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Kirchengeschichte |
Die Seligsprechung von Pius IX. am 3. September 2000 zusammen mit Johannes XXIII. wurde gerade in nördlichen Ländern nicht übermässig begrüsst. Während die Gestalt Johannes' XXIII. überaus hoch in der Gunst des Publikums steht, machte sich bei Pius IX. eine gewisse Verlegenheit bemerkbar. Die kritischen Äusserungen einiger Kirchenhistoriker über das längste Pontifikat in der Kirchengeschichte mit umstrittenen Ereignissen wie der scheinbar überraschende Seitenwechsel Pius' IX. 1848 von der Risorgimento-freundlichen Haltung zur Abkehr von der italienischen Einigung, der Enzyklika «Quanta cura» mit dem Syllabus errorum, den Beschlüssen des Ersten Vatikanums (Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit des Papstes), der Affäre Mortara usw. vernebelten das Gesichtsfeld.
Das vorliegende Buch von Christian Schaller, theologischer Referent von
Bischof Gerhard Ludwig Müller in Regensburg, versucht hier Gegensteuer
zu geben und eine ausgeglichenere Sicht der Dinge zu bieten.1 Sein grosser
Vorteil ist die Einbindung der umstrittenen Tatsachen in das damalige Umfeld.
Rom wurde unter Pius IX. zum eigentlichen Mittelpunkt des Katholizismus.
Je mehr die Bischöfe in ganz Europa politisch entmachtet wurden, umso
stärker erfolgte eine zunehmende Fixierung der Gläubigen auf die
römische Kirche. Der ultramontane Gedanke war für viele Verantwortliche
in Kirche und Theologie das einzige Mittel, ihre Unabhängigkeit von
staatlicher Bevormundung durchzusetzen. Pius IX. erteilte zahllose Audienzen
für einzelne Gruppen und Pilger. Dieser direkte Draht zu den Gläubigen
stärkte seine Popularität in der katholischen Welt ins Unermessliche.
Dem 1864 verkündeten Syllabus errorum wird man nur gerecht, wenn man
ihn als Ergebnis einer Entwicklungslinie innerhalb der sich zunehmend verschlechternden
Situation der Kirche nach den durch die Revolutionen ausgelösten Krisen
liest. Mit einer einseitigen Politisierung des Syllabus versteht man weder
den Text noch die Intention Pius' IX. Der Syllabus kennzeichnet sich als
notwendige Apologie, die zur Identität des eigenen Glaubens führt
und sich zugleich den Gefahren stellt, die den christlichen Glauben bedrohen.
So galt es in den Augen Pius' IX., den religionsfeindlichen und unmenschlichen
Liberalismus zu treffen. Ebenso zeigte sich der Papst nicht als prinzipieller
Feind der Demokratie, sondern lediglich als Verteidiger der Unabhängigkeit
des Papsttums und der Kirche gegenüber einer unausgereiften und antikirchlichen
demokratischen Bewegung. Der so genannte einfache Katholik im 19. Jahrhundert
hatte durchaus die Erfahrung gemacht, dass die seit 1789 hochgehaltene Parole
«Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» offenbar für
ihn nicht galt.
Von grosser Tragweite für die Entwicklung der Kirche und speziell des
Papsttums war die Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit in der Konzilskonstitution
«Pastor Aeternus». Als absehbar wurde, dass die weltlichen Stützen
der Freiheit und Unabhängigkeit der Kirche in Form des Kirchenstaates
langsam wegbröckelten, trat eine internationale Solidarisierungswelle
ein. Pius IX. betonte seit Beginn seines Pontifikates den Universalismus
der katholischen Kirche, die ihr personales Prinzip der Einheit im Papsttum
hat. Gerade in Deutschland und im weitern deutschsprachigen Raum verstärkte
sich die ultramontane Gesinnung bei den jungen Klerikern. Vor allem der
so genannte Mainzer Kreis sah die Zukunft der Kirche in der inhaltlichen
Geschlossenheit und in der Demonstration der Einheit unter dem Papste.
Der Ultramontanismus war ein Befreiungsschlag gegen die staatliche Bevormundung
der Kirche und des einzelnen Gläubigen, aber auch die gläubig-theologische
Interpretation des Hirtenauftrages des Papstes. Die Beliebtheit Pius' IX.
beim Volk gab der Bewegung eine passende Identifikation, was sich in den
Piusvereinen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz ausdrückte.
Die Unfehlbarkeit wurde vor allem im Kampf gegen eine überheblich gewordene
«deutsche Theologie» ausgefochten. Rom konnte nicht akzeptieren,
dass die universitäre Theologie zu einem Korrekturelement der lehramtlichen
Theologie werden sollte. Denn Theologie steht im Dienste der Verkündigung
der Kirche. Hier liegt der Streitpunkt der Kirche mit Döllinger und
Lord Acton. Ähnlich wie Vincenzo Gioberti in Italien wollte auch Döllinger
eine (von ihm) gelenkte öffentliche Meinung, die das Lehramt dominieren
müsse.
Pius IX. wurde in seinem Bestreben durch den hl. Don Bosco unterstützt,
der ihm am 12. Februar 1869 seine Vision mitteilte, gegen alle Schwierigkeiten
den Weg der Dogmatisierung zu beschreiten. Es war für den Papst nicht
eine Frage von Machtgelüsten oder Überheblichkeit, sondern des
ernsten Ringens um eine richtige Entscheidung zum Wohle der Kirche in Zeiten
der offenen Aggression von aussen und des fundamentalen Zweifelns in der
Theologie. Die päpstliche Unfehlbarkeitserklärung ist nicht so
extrem ausgefallen, wie es ausgesprochene Gegner im Vorfeld befürchtet
hatten. Der Papst brachte vorhandenes Glaubensgut in eine verbindliche Form.
Durch die Stärkung der kirchlichen Zentralgewalt wurde Versuchen,
die Kirche zu einem harmlosen Verein werden zu lassen, ein Riegel vorgeschoben.
Die Notwendigkeit der eindeutigen Stimme, die für die ganze Kirche
verbindlich spricht, dürfte ein nicht zu unterschätzendes Motiv
gewesen sein, die Unfehlbarkeit dogmatisch-lehramtlich zu definieren.
Die Reaktion des deutschen Kaiserreiches unter preussischer Führung
auf die Unfehlbarkeitserklärung war hart. Bismarck trug hiefür
die eigentliche Verantwortung. Er sah im Dogma und in den sich formierenden
politischen Kräften eine Bedrohung für das Reich. Die politischen
Kräfte (Zentrumspartei) fanden ihren Halt und ihre geistige Unterstützung
in der Gestalt Pius' IX. Die Reichsregierung erliess in der Folge harte
antikatholische Massnahmen: Durch den Kanzelparagraphen von 1871 schnitt
man dem katholischen Klerus das Wort ab. Bismarck versuchte 1872 in einer
Zirkularnote an alle ausländischen Regierungen, Einfluss auf die nächste
Papstwahl zu nehmen. Die Bischöfe wiesen diese Ungeheuerlichkeit energisch
zurück. Im gleichen Jahr wurden die Jesuiten zusammen mit den Lazaristen
und Redemptoristen von deutschem Boden verbannt. 1873 folgten die «Maigesetze»,
und 1875 wurden die Klöster und Ordensniederlassungen in Preussen aufgehoben
und deren Mitglieder ausgewiesen. Von elf preussischen Bischöfen wurden
fünf abgesetzt, die Bildung einer deutschen Nationalkirche wurde angestrebt.
Der Nationalismus feierte Triumphe.
Hinter all diesen Massnahmen stand die Absicht, die Kirche als Teil des
Staates in den Dienst zu nehmen. Pius IX. wehrte sich zu Recht gegen solche
Versuche der Vereinnahmung der Kirche.
Die harten Massnahmen gegen die Kirche bewirkten gerade das Gegenteil: Die
katholische Bevölkerung wehrte sich geschlossen. Obwohl bis zum Jahre
1878 zwei Drittel der Bischöfe vom Staate abgesetzt und Tausende Pfarreien
ohne pastorale Versorgung waren, verstärkte dies nur die Sympathie
für den Papst, die Kirche und den Glauben.
Johannes XXIII. verehrte Pius IX. und hoffte, ihn heilig zu sprechen. Er
war Historiker und kannte die Situation des 19. Jahrhunderts, in welchem
sein Vorgänger gewirkt und gekämpft hatte. Pius IX. wurde im 19.
Jahrhundert politisch zurückgedrängt. Seine Einsamkeit war die
des Rufers in der Wüste. Die dunklen Zeitereignisse des 20. Jahrhunderts
sollten ihm Recht geben.
Die Publikation von Christian Schaller ist eine notwendige Korrektur zur
Abkanzelung durch die Kirchenhistoriker im deutschen Sprachraum vom 13.
Juni 2000 in ihrer Resolution gegen die Seligsprechung Pius' IX.
Der promovierte Historiker Alois Steiner lehrte am Zentralschweizerischen Technikum (heute: Fachhochschule Zentralschweiz/Hochschule Technik+Architektur) sowie an der Universität Freiburg i.Ü.
1 Christian Schaller, Papst Pius IX. begegnen, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2003, 164 Seiten.