5/2001 | |
INHALT | |
Lesejahr C |
Im ersten Abschnitt des Auferweckungskapitels im Korintherbrief formuliert Paulus das gemeinsame Fundament. Nun problematisiert er Unterschiede. In der korinthischen Gemeinde gibt es einige, die nicht an die Auferstehung Toter glauben. Für Paulus jedoch ermöglicht dieser Glaube erst den Glauben an die Auferweckung Christi.
Im allgemeinen Bekenntnis (15,35) spricht der letzte Osterzeuge
(15,8) von der Auferweckung Christi. Zu Beginn seiner Kontroverse mit einer
Gruppe von Glaubenden aus Korinth erweitert er dieses Bekenntnis und stellt
den Zusatz von den Toten ins Zentrum. Zur Debatte steht also die allgemeine
Totenerweckung. Daraus können wir schliessen, dass damals das Grundbekenntnis
zum auferweckten Christus die Auferstehung der anderen Toten nicht zwingend
einschloss.
In unserem Abschnitt ist im Zusammenhang mit Christus konsequent von «Auferweckung»
die Rede. Paulus verwendet den aktiven Begriff «Auferstehung»
nur am Anfang seiner Argumentation, wo er seine Gegner/Gegnerinnen zitiert.
Ab Vers 15 wechselt er begrifflich zu seinem eigenen Verständnis und
verwendet für alle Toten «auferwecken».
Die konkrete Ausformung der korinthischen Gegenposition wird heute unterschiedlich
rekonstruiert:
In die Hafenstadt Korinth habe wohl besser als die Auferstehungshoffnung
für alle die Vorstellung gepasst, mit dem Tod sei die unsterbliche
Seele endlich aus dem Kerker des Leibes befreit. Auf Grund des siebten Kapitels
über die Ehe lässt sich eine solche Leibverachtung auch in der
korinthischen Gemeinde vermuten. Umgekehrt werden die Gesetzesbrüche,
die Paulus im Brief anprangert, auch als hedonistische, aber resignative
Lebenshaltung gesehen (6,1220): Wer vor der Wiederkunft Christi stirbt,
hat keinen Anteil am ewigen Leben (1 Thess 4,1318). In solchen Denk-
und Erfahrungshorizonten kann der Totenerweckung nur mit Unverständnis
und Spott (Apg 17,32) begegnet werden.
Eine dritte These zieht jene Texte bei, in denen Paulus die optimistische
Auffassung kritisiert, schon jetzt vollendet zu sein (4,8; vgl. 2 Tim 2,18).
Ein solches Selbstbewusstsein lässt keine Veränderungsmöglichkeit
und keine Zukunftsperspektive zu. Diese Versteinerung der Gegenwart wird
in einem Missverständnis einiger Korinther/Korintherinnen gesehen:
Aus der symbolisch in der Taufe zugesprochenen Auferweckung wurde gefolgert,
dass nichts mehr und nichts anderes zu erwarten ist, als das, was sich in
der Gemeinde und in ihren einzelnen Gliedern gegenwärtig zeigt.
Bei aller Unterschiedlichkeit arbeiten die drei Rekonstruktionen ein Anliegen
des Paulus deutlich heraus: Die Totenauferweckung ist wenn auch nicht
zwingend einsichtig ein notwendiger Bestandteil des christlichen Bekenntnisses.
Die Auferweckung Christi ist nicht nur vergangenes Geschehen, sondern steht
und fällt mit der Frage, was die Glaubenden für sich selber und
für die Toten erhoffen.
Frühjüdische Texte zeigen, dass diese letzte Frage nicht nur im
christlichen Raum zur Debatte stand und auch anderswo beantwortet wurde.
In der zweiten Benediktion des Achtzehn-Gebetes heisst es: «Gepriesen
bist du, Ewiger, der die Toten lebendig macht.» Und die nach der Tempelzerstörung
(70 n.Chr.) entstandene syrische Baruchapokalypse gibt der Hoffnung auf
mehr als gegenwärtiges Unglück Ausdruck: «Gäbe es nur
dieses Leben, das jedermann hier hat nichts könnte bitterer sein.»
Im logisch schlüssigen Gedankengang mit zwei Gegenproben (1315;
1619) führt Paulus vor, dass ein auf die eigene kurze Lebensspanne
beschränkter Glaube zu kurz greift; er scheitert am Problem von Schuld
und Tod.
Der letzte Vers der Lesung (20) gehört schon zum nächsten Gedankengang.
Dieses hierarchische Modell deutet eine vierte Möglichkeit an, die
Opposition der Korinther/Korintherinnen zu verstehen: Christus wurde auch
für die Lebenden auferweckt und darf nicht dazu gebraucht werden, die
Ansprüche auf Erden zu legitimieren (vgl. 14f.) und ins Endgericht
zu verlängern.
Wer die Totenauferweckung leugnet, überlässt das letzte Wort
dem Tod und verrät damit die Lebenden und die Toten. Diese paulinische
These (mit einer möglichen korinthischen Korrektur) lässt sich
mit Walter Benjamin aktualisieren. Wie niemand sonst hat der jüdische
Philosoph die Lebensmöglichkeiten der Lebenden an die Hoffnungen der
Toten geknüpft.
Benjamin spricht in seinen geschichtsphilosophischen Thesen von der homogenen
und leeren Zeit: Alles bleibt gleich. Der Fortschritt soll für diejenigen,
die profitieren können, alles immer ein wenig besser machen. Dagegen
setzt Benjamin das Konzept der Gegenwart als Jetztzeit, «in welcher
Splitter der messianischen eingesprengt sind». Die Zukunft darf wegen
der Verliererinnen und Verlierer nicht als Verlängerung der gegenwärtigen
Verhältnisse gedacht werden. Sie muss anders sein können: Jeder
Augenblick ist eine Pforte, durch die der Messias eintreten kann. Die Lebenden
wie die Toten müssen vor der tödlichen Resignation geschützt
werden. Benjamin verwendet dafür den Begriff Eingedenken. Benjamin
in seiner sechsten geschichtsphilosophischen These:
«In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von
neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen...
Nur dem Geschichtsschreiber (wir können ergänzen: der Gemeinde,
der Theologin, dem Theologen) wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken
der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden
vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein. Und dieser Feind hat zu
siegen nicht aufgehört.»
Die Auferstehung in der paulinischen Formulierung stiftet zum Eingedenken
an: Gegen ein Verständnis vom guten Leben, das die Leiden und den Tod
vieler Menschen als «Kollateralschäden» (Unwort 1999) in
Kauf nimmt, sind die Lebenswünsche und Hoffnungen von Lebenden und
Toten wach zu halten.
Literaturhinweis: Franz Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, Stuttgarter Kleiner Kommentar. Neues Testament 7, Stuttgart 1993; Jacob Kremer, Enthüllungen der Zukunft. Tod Rettung Weltgericht, Regensburg 1999; Walter Benjamin, Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt a.M. 1977.
Lesen und Argumentationsstruktur herausarbeiten. Der Text kann Menschen entgegenkommen, die sich mit der symbolischen, logisch oft wenig konsequenten biblischen Sprache schwer tun.
Verschiedene Auferstehungsverständnisse aufspüren, die als
Gegenpositionen zu den Argumenten des Paulus passen könnten und diese
an anderen Briefstellen/Paulusbriefen untermauern (s.o.).
Vielleicht klingt das Argument ungewohnt: Wegen der Auferstehung Toter kann
Christus überhaupt auferweckt worden sein. Annäherungen an die
Auferweckung Christi über den Anspruch der Toten auf die Auferstehung.
Gespräch über diese Perspektive.
Einzelarbeit: Hoffnungen von Toten aufschreiben. Von solchen, die mir
biographisch nahe waren und sind, aber auch von anderen, über deren
Schicksal ich aus Geschichtsbüchern und Zeitungen erfahren habe.
Zu zweit oder dritt in Neigungsgruppen: Aus den Hoffnungen eigene Hoffnungen
(z.B. als Gebet) formulieren.
Zusammentragen in einer Liturgie (bei grossen Gruppen muss die Form angepasst
werden): Raum gestalten. Antwortlied wählen und einüben. Hoffnungen
und Gebete miteinander teilen (dabei wird freigestellt, ob Namen und Lebensumstände
kurz genannt werden).
Ausblick: Ein Projekt der Hoffnung unterstützen.