19/2001 | |
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Im Untertitel wird die Zielsetzung der hier angezeigten Schrift<1> formuliert. Mit der dogmatischen bzw. pastoralen
Konstitution über die Kirche Lumen Gentium (LG) bzw. Gaudium
et Spes (GS) hat das Vatikanum II die Diskussion über ein Leitbild
von Kirche und Gemeinde in Gang gesetzt, die bis heute andauert.
Im Rahmen der systemischen Konzeption definiert der Verfasser Gemeindeentwicklung
als einen Veränderungsprozess der Gemeinde und der in ihr tätigen
Menschen; diese sollen befähigt werden, im Geist des Zweiten Vatikanischen
Konzils «den humanen, sozialen, kulturellen und pastoralen Anforderungen»
entsprechen zu können (S. 25). Im Originaltext des in einer Fussnote
wiedergegebenen Zitats von Glasl werden zusätzlich die «wirtschaftlichen»
Anforderungen genannt.
In einer der grundlegenden Thesen für systemische Gemeindeentwicklung
erblickt der Autor in der Gemeindeleitung eine unverzichtbar wichtige Aufgabe.
Darauf aufbauend folgt eine weitere These, wonach systemische Gemeindeentwicklung
aus einer Triade von Leitbild-, Organisations- und Personalentwicklung besteht.
In diesem Zusammenhang stellt der Verfasser die entscheidende Frage, ob
sich diese Begriffe, die üblicherweise in Wirtschaftsunternehmen und
Nonprofit-Organisationen verwendet werden, auf die Kirchgemeinde übertragen
lassen. «Kommt in diesen Formulierungen und dem dahinter sich verbergenden
Denken noch ausreichend die christlich-kirchliche Identität..., die
spezifische Gestalt der Gemeinde als Institution und als Mysterium zugleich...zum
Vorschein, wie dies vor allem Lumen Gentium ausgefaltet hat?» (S.
27f.) Loersch geht es in dieser Schrift darum, theologische und sozialwissenschaftliche
Erkenntnisse nach Möglichkeit zu verknüpfen und so einen Beitrag
zu einer gedeihlichen Entwicklung von Gemeinde und gemeindlicher Praxis
zu leisten.
Im Anschluss an diese Absichtserklärung wendet er sich indessen kritisch
gegen die Anwendung von Methoden «aus dem aussertheologischen Bereich
des Managements», um nicht «aus modischer Anpassung an die zur
Zeit in der Management-Ausbildung gängigen Ausbildungskonzepte»
(S. 22) vom Weg abzukommen, der uns vom Evangelium her geboten ist. Nach
meiner Überzeugung verlässt den Pfad der Tugend nicht, wer betriebswirtschaftliche
Erkenntnisse im kirchlichen Bereich zu befolgen bestrebt ist. Gemäss
LG Nr. 4 führt der Geist die Kirche in alle Wahrheit ein und eint sie
in Gemeinschaft und Dienstleistung, in communione et ministratione. Der
Dienstleistungsbegriff ist dem betriebswirtschaftlichen Vokabular entnommen,
auch wenn die Dienstleistungen gemäss LG nicht gegen einen von Angebot
und Nachfrage bestimmten Preis auf dem freien Markt abgesetzt, sondern für
die Gemeinschaft der Gläubigen die communio erbracht werden.
Communio und ministratio lassen sich zwar voneinander unterscheiden, sind
aber nicht voneinander zu trennen. Sie «bilden eine einzige komplexe
Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst»
(LG Nr. 8).
Damit gilt für die Kirche wie auch für die übrigen
Nonprofit-Organisationen , dass bei der Durchsetzung betriebswirtschaftlicher
Erkenntnisse den spezifischen Merkmalen einer Institution Rechnung zu tragen
ist; daraus leiten sich zwangsläufig auch die Grenzen der Durchsetzung
ab. Ein solches Vorgehen hält nicht Ausschau nach «modischer
Anpassung» an gängige Managementkonzepte. Vielmehr geht es darum,
die im kirchlichen Dienst tätigen Menschen bei der Erfüllung ihres
Auftrages bei den zu erbringenden Dienstleistungen nach Kräften
zu unterstützen.
Die Dienstleistungsfunktion der Kirche setzt eine bestimmte Organisation
voraus. In diesem strukturellen Rahmen ist die für die Gemeindeentwicklung
«zentrale Führungsaufgabe» (S. 129) anzusiedeln. Wem immer
die Gemeindeleitung obliegt eine nach Ansicht des Verfassers zu Recht
kontrovers diskutierte Frage , ist auch zuständig für die
Leitbildentwicklung. Deren Schwerpunkte sind allerdings in gegenseitigem
Dialog mit den für die Umsetzung verantwortlichen Stellen und Gremien
zu erarbeiten. Diese Methode der Konsensbildung stellt das Kernelement des
Zusammenwirkens zwischen strategischer und operativer Ebene dar. So verstanden
bilden Gemeindeleitung und Gemeindeentwicklung «eine unauflösliche
Einheit» (S. 210) und wird Gemeindeentwicklung zum «gemeinsamen
Projekt der Gemeinde» (S. 109). Auf diesem Hintergrund wird
schliesslich «systemische Gemeindeentwicklung als Prozess» (Titel
des letzten Kapitels) verständlich. Zur Verdeutlichung stützt
sich der Verfasser auf die «Pastoralen Perspektiven in der Diözese
Rottenburg/Stuttgart».
Diese Rezension ist nicht von der Absicht inspiriert, an der Arbeit von
Loersch Kritik zu üben, ganz im Gegenteil. Seinen «Beitrag zur
Erneuerung der Gemeinde» habe ich als äusserst wertvollen Anstoss
zur Diskussion eines aktuellen Anliegens verstanden. An mehreren Stellen
wird dabei zwar auf die einschlägige Managementliteratur verwiesen
(z.B. auf den Seiten 123, 146, 162, 173), ohne dass aber der angestrebte
Brückenschlag zwischen Theologie und Betriebswirtschaftslehre erfolgt.
Für mich überwiegt der Eindruck, dass der «aussertheologische
Bereich des Managements» nicht die gebührende Aufmerksamkeit
erfährt und demzufolge ein gewisses Korrektiv erfordert.
In einer Broschüre aus Österreich<2>
wird einleitend die Frage gestellt, was wir tun sollen, damit unsere Pfarrgemeinde
lebendiger wird. Die Broschüre möchte helfen, das zu wählen,
was der einzelnen Gemeinde am besten entspricht und sie zu einer diesbezüglichen
Initiative ermutigt. Die anschliessenden Abschnitte tragen die Titel «Was
ist eine Gemeinde?», «Warum Gemeinde-Entwicklung?», «Gemeinde-Entwicklung:
was ist das?» und «Wege zur Gemeinde-Entwicklung».
Im Folgenden werden verschiedene Wege zu einer Gemeindeentwicklung aufgezeigt,
wie etwa
Bei all diesen Vorschlägen zur Gemeindeentwicklung werden Stärken
und Grenzen aufgezeigt.
Die beiden hier vorgestellten Arbeiten lassen sich nicht miteinander vergleichen.
Loersch orientiert sich an einem theoretischen Modell. Er argumentiert auf
einer relativ hohen Abstraktionsebene, die für praktische Bedürfnisse
wenig Raum lässt. Die Pastoralkommission Österreichs bietet den
Pfarrgemeinden demgegenüber eine Orientierungshilfe für eine bessere
Erfüllung ihres Auftrages an.
1 Loersch Martin, Systemische Gemeindeentwicklung. Ein Beitrag zur Erneuerung der Gemeinde im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, Verlag Peter Lang, Bern 1999, 254 Seiten.
2 Gemeindeentwicklung. Eine Einladung, hrsg. vom Österreichischen Pastoralinstitut, Wien 1999, 44 Seiten.
Norbert Brox, Das Frühchristentum, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 2000, 443 Seiten.
Die Geschichte des Frühchristentums ist heute keineswegs nur Registrierung
und Tradierung von Fakten der frühen Vergangenheit, denen nichts Neues
mehr hinzuzufügen ist. Auch heute noch muss man mit geschärfter
Quellenkritik hergebrachte, illusionäre und romantische Vorstellungen
neu beurteilen. Diese Revision geht zurück auf die Zeit der Entstehung
der kritischen Geschichtsforschung. Diese Revision ist heute noch aktuell,
ja sie wird immer prinzipieller.
Unter diesen Voraussetzungen sind die gesammelten Aufsätze des Regensburger
Kirchenhistorikers Norbert Brox zu würdigen. Sie behandeln die Hermeneutik
der Historischen Theologie und reihen die Kirchengeschichte in den Bereich
der Historischen Theologie ein. Der Abschnitt «altkirchliche Amts-
und Verfassungsgeschichte» befasst sich unter anderem mit dem Osterfeststreit,
seinen Tendenzen und den sie begleitenden Parteilichkeiten. Auch über
die Probleme einer Frühdatierung des römischen Primates wird referiert.
Frühgeschichtliche Theologiegeschichte wird anhand des Ersten Petrusbriefes,
der Gnosis und der Theologie des Origines behandelt.
Das Buch ist im Ganzen ein paradigmatisches Dokument der Forschungsgeschichte
der Historischen Theologie in den letzten dreissig Jahren.
Hartmut Leppin, Die Kirchenväter und ihre Zeit, (Wissen in der Beck'schen Reihe, 2141), Verlag C.H. Beck, München 2000, 125 S.
Hartmut Leppin stellt in diesem Bändchen die grossen vier griechischen (Athanasius, Basilius der Grosse, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus) und die vier lateinischen Kirchenväter vor (Ambrosius, Hieronymus, Augustin, Gregor der Grosse). Die kurzen Biographien sind sehr gut recherchiert und sympathisch redigiert eine angenehme bildende Lektüre.