19/2001

INHALT

Lesejahr C

Pneumatokratie

Daniel Kosch zu Apg 15,1-2.22-29

 

Auf den Text zu

Im Zusammenhang mit der katholischen Kirche fällt das Stichwort «Hierarchie» zweifellos öfter als das Stichwort «Demokratie». Die demokratischen Elemente in den Verfassungen unserer Kirchgemeinden und Kantonalkirchen werden als «Sonderfall Schweiz» etikettiert und von konservativen Kreisen theologisch diskreditiert. Noch schärfer sind manche Reaktionen auf «Kirchenvolksbegehren» oder das Ansinnen, die Ortskirchen hätten bei wichtigen Personal- und Sachfragen ein Mitentscheidungsrecht.
Die Apostelgeschichte sieht die Kirche weder als Hierarchie noch als Demokratie, sondern versteht sie als «Pneumatokratie»<1>. Leitung der Kirche erfolgt allein und ausschliesslich durch den Heiligen Geist. Aber am Vorgang der Entscheidungsfindung, in dem es darum geht, den Willen Gottes zu erkennen und ihm Geltung zu verschaffen, ist die ganze Gemeinde als «Volksversammlung Gottes» (gr. ekklesia) beteiligt. Sie hat dabei nicht nur beratende Funktion, sondern trifft die Entscheidungen. Dieses demokratische Vorgehen ist also für die Apg mit der «Pneumatokratie» keineswegs unvereinbar ­ und es bewährt sich gemäss dem Zeugnis der Apg besonders in schwer wiegenden Entscheidungen und angesichts tief greifender Konflikte. Ein wichtiges Beispiel ist Apg 15, wo die Folgen der Zulassung von Frauen und Männern nichtjüdischer Herkunft für das Zusammenleben in der Kirche zur Debatte stehen.

Mit dem Text unterwegs

Auch wenn die Klage schon wiederholt vorgetragen wurde ­ die Zerstückelung des Lesungstextes wirkt sinnentstellend. Zwischen der Schilderung der Ausgangslage (VV. 1­2) und der Verabschiedung des Antwortbriefes (VV. 22­29) liegt die Versammlung der Gemeinde (VV. 4ff.) mit der Schilderung der Situation, der Beratung der Verantwortlichen und der Rede des Jakobus. Erst bei einer zweiten Gemeindeversammlung (VV. 22ff.) kommt es zur Lösung.
Zur Beschreibung des Konfliktes in Antiochia, der den ganzen Entscheidungsvorgang auslöst, verwendet die Apg drastische Formulierungen: grosse Aufregung, heftige Auseinandersetzungen, Streitfrage. Dies wiegt umso schwerer, als die Apg insgesamt dazu neigt, das Leben der Urgemeinde als harmonisch und einträchtig zu idealisieren. Tatsächlich aber handelte es sich bei der konkreten Problematik um eine Zerreissprobe für die werdende Kirche. Dabei ging es um folgende Frage: Wie können Gemeinden zusammenleben, die aus toratreuen Judenchristen/Judenchristinnen und aus ehemaligen «Heiden» bestehen, die nicht zu Beschneidung und Toragehorsam verpflichtet sind? Sowohl für den Toragehorsam als auch für das Zusammenleben der christlichen Gemeinde waren das Essen und die Tischgemeinschaft von entscheidender Bedeutung (Reinheits- und Speisevorschriften einerseits, Brotbrechen und Eucharistie anderseits). Folglich entzündete sich die Frage nicht an einem «Nebenthema», sondern an einem zentralen Punkt. Die Entscheidung für ein «Nebeneinander» hätte faktisch zu einem Bruch zwischen «judenchristlicher» und «heidenchristlicher» Kirche geführt und gemischte Gemeinden verunmöglicht. Die Lösung des Konfliktes war also ebenso schwierig wie überlebenswichtig.
Dass diese Streitfrage Gegenstand einer Versammlung in Jerusalem war, berichtet nicht nur die Apg (15,1­35, kaum zufällig in der Mitte des Buches!), sondern auch Paulus (Gal 2,1­10). Zur Bezeichnung dieser Zusammenkunft hat sich der Ausdruck «Apostelkonzil» eingebürgert, doch ist dieser missverständlich, denn anwesend und mitentscheidend sind nicht nur die «Apostel und Ältesten», sondern ­ in Apg 15,4 an erster Stelle genannt ­ auch die «Gemeinde». Es handelt sich nicht um ein «Konzil» der Kirchenleitung allein, sondern um eine Vollversammlung der Jerusalemer Gemeinde, in der allerdings die «Apostel und Ältesten», besonders Petrus und Jakobus, eine führende Rolle spielen. Der Brief, der mitteilt, was «der Heilige Geist und wir beschlossen haben» (15,28), ist kein «apostolisches Lehrschreiben». Die Apg stellt den Vorgang so dar, dass die ganze Jerusalemer Urkirche den Schlussentscheid mitbeschliesst.
Zum Inhalt des Lösungsvorschlages (Verzicht auf Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht) ist festzuhalten, dass Paulus in seinem älteren Bericht (Gal 2) von diesen so genannten «Jakobusklauseln» (vgl. 15,19­21) nichts weiss. Es wird deshalb vermutet, sie seien erst später entstanden und zwar als Schutzbestimmung für die in gemischten Gemeinden lebenden Judenchristen. Materiell handelt es sich um eine Regelung, die das Zusammenleben und die Tischgemeinschaft innerhalb der christlichen Gemeinde ermöglicht, ohne dass die «judenchristliche» oder die «heidenchristliche» Seite gezwungen wird, um der Gemeinschaft willen etwas preiszugeben oder zu befolgen, was mit dem eigenen Selbstverständnis unvereinbar ist.

Über den Text hinaus

Anhaltende Diskussionen zur Erneuerung kirchlicher Strukturen und zur Beteiligung aller Glieder des Gottesvolkes an den wichtigen Entscheidungen der Kirche geben dem Text Aktualität: Er zeigt beispielhaft, wie die Kirche einen grundlegenden und zukunftsentscheidenden Konflikt so schlichtet, dass sowohl im Vorgehen als auch im Ergebnis erfahrbar wird: Kirche ist eine Gemeinschaft von Gleichgestellten, die niemanden ausschliesst. Gerade tief greifende Konflikte zu lösen (und solche sind auch heute vielfach auszumachen), ist nicht Aufgabe der Gemeindeleitung allein, sondern der Gemeinde als Ganze. Diese Vollversammlung der Gemeinde hat nicht nur beratende Funktion, sondern trifft die Entscheidungen. Die «Pneumatokratie» und die viel beschworene Gemeinschaft (communio, koinonia) konkretisieren sich in einvernehmlichen Lösungen, die von allen mitentschieden werden und damit auch grössere Chancen haben, von vielen mitgetragen zu werden.
Gewiss können und sollen wir das Lösungsmodell der Apg nicht 1:1 übernehmen: Eine Weltkirche braucht andere Strukturen als die kleine, junge Urchristenheit, und in unserer Zeit müssen neben den Männern auch die Frauen zu Worte kommen. Aber als Ausgangspunkt für eine Besinnung zu Fragen der Konfliktlösung und Entscheidungsfindung in der Kirche eignet sich der Text allemal.


Anmerkung

1 Gute Beobachtungen und gelungene Formulierungen verdanke ich dem Beitrag von F. Annen, Die Volksversammlung Gottes, in: S. Bieberstein/D. Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen (FS H.-J. Venetz), Luzern 1998, 179­193.


Er-lesen

Apg 15,1­35 mit verteilten Rollen lesen.

Er-hellen

Auf einem Plakat die einzelnen Etappen festhalten: Wer ist beteiligt? Was wird gesagt? Wie wird entschieden?

Er-leben

In der Mitte des Raumes liegen drei Plakate mit den Aufschriften: «Pneumatokratie: Der Heilige Geist selbst leitet die Kirche», «Demokratie: Die Volksversammlung Gottes», «Hierarchie: Die Aufgabe der Gemeindeleitung». Such-Gespräch zum Thema: Was für Anstösse gibt die Lesung im Hinblick auf kirchliche Entscheidungsprozesse, den Umgang mit Konflikten? Wo sind unsere Möglichkeiten und unsere Verantwortung? Beim Gespräch ist darauf zu achten, dass nicht nur über die Weltkirche und die Kirchenleitung gesprochen wird, sondern auch über die Ortskirche und die Situation in der Gemeinde.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001