) brauchen, um dem König Nebukadnezzar einen Traum zu deuten.
Die Zeit bringt Gefährdungen mit sich, weiss der Verfasser oder die Autorin des Briefes (vgl. z.B. 4,27), doch eröffnet diese Zeit gleichzeitig ungeahnte Chancen, die es unbedingt wahrzunehmen gilt. «Die Zeit ist ein Krämerladen mit Angeboten der Saison; wer sie bei der ersten Gelegenheit ausschlägt, wird bei der zweiten vergebens kommen und dann mit leeren Händen dastehen» (Theobald, 162).
Zwar ist keine deutliche Endzeiterwartung angesprochen, doch scheinen durch die «bösen Tagen» apokalyptische Motive durch. Sie legen sich vom Thema der Erlösung (4,30) her nahe. Es ist eine wertvolle biblische Kompetenz, die «normalen» Leiden und «selbstverständlichen» Ungerechtigkeiten durch Visionen von genug Brot für alle und einer Welt ohne Tränen zu entlarven.
Zu dieser Kompetenz gehört umgekehrt, Fleisch gewordene Visionen wahrzunehmen und zu leben. Der letzte Gegensatz spricht davon. Es sind nicht nur böse Tage mit Mangel, Ungerechtigkeit und Schmerz. Diese Zeit ist auch die Zeit des Glücks, ganz konkret, unzensiert rauschhaft. «Rausch und Ekstase wurden immer schon als verwandt empfunden (1 Sam 1,12­15; Apg 2,12­15; Philo, Ebr 145­148). Der Gegensatz zeigt auch, dass auch unserem Verfasser die Nähe zwischen Geist und ekstatischer Erfahrung durchaus klar ist, obwohl er sonst nie davon redet» (Luz, 168). Die Geisterfüllung, diese nüchterne Trunkenheit, von der hier die Rede ist, findet nicht privat statt, sondern hat ihren Ort in der Liturgie. «Es sind die gottesdienstlichen Gesänge und Gebete, an die er in erster Linie denkt, nicht ekstatische Erfahrungen Einzelner. Was die einzelnen Ausdrücke ÐPsalmenð, ÐHymnenð, Ðgeistliche Liederð meinen bzw. wie das ÐSingenð und ÐPsalodierenð genau vor sich gegangen ist, wissen wir leider ebenso wenig wie im Fall von 1 Kor 14,6» (ebd.).
Diese Liturgie ist kein wohltemperierter, gefälliger Gottesdienst, sondern ein ekstatischer. Ist es damals wie in heutigen charismatischen Gottesdiensten zugegangen? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich ist das gut so. Das gibt Raum, Visionen geisterfüllter Liturgie in der eigenen konkreten Gemeinde zu entwickeln und zu leben.

Über den Text hinaus

Liturgie erlöst. In der Liturgie können wir feiern, spielen, üben, was seit der Taufe zu uns gehört und in der Welt so wenig Platz hat. Es wird einen Tag der Erlösung geben. Wir tragen den Stempel heute. Wir feiern und behaupten: Es ist gut, so wie es ist. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Alle haben einen Namen und eine Heimat. Es geht uns nichts verloren.
Liturgie ist die Aufführung unserer Lebenswünsche.

 

So
 
so
soll es sein
 
wie es nie
war
 
wie es
nie
werden wird
Rose Ausländer

 

 

 

Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.

Literatur: Rose Ausländer, Mein Atem heisst jetzt. Gedichte, Frankfurt am Main 1981; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000; Ulrich Luz, Der Brief an die Epheser, in: Jürgen Becker/Ulrich Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser (NTD Band 8/1), Göttingen 1998.


Vor-lesen

Wer hat Erfahrung mit dieser Weisheit und Ekstase? Kinder zum Beispiel, Liebende oder Jugendliche und Ältere, die schon für Frieden und Gerechtigkeit demonstriert haben, wissen, worum es in diesem Text geht.
Kinder oder Paare einladen, diesen Text zu hören. Wie geht das, gleichzeitig sorgfältig und be-geistert zu sein? Wie sieht die «Liturgie» der Kinder, Liebenden und Engagierten aus? Was sind ihre Gesänge und Psalmen? Was können Gottesdienstbesucher/-besucherinnen von ihnen lernen? Was könnten sie lernen für ihre Weise, in der Kirche zu sein? Aus diesem Rundgespräch eine Dialogpredigt oder ein Predigtspiel entwickeln. Gemeinsam Lieder aussuchen, vielleicht auch gemeinsam einen Segen sprechen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003