31-32/2003 | |
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Berichte |
Ein Schritt zurück zwei Schritte vorwärts. Leben kann
man nur vorwärts, das Leben verstehen kann man nur rückwärts.»
Unter diesem Gedanken Kierkegaards stand die Jubiläumsfeier der Vereinigung
der Ordensoberinnen der Nichtklausurierten Orden der deutschen Schweiz und
Liechtensteins (VONOS).
Zwei eindrucksvolle Symbole sollen an den Anfang dieses Berichtes gestellt
werden: Zunächst das von Ralph Sonderegger, Zürich, eigens entworfene
Signet: eine geflochtene, durchlässige Kugel als Bild für die
Zusammengehörigkeit der verschiedenen Mitgliedergemeinschaften, ein
Bild der Offenheit für den sozialen Einsatz im Wandel von Kirche und
Gesellschaft; zusammengehalten wird die Kugel in der Mitte durch ein Dreieck,
Sinnbild der Anwesenheit des Dreifaltigen Gottes. Im Kugel-Schatten wird
ein Kreuz sichtbar, gleichsam der Träger des Ganzen.
Das zweite Symbol bestand in einem Licht-Ritus zu Anfang der abschliessenden
Eucharistiefeier. Drei Kerzen wurden nacheinander entzündet unter dem
jeweiligen Hinweis auf die drei Göttlichen Personen. Die Lichter brannten
während der Messe weiter als Zeichen für die Trinität der
Liebe: Gott über uns, unter uns, neben uns, in uns.
Das Haus der Begegnung der Dominikanerinnen in Ilanz bot den idealen Rahmen
für den diesjährigen Festakt, die Generalversammlung und die Bildungstage.
Am 5. Mai fanden sich neben den heutigen Mitgliedern auch frühere Präsidentinnen,
Vorstandsmitglieder und Sekretärinnen der VONOS als Ehrengäste
ein. Im Kloster Baldegg lebt heute noch ein Mitglied der Gründerinnengeneration:
Sr. Hedwig Strebel.
Ein persönliches Zeugnis von Sr. Rafaela Gasser OP, Ilanz, eröffnete
den diesjährigen ausserordentlichen Teil der Tagung. Anhand eigener
Erfahrungen beleuchtete die Referentin die bewegte und bewegende Zeit vor
und besonders nach dem Zweiten Vaticanum. Entwicklungen im Ordensleben standen
und stehen in engem Zusammenhang mit Vorgängen im Leben der Kirche.
Dies wurde deutlich. Ein Ordensleben, das vor dem Konzil seinen Anfang nahm,
war unter anderem gekennzeichnet durch das lateinische Psalmengebet, eine
Ordensschulung, in der der Bibelunterricht fast gänzlich fehlte und
wo die Gemeinschaftsräume keine Möglichkeit boten, sich bisweilen
zurückzuziehen. Allerdings brachte das Zusammenleben der damals zahlreichen
Anwärterinnen für das Ordensleben auch viel Fröhlichkeit
in den Klosteralltag, und die Zugehörigkeit zum Dominikanerorden schenkte
eine beglückende weltweite Offenheit.
Und dann erlebte Sr. Rafaela den Aufbruch nach dem Konzil. «Der frische
Wind wehte durch alle Ritzen des Ordensgebäudes. Wir wurden wach für
das neue Kirchenverständnis: Kirche als Volk Gottes unterwegs. Wir
Ordensfrauen, wir sollten/durften uns selber reformieren. Wir hatten als
Gemeinschaft über unser Ordensleben nachzudenken, Neues zu wagen und
zu verantworten, unsere Konstitutionen zu erneuern. Die Reform der Orden
war offiziell angesagt. Eine aufregende Zeit. Zeitungen waren voll von Berichten
über das Konzil, Fernseher fanden den Weg in die Klöster. Schwestern
nicht nur Vorgesetzte trafen sich zu Reformkapiteln. Ein neues
Verständnis der Gelübde, besonders des Gehorsams, wurde diskutiert.
Die ganze Gemeinschaft wurde miteinbezogen, und jede einzelne Schwester
hatte neu persönlich Verantwortung zu übernehmen. Das alles war
anspruchsvoll und schwieriger als bisher. Dazu kamen kleinere und grössere
Veränderungen im konkreten Leben: von der Kleiderreform über Einzelzimmer
bis hin zu Ðfreiem Ausgangð.
Aber die Veränderungen gefielen nicht allen. Polarisierungen waren
unvermeidlich. Es brauchte Sensibilisierungsarbeit, Gespräche, Geduld
und Ausdauer. Herausforderungen unterschiedlicher Art waren die zahlreichen
Austritte, die spärlichen Eintritte und die belastende Situation im
Bistum Chur, aber auch auf andere Weise die inspirierenden Impulse
der Synode 72. Gerade solche Erfahrungen zeigen, wie sehr Ordens- und Kirchengemeinschaft
miteinander verkettet sind.»
Aber auch dies gilt: «Wir Schwestern wurden gestärkt in diesen
Auseinandersetzungen; wir übernahmen selbst Verantwortung und handelten.»
Und eines bleibt gültig: «Die Grundlage ist dieselbe. In all
dem Wandel ist Gott ein Gott der Gegenwart. In der Kirche sind wird Ordensleute
beheimatet, auch dann, wenn manches uns Sorge macht. Wir wollen eine tiefe,
gesunde biblische Spiritualität. Den Menschen möchten wir nützlich
sein und der Welt gegenüber offen.»
Einen aufschlussreichen Überblick über die 50 Jahre VONOS bot
den Anwesenden die Darstellung von Sr. Maria Ruth Ziegler, Baldegg. «Ein
Mann bringt Frauen auf die Idee Tausende von Frauen bringen einen
Mann auf Ideen Frauen bringen Frauen auf Ideen.» Drei Bilder,
die mit Hilfe moderner Technik bedeutende Schritte des Werdegangs aufzeigten.
Der Mann, der als erster einen Dialog unter den verschiedenen Frauenklöstern
anregte, war der damalige Bischof von Chur, Christianus Caminada. Es sollte,
so der Initiator, den Verantwortlichen der Gemeinschaften der deutschen
Schweiz, den «wohlehrwürdigen Frau Müttern», Gelegenheit
geboten werden, Fragen und Probleme gemeinsam zu besprechen. Die erste Tagung
fand denn auch unter dem Vorsitz des Bischofs von Chur am 16./17. April
1953 im «Salesianum» Zug statt. Damals schon, also noch vor
dem Konzil, hiess das erste von verschiedenen Traktanden «Tradition
des Ordens und Anpassung an die moderne Zeit».
Das zweite Bild wies auf die rege Versammlungstätigkeit der Ordensschwestern
hin. Die Ausbildung der Oberinnen war ein vorrangiges Anliegen. Das Zweite
Vaticanum hatte inzwischen stattgefunden. Man wagte in Bezug auf die Ausbildung
einen damals eher ungewöhnlichen Schritt: «Der Vorstand der VONOS
gelangte an den Unternehmensberater Dr. R. Schnyder von Wartensee. Es ging
um Führung, Aus- und Weiterbildung, um Organisation und Kommunikation,
um prospektives Denken. Die Oberinnenschulung wurde 1967 ins Leben gerufen.
Die 1970 gegründete VONOS-Schulungsinstitution unter der Leitung von
Karl Inauen sollte dann die Weiterbildung allen Schwestern zur Verfügung
stellen. Während der folgenden 25 Jahre gingen über 10000 Schwestern
durch die Schulung dieser Kurse. Die jeweiligen Programme sind ein Spiegel
der Zeit: Gesprächsführung, Gruppenarbeit, Führungsgrundsätze,
Arbeitstechnik, Verwaltungskurse, staatsbürgerliche Kurse und solche
für neuzeitliche Ernährung, Kurse für verschiedene Berufsgruppen,
Medienkurse, Autogenes Training, Alterskurse.
Das dritte Bild stand unter dem Titel «Frauen geben Frauen Ideen».
Die Konkurrenz prägte immer weniger das Verhältnis unter den Ordensgemeinschaften.
An deren Stelle trat Solidarität und ein schwesterliches Miteinander.
Heute gehören der VONOS 20 Ordensgemeinschaften an. Die Vereinigung
zählt insgesamt 3000 Schwestern. Viele Probleme sind den Orden gemeinsam,
wie etwa die starke Überalterung und der Rückgang der Eintritte.
Alle üben sich im Loslassen altvertrauter Aufgaben, im Abschiednehmen.
Der Auftrag in Kirche und Welt aber bleibt. Nur gilt es, die Zeichen der
Zeit neu wahrzunehmen, zu deuten und die daraus sich ergebenden Konsequenzen
zu ziehen.
Worin besteht die Bedeutung der VONOS in unserer Zeit? Verschiedene Aufgaben
werden heute von der KOVOSS/CORISS wahrgenommen, einem 1992 gebildeten Zusammenschluss
aller Ordensvereinigungen und Säkularinstitute der Schweiz. Die spezifisch
schweizerische Situation mit ihrer Viersprachigkeit und den verschiedenen
Ordenskonferenzen rief einem «übergreifenden» Gremium.
Dies erweist sich vor allem bei gemeinsamen Veranstaltungen als nützlich
und notwendig. Die nächste gesamtschweizerische so genannte «Tagsatzung
der Ordensleute» findet vom 12. bis 14. September 2003 in Freiburg
statt.
Für die VONOS gibt es aber weiterhin spezifische Aufgaben. Es sind
dies vor allem der Austausch und die gegenseitige Unterstützung, die
heute im schwierigen Umfeld von besonderer Bedeutung sind. Auch pflegt die
VONOS Kontakte mit Vertreterinnen aus andern Gremien und Gruppierungen,
unter anderem mit dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, der Ökumenischen
Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt, der Fachstelle für Kirchliche
Berufe und mit andern Ordensvereinigungen von Frauen und Männern auch
aus andern Landesteilen. Vor allem aber sind es die gemeinsamen Bildungstage,
die sich jeweils an die Generalversammlung anschliessen.
Die sich anschliessenden Bildungstage, unter dem Thema «Geistliche
Führung Hauptaufgabe der Leitung», wurden von der Maria-Ward-Schwester
Dr. Josefine Heyer, Bad-Homburg, begleitet.
«Wandle vor mir und sei ganz» (Gen 17,1). Ordensleuten ist es
aufgegeben, die ungeteilte Ausrichtung des Herzens auf Gott zu leben. Axel
von Ambesser mahnt aber: «Ideale sind ein Leuchtturm, kein Hafen
sind Richtungen, keine Ziele», das heisst, sie sind Richtung für
unser Handeln, aber kein Massstab der Bewertung. Soweit der Ausgangspunkt
des Einleitungsreferates. Einige Kernsätze der sich anschliessenden
Überlegungen mögen einen Eindruck in die äusserst wertvollen
Studientage vermitteln.
Geistliche Leitung ist Führung durch unterscheidende Liebe, welche
Menschen in ihrer Berufung ermutigt, sich um ihr Ganzsein-Können sorgt
und die Verwirklichung der aufgetragenen Sendung ermöglicht.
Berufung muss immer wieder neu, auch gemeinschaftlich, entdeckt und entfaltet
werden von jeder Generation. Dazu ist es nötig, dass wir dem
Leben Raum geben, auch wie wir in Gemeinschaft unsere Sendung, wie wir in
Gelübden leben als unsere Möglichkeit, vor Gott ganz zu werden.
Für ein Ordensleben ist die Fähigkeit zur Lust am Leben Voraussetzung.
Leitung kann dazu helfen, mit ihrer Gemeinschaft die Kultur der Lebendigkeit
immer wieder neu zu entdecken und aufzuschliessen. Eine Lebensform als solche
garantiert noch nicht, dass Leben auf Dauer sinnvoll und gesättigt
an Lebendigkeit erfahren wird. Das ist immer wieder ein neuer Anfang: sich
einzulassen auf den Weg, umzudenken, loszulassen von Mustern und Vertrautem,
für immer neues Staunen offen zu sein.
Mk 31,14 ist ein Grundtext des Berufungsvorgangs. Der Kern des Rufes besteht
darin, mit Ihm zu sein und gesendet zu werden in der Gemeinschaft der Mitgerufenen.
Der Leitung obliegt es vor allem, das «Mit-Ihm-Sein» und die
Sendung im Blick auf heute zu ermöglichen. Dazu gehört
die Offenheit für das Wirken des Geistes und der Glaube, dass er heute
auch durch uns wirkt. Das bedeutet Wandel zulassen, auch die Wandlung unseres
Gottesbildes, der Gebetsbedürfnisse und Gebetswege zu unterstützen,
soweit sich das mit dem Grundcharisma und der Sendung vereinbaren lässt.
Wesentlich bleibt, das Vertrauen zu fördern, indem man vertraut, Echtheit
und Ehrlichkeit zu leben. Glaubwürdigkeit ist der Kern des Leitungsamtes.
Sie zeigt sich in Gesprächsfähigkeit, im achtsamen Hören
und in der Unterscheidung der Geister. Leitung sollte vor allem durch das
wirken, was sie ist und tut, weniger durch das, was sie sagt. Auch hier
geht es um Ganzheitsstreben.