25/2001 | |
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Lesejahr C |
«Freiheit» hat viele Bedeutungen. Da ist die revolutionäre «Freiheit» im Dreiklang von «liberté, égalité, fraternité». Oder die Freiheit, zwischen Coca-Cola und Pepsi-Cola wählen zu können. Hinzu kommt jene Freiheit, die mit «weniger Staat» gepaart ist. Und die Freiheit der Befreiungstheologie, die das Ende von Hunger und Unterdrückung verheisst. Zu erwähnen ist ferner die «unternehmerische Freiheit», auch bei guter Ertragslage über 1000 Stellen zu streichen, um den Gewinn zu optimieren. Erinnernswert auch die Gedankenfreiheit, die es selbst im Kerker gibt, oder das Recht auf Meinungsfreiheit. Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen.
Im Galaterbrief stellt Paulus die «Freiheit» in die Mitte
seiner Verkündigung. Und er spricht ausgerechnet dort von ihr, wo meist
von ihrer Einschränkung die Rede ist: wo es um die Ethik geht. Die
Formel «Zur Freiheit hat uns Christus befreit» hat programmatischen
Charakter. In ihr kommt zum Ausdruck, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit
ist und dass Menschen zu ihr nicht «von Natur aus» fähig
sind, sondern zu ihr befreit und befähigt werden müssen. In seiner
auch nach 30 Jahren noch aktuellen Schrift «Der Ruf der Freiheit»
formulierte Ernst Käsemann: «Christliche Freiheit wird nicht
geraubt, sondern geschenkt. Man lernt sie weniger, als dass man sie erleidet,
und man hat sie nie als festen Besitz. Sie kommt uns entgegen und geht uns
voraus. In wechselnden Situationen verändert sie sogar ihre Gestalt
und ihre Losung. Immer wandelt sie uns, weil wir in ihrem Dienst uns selber
nicht gleich bleiben dürfen. Niemand wandelt sich jedoch gern. Immer
gibt es Traditionen, welche man vor sich aufbauen kann, um sich vor dem
gegenwärtigen Zugriff der Freiheit zu schützen.» Deshalb
ist «der Ruf der Freiheit...zunächst in Gottes eigenem Hause
provokativ und ärgerlich».
Solchen Ärger mit der Freiheit, ja sogar Angst vor ihr hält Paulus
für die tiefste Ursache des Konfliktes, an dem sich der Galaterbrief
abarbeitet. Seine Gegnerinnen und Gegner stellen die Freiheit in Frage,
über die Grenzen von «Juden und Griechen, Sklaven/Sklavinnen
und Freien, männlich und weiblich» (3,28) hinaus im Namen Jesu
Christi als (Tisch-)Gemeinschaft von Gleichgestellten zusammenzuleben. Und
sie tun dies im Namen des Gesetzes. Paulus sieht darin einen Rückfall
hinter die von Jesus Christus eröffnete Freiheit. Die Zwänge und
Abhängigkeiten des früheren religiös-politischen Systems
werden mit ihrer Forderung auf Beschneidung und Toragehorsam seines Erachtens
nicht überwunden, sondern kehren in anderer Form zurück. Deshalb
mahnt er: «Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch
der Knechtschaft auflegen!» (5,1)
Sicherheit, Berechenbarkeit und Ordnung verheissen eine Geborgenheit, die
offenbar attraktiver ist als der Ruf der Freiheit. Der Konflikt ist so alt
wie der Glaube an den befreienden Mitgeher-Gott: Auf dem beschwerlichen
Weg durch die Wüste ist die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens
stärker als die Verheissung der Freiheit von der Sklaverei. Der Tanz
ums goldene Kalb vermittelt das bessere Wir-Gefühl als die Zusage des
unsichtbaren Gottes «Ich bin mit euch unterwegs». Es sind nicht
nur der Pharao und seine Soldaten, die die Freiheit bedrohen es sind
auch die Stimmen und Kräfte im Innern, die sagen: Lieber satt, sicher
und unfrei, als frei, unsicher und hungrig. Deshalb warnt auch Paulus nicht
nur vor den «Falschbrüdern» und ihrem Evangelium, das gar
keines ist, sondern zugleich vor dem Egoismus, dem «Begehren des Fleisches»,
das die Freiheit bedroht. Schon Paulus weiss, dass es eine religiöse
Unfreiheit gibt, die sich als Pseudo-Freiheit tarnt und in die Lieblosigkeit
führt. Deshalb mahnt er zugleich: «Wenn ihr einander beisst und
verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt.»
(5,15) Einem solchen egoistischen Missverständnis von Freiheit stellt
Paulus das im Liebesgebot zusammengefasste «Gesetz Christi»
(5,14, vgl. 6,2) gegenüber. Denn «aus der Gabe der Freiheit erwächst
die Aufgabe, in der Freiheit zu bleiben» (W. Egger). Wo sie dieser
Aufgabe dient, wird die Tora zum «vollkommenen Gesetz der Freiheit»
im Judentum übrigens genau so wie im Christentum.
Formen von ängstlicher Religiosität, die die eigenen Dogmen
und Moralvorstellungen über die Geschwisterlichkeit und Solidarität
der Kinder Gottes stellt, gibt es auch heute noch. Solche Formen neigen
zu Lieblosigkeit und Intoleranz und sind oft mit Egoismus gepaart. «Fundamentalistische»
oder «integralistische» Kreise betonen zwar Bibeltreue, Rechtgläubigkeit
und eine rigide Sexualmoral, haben aber keine Skrupel, sich unter dem Deckmäntelchen
falsch verstandener «innerer Freiheit» mit autoritären
Regimes oder ausbeuterischen Wirtschaftssystemen zu arrangieren oder gar
anzufreunden.
Der Ruf der Freiheit im Galaterbrief weist einen anderen Weg: jenen einer
«solidarischen Freiheit» auf den Spuren Jesu Christi, die sowohl
den äusseren wie den inneren Zwängen und Abhängigkeitsmechanismen
eine Absage erteilt. Diese evangelische Freiheit ist mit dem revolutionären
Ideal von «Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit» zwar
nicht identisch, steht ihm aber zweifellos näher als der heute so hoch
gepriesenen «Konsumfreiheit», die sich gemäss ihren zahllosen
Verfechtern dann einstellt, wenn wir alles den «Gesetzen des freien
Marktes» unterordnen. Sowohl gegenüber den Tendenzen zum Rückfall
in autoritäre Formen von Religion und Kirche als auch gegenüber
den Tendenzen zu einer marktkonformen Religiosität entfaltet das Programm
des Paulus eine erstaunliche Aktualität: «Zur Freiheit hat uns
Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch
der Knechtschaft auflegen!»
Literatur: Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit, Tübingen 51972 (Zitat: S. 10). Wilhelm Egger, Galaterbrief. Philipperbrief. Philemonbrief (NEB), Würzburg 42000 (Zitat: S. 35).
Den Text in die Konfliktsituation zwischen Paulus und der galatischen
Gemeinde und in den Zusammenhang des Briefes einordnen.
Die Gegensatzpaare (FreiheitKnechtschaft, ChristusFleisch usw.)
einander gegenüberstellen und den Sinn dieser Antithesen erfassen.
Dem Thema «Freiheit» und «Befreiung» in seinen biblischen, aber auch aktuellen Zusammenhängen nachgehen. Welches ist die Freiheit, die Paulus meint? Von welchen (Pseudo-) Freiheiten grenzt er sie ab? Was zeichnet die paulinische Ethik der Freiheit im Geist Jesu aus?
Mit Hilfe von Zeitungen und Illustrierten eine Collage zum Thema «Freiheit» und «Als Freiheit getarnte Knechtschaft» gestalten.