49/2003

INHALT

Kirchengeschichte

Pio Nono

von Alois Steiner

 

Die Seligsprechung von Pius IX. am 3. September 2000 zusammen mit Johannes XXIII. wurde gerade in nördlichen Ländern nicht übermässig begrüsst. Während die Gestalt Johannes' XXIII. überaus hoch in der Gunst des Publikums steht, machte sich bei Pius IX. eine gewisse Verlegenheit bemerkbar. Die kritischen Äusserungen einiger Kirchenhistoriker über das längste Pontifikat in der Kirchengeschichte mit umstrittenen Ereignissen wie der scheinbar überraschende Seitenwechsel Pius' IX. 1848 von der Risorgimento-freundlichen Haltung zur Abkehr von der italienischen Einigung, der Enzyklika «Quanta cura» mit dem Syllabus errorum, den Beschlüssen des Ersten Vatikanums (Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit des Papstes), der Affäre Mortara usw. vernebelten das Gesichtsfeld.

Unabhängigkeit der Kirche

Das vorliegende Buch von Christian Schaller, theologischer Referent von Bischof Gerhard Ludwig Müller in Regensburg, versucht hier Gegensteuer zu geben und eine ausgeglichenere Sicht der Dinge zu bieten.1 Sein grosser Vorteil ist die Einbindung der umstrittenen Tatsachen in das damalige Umfeld. Rom wurde unter Pius IX. zum eigentlichen Mittelpunkt des Katholizismus. Je mehr die Bischöfe in ganz Europa politisch entmachtet wurden, umso stärker erfolgte eine zunehmende Fixierung der Gläubigen auf die römische Kirche. Der ultramontane Gedanke war für viele Verantwortliche in Kirche und Theologie das einzige Mittel, ihre Unabhängigkeit von staatlicher Bevormundung durchzusetzen. Pius IX. erteilte zahllose Audienzen für einzelne Gruppen und Pilger. Dieser direkte Draht zu den Gläubigen stärkte seine Popularität in der katholischen Welt ins Unermessliche.
Dem 1864 verkündeten Syllabus errorum wird man nur gerecht, wenn man ihn als Ergebnis einer Entwicklungslinie innerhalb der sich zunehmend verschlechternden Situation der Kirche nach den durch die Revolutionen ausgelösten Krisen liest. Mit einer einseitigen Politisierung des Syllabus versteht man weder den Text noch die Intention Pius' IX. Der Syllabus kennzeichnet sich als notwendige Apologie, die zur Identität des eigenen Glaubens führt und sich zugleich den Gefahren stellt, die den christlichen Glauben bedrohen. So galt es in den Augen Pius' IX., den religionsfeindlichen und unmenschlichen Liberalismus zu treffen. Ebenso zeigte sich der Papst nicht als prinzipieller Feind der Demokratie, sondern lediglich als Verteidiger der Unabhängigkeit des Papsttums und der Kirche gegenüber einer unausgereiften und antikirchlichen demokratischen Bewegung. Der so genannte einfache Katholik im 19. Jahrhundert hatte durchaus die Erfahrung gemacht, dass die seit 1789 hochgehaltene Parole «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» offenbar für ihn nicht galt.
Von grosser Tragweite für die Entwicklung der Kirche und speziell des Papsttums war die Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit in der Konzilskonstitution «Pastor Aeternus». Als absehbar wurde, dass die weltlichen Stützen der Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche in Form des Kirchenstaates langsam wegbröckelten, trat eine internationale Solidarisierungswelle ein. Pius IX. betonte seit Beginn seines Pontifikates den Universalismus der katholischen Kirche, die ihr personales Prinzip der Einheit im Papsttum hat. Gerade in Deutschland und im weitern deutschsprachigen Raum verstärkte sich die ultramontane Gesinnung bei den jungen Klerikern. Vor allem der so genannte Mainzer Kreis sah die Zukunft der Kirche in der inhaltlichen Geschlossenheit und in der Demonstration der Einheit unter dem Papste.
Der Ultramontanismus war ein Befreiungsschlag gegen die staatliche Bevormundung der Kirche und des einzelnen Gläubigen, aber auch die gläubig-theologische Interpretation des Hirtenauftrages des Papstes. Die Beliebtheit Pius' IX. beim Volk gab der Bewegung eine passende Identifikation, was sich in den Piusvereinen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ausdrückte.
Die Unfehlbarkeit wurde vor allem im Kampf gegen eine überheblich gewordene «deutsche Theologie» ausgefochten. Rom konnte nicht akzeptieren, dass die universitäre Theologie zu einem Korrekturelement der lehramtlichen Theologie werden sollte. Denn Theologie steht im Dienste der Verkündigung der Kirche. Hier liegt der Streitpunkt der Kirche mit Döllinger und Lord Acton. Ähnlich wie Vincenzo Gioberti in Italien wollte auch Döllinger eine (von ihm) gelenkte öffentliche Meinung, die das Lehramt dominieren müsse.
Pius IX. wurde in seinem Bestreben durch den hl. Don Bosco unterstützt, der ihm am 12. Februar 1869 seine Vision mitteilte, gegen alle Schwierigkeiten den Weg der Dogmatisierung zu beschreiten. Es war für den Papst nicht eine Frage von Machtgelüsten oder Überheblichkeit, sondern des ernsten Ringens um eine richtige Entscheidung zum Wohle der Kirche in Zeiten der offenen Aggression von aussen und des fundamentalen Zweifelns in der Theologie. Die päpstliche Unfehlbarkeitserklärung ist nicht so extrem ausgefallen, wie es ausgesprochene Gegner im Vorfeld befürchtet hatten. Der Papst brachte vorhandenes Glaubensgut in eine verbindliche Form.

Stärkung der Zentralgewalt

Durch die Stärkung der kirchlichen Zentralgewalt wurde Versuchen, die Kirche zu einem harmlosen Verein werden zu lassen, ein Riegel vorgeschoben. Die Notwendigkeit der eindeutigen Stimme, die für die ganze Kirche verbindlich spricht, dürfte ein nicht zu unterschätzendes Motiv gewesen sein, die Unfehlbarkeit dogmatisch-lehramtlich zu definieren.
Die Reaktion des deutschen Kaiserreiches unter preussischer Führung auf die Unfehlbarkeitserklärung war hart. Bismarck trug hiefür die eigentliche Verantwortung. Er sah im Dogma und in den sich formierenden politischen Kräften eine Bedrohung für das Reich. Die politischen Kräfte (Zentrumspartei) fanden ihren Halt und ihre geistige Unterstützung in der Gestalt Pius' IX. Die Reichsregierung erliess in der Folge harte antikatholische Massnahmen: Durch den Kanzelparagraphen von 1871 schnitt man dem katholischen Klerus das Wort ab. Bismarck versuchte 1872 in einer Zirkularnote an alle ausländischen Regierungen, Einfluss auf die nächste Papstwahl zu nehmen. Die Bischöfe wiesen diese Ungeheuerlichkeit energisch zurück. Im gleichen Jahr wurden die Jesuiten zusammen mit den Lazaristen und Redemptoristen von deutschem Boden verbannt. 1873 folgten die «Maigesetze», und 1875 wurden die Klöster und Ordensniederlassungen in Preussen aufgehoben und deren Mitglieder ausgewiesen. Von elf preussischen Bischöfen wurden fünf abgesetzt, die Bildung einer deutschen Nationalkirche wurde angestrebt. Der Nationalismus feierte Triumphe.
Hinter all diesen Massnahmen stand die Absicht, die Kirche als Teil des Staates in den Dienst zu nehmen. Pius IX. wehrte sich zu Recht gegen solche Versuche der Vereinnahmung der Kirche.
Die harten Massnahmen gegen die Kirche bewirkten gerade das Gegenteil: Die katholische Bevölkerung wehrte sich geschlossen. Obwohl bis zum Jahre 1878 zwei Drittel der Bischöfe vom Staate abgesetzt und Tausende Pfarreien ohne pastorale Versorgung waren, verstärkte dies nur die Sympathie für den Papst, die Kirche und den Glauben.
Johannes XXIII. verehrte Pius IX. und hoffte, ihn heilig zu sprechen. Er war Historiker und kannte die Situation des 19. Jahrhunderts, in welchem sein Vorgänger gewirkt und gekämpft hatte. Pius IX. wurde im 19. Jahrhundert politisch zurückgedrängt. Seine Einsamkeit war die des Rufers in der Wüste. Die dunklen Zeitereignisse des 20. Jahrhunderts sollten ihm Recht geben.
Die Publikation von Christian Schaller ist eine notwendige Korrektur zur Abkanzelung durch die Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum vom 13. Juni 2000 in ihrer Resolution gegen die Seligsprechung Pius' IX.

 

Der promovierte Historiker Alois Steiner lehrte am Zentralschweizerischen Technikum (heute: Fachhochschule Zentralschweiz/Hochschule Technik+Architektur) sowie an der Universität Freiburg i.Ü.


Anmerkungen

1 Christian Schaller, Papst Pius IX. begegnen, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2003, 164 Seiten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2003