19/2001 | |
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Lesejahr C |
Im Zusammenhang mit der katholischen Kirche fällt das Stichwort
«Hierarchie» zweifellos öfter als das Stichwort «Demokratie».
Die demokratischen Elemente in den Verfassungen unserer Kirchgemeinden und
Kantonalkirchen werden als «Sonderfall Schweiz» etikettiert
und von konservativen Kreisen theologisch diskreditiert. Noch schärfer
sind manche Reaktionen auf «Kirchenvolksbegehren» oder das Ansinnen,
die Ortskirchen hätten bei wichtigen Personal- und Sachfragen ein Mitentscheidungsrecht.
Die Apostelgeschichte sieht die Kirche weder als Hierarchie noch als Demokratie,
sondern versteht sie als «Pneumatokratie»<1>.
Leitung der Kirche erfolgt allein und ausschliesslich durch den Heiligen
Geist. Aber am Vorgang der Entscheidungsfindung, in dem es darum geht, den
Willen Gottes zu erkennen und ihm Geltung zu verschaffen, ist die ganze
Gemeinde als «Volksversammlung Gottes» (gr. ekklesia) beteiligt.
Sie hat dabei nicht nur beratende Funktion, sondern trifft die Entscheidungen.
Dieses demokratische Vorgehen ist also für die Apg mit der «Pneumatokratie»
keineswegs unvereinbar und es bewährt sich gemäss dem Zeugnis
der Apg besonders in schwer wiegenden Entscheidungen und angesichts tief
greifender Konflikte. Ein wichtiges Beispiel ist Apg 15, wo die Folgen der
Zulassung von Frauen und Männern nichtjüdischer Herkunft für
das Zusammenleben in der Kirche zur Debatte stehen.
Auch wenn die Klage schon wiederholt vorgetragen wurde die Zerstückelung
des Lesungstextes wirkt sinnentstellend. Zwischen der Schilderung der Ausgangslage
(VV. 12) und der Verabschiedung des Antwortbriefes (VV. 2229)
liegt die Versammlung der Gemeinde (VV. 4ff.) mit der Schilderung der Situation,
der Beratung der Verantwortlichen und der Rede des Jakobus. Erst bei einer
zweiten Gemeindeversammlung (VV. 22ff.) kommt es zur Lösung.
Zur Beschreibung des Konfliktes in Antiochia, der den ganzen Entscheidungsvorgang
auslöst, verwendet die Apg drastische Formulierungen: grosse Aufregung,
heftige Auseinandersetzungen, Streitfrage. Dies wiegt umso schwerer, als
die Apg insgesamt dazu neigt, das Leben der Urgemeinde als harmonisch und
einträchtig zu idealisieren. Tatsächlich aber handelte es sich
bei der konkreten Problematik um eine Zerreissprobe für die werdende
Kirche. Dabei ging es um folgende Frage: Wie können Gemeinden zusammenleben,
die aus toratreuen Judenchristen/Judenchristinnen und aus ehemaligen «Heiden»
bestehen, die nicht zu Beschneidung und Toragehorsam verpflichtet sind?
Sowohl für den Toragehorsam als auch für das Zusammenleben der
christlichen Gemeinde waren das Essen und die Tischgemeinschaft von entscheidender
Bedeutung (Reinheits- und Speisevorschriften einerseits, Brotbrechen und
Eucharistie anderseits). Folglich entzündete sich die Frage nicht an
einem «Nebenthema», sondern an einem zentralen Punkt. Die Entscheidung
für ein «Nebeneinander» hätte faktisch zu einem Bruch
zwischen «judenchristlicher» und «heidenchristlicher»
Kirche geführt und gemischte Gemeinden verunmöglicht. Die Lösung
des Konfliktes war also ebenso schwierig wie überlebenswichtig.
Dass diese Streitfrage Gegenstand einer Versammlung in Jerusalem war, berichtet
nicht nur die Apg (15,135, kaum zufällig in der Mitte des Buches!),
sondern auch Paulus (Gal 2,110). Zur Bezeichnung dieser Zusammenkunft
hat sich der Ausdruck «Apostelkonzil» eingebürgert, doch
ist dieser missverständlich, denn anwesend und mitentscheidend sind
nicht nur die «Apostel und Ältesten», sondern in
Apg 15,4 an erster Stelle genannt auch die «Gemeinde».
Es handelt sich nicht um ein «Konzil» der Kirchenleitung allein,
sondern um eine Vollversammlung der Jerusalemer Gemeinde, in der allerdings
die «Apostel und Ältesten», besonders Petrus und Jakobus,
eine führende Rolle spielen. Der Brief, der mitteilt, was «der
Heilige Geist und wir beschlossen haben» (15,28), ist kein «apostolisches
Lehrschreiben». Die Apg stellt den Vorgang so dar, dass die ganze
Jerusalemer Urkirche den Schlussentscheid mitbeschliesst.
Zum Inhalt des Lösungsvorschlages (Verzicht auf Götzenopferfleisch,
Blut, Ersticktes und Unzucht) ist festzuhalten, dass Paulus in seinem älteren
Bericht (Gal 2) von diesen so genannten «Jakobusklauseln» (vgl.
15,1921) nichts weiss. Es wird deshalb vermutet, sie seien erst später
entstanden und zwar als Schutzbestimmung für die in gemischten Gemeinden
lebenden Judenchristen. Materiell handelt es sich um eine Regelung, die
das Zusammenleben und die Tischgemeinschaft innerhalb der christlichen Gemeinde
ermöglicht, ohne dass die «judenchristliche» oder die «heidenchristliche»
Seite gezwungen wird, um der Gemeinschaft willen etwas preiszugeben oder
zu befolgen, was mit dem eigenen Selbstverständnis unvereinbar ist.
Anhaltende Diskussionen zur Erneuerung kirchlicher Strukturen und zur
Beteiligung aller Glieder des Gottesvolkes an den wichtigen Entscheidungen
der Kirche geben dem Text Aktualität: Er zeigt beispielhaft, wie die
Kirche einen grundlegenden und zukunftsentscheidenden Konflikt so schlichtet,
dass sowohl im Vorgehen als auch im Ergebnis erfahrbar wird: Kirche ist
eine Gemeinschaft von Gleichgestellten, die niemanden ausschliesst. Gerade
tief greifende Konflikte zu lösen (und solche sind auch heute vielfach
auszumachen), ist nicht Aufgabe der Gemeindeleitung allein, sondern der
Gemeinde als Ganze. Diese Vollversammlung der Gemeinde hat nicht nur beratende
Funktion, sondern trifft die Entscheidungen. Die «Pneumatokratie»
und die viel beschworene Gemeinschaft (communio, koinonia) konkretisieren
sich in einvernehmlichen Lösungen, die von allen mitentschieden werden
und damit auch grössere Chancen haben, von vielen mitgetragen zu werden.
Gewiss können und sollen wir das Lösungsmodell der Apg nicht 1:1
übernehmen: Eine Weltkirche braucht andere Strukturen als die kleine,
junge Urchristenheit, und in unserer Zeit müssen neben den Männern
auch die Frauen zu Worte kommen. Aber als Ausgangspunkt für eine Besinnung
zu Fragen der Konfliktlösung und Entscheidungsfindung in der Kirche
eignet sich der Text allemal.
1 Gute Beobachtungen und gelungene Formulierungen verdanke ich dem Beitrag von F. Annen, Die Volksversammlung Gottes, in: S. Bieberstein/D. Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen (FS H.-J. Venetz), Luzern 1998, 179193.
Apg 15,135 mit verteilten Rollen lesen.
Auf einem Plakat die einzelnen Etappen festhalten: Wer ist beteiligt? Was wird gesagt? Wie wird entschieden?
In der Mitte des Raumes liegen drei Plakate mit den Aufschriften: «Pneumatokratie: Der Heilige Geist selbst leitet die Kirche», «Demokratie: Die Volksversammlung Gottes», «Hierarchie: Die Aufgabe der Gemeindeleitung». Such-Gespräch zum Thema: Was für Anstösse gibt die Lesung im Hinblick auf kirchliche Entscheidungsprozesse, den Umgang mit Konflikten? Wo sind unsere Möglichkeiten und unsere Verantwortung? Beim Gespräch ist darauf zu achten, dass nicht nur über die Weltkirche und die Kirchenleitung gesprochen wird, sondern auch über die Ortskirche und die Situation in der Gemeinde.