31-32/2003

INHALT

Leitartikel

Das Kreuz hinter dem Kreuz

von Thomas Wallimann

 

Auf der Strasse, im Tourismus-Shop oder Schulzimmer: Rote Etuis, Hosenträger oder T-Shirts mit dem weissen Kreuz ziehen den Blick auf sich und lassen mich mit der Frage nach ihrer Botschaft zurück. Denn Kleider machen Leute und sie vermitteln Botschaften<1> über den Träger und seine Anliegen.
Ein erster Gedanke verbindet sich zum 1. August mit dem Schweizerkreuz und mit seiner Bedeutung von Heimat. Ein anderer bezieht sich auf das Kreuz als Erkennungszeichen des Christentums und der dritte kreist um das Verhältnis zwischen den beiden Kreuzen: zwischen Politik/Staat und Christentum/Kirche angesichts heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen.
Moderne Gesellschaften sind unter anderem charakterisiert durch hohe Mobilität, Individualisierung, Flexibilisierung wahrnehmbar als Destabilisierung vieler institutioneller Bindungen sowie Technisierung des Alltagslebens. Ermöglicht haben diese Entwicklung nicht zuletzt die Computertechnik und Kommunikationsmöglichkeiten wie das Internet. Diese moderne Welt wird überlagert von einer Denkrichtung, die sich zur Hauptsache an ökonomischen Grundsätzen und Sprache orientiert. Nicht zu rentieren oder nicht erreichbar zu sein gehört zu den grössten (modernen) Verfehlungen. Das Schlagwort «Globalisierung» drückt als Synonym für Liberalisierung und Deregulierung das Lebensgefühl vieler Menschen vor allem in der westlichen und nördlichen Welt aus: Immer schneller über immer mehr in immer weniger Zeit entscheiden zu müssen und dabei weder zeitlich noch örtlich an (nationale) Grenzen gebunden zu sein.
In einer solchermassen individualisierten, komplexen und beschleunigten Welt stellt sich für den Menschen trotz allem die Frage nach der Gangrichtung. Der Ruf nach Ethik und das Bekenntnis zu Werten sind gleichsam die sichtbaren Zeichen dieser Fragestellung ­ in meinen Augen eine ethische und spirituelle zugleich.
Ethik und Spiritualität werden zu eng gefasst, sollen sie nur Antworten auf Fragen geben. Zuerst geht es darum, genau hinzuschauen<2>. Denn ethisch ist «eine sachliche Unterrichtung über Entwicklung und Stand der Diskussion zu bestimmten Fragen [...] die erste Voraussetzung zur eigenen Urteilsbildung»<3>. Diese ist aber nicht möglich, wenn nicht gleichzeitig der eigene Standpunkt sichtbar gemacht und geklärt wird. Dazu gehören Gefühle, Wissen und Erfahrungen sowie durch sie geprägte Werthaltungen. Mit Wertvorstellungen verknüpft bereits Cicero den Begriff der Heimat (Patria) und legt damit einen Grundstein für den heutigen Patriotismus. Vor dem Hintergrund der modernen Gesellschaft kann das Tragen des roten T-Shirts mit weissem Kreuz oder das Benutzen eines ebenso gestalteten Accessoires als Versuch gelesen werden, sich angesichts der mobilen und flexiblen Welt auf einen Ort zu besinnen, der Ausgangs- und Referenzpunkt des Welt-Begreifens sein könnte ­ ganz ähnlich wie die häufig erste Frage am Mobiltelefon der Ortsangabe dient, um sich zu versichern, dass Gesprächspartner wie Anrufende auf dem Boden der Realität stehen. Das Schweizerkreuz am 1. August unterstreicht damit die Notwendigkeit des Standpunktes, sollen Sinn- und Wertfragen nach dem Wohin im Heute angemessen gestellt und nach Antworten gesucht werden.
Das Kreuz weist aber über den «nationalen» schweizerischen Gebrauch hinaus. Als Zeichen für eine grausige (staatlich verhängte) Strafe wird es vor gut 2000 Jahren zum Erlösungs- und Erkennungszeichen einer Weltreligion. Es steht für die unbedingte Zuneigung und Liebe Gottes zum Menschen, für das konsequent gelebte menschenliebende Leben Jesu Christi und für das Nicht-Habbare des Erlösungsgeheimnisses. Es markiert einen Standpunkt, der immer beunruhigt, polarisiert und herausfordert, und ruft dem Menschen in Erinnerung, dass kein Himmel auf Erden machbar und Hoffnung die stärkste Kraft in der Welt ist. So hält das christliche Kreuz der modernen, «globalisierten» und ökonomisierten Welt den Spiegel vor und bleibt kritisch-prophetisches Mahnmal.
Am 1. August treffen sich zwei Kreuze, die Identität stiften. Wird berücksichtigt, dass der Staat von Ressourcen zehrt, die er selber nicht schaffen kann (Böckenförde), erinnert das christliche Kreuz das staatliche (Schweizer-)Kreuz daran, durch seine pure Existenz auf die Fragen hinzuweisen, die in der vom Stichwort Globalisierung geprägten Welt oft vernachlässigt werden: Woher kommen wir? ­ Wer sind wir? ­ Wohin gehen wir? Nehmen Kirchen, konkret ihre Leitungspersönlichkeiten, ihre Denkerinnen und Denker sowie Frauen und Männern des alltäglichen Gemeindelebens, diese Aufgabe nicht wahr, bringen sie nicht nur das christliche Kreuz um seine Bedeutung, sondern leisten jener Tendenz Vorschub, die ein Emblem und Nation zum zentralen Orientierungspunkt menschlicher Identität emporstilisiert. Dieser Gefahr begegnet das Evangelische Soziallexikon in seiner neusten Ausgabe, indem es für eine erste Orientierung, was christlich motiviertes und begründetes Wahrnehmen der Welt von heute bedeutet, einen guten Ausgangspunkt schafft. Man mag ihm die Beschränkung auf deutschsprachige Autoren und Quellen in der heutigen vielsprachigen akademischen Welt zum Vorwurf machen, gleichwohl gilt festzuhalten, dass es den Anspruch, den eigenen, evangelischen Standpunkt deutlich zu machen, weitgehend einhält und so für die von der katholischen Soziallehre geprägte katholische Sozialethik zu einem wertvollen Partner wird.
Eine ähnliche, die Ausgangsposition klar zum Ausdruck bringende Haltung nimmt auch das Wort der Kirchen<4> ein. Bereits darf es Anfang September seinen zweiten Geburtstag feiern. Das Einbringen der «Perspektive der Benachteiligten und Sprachlosen» (Nr. 6) und die Klärung des theologisch-ethischen Standpunktes im zweiten Kapitel ermuntern und verpflichten die Kirchenleitungen, die theologischen Wissenschaften wie die Kirchenbasis zu einem an Menschenwürde, Gerechtigkeit, Solidarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit orientierten Handeln. Das Wort der Kirchen rüttelt alle aus der priesterlich-königlichen Lethargie des Alltags auf und mahnt, die prophetische Aufgabe des Getauftseins nicht nur an die jeweils anderen, seien dies Kommissionen, Fachstellen, Freiwillige oder Kirchenleitung zu delegieren, sondern mutig selber in die gesellschaftliche Diskussion einzubringen. Nicht Moralin oder Besserwisserei ist dabei gefragt, sondern der beständige und zuweilen auch unangenehme Hinweis darauf, dass die von ökonomischer Seite so viel gepriesene Globalisierung viele Verliererinnen schafft, und diese nicht nur mit leeren Geldbeuteln, sondern auch mit leeren Herzen zurückgelassen werden.
Das Kreuz auf T-Shirts und Accessoires mag als moderner Konsumanreiz gelten. Unsere Beobachtung legt Fragen frei, die zu den grundlegenden Herausforderungen christlicher Ethik und Spiritualität gehören. Wenn es gelingt, das Kreuz, das hinter dem Schweizerkreuz liegt, zur Sprache zu bringen, dann ist ein Schritt getan, für das Leben in Fülle (Joh 10,10) «gluschtig» zu machen.

 

Der promovierte Theologe Thomas Wallimann leitet das Sozialinstitut der Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz (KAB) und nimmt an der Theologischen Hochschule Chur einen Lehrauftrag für Sozialethik wahr.


Anmerkungen

1 Vgl. Schulz von Thun, Miteinander Reden, rororo Sachbuch 1290, 1994.

2 Vgl. Antony de Mello, Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein, Herder, 2001.

3 Vorwort zur völlig überarbeiteten 8. Auflage des Evangelischen Soziallexikons, (Hrsg. von Martin Honecker et al., Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln, 2001), VII, die erste Auflage von 1954 zitierend.

4 Schweizer Bischofskonferenz und Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Miteinander in die Zukunft, Wort der Kirchen, Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz, 2001.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003