5/2001

INHALT

Lesejahr C

Hoffnung der Toten

Regula Grünenfelder zu 1 Kor 15,12.16-20

 

Auf den Text zu

Im ersten Abschnitt des Auferweckungskapitels im Korintherbrief formuliert Paulus das gemeinsame Fundament. Nun problematisiert er Unterschiede. In der korinthischen Gemeinde gibt es einige, die nicht an die Auferstehung Toter glauben. Für Paulus jedoch ermöglicht dieser Glaube erst den Glauben an die Auferweckung Christi.

Mit dem Text unterwegs

Im allgemeinen Bekenntnis (15,3­5) spricht der letzte Osterzeuge (15,8) von der Auferweckung Christi. Zu Beginn seiner Kontroverse mit einer Gruppe von Glaubenden aus Korinth erweitert er dieses Bekenntnis und stellt den Zusatz von den Toten ins Zentrum. Zur Debatte steht also die allgemeine Totenerweckung. Daraus können wir schliessen, dass damals das Grundbekenntnis zum auferweckten Christus die Auferstehung der anderen Toten nicht zwingend einschloss.
In unserem Abschnitt ist im Zusammenhang mit Christus konsequent von «Auferweckung» die Rede. Paulus verwendet den aktiven Begriff «Auferstehung» nur am Anfang seiner Argumentation, wo er seine Gegner/Gegnerinnen zitiert. Ab Vers 15 wechselt er begrifflich zu seinem eigenen Verständnis und verwendet für alle Toten «auferwecken».
Die konkrete Ausformung der korinthischen Gegenposition wird heute unterschiedlich rekonstruiert:
In die Hafenstadt Korinth habe wohl besser als die Auferstehungshoffnung für alle die Vorstellung gepasst, mit dem Tod sei die unsterbliche Seele endlich aus dem Kerker des Leibes befreit. Auf Grund des siebten Kapitels über die Ehe lässt sich eine solche Leibverachtung auch in der korinthischen Gemeinde vermuten. Umgekehrt werden die Gesetzesbrüche, die Paulus im Brief anprangert, auch als hedonistische, aber resignative Lebenshaltung gesehen (6,12­20): Wer vor der Wiederkunft Christi stirbt, hat keinen Anteil am ewigen Leben (1 Thess 4,13­18). In solchen Denk- und Erfahrungshorizonten kann der Totenerweckung nur mit Unverständnis und Spott (Apg 17,32) begegnet werden.
Eine dritte These zieht jene Texte bei, in denen Paulus die optimistische Auffassung kritisiert, schon jetzt vollendet zu sein (4,8; vgl. 2 Tim 2,18). Ein solches Selbstbewusstsein lässt keine Veränderungsmöglichkeit und keine Zukunftsperspektive zu. Diese Versteinerung der Gegenwart wird in einem Missverständnis einiger Korinther/Korintherinnen gesehen: Aus der symbolisch in der Taufe zugesprochenen Auferweckung wurde gefolgert, dass nichts mehr und nichts anderes zu erwarten ist, als das, was sich in der Gemeinde und in ihren einzelnen Gliedern gegenwärtig zeigt.
Bei aller Unterschiedlichkeit arbeiten die drei Rekonstruktionen ein Anliegen des Paulus deutlich heraus: Die Totenauferweckung ist ­ wenn auch nicht zwingend einsichtig ­ ein notwendiger Bestandteil des christlichen Bekenntnisses. Die Auferweckung Christi ist nicht nur vergangenes Geschehen, sondern steht und fällt mit der Frage, was die Glaubenden für sich selber und für die Toten erhoffen.
Frühjüdische Texte zeigen, dass diese letzte Frage nicht nur im christlichen Raum zur Debatte stand und auch anderswo beantwortet wurde. In der zweiten Benediktion des Achtzehn-Gebetes heisst es: «Gepriesen bist du, Ewiger, der die Toten lebendig macht.» Und die nach der Tempelzerstörung (70 n.Chr.) entstandene syrische Baruchapokalypse gibt der Hoffnung auf mehr als gegenwärtiges Unglück Ausdruck: «Gäbe es nur dieses Leben, das jedermann hier hat ­ nichts könnte bitterer sein.»
Im logisch schlüssigen Gedankengang mit zwei Gegenproben (13­15; 16­19) führt Paulus vor, dass ein auf die eigene kurze Lebensspanne beschränkter Glaube zu kurz greift; er scheitert am Problem von Schuld und Tod.
Der letzte Vers der Lesung (20) gehört schon zum nächsten Gedankengang. Dieses hierarchische Modell deutet eine vierte Möglichkeit an, die Opposition der Korinther/Korintherinnen zu verstehen: Christus wurde auch für die Lebenden auferweckt und darf nicht dazu gebraucht werden, die Ansprüche auf Erden zu legitimieren (vgl. 14f.) und ins Endgericht zu verlängern.

Über den Text hinaus

Wer die Totenauferweckung leugnet, überlässt das letzte Wort dem Tod und verrät damit die Lebenden und die Toten. Diese paulinische These (mit einer möglichen korinthischen Korrektur) lässt sich mit Walter Benjamin aktualisieren. Wie niemand sonst hat der jüdische Philosoph die Lebensmöglichkeiten der Lebenden an die Hoffnungen der Toten geknüpft.
Benjamin spricht in seinen geschichtsphilosophischen Thesen von der homogenen und leeren Zeit: Alles bleibt gleich. Der Fortschritt soll für diejenigen, die profitieren können, alles immer ein wenig besser machen. Dagegen setzt Benjamin das Konzept der Gegenwart als Jetztzeit, «in welcher Splitter der messianischen eingesprengt sind». Die Zukunft darf wegen der Verliererinnen und Verlierer nicht als Verlängerung der gegenwärtigen Verhältnisse gedacht werden. Sie muss anders sein können: Jeder Augenblick ist eine Pforte, durch die der Messias eintreten kann. Die Lebenden wie die Toten müssen vor der tödlichen Resignation geschützt werden. Benjamin verwendet dafür den Begriff Eingedenken. Benjamin in seiner sechsten geschichtsphilosophischen These:
«In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen... Nur dem Geschichtsschreiber (wir können ergänzen: der Gemeinde, der Theologin, dem Theologen) wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu siegen nicht aufgehört.»
Die Auferstehung in der paulinischen Formulierung stiftet zum Eingedenken an: Gegen ein Verständnis vom guten Leben, das die Leiden und den Tod vieler Menschen als «Kollateralschäden» (Unwort 1999) in Kauf nimmt, sind die Lebenswünsche und Hoffnungen von Lebenden und Toten wach zu halten.

 

Literaturhinweis: Franz Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, Stuttgarter Kleiner Kommentar. Neues Testament 7, Stuttgart 1993; Jacob Kremer, Enthüllungen der Zukunft. Tod ­ Rettung ­ Weltgericht, Regensburg 1999; Walter Benjamin, Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a.M. 1977.


Er-lesen

Lesen und Argumentationsstruktur herausarbeiten. Der Text kann Menschen entgegenkommen, die sich mit der symbolischen, logisch oft wenig konsequenten biblischen Sprache schwer tun.

Er-hellen

Verschiedene Auferstehungsverständnisse aufspüren, die als Gegenpositionen zu den Argumenten des Paulus passen könnten und diese an anderen Briefstellen/Paulusbriefen untermauern (s.o.).
Vielleicht klingt das Argument ungewohnt: Wegen der Auferstehung Toter kann Christus überhaupt auferweckt worden sein. Annäherungen an die Auferweckung Christi über den Anspruch der Toten auf die Auferstehung. Gespräch über diese Perspektive.

Er-leben

Einzelarbeit: Hoffnungen von Toten aufschreiben. Von solchen, die mir biographisch nahe waren und sind, aber auch von anderen, über deren Schicksal ich aus Geschichtsbüchern und Zeitungen erfahren habe.
Zu zweit oder dritt in Neigungsgruppen: Aus den Hoffnungen eigene Hoffnungen (z.B. als Gebet) formulieren.
Zusammentragen in einer Liturgie (bei grossen Gruppen muss die Form angepasst werden): Raum gestalten. Antwortlied wählen und einüben. Hoffnungen und Gebete miteinander teilen (dabei wird freigestellt, ob Namen und Lebensumstände kurz genannt werden).
Ausblick: Ein Projekt der Hoffnung unterstützen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2001