50/2002

INHALT

Theologie

Theologie in der Universität von morgen

von Rolf Weibel

 

Wie sieht die Zukunft der Theologischen Fakultäten in der Schweiz aus? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Rektoren der Universitäten und die Dekane der Fakultäten; mit dieser Frage beschäftigte sich an ihrer letzten Jahrestagung auch die Schweizerische Theologische Gesellschaft, die in der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften die Anliegen der Theologie vertritt.<1> Thematisiert werden konnte diese Frage, weil das traditionelle Kolloquium aus organisatorischen Gründen nicht stattfinden konnte und die Jahresversammlung deshalb um ein Referat von Adrian Loretan zum Thema angereichert wurde. Als Inhaber des Lehrstuhls für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Luzerner Fakultät stellte er die Theologischen Fakultäten ins Spannungsfeld von Gesellschaft, Kirche und Staat.

Politische und theologische Rationalität

In einem ersten Gedankengang erinnerte Adrian Loretan daran, wie die wissenschaftliche Theologie im politischen Raum des lateinischen Westens entstanden ist. Im Gefolge des Investiturstreits erfolgte nicht nur die Unterscheidung zwischen politischer und religiöser Macht, Staat und Kirche; im 11./12. Jahrhundert entstanden auch die Universitäten als eigenständige rechtliche Körperschaften zwischen Staat und Kirche. In diese Universitäten wurde die Theologie, die sich von der Philosophie zu unterscheiden begann und eine eigenständige Wissenschaft wurde, eingegliedert. Vor diesem Hintergrund fragte Adrian Loretan nach den Bedingungen der Möglichkeit, dass die Theologie an der Universität eine wissenschaftliche Disziplin von Bedeutung bleiben kann.
Von der Universität sei gefordert, dass sie nicht ökonomischem Druck nachgibt, sondern die Bedeutung der Religion für die Öffentlichkeit ernst nimmt. Für Jürgen Habermas werde die säkulare Gesellschaft nur dann nicht von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abgeschnitten, «wenn sich auch die säkulare Seite einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen bewahrt». Insofern Theologie den Glauben wissenschaftlich reflektiert, ist sie Glaubenswissenschaft, die sich der allen Menschen gemeinsamen ratio bedient und so universale Kommunikation beansprucht.
Die Theologie ihrerseits müsse die Spielregeln eines argumentierenden Diskurses einhalten. Dazu gehöre eine klare Kritik ihrer Erkenntnismöglichkeiten wie auch eine genaue Definition ihrer Methoden. Desgleichen dürfe sich Theologie nicht ausschliesslich mit kirchlichen Binnenfragen beschäftigen und allein die Ausbildung kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berücksichtigen.
Die Kirche schliesslich müsse sich fragen lassen, ob sie die Theologie als relativ autonome Wissenschaft auch in Zukunft wolle. Lasse die Kirche ihre eigene Wissenschaft, die Theologie, echt Wissenschaft sein, mache sie diese auch für den Dialog mit den Wissenschaften glaubwürdig.
In diesem Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Kirche, zwischen dem Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit und dem Grundrecht der Religionsfreiheit bewegen sich die Theologischen Fakultäten.

Staat, Gesellschaft und Religion

Anhand von drei möglichen Zuordnungen der Grundrechte Religionsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit und damit anhand von drei religionsrechtlichen bzw. staatskirchenrechtlichen Modellen erörterte Adrian Loretan sodann die Zukunftschancen für die Theologischen Fakultäten.
Im Modell der radikalen Trennung von Staat und Kirchen, die keine Zusammenarbeit zulässt, ist das Religionsrecht vom Individuum her konzipiert. Weil die Religionsfreiheit als nur individuelles Recht verstanden wird, haben die Religionsgemeinschaften einen privatrechtlichen Status. Dieses Modell hat zur Folge, dass die Theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten in kircheneigene Ausbildungsstätten überführt werden müssten. Dieses Modell vernachlässigt die institutionelle Seite der Religionsfreiheit und stellt insofern eine Diskriminierung der Kirchen und Religionsgemeinschaften dar, als der Sozialstaat mit anderen nichtstaatlichen ­ kulturellen, sozialen, sportlichen und ökonomischen ­ Institutionen Beziehungen pflegt.
Im pluralistischen Modell, der herrschenden Lehre, sind Religionsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit verschränkt. Nach diesem Modell soll der Staat die Rahmenbedingungen schaffen, damit sich ein plurales Angebot von Werterhaltungen frei entfalten kann. Damit garantiert der Staat nicht Privilegien einer Religionsgemeinschaft, sondern Grundrechte des Menschen. Entsprechend der gesellschaftlich kulturellen Bedeutung einer Religion und ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit ist ihre Theologie so an der staatlichen Universität vertreten. Damit gehören die Theologischen Fakultäten zu den gemeinsamen Angelegenheiten von Staat und Kirche (res mixtae). Katholischerseits ist die Mitsprache der Kirchenleitung rechtlich klar geregelt, auf evangelisch-reformierter Seite ist diese Mitsprache in der Schweiz weit weniger verbindlich. Dieser Unterschied hat mit dem unterschiedlichen Amtsverständnis zu tun. «Im evangelischen Kirchenrecht gibt es kein Amt, das, mit wahrheitsverbürgender Rechtsgewalt ausgestattet, kirchliche Lehre bilden und davon abweichende theologische Lehrmeinungen verurteilen könnte.»
Im Modell der inpersonalen Grundrechtstheorie, die von subjektlosen Grundrechten ausgeht, wird einseitig das Recht auf Wissenschaftsfreiheit geschützt. Damit würde jeder ausserwissenschaftliche Anspruch an das staatliche Hochschulsystem, sei es von Seiten des Staates, sei es von Seiten einer Kirche oder Religionsgemeinschaft, abgewehrt. Mit dieser Ausgrenzung gehörten die Theologischen Fakultäten «verfassungsrechtlich ausschliesslich zum Staat und unterliegen uneingeschränkt dem Schutz der Wissenschaftsfreiheit« (Hans-Georg Babke). Wegen ihrer lehramtlichen Bindung müssten in diesem Modell die katholischen Theologischen Fakultäten aus der staatlichen Universität ausgeschlossen werden. Für die evangelischen Theologischen Fakultäten in der Schweiz stellt sich unter Berücksichtigung der Bekenntnisoffenheit des Schweizer Protestantismus anderseits die Frage, ob Theologie so nicht zu einer besonderen Form der Religionswissenschaft werde.
Weil Wissenschaft aus Einzelwissenschaften mit einer jeweils entsprechenden Wissenschaftstheorie besteht, dürfe nicht von einem univoken Wissenschaftsverständnis ausgegangen werden, kritisierte Adrian Loretan abschliessend das radikale Trennungsmodell und die inpersonale Grundrechtstheorie. Weil sich die Wissenschaftsfreiheit, wie das deutsche Bundesverfassungsgericht urteilt, auf alles bezieht, «was nach Inhalt und Form als ernsthafter, planmässiger Versuch zur Ermittlung der Wahrheit anzusehen ist», gehört auch die Theologie als Glaubenswissenschaft in den Schutzbereich der Wissenschaftsfreiheit. Im Interesse der Theologie als Glaubenswissenschaft liegt deshalb allein das pluralistische Modell.


Anmerkung

1 Mitglied der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft kann jede Theologin und jeder Theologe aus Universität und Praxis werden; Anmeldung an: Postfach 8204, 3001 Bern, oder den Präsidenten: Prof. Dr. Dr. Mariano Delgado, Departement für Patristik und Kirchengeschichte, Universität Miséricorde, 1700 Freiburg, Telefon 026 300 74 03, Fax 026 300 96 62, E-Mail mariano.delgado@unifr.ch


Judaistik und jüdisch-christliche Forschung in Luzern

von Verena Lenzen

 

Auf die Frage, was das Judentum sei, antwortete der jüdisch-ägyptische Philosoph Edmond Jabès (1912­1991) mit dem schlichten Satz: «Ich weiss es nicht.» Denn das Wesen des Judentums lasse sich so wenig definieren wie die Vorstellungen von Gott, von der Liebe oder vom Tod. So deutet Jabès das Judentum als «unendliche Lektüre des Judentums».
Das Judentum entzieht sich in seinem geschichtlichen Wandel, seiner geographischen Streuung, seinem kulturellen Reichtum und seiner religiösen Vielfalt jeder starren Definition. Wenn es überhaupt durch bestimmte Attribute zu kennzeichnen ist, dann nur durch solche, deren Wesen selbst komplex und dynamisch ist. In diesem Sinne können zwei Phänomene herausgestellt werden, die Glauben und Praxis des Judentums kennzeichnen: Pluralismus und Evolution. Denn zu keiner Zeit war das Judentum eine monolithische, eine einheitliche Religion mit einem geschlossenen System von Normen.

Judaistik ­ die Wissenschaft vom Judentum

Judaistik ist die wissenschaftliche Erforschung des Judentums. Das Judentum wird dabei in seiner Eigenständigkeit als kulturelle, religiöse und soziale Grösse wahrgenommen. «Wissenschaft des Judentums», schrieb Ismar Elbogen 1930, «ist die Wissenschaft vom lebendigen, im Strom der Entwicklung stehenden Judentum als soziologischer und geschichtlicher Einheit; sie hat als solche alle Erscheinungs- und Betätigungsformen des Judentums aller Zeiten und Länder zu studieren und darzustellen.»
Die Vielfalt und der Reichtum der jüdischen Überlieferung von der biblischen, rabbinischen Zeit bis zur Moderne wird im Fach Judaistik vermittelt. Studierende beschäftigen sich mit der Kultur von Jüdinnen und Juden, mit ihrer Geschichte, ihrer Religion, ihrer Ethik, ihrer Literatur und Philosophie sowie ihren Sprachen von der Antike bis zur Gegenwart. Sie interpretieren jüdische oder das Judentum betreffende Texte, befassen sich mit Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Juden und Jüdinnen im Laufe ihrer Geschichte oder setzen sich mit ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage auseinander. Sie untersuchen die gegenseitigen Einflüsse zwischen den Juden und den sie umgebenden Völkern oder werden in das jüdische Recht eingeführt.

Judaistik: Zwischen Tradition und Innovation

Als universitäre Disziplin ist die Judaistik jung. Im 19. Jahrhundert entstand im Gefolge der Emanzipation der Juden in jüdischen Kreisen eine «Wissenschaft des Judentums». Doch erst ab dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fach Judaistik an europäischen, amerikanischen und israelischen Universitäten als selbständiges Fach entwickelt. Seither hat die Judaistik weltweit an Bedeutung gewonnen.
Judaistik hat zu fast jedem universitären Fach einen Bezug. Eine enge Verknüpfung besteht mit anderen geisteswissenschaftlichen, ferner mit theologischen und rechtswissenschaftlichen Disziplinen. Judaistik kann an der Universität Luzern sowohl als theologische als auch als philosophische Disziplin studiert und geprüft werden. Deshalb ist das Studium der Judaistik offen für alle Studierende, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit und ihrer Weltanschauung. Ein Abschluss mit Lizentiat, Promotion und Habilitation ist sowohl an der Theologischen Fakultät als auch an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät möglich. Für alle Theologiestudierenden der Universität Luzern ist das Fach Judaistik verpflichtend.
Das Studium der Judaistik bildet die Grundlage für eine vielfältige Berufspraxis: Judaistik im Hauptfach bereitet in erster Linie auf lehrende und forschende Aufgaben im akademischen und wissenschaftlichen Bereich vor. Für Judaisten und Judaistinnen im Hauptfach wie im Nebenfach kommen jedoch noch viele andere Berufsfelder in Frage: in Verlagen, in der Journalistik, bei den verschiedenen Medien und in anderen kulturellen Institutionen, in wirtschaftlichen Unternehmen oder bei internationalen Organisationen im In- und Ausland. Die Interdisziplinarität und Vielfalt des judaistischen Studiums macht das Fach offen und attraktiv für viele berufliche Interessen und Ziele.

Judaistik im Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern

Luzern war die erste Hochschule in der Schweiz, wo Judaistik 1971 als universitäres Fach eingeführt wurde. Das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) wurde 1981 unter der Leitung von Prof. Dr. Clemens Thoma gegründet, der das IJCF bis 1998 als Professor für Judaistik und Bibelwissenschaft leitete. Bei der Eröffnungsfeier 1981 bezeichnete der israelische Gelehrte Prof. Dr. Shemaryahu Talmon die Gründung des IJCF als ein «epochemachendes Ereignis» und einen «Meilenstein auf dem langen Weg jüdisch-christlicher Beziehungen».
Seit 2001 hat die Verfasserin die Professur für Judaistik/Theologie und christlich-jüdisches Gespräch und die Leitung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern. Nach dem Studium der Judaistik, Theologie, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Bonn und Köln folgten Staatsexamen, Promotion und Habilitation mit der Habilitationsschrift «Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes. Studien über die Heiligung des göttlichen Namens» (München 1995, 2. Auflage: 2002), welche die jüdische Ethik und Geschichte von der Bibel bis zum modernen Staat Israel behandelt. Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft schlossen sich mehrere Forschungsprojekte über jüdische Ethik in Israel und den USA an, schliesslich eine Forschungstätigkeit im Heisenberg-Exzellenz-Programm der DFG.
Von Anfang an wurden Forschung und Lehre im IJCF dialogisch ausgelegt. Christliche und jüdische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen arbeiten an gemeinsamen Forschungsprojekten. Jüdischer Forschungs- und Lehrbeauftragter im IJCF ist ­ nach Prof. Dr. Simon Lauer und Prof. Dr. Michael Graetz ­ seit 1997 DDr. Alfred Bodenheimer. Jüdisches Recht/Halacha lehrt Rabbiner David Bollag aus Jerusalem. Jedes Wintersemester lehrt zudem ein jüdischer Gastprofessor oder eine Gastprofessorin aus Israel oder den USA am IJCF. Im Wintersemester 2002/2003 wird der bekannte israelische Historiker Prof. Dan Diner (Jerusalem/Leipzig) im IJCF eine Vorlesung über «Jüdische Geschichte und Allgemeine Geschichte» in deutscher Sprache halten.
Zum besonderen Profil des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern gehören die judaistischen Studien und der Dialog zwischen Judentum und Christentum. Der jüdisch-christliche Dialog soll nicht nur religiöse Gemeinsamkeiten, sondern auch theologische Unterschiede herausstellen. Es gilt, weder das Trennende zwischen beiden Religionen und Traditionen zu verschweigen noch das Verbindende aus dem Blick zu verlieren. Es geht darum, den jeweils Anderen in seinem Eigenwert anzuerkennen. Der jüdisch-christliche Dialog soll auf vier Fundamenten gründen: auf einem judaistischen, theologischen, ethischen und kulturwissenschaftlichen. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozialethik nimmt das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung Fragen der jüdischen Ethik und aktuelle Diskussionen der interreligiösen Ethik, der feministischen Ethik und der Medizinethik auf. Auftakt dieser gemeinsamen interreligiösen Veranstaltungsreihe ist am 15. Juni 2003 ein Studientag zum Thema: «Wann kommt die Seele in den Menschen?» Leben und Lebensanfang aus der Sicht der jüdischen und christlichen Ethik.

Die Themenbereiche

Das IJCF bietet Studierenden durch Forschungsstipendien und Stiftungen die Möglichkeit, die modernhebräische Sprache und die jüdische Kultur im Land Israel selbst kennen zu lernen. Die Schwerpunkte von Forschung und Lehre im Luzerner Institut für Jüdisch-Christliche Forschung bilden neben den grundlegenden Einführungen in die hebräische Sprache sowie in die Kultur, Religion, Ethik, Liturgie und Geschichte des Judentums folgende Themenbereiche:

Neben der Forschungs- und Lehrtätigkeit wird die gesellschaftliche Bedeutung des Fachs durch öffentliche Veranstaltungen unterstrichen. So fand im April 2002 eine Veranstaltungsreihe des IJCF in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Comic-Festival «Fumetto» in Luzern statt: «Judentum in Comic und Jugendliteratur». In einer Kunstausstellung, in Workshops und Vorträgen wurden neue Wege erschlossen, wie man jüdische Geschichte und Religion Jugendlichen, Lernenden und Lehrenden vorurteilsfrei und zeitgemäss vermitteln kann. Das Wissen vom Judentum befreit von antijüdischen Stereotypen und Feindbildern, denn: «Unwissenheit erzeugt Misstrauen, Misstrauen erzeugt Hass, Hass erzeugt Gewalttat» (Schalom Ben-Chorin).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002