3/2000 | |
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Theologie |
Das Symposion, mit dem die Christkatholisch-Theologische Fakultät der Universität Bern ihr 125-jähriges Bestehen feierte und das zugleich die Jahrestagung der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft war, zeigte unter dem Titel «Einheit der Kirche Utopie oder Notwendigkeit?» ekklesiologische Perspektiven an der Jahrtausendwende auf. Die vier Referate gingen, wie Prof. Urs von Arx als Dekan in einem Votum auf dem Podium im Rückblick festhielt, von verschiedenen konfesionellen und theologischen Traditionen her der Frage nach, wie Einheit zu denken sei.
Zwei Referate bedachten die Einheit der Kirche als von Gott ausgehend.
Dass «Einheit» kein einfaches Konzept ist, veranschaulichte
der anglikanische Bischof Rowan Williams, vormals Theologieprofessor in
Oxford, einführend am Beispiel einer Biographie, die die Einheit einer
Persönlichkeit in Begriffen wie Zusammenhang und Integrität aufzuzeigen
versucht. Das führte ihn zur Betrachtung der dem Mensch gewordenen
Christus zugeschriebenen Einheit. In ihm ist die Einheit einer menschlichen
Biographie in einer vorausliegenden Einheit gegründet, dem Leben des
ewigen Logos, der seinerseits mit dem Vater geeint ist. Die menschliche
und persönliche Einheit oder Integrität Jesu wird so von der Beziehung
zu jenseitigen Wirklichkeiten bestimmt.
Eine solche Einheit sei nicht leicht als ein in jeder Hinsicht greifbares
Charakteristikum der irdischen und historischen Wirklichkeit Jesu erkennbar.
Sie könnte nur eschatologisch sichtbar werden, wenn deutlich würde,
wie die zweifache Beziehung Jesu zum Göttlichen seine Menschlichkeit
tatsächlich gänzlich so formte, dass diese menschliche Identität
universal das Organ göttlichen Lebens in Beziehung zu allem werden
konnte.
Analog bestehe die Einheit der Kirche in einer Beziehung zu Jesus, zum Wort,
zum Vater, die letztlich die Kirche zum Organ der rettenden Proklamation
und Verfügung des Lebens Gottes macht. Diese Integrität sei indes
nur eschatologisch wahrnehmbar, während Einheit auf der pragmatischen
Ebene nicht einfach festzustellen sei, auch wenn die Feier der Sakramente
und die Tatsache gelebter Heiligkeit im Leben einzelner Schimmer der eschatologischen
Sichtbarkeit der wirklichen Integrität der Kirche hervorbrächten.
Wenn Einheit so kein historisches Faktum, sondern eine eschatologische und
analoge Wirklichkeit ist, ist Konflikt in der Kirche keine Abnormalität.
Etwas Ähnliches sagte Rowan Williams von der Bibel. Ihre Einheit sei
weder eine synchrone und uniforme Unfehlbarkeit auf der literarischen Ebene
noch eine symbolische Harmonie, die auf überhistorische Wahrheiten
verweise. Sie habe die gleiche eschatologisch wahrnehmbare Einheit oder
Integrität wie die Menschheit Christi oder die Geschichte und Struktur
der Kirche, weshalb ein gewisses Mass an hermeutischer Verschiedenheit unvermeidlich
sei. Das heisse aber nicht, dass die Einheit nur begrifflich sei, gebe es
doch paradigmatische Momente, die ein Hoffen auf die Einheit aufdecken.
Darum gelte es, zwischen christlichen Gemeinschaften und christlichen Interpreten
eine Kunst der Anerkennung («skills of recognition») zu pflegen.
Während Bischof Rowan Williams seine Überlegungen von der Christologie
her zur Ekklesiologie hin entwickelte, setzte der griechisch-orthodoxe Metropolit
Ioannis Zizioulas, Professor in Thessaloniki, trinitätstheologisch
an. Theologisch über die Einheit der Kirche sprechen könne nur,
wer die Beziehung zwischen Einheit und Vielfalt in der Kirche bespreche.
Um beurteilen zu können, was theologisch legitime Vielfalt sei und
was theologisch notwendigerweise zum Sein der Kirche gehöre, müssten
theologische Kriterien aufgestellt werden. Zu seinen Ausführungen über
theologische Grundsätze hinführend, erinnerte Metropolit Zizioulas
an die philosophische Bedeutung der Frage nach dem «einen» und
dem «vielen» seit Plato: Geht Einheit (das «eine»)
der Andersheit (dem «vielen») voraus? Ist Einheit (das «eine»)
wichtiger als Andersheit (das «viele»)?
Einheit und Vielfalt im Licht trinitarischer Theologie betrachtet, führte
zur Aussage, dass Einheit und Vielfalt in Gott in eins fallen. Westliche
mittelalterliche Theologie hat allerdings der Substanz (divinitas, Deus
unus) Priorität vor der Personalität (Deus trinus) zugesprochen,
während für die griechische Patristik die Trinität ontologisch
prioritär ist. Einheit und Vielfalt im Licht von Christologie und Pneumatologie
betrachtet, führte zur Aussage, dass der Heilige Geist das Christusereignis
konstituiert und Christus also ohne seinen Leib und also ohne das
«viele» undenkbar ist.
Vielfalt und Einheit der Kirche stellt sich als Frage nach dem Verhältnis
von lokaler und universaler Kirche. In römisch-katholischer Sicht gehe,
philosophisch, die Substanz der Existenz voraus und folglich, ekklesiologisch,
die universale Kirche der lokalen. Das Zweite Vatikanische Konzil habe anderseits
die ekklesiologische Integrität und Fülle der Lokalkirche anerkannt.
Die Rolle der Lokalkirche werde folglich im ökumenischen Gespräch
der nächsten Jahre zentral sein. Wenn die Kirche primär in der
Lokalkirche existiert, sei die Vielfalt ontologisch und nicht moralisch
begründet, gehöre die Vielfalt zum Sein (esse) der Kirche. Die
Verschiedenheit soll indes nicht die Einheit zerstören wie die Einheit
die Verschiedenheit nicht zerstören soll. Um dies zu erreichen, hat
die Kirche historisch nur eine Antwort gefunden: die Synodalität. Diese
Institution gewährleistet das Gleichgewicht zwischen dem «einen»
und dem «vielen» bzw. zwischen Einheit und Vielfalt. Synoden
sind ein Instrument der «communio» der Lokalkirchen und stehen
nicht als Autorität über ihnen. Einheit tritt so als «symphonia»
unterschiedlicher Wege, die gleiche Botschaft zu leben, zu Tage.
Von dieser theologischen Voraussetzung her bedachte Metropolit Ioannis Zizioulas
Einheit und Verschiedenheit im gegenwärtigen ökumenischen Kontext,
und zwar als Spannung zwischen Einheit und einerseits konfessioneller Verschiedenheit
und anderseits kultureller Verschiedenheit. Bis zur Reformation hatte der
Kirchenbegriff nämlich einen geographischen Charakter, und erst seit
dem 17. Jahrhundert ist die Kirche eine Konfessionskirche. Wenn die gegenwärtige
ökumenische Bewegung auf die Einheit der Kirche am Ort abzielt, stellt
sich die Frage, «welche christlichen Wahrheiten wir gemeinsam bekennen
und welche als adiaphora oder theologoumena betrachtet werden können,
durch die wir uns unbeschadet unserer Einheit unterscheiden».
Für Metropolit Ioannis Zizioulas gehört zum notwendigerweise Gemeinsamen
das Dogma, nach seinem Verständnis von Dogma näherhin die Entscheide
der Ökumenischen Konzilien vor der Kirchenspaltung. Damit sei es indes
nicht getan, weil damit die Frage der Interpretation gestellt sei, denn
Interpretation nehme immer die Kultur zu Hilfe. Wie weit aber darf kulturelle
Verschiedenheit in der Kircheneinheit eine Rolle spielen? Was ist bei der
Inkulturation als unverzichtbar und was als adiaphora zu behandeln? Um diese
Fragen ernsthaft angehen zu können, bedürfe es einer Hermeneutik
existentieller Art, betonte Metropolit Ioannis Zizioulas. Welche Art menschlichen
Seins und menschlicher Existenz bringt die Botschaft Jesu mit sich? Um auf
solche Fragen antworten zu können, brauche es gar einen neuen Typ von
Theologie.
Die Rolle der Kultur für die Einheit der Kirche bedachte auch Professor
Dietrich Ritschl, Direktor des Ökumenischen Instituts der Universität
Heidelberg; mit seinem Referat «Die trans-kulturelle Dimension in
ökumenischen Dialogen» plädierte er für eine Hermeneutik
des Vertrauens.
In der Alten Kirche des Westens wurden die Konzilsentscheidungen des Ostens
voll akzeptiert, und die reformatorischen Kirchen haben sie für sich
bestätigt; die Ekklesiologie hingegen hat im Westen einen anderen Verlauf
genommen. Diese Entwicklung lässt Dietrich Ritschl fragen, ob sich
die Ekklesiologie weit weniger aus Trinitätstheologie und Christologie
ableiten lässt, als allgemein angenommen und erhofft wurde, und ob
die Unterschiede zwischen Ost und West kulturell bestimmt sind. In der «ungeteilten
Kirche des 1. Jahrtausends» gab es offenbar ekklesiologische Unterschiede,
die situativ (bezüglich der Lage von Kirche und Umwelt) und kulturell
(bezüglich Denkformen und gesellschaftlichen Strukturen) bedingt waren.
Wenn dem so ist, reicht erstens ein Konsens in trinitarischen und christologischen
Dogmen nicht aus, eine einheitliche Ekklesiologie zu gestalten, und sind
zweitens heutige Differenzen ebenfalls eher situativ-kulturell als strikt
theologisch zu analysieren.
In ökumenischen Dialogen müsse deshalb stärker gelernt und
geübt werden
Eine Berücksichtigung der Kultur thematisiere deshalb die Frage nach der Beziehung klassischer Lehrtraditionen zu Lebensstil und Frömmigkeit und zur Sozialgestalt der Kirche; Strukturen trennen mehr als Lehren.
Als Weg zur Einheit der Kirche bedachte der römisch-katholische
Referent, P. Waclaw Hryniewicz OMI, Direktor des Ökumenischen Instituts
der Katholischen Universität Lublin, ein österliches und kenotisches
Ethos der Christenheit. Die erlösende Entäusserung (kenosis) Jesu
Christi sei für die Kirche ein Imperativ; kenosis schliesse Selbstbeschränkung
ein und den Verzicht auf Selbstzentrierung und Eigeninteresse, aber auch
eine mutige Vision (parrhesia).
Wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter den Priester und Leviten als
Gefangene des religiösen Systems hinstelle, so seien die Kirchen Gefangene
der Lehren und Regeln. Kirchliche Lehren bedürften der Berichtigung
und Richtigstellung; einen ökumenischen Fortschritt brächte die
Anerkennung, dass die Konzilien des zweiten Jahrtausends eher Generalsynoden
als Ökumenische Konzilien gewesen seien. Kenosis bedeute insbesondere
eine Strukturreform des Papsttums.
Der erste Schritt auf die Einheit hin sei die Überwindung der Hermeneutik
des Misstrauens: aufhören zu denken, die anderen Christen und Christinnen
würden in Irrtümern leben. Wegweisung hierbei sei 2 Kor 4,8: «aporoumenoi
all'ouk exaporoumenoi wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln
dennoch nicht.» Ökumenische Aporien und die österliche Spiritualität
der Hoffnung sind nicht zu trennen. Der schwierige ökumenische Prozess
der Versöhnung kann nicht ohne Ethos des Mitleids an sein gutes Ende
kommen. Dass der ökumenische Lernprozess aber trotz allen Spannungen
und Konflikten weitergeht, ist ein ermutigendes Zeichen der Hoffnung.
Dem mit der Christkatholisch-Theologischen Fakultät der Universität
Bern gemeinsam veranstalteten Symposion ging die Generalversammlung der
Schweizerischen Theologischen Gesellschaft (SThG) voraus. Sie beriet die
letztes Jahr begonnene Statutenrevision zu Ende, wählte den Vorstand
für zwei Jahre und musste Martin Rose (Universität Neuenburg),
weil die zulässige Amtszeit abgelaufen war, als Präsidenten verabschieden.
Professor Rose hat sich in verschiedener Hinsicht um die SThG verdient gemacht,
am meisten wohl durch sein beharrliches Einstehen für das Gesamte und
Ganze der Theologie in der Schweiz: Im Rahmen der Schweizerischen Akademie
der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW),<1>
in der die SThG als Mitglied die Theologie vertritt, im Rahmen auch der
Konferenz der Theologischen Fakultäten der Schweiz (KThFS).
Die KThFS hat vor kurzem eine zweisprachige Broschüre herausgegeben,
in der alle Theologischen Ausbildungsstätten in der Schweiz in
kantonaler Trägerschaft oder deren Ausweise kantonal anerkannt sind
vorgestellt werden (die Theologische Fakultät Lugano auch in
italienischer Sprache).<2> In der Einführung
wird als Aufgabe der KThFS festgehalten: «...den Austausch, die Mobilität
und die Zusammenarbeit unter den Fakultäten zu fördern und ihre
gemeinsamen Interessen gegenüber der Universitäten, den politischen
Behörden, den Kirchen und der Gesellschaft zu vertreten».
Während die KThFS die Interessen der Theologie aus der Sicht der Ausbildungsinstitutionen
vertritt, ist die Interessenvertretung der Theologischen Gesellschaft breiter:
Mitglieder können nämlich sein und sind auch in der Kirche und
in anderen Arbeitsfeldern tätige Theologinnen und Theologen, aber auch
andere an theologischen Fragen interessierte Akademikerinnen und Akademiker.
Um die Interessen der Theologie in der Schweiz, und nicht nur in der «gelehrten
Welt», sondern in der Gesellschaft nachhaltig vertreten zu können,
braucht die Gesellschaft mehr Mitglieder aus der kirchlichen Praxis!<3>
1 Sein programmatisches Referat über Probleme und Chancen in der Theologie wurde veröffentlicht im Beiheft «Wissenschaftspolitik» (1997) des Bulletins der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, S. 4548.
2 Universitäre Theologie in der Schweiz. Die Theologischen Fakultäten, ihr Erbe und ihre Herausforderungen, Herbst 1999, zu beziehen bei den Dekanaten aller Theologischen Fakultäten und dem Rektorat der Theologischen Hochschule Chur.
3 Sekretariat SThG, Katharina Siegenthaler, Tour Grise 24, 1007 Lausanne.