25/2001

INHALT

Lesejahr C

Der Ruf der Freiheit

Daniel Kosch zu Gal 5,1.13-18

 

Auf den Text zu

«Freiheit» hat viele Bedeutungen. Da ist die revolutionäre «Freiheit» im Dreiklang von «liberté, égalité, fraternité». Oder die Freiheit, zwischen Coca-Cola und Pepsi-Cola wählen zu können. Hinzu kommt jene Freiheit, die mit «weniger Staat» gepaart ist. Und die Freiheit der Befreiungstheologie, die das Ende von Hunger und Unterdrückung verheisst. Zu erwähnen ist ferner die «unternehmerische Freiheit», auch bei guter Ertragslage über 1000 Stellen zu streichen, um den Gewinn zu optimieren. Erinnernswert auch die Gedankenfreiheit, die es selbst im Kerker gibt, oder das Recht auf Meinungsfreiheit. Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen.

Mit dem Text unterwegs

Im Galaterbrief stellt Paulus die «Freiheit» in die Mitte seiner Verkündigung. Und er spricht ausgerechnet dort von ihr, wo meist von ihrer Einschränkung die Rede ist: wo es um die Ethik geht. Die Formel «Zur Freiheit hat uns Christus befreit» hat programmatischen Charakter. In ihr kommt zum Ausdruck, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist und dass Menschen zu ihr nicht «von Natur aus» fähig sind, sondern zu ihr befreit und befähigt werden müssen. In seiner auch nach 30 Jahren noch aktuellen Schrift «Der Ruf der Freiheit» formulierte Ernst Käsemann: «Christliche Freiheit wird nicht geraubt, sondern geschenkt. Man lernt sie weniger, als dass man sie erleidet, und man hat sie nie als festen Besitz. Sie kommt uns entgegen und geht uns voraus. In wechselnden Situationen verändert sie sogar ihre Gestalt und ihre Losung. Immer wandelt sie uns, weil wir in ihrem Dienst uns selber nicht gleich bleiben dürfen. Niemand wandelt sich jedoch gern. Immer gibt es Traditionen, welche man vor sich aufbauen kann, um sich vor dem gegenwärtigen Zugriff der Freiheit zu schützen.» Deshalb ist «der Ruf der Freiheit...zunächst in Gottes eigenem Hause provokativ und ärgerlich».
Solchen Ärger mit der Freiheit, ja sogar Angst vor ihr hält Paulus für die tiefste Ursache des Konfliktes, an dem sich der Galaterbrief abarbeitet. Seine Gegnerinnen und Gegner stellen die Freiheit in Frage, über die Grenzen von «Juden und Griechen, Sklaven/Sklavinnen und Freien, männlich und weiblich» (3,28) hinaus im Namen Jesu Christi als (Tisch-)Gemeinschaft von Gleichgestellten zusammenzuleben. Und sie tun dies im Namen des Gesetzes. Paulus sieht darin einen Rückfall hinter die von Jesus Christus eröffnete Freiheit. Die Zwänge und Abhängigkeiten des früheren religiös-politischen Systems werden mit ihrer Forderung auf Beschneidung und Toragehorsam seines Erachtens nicht überwunden, sondern kehren in anderer Form zurück. Deshalb mahnt er: «Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!» (5,1)
Sicherheit, Berechenbarkeit und Ordnung verheissen eine Geborgenheit, die offenbar attraktiver ist als der Ruf der Freiheit. Der Konflikt ist so alt wie der Glaube an den befreienden Mitgeher-Gott: Auf dem beschwerlichen Weg durch die Wüste ist die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens stärker als die Verheissung der Freiheit von der Sklaverei. Der Tanz ums goldene Kalb vermittelt das bessere Wir-Gefühl als die Zusage des unsichtbaren Gottes «Ich bin mit euch unterwegs». Es sind nicht nur der Pharao und seine Soldaten, die die Freiheit bedrohen ­ es sind auch die Stimmen und Kräfte im Innern, die sagen: Lieber satt, sicher und unfrei, als frei, unsicher und hungrig. Deshalb warnt auch Paulus nicht nur vor den «Falschbrüdern» und ihrem Evangelium, das gar keines ist, sondern zugleich vor dem Egoismus, dem «Begehren des Fleisches», das die Freiheit bedroht. Schon Paulus weiss, dass es eine religiöse Unfreiheit gibt, die sich als Pseudo-Freiheit tarnt und in die Lieblosigkeit führt. Deshalb mahnt er zugleich: «Wenn ihr einander beisst und verschlingt, dann gebt acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt.» (5,15) Einem solchen egoistischen Missverständnis von Freiheit stellt Paulus das im Liebesgebot zusammengefasste «Gesetz Christi» (5,14, vgl. 6,2) gegenüber. Denn «aus der Gabe der Freiheit erwächst die Aufgabe, in der Freiheit zu bleiben» (W. Egger). Wo sie dieser Aufgabe dient, wird die Tora zum «vollkommenen Gesetz der Freiheit» ­ im Judentum übrigens genau so wie im Christentum.

Über den Text hinaus

Formen von ängstlicher Religiosität, die die eigenen Dogmen und Moralvorstellungen über die Geschwisterlichkeit und Solidarität der Kinder Gottes stellt, gibt es auch heute noch. Solche Formen neigen zu Lieblosigkeit und Intoleranz und sind oft mit Egoismus gepaart. «Fundamentalistische» oder «integralistische» Kreise betonen zwar Bibeltreue, Rechtgläubigkeit und eine rigide Sexualmoral, haben aber keine Skrupel, sich unter dem Deckmäntelchen falsch verstandener «innerer Freiheit» mit autoritären Regimes oder ausbeuterischen Wirtschaftssystemen zu arrangieren oder gar anzufreunden.
Der Ruf der Freiheit im Galaterbrief weist einen anderen Weg: jenen einer «solidarischen Freiheit» auf den Spuren Jesu Christi, die sowohl den äusseren wie den inneren Zwängen und Abhängigkeitsmechanismen eine Absage erteilt. Diese evangelische Freiheit ist mit dem revolutionären Ideal von «Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit» zwar nicht identisch, steht ihm aber zweifellos näher als der heute so hoch gepriesenen «Konsumfreiheit», die sich gemäss ihren zahllosen Verfechtern dann einstellt, wenn wir alles den «Gesetzen des freien Marktes» unterordnen. Sowohl gegenüber den Tendenzen zum Rückfall in autoritäre Formen von Religion und Kirche als auch gegenüber den Tendenzen zu einer marktkonformen Religiosität entfaltet das Programm des Paulus eine erstaunliche Aktualität: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!»

 

Literatur: Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit, Tübingen 51972 (Zitat: S. 10). Wilhelm Egger, Galaterbrief. Philipperbrief. Philemonbrief (NEB), Würzburg 42000 (Zitat: S. 35).


Er-lesen

Den Text in die Konfliktsituation zwischen Paulus und der galatischen Gemeinde und in den Zusammenhang des Briefes einordnen.
Die Gegensatzpaare (Freiheit­Knechtschaft, Christus­Fleisch usw.) einander gegenüberstellen und den Sinn dieser Antithesen erfassen.

Er-hellen

Dem Thema «Freiheit» und «Befreiung» in seinen biblischen, aber auch aktuellen Zusammenhängen nachgehen. Welches ist die Freiheit, die Paulus meint? Von welchen (Pseudo-) Freiheiten grenzt er sie ab? Was zeichnet die paulinische Ethik der Freiheit im Geist Jesu aus?

Er-leben

Mit Hilfe von Zeitungen und Illustrierten eine Collage zum Thema «Freiheit» und «Als Freiheit getarnte Knechtschaft» gestalten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001