31-32/2003 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Auf der Strasse, im Tourismus-Shop oder Schulzimmer: Rote Etuis, Hosenträger
oder T-Shirts mit dem weissen Kreuz ziehen den Blick auf sich und lassen
mich mit der Frage nach ihrer Botschaft zurück. Denn Kleider machen
Leute und sie vermitteln Botschaften<1>
über den Träger und seine Anliegen.
Ein erster Gedanke verbindet sich zum 1. August mit dem Schweizerkreuz und
mit seiner Bedeutung von Heimat. Ein anderer bezieht sich auf das Kreuz
als Erkennungszeichen des Christentums und der dritte kreist um das Verhältnis
zwischen den beiden Kreuzen: zwischen Politik/Staat und Christentum/Kirche
angesichts heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen.
Moderne Gesellschaften sind unter anderem charakterisiert durch hohe Mobilität,
Individualisierung, Flexibilisierung wahrnehmbar als Destabilisierung vieler
institutioneller Bindungen sowie Technisierung des Alltagslebens. Ermöglicht
haben diese Entwicklung nicht zuletzt die Computertechnik und Kommunikationsmöglichkeiten
wie das Internet. Diese moderne Welt wird überlagert von einer Denkrichtung,
die sich zur Hauptsache an ökonomischen Grundsätzen und Sprache
orientiert. Nicht zu rentieren oder nicht erreichbar zu sein gehört
zu den grössten (modernen) Verfehlungen. Das Schlagwort «Globalisierung»
drückt als Synonym für Liberalisierung und Deregulierung das Lebensgefühl
vieler Menschen vor allem in der westlichen und nördlichen Welt aus:
Immer schneller über immer mehr in immer weniger Zeit entscheiden zu
müssen und dabei weder zeitlich noch örtlich an (nationale) Grenzen
gebunden zu sein.
In einer solchermassen individualisierten, komplexen und beschleunigten
Welt stellt sich für den Menschen trotz allem die Frage nach der Gangrichtung.
Der Ruf nach Ethik und das Bekenntnis zu Werten sind gleichsam die sichtbaren
Zeichen dieser Fragestellung in meinen Augen eine ethische und spirituelle
zugleich.
Ethik und Spiritualität werden zu eng gefasst, sollen sie nur Antworten
auf Fragen geben. Zuerst geht es darum, genau hinzuschauen<2>.
Denn ethisch ist «eine sachliche Unterrichtung über Entwicklung
und Stand der Diskussion zu bestimmten Fragen [...] die erste Voraussetzung
zur eigenen Urteilsbildung»<3>. Diese
ist aber nicht möglich, wenn nicht gleichzeitig der eigene Standpunkt
sichtbar gemacht und geklärt wird. Dazu gehören Gefühle,
Wissen und Erfahrungen sowie durch sie geprägte Werthaltungen. Mit
Wertvorstellungen verknüpft bereits Cicero den Begriff der Heimat (Patria)
und legt damit einen Grundstein für den heutigen Patriotismus. Vor
dem Hintergrund der modernen Gesellschaft kann das Tragen des roten T-Shirts
mit weissem Kreuz oder das Benutzen eines ebenso gestalteten Accessoires
als Versuch gelesen werden, sich angesichts der mobilen und flexiblen Welt
auf einen Ort zu besinnen, der Ausgangs- und Referenzpunkt des Welt-Begreifens
sein könnte ganz ähnlich wie die häufig erste Frage
am Mobiltelefon der Ortsangabe dient, um sich zu versichern, dass Gesprächspartner
wie Anrufende auf dem Boden der Realität stehen. Das Schweizerkreuz
am 1. August unterstreicht damit die Notwendigkeit des Standpunktes, sollen
Sinn- und Wertfragen nach dem Wohin im Heute angemessen gestellt und nach
Antworten gesucht werden.
Das Kreuz weist aber über den «nationalen» schweizerischen
Gebrauch hinaus. Als Zeichen für eine grausige (staatlich verhängte)
Strafe wird es vor gut 2000 Jahren zum Erlösungs- und Erkennungszeichen
einer Weltreligion. Es steht für die unbedingte Zuneigung und Liebe
Gottes zum Menschen, für das konsequent gelebte menschenliebende Leben
Jesu Christi und für das Nicht-Habbare des Erlösungsgeheimnisses.
Es markiert einen Standpunkt, der immer beunruhigt, polarisiert und herausfordert,
und ruft dem Menschen in Erinnerung, dass kein Himmel auf Erden machbar
und Hoffnung die stärkste Kraft in der Welt ist. So hält das christliche
Kreuz der modernen, «globalisierten» und ökonomisierten
Welt den Spiegel vor und bleibt kritisch-prophetisches Mahnmal.
Am 1. August treffen sich zwei Kreuze, die Identität stiften. Wird
berücksichtigt, dass der Staat von Ressourcen zehrt, die er selber
nicht schaffen kann (Böckenförde), erinnert das christliche Kreuz
das staatliche (Schweizer-)Kreuz daran, durch seine pure Existenz auf die
Fragen hinzuweisen, die in der vom Stichwort Globalisierung geprägten
Welt oft vernachlässigt werden: Woher kommen wir? Wer sind wir?
Wohin gehen wir? Nehmen Kirchen, konkret ihre Leitungspersönlichkeiten,
ihre Denkerinnen und Denker sowie Frauen und Männern des alltäglichen
Gemeindelebens, diese Aufgabe nicht wahr, bringen sie nicht nur das christliche
Kreuz um seine Bedeutung, sondern leisten jener Tendenz Vorschub, die ein
Emblem und Nation zum zentralen Orientierungspunkt menschlicher Identität
emporstilisiert. Dieser Gefahr begegnet das Evangelische Soziallexikon in
seiner neusten Ausgabe, indem es für eine erste Orientierung, was christlich
motiviertes und begründetes Wahrnehmen der Welt von heute bedeutet,
einen guten Ausgangspunkt schafft. Man mag ihm die Beschränkung auf
deutschsprachige Autoren und Quellen in der heutigen vielsprachigen akademischen
Welt zum Vorwurf machen, gleichwohl gilt festzuhalten, dass es den Anspruch,
den eigenen, evangelischen Standpunkt deutlich zu machen, weitgehend einhält
und so für die von der katholischen Soziallehre geprägte katholische
Sozialethik zu einem wertvollen Partner wird.
Eine ähnliche, die Ausgangsposition klar zum Ausdruck bringende Haltung
nimmt auch das Wort der Kirchen<4> ein.
Bereits darf es Anfang September seinen zweiten Geburtstag feiern. Das Einbringen
der «Perspektive der Benachteiligten und Sprachlosen» (Nr. 6)
und die Klärung des theologisch-ethischen Standpunktes im zweiten Kapitel
ermuntern und verpflichten die Kirchenleitungen, die theologischen Wissenschaften
wie die Kirchenbasis zu einem an Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität,
Gemeinwohl und Nachhaltigkeit orientierten Handeln. Das Wort der Kirchen
rüttelt alle aus der priesterlich-königlichen Lethargie des Alltags
auf und mahnt, die prophetische Aufgabe des Getauftseins nicht nur an die
jeweils anderen, seien dies Kommissionen, Fachstellen, Freiwillige oder
Kirchenleitung zu delegieren, sondern mutig selber in die gesellschaftliche
Diskussion einzubringen. Nicht Moralin oder Besserwisserei ist dabei gefragt,
sondern der beständige und zuweilen auch unangenehme Hinweis darauf,
dass die von ökonomischer Seite so viel gepriesene Globalisierung viele
Verliererinnen schafft, und diese nicht nur mit leeren Geldbeuteln, sondern
auch mit leeren Herzen zurückgelassen werden.
Das Kreuz auf T-Shirts und Accessoires mag als moderner Konsumanreiz gelten.
Unsere Beobachtung legt Fragen frei, die zu den grundlegenden Herausforderungen
christlicher Ethik und Spiritualität gehören. Wenn es gelingt,
das Kreuz, das hinter dem Schweizerkreuz liegt, zur Sprache zu bringen,
dann ist ein Schritt getan, für das Leben in Fülle (Joh 10,10)
«gluschtig» zu machen.
Der promovierte Theologe Thomas Wallimann leitet das Sozialinstitut der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB) und nimmt an der Theologischen Hochschule Chur einen Lehrauftrag für Sozialethik wahr.
1 Vgl. Schulz von Thun, Miteinander Reden, rororo Sachbuch 1290, 1994.
2 Vgl. Antony de Mello, Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein, Herder, 2001.
3 Vorwort zur völlig überarbeiteten 8. Auflage des Evangelischen Soziallexikons, (Hrsg. von Martin Honecker et al., Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, 2001), VII, die erste Auflage von 1954 zitierend.
4 Schweizer Bischofskonferenz und Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Miteinander in die Zukunft, Wort der Kirchen, Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz, 2001.