31-32/2003 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Was meint dieser erste Satz «Den Heiligen Geist beleidigen»?
Der zweite sagt: Bitterkeit, Wut, Zorn. Geschrei, Lästerung und alle
Schlechtigkeit.
Es ist noch nicht lange her, da galt es als richtig und wichtig, negativen
Gefühlen lautstark Ausdruck zu geben. Unterdrückte Emotionen binden
Energien, hiess es. Diese müssten endlich befreit werden, damit sie
zur positiven Lebensgestaltung zur Verfügung stehen. «Wut ist
eine starke Ich-Kraft» das war eine Einladung, richtig zornig
zu werden. Gerade Frauen tat das gut. Wutanfälle passten nicht ins
Programm des lieben und netten Mädchens, das viele gut gelernt hatten.
Sie passten auch nicht in das Bild einer erwachsenen Frau und Mutter. Manche
Frauen litten unter dem hohen Preis für ihre Freundlichkeit: Mit den
verbotenen Gefühlen wie Zorn und Bitterkeit waren auch die erlaubten
inneren Bewegungen verschwunden: Liebe, Fähigkeit zur Vergebung, Güte.
Frauen hatten gut gelernt, dass gute Mädchen in den Himmel kommen.
Dieser Himmel fühlte sich aber gefühlsarm und depressiv an. Böse
Mädchen kommen überall hin, hörten sie später. Das klang
befreiend. Aber: Wollen Frauen wirklich überall hin? Und wenn ja: Wo
ist «überall»?
Unser Text könnte sich anbieten, den Zuhörenden Freundlichkeit
und Anpassung zu predigen. Hört doch auf mit diesen unerfreulichen
Gefühlen und Äusserungen! Seid nett zueinander!
Vielleicht gibt es ja auch andere Möglichkeiten, diesen Text so zu
lesen. Vielleicht können Mädchen (und Buben, Männer und Frauen)
darin eine Ermutigung zum Leben finden. Von Erlösung jedenfalls ist
hier die Rede.
Der erste Satz schlägt einen Zeitbogen von der Taufe bis zum Tag der
Erlösung. Die Leser und Hörerinnen des Briefes tragen seit der
Taufe den Stempel des Heiligen Geistes. Sie leben jetzt mit diesem Zeichen.
Im Hier und Heute erinnert es an Erlösung.
Die Wendung «Beleidigt (oder besser: betrübt) nicht den Heiligen
Geist» ist nicht vorgeprägt. Wird im Sinne der Paulusbriefe Geist
als Freude verstanden (1 Thess 1,6; vgl. Röm 14,17), dann macht die
Liste der Affekte und ihrer Konsequenzen Sinn. Freude verträgt sich
nicht mit Bitterkeit, Wut und Schmähungen weder auf der Seite
der Schimpfenden noch auf der Seite der Beschimpften.
Wer durch das Siegel des Geistes (der Freude) alltäglich an die Erlösung
erinnert wird, muss nichts tun. All das Böse, heisst es, «soll
weggenommen werden». Es heisst nicht: hinuntergeschluckt, hinter zusammengebissenen
Zähnen oder einem falschen Lächeln zurückgehalten. Was der
Freude entgegensteht, wird weggenommen. Das ist keine Anleitung für
gute Mädchen, das ist eine Verheissung. Wie das gehen soll, steht nicht
hier.
Das zeigt sich in der Fortsetzung. Dort heisst es: Seid gütig, barmherzig
und schenkt einander Gnade (die Einheitsübersetzung schreibt: Vergebung).
Wer den Brief verfasst hat, traut seinen Leuten zu, dass sie Gnade erweisen.
Das ist nicht «gnädig sein», mit dünnen Lippen denen,
die es eigentlich nicht verdienen, doch etwas vom eigenen Überfluss
abgeben. Unsere Gnade stammt aus der unendlichen Gnade Gottes, die uns zuerst
erreichte. Das Wort ist identisch.
Das Gleiche buchstabiert der Epheserbrief noch einmal mit der Liebe. Wir
sind von Gott geliebt, darum können wir lieben. Der Schlusssatz ist,
für viele Ohren ungewohnt, mit Ausdrücken der biblischen Opfersprache
formuliert. Aber das muss nicht daran hindern, die Verheissung der Lesung
ins heutige Leben zu übersetzen:
Bitterkeit und Zorn müssen nicht heruntergeschluckt oder weggemacht
werden. Sie verschwinden auch nicht, wenn sie noch so oft herausgelassen
werden. Wir können überall hinkommen es wird nicht funktionieren.
Aber es kann eine Verwandlung geben, wenn unser Leben durchlässig und
lebendig wird für alles, was uns begegnet, ausser uns und in uns
Gnade und Liebe wird.
Was nimmt unserem Leben die Bitterkeit? Was bringt die Lästerzunge zum Schweigen? Was nimmt dem Zorn die Zerstörungskraft? Was macht unser Leben gemeinschaftsfähig schön? Es ist die Liebe vor allem Gutsein, Zusammenraufen, Differenzieren. Fulbert Steffensky hat diese revolutionäre Gnade, die angenommen uns beziehungsfähig und gütig werden lässt, in einem Liebesgedicht gefunden, «einem der schönsten Gebete». Es stammt von der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral und heisst
Literatur: Fulbert Steffensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg 2002; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.
Zuerst das Gedicht von Gabriela Mistral vorlesen. Erste Eindrücke sammeln und Verständnisfragen klären. Austausch in Gruppen: Könnte dieses Gedicht ein Gebet sein? Was zeigen sich darin für Bilder von Gott und vom betenden Menschen?
Information: Laster- und Tugendkataloge im Neuen Testament sind keine
systematischen Moraltexte. Sie verhandeln nie spezifisch Christliches, sondern
entsprechen mit vergleichbaren griechischen und jüdisch-weisheitlichen
Sammlungen. Sie drücken Erfahrungen aus, was dem Zusammenleben nützt
und was ihm schadet. Sie stehen da, weil sich im alltäglichen, praktischen
Zusammenleben die revolutionäre christliche Gnade zeigt.
Von diesem radikalen Geliebtwerden her ist ein «christlicher»
Alltag möglich, der sich nicht in Friedhöflichkeit verquält,
der das Siegel der Freude auf Erlösung hin trägt.
Gemeinsam den Lesungstext lesen. Wie können wir ihn verstehen, wenn
wir ihn durch die «Brille» von Mistral lesen?
Einen Tag lang ein Mantra sprechen: «Ich bin geliebt». Abends über die Erfahrungen mit einer vertrauten Person sprechen.
Unser Text handelt von Weisheit und Ekstase. Ekstase! Das klingt interessant in einer Zeit, die Gipfelerfahrungen hohe Bedeutung beimisst. Philo von Alexandrien (ca. 20 v. bis 50 n. Chr.) schrieb öfters von der «nüchternen Trunkenheit». Das ist Ekstase mit Weisheit und Sorgfalt.
Unsere Lesung bildet den Schlussabschnitt einer grossen Rede über das gute Zusammenleben und über den Grund des guten Zusammenlebens. Nach dieser Rede wird dann die Haustafel folgen. Dieser Schluss nun besteht aus drei Ausrufen. Jede verurteilt zuerst eine negative Haltung und lädt dann Leserinnen und Hörer dazu ein, sich im positiven Gegenstück wiederzufinden:
Nicht als Unweise, sondern als Weise
Nicht unverständig, sondern verständig
Nicht mit Wein berauscht, sondern vom Heiligen Geist erfüllt
Der letzte Imperativ wird in drei Sätzen entfaltet, die alle vom
Gebet handeln. Die Predigt gipfelt also in der Liturgie.
Die Lesung beginnt mit dem Aufruf, genau, sorgfältig zu sein. Das Richtige
tun ist Ausdruck von Weisheit. Diese Weisheit hat mit der Sensibilität
für die Zeit zu tun. Es geht um die Fähigkeit wahrzunehmen, was
die Stunde geschlagen hat. Die Weisheit in der Tradition der jüdischen
Weisheitslehre bedeutet: den Willen Gottes erkennen und danach handeln.
Weisheit umfasst immer Frömmigkeit und konkretes Tun.
Nach dem ersten Gegensatzpaar folgt unvermittelt eine Mahnung, von der die
Redewendung stammt: «Die Zeit auskaufen». Sie bedeutet heute:
«Die Zeit ausnützen». Wie sie ursprünglich verstanden
wurde, ist unklar. Möglicherweise ist sie im Sinne von Dan 2,8 zu deuten
als «Zeit gewinnen», um eine Chance zu nützen. Dort sind
es die Weisen und Traumverständigen, die mehr Zeit (und Information)
brauchen, um dem König Nebukadnezzar einen Traum zu deuten.
Die Zeit bringt Gefährdungen mit sich, weiss der Verfasser oder die
Autorin des Briefes (vgl. z.B. 4,27), doch eröffnet diese Zeit gleichzeitig
ungeahnte Chancen, die es unbedingt wahrzunehmen gilt. «Die Zeit ist
ein Krämerladen mit Angeboten der Saison; wer sie bei der ersten Gelegenheit
ausschlägt, wird bei der zweiten vergebens kommen und dann mit leeren
Händen dastehen» (Theobald, 162).
Zwar ist keine deutliche Endzeiterwartung angesprochen, doch scheinen durch
die «bösen Tagen» apokalyptische Motive durch. Sie legen
sich vom Thema der Erlösung (4,30) her nahe. Es ist eine wertvolle
biblische Kompetenz, die «normalen» Leiden und «selbstverständlichen»
Ungerechtigkeiten durch Visionen von genug Brot für alle und einer
Welt ohne Tränen zu entlarven.
Zu dieser Kompetenz gehört umgekehrt, Fleisch gewordene Visionen wahrzunehmen
und zu leben. Der letzte Gegensatz spricht davon. Es sind nicht nur böse
Tage mit Mangel, Ungerechtigkeit und Schmerz. Diese Zeit ist auch die Zeit
des Glücks, ganz konkret, unzensiert rauschhaft. «Rausch und
Ekstase wurden immer schon als verwandt empfunden (1 Sam 1,1215; Apg
2,1215; Philo, Ebr 145148). Der Gegensatz zeigt auch, dass auch
unserem Verfasser die Nähe zwischen Geist und ekstatischer Erfahrung
durchaus klar ist, obwohl er sonst nie davon redet» (Luz, 168). Die
Geisterfüllung, diese nüchterne Trunkenheit, von der hier die
Rede ist, findet nicht privat statt, sondern hat ihren Ort in der Liturgie.
«Es sind die gottesdienstlichen Gesänge und Gebete, an die er
in erster Linie denkt, nicht ekstatische Erfahrungen Einzelner. Was die
einzelnen Ausdrücke ÐPsalmenð, ÐHymnenð, Ðgeistliche
Liederð meinen bzw. wie das ÐSingenð und ÐPsalodierenð
genau vor sich gegangen ist, wissen wir leider ebenso wenig wie im Fall
von 1 Kor 14,6» (ebd.).
Diese Liturgie ist kein wohltemperierter, gefälliger Gottesdienst,
sondern ein ekstatischer. Ist es damals wie in heutigen charismatischen
Gottesdiensten zugegangen? Wir wissen es nicht. Wahrscheinlich ist das gut
so. Das gibt Raum, Visionen geisterfüllter Liturgie in der eigenen
konkreten Gemeinde zu entwickeln und zu leben.
Liturgie erlöst. In der Liturgie können wir feiern, spielen,
üben, was seit der Taufe zu uns gehört und in der Welt so wenig
Platz hat. Es wird einen Tag der Erlösung geben. Wir tragen den Stempel
heute. Wir feiern und behaupten: Es ist gut, so wie es ist. Der Tod hat
nicht das letzte Wort. Alle haben einen Namen und eine Heimat. Es geht uns
nichts verloren.
Liturgie ist die Aufführung unserer Lebenswünsche.
Die Autorin: Dr. Regula Grünenfelder ist Fachmitarbeiterin der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Literatur: Rose Ausländer, Mein Atem heisst jetzt. Gedichte, Frankfurt am Main 1981; Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000; Ulrich Luz, Der Brief an die Epheser, in: Jürgen Becker/Ulrich Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser (NTD Band 8/1), Göttingen 1998.
Wer hat Erfahrung mit dieser Weisheit und Ekstase? Kinder zum Beispiel,
Liebende oder Jugendliche und Ältere, die schon für Frieden und
Gerechtigkeit demonstriert haben, wissen, worum es in diesem Text geht.
Kinder oder Paare einladen, diesen Text zu hören. Wie geht das, gleichzeitig
sorgfältig und be-geistert zu sein? Wie sieht die «Liturgie»
der Kinder, Liebenden und Engagierten aus? Was sind ihre Gesänge und
Psalmen? Was können Gottesdienstbesucher/-besucherinnen von ihnen lernen?
Was könnten sie lernen für ihre Weise, in der Kirche zu sein?
Aus diesem Rundgespräch eine Dialogpredigt oder ein Predigtspiel entwickeln.
Gemeinsam Lieder aussuchen, vielleicht auch gemeinsam einen Segen sprechen.