25/2000 | |
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Lesejahr B |
Faust, der Mephisto seine Seele mit blutiger Unterschrift verspricht, um dafür in die Geheimnisse der Alchimie eingeweiht zu werden Peter Schlemihl, der dem Teufel zwecks besseren Geschäften seinen Schatten verkauft Der Soldat, der dem Teufel seine Geige gegen ein Buch eintauscht, das die Börsenkurse von morgen kennt... Das Motiv vom Mann, der seine Seele dem Teufel verkauft um eines nichtigen irdischen Gutes wegen, ist in der europäischen Literatur verbreitet und heute vielleicht aktueller denn je.
Das Buch der Weisheit ist eine Werbeschrift des 1. Jh. v. Chr. für
den jüdischen Weg in einer nichtjüdischen Umwelt (vgl. SKZ 3132/1998;
35/1998). Es beginnt mit einer Ringkomposition, in der es um den Unterschied
zwischen Frevlern und Gerechten geht (Weish 16). Die von der Perikopenordnung
vorgeschlagenen Texte bilden die Ränder eines Gedichtes, das die Position
der Frevler darstellt. Es wird in die vorliegende Kommentierung miteinbezogen.
Thetisch wird festgehalten, dass Gott den Tod nicht geschaffen hat (1,13).
Der Schöpfer aller Dinge hat damit nichts zu tun; er hatte nur das
Heil im Sinn (1,14) und Gerechtigkeit, die unsterblich ist, denn sie bedeutet
Gemeinschaft mit Gott (1,15; vgl. 15,3). Woher die Gewalt kommt, wird
wie auch in der Kain-Abel-Geschichte nur dunkel angetönt: Vom
«Gift des Verderbens» ist die Rede und von einem «Reich
des Todes», später auch vom «Neid des Teufels» (2,24),
ein Motiv das auch in der ungefähr gleichzeitig entstandenen apokryphen
Schrift «Leben Adams und Evas» bei der Interpretation der Schlange
im Paradies auftaucht und seinen Ursprung im griechischen Motiv vom Götterneid
haben mag. Die ins Metaphysische tendierenden Fragen des Woher und Warum
interessieren die Verfasser/Verfasserinnen der Schrift nicht. Denn das alles
wäre ja nicht der Rede wert, gäbe es nicht Menschen, die den (Gewalt-)Tod
geradezu mit Seilen herbeiziehen, um mit ihm einen Bund zu schliessen (1,16),
ihn also ausdrücklich an die Stelle Gottes setzen. Das in den Augen
der Gerechten grundverkehrte Denken der Frevler (wörtl. asebeis «Gottlose»)
wird nun in gekonnter Collagetechnik mit Zitaten und Versatzstücken
aus deren eigenen Weltanschauungen, aber auch mit karikierenden Elementen
in ihrem eigenen Munde entfaltet. Der Kernsatz steht in 2,11: «Unsere
Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist,/ denn das Schwache erweist
sich als unnütz.» Knapper und präziser lässt sich das
Gegenprogramm zum Gott Israels kaum formulieren. Es ist direkt gegen jene
gemünzt, die biblisch in erster Linie unter den Gerechten verstanden
werden, nämlich die Armen, die Witwen und die Alten (2,10), kurz: die
Marginalisierten, vom vorzeitigen Tod Bedrängten. Der oder die Gerechte
ist den Gottlosen ein Dorn im Auge. Denn während jener ruhigen Gewissens
leben kann, sind sie innerlich zerrissen zwischen Selbstbewunderung und
Selbsthass. Um sich selbst ins Recht zu setzen, reizt sie der grausame Versuch,
die Gerechten zu töten, um zu sehen, ob der als Vater angerufene Gott
ihnen wirklich wie ein Vater beisteht (2,2,1720). Damit sitzen sie
aber einem schrecklichen Irrtum auf, weit davon entfernt, die Geheimnisse
(mysteria) Gottes zu verstehen. Dazu gehört, dass Gott den Menschen
zum Ebenbild seiner eigenen «Ewigkeit» (aidiotätos) bzw.
«Eigentlichkeit» (idiotätos), nach anderer Lesart, erschaffen
hat. Die Grossherzigkeit Gottes, die in dieser Nähe (vgl. Ps 8,56)
zum Ausdruck kommt, wird von den Frevlern nicht erkannt, weshalb sie ihr
Leben verfehlen.
Es scheinen sich bereits Anfänge einer asketisch-leibfeindlichen Schule
anzukünden, wenn diese Kritik an der Gewaltverherrlichung mit einer
Kritik des hedonistischen Lebensstiles derselben Kreise einhergeht. Denn
die zitierten Carpe-Diem-Motive (2,59; vgl. Kasten) finden sich im
ganzen Raume des Mittelmeeres und des Vorderen Orients in meist friedlichen
Kontexten und nicht zuletzt in der Bibel selbst (Koh 9,79; 11,910).
Die Autoren/Autorinnen müssen bestimmte Kreise im Blick gehabt haben,
die sich auf Kosten der Gerechten vergnügten.
Hinter den den Frevlern in den Mund gelegten Selbstaussagen verbergen sich wahrscheinlich Antijudaismus- und Pogromerfahrungen jüdischer Kreise in Alexandria. Für sie gehörte das Zeugnis-Ablegen im Martyrium bereits zur Bewährungsprobe des Glaubens (vgl. Lit.). Die junge christliche Gemeinde hat diese Zeilen stark auf Jesus von Nazareth bezogen, der ja selbst ein Opfer des römischen Antijudaismus geworden ist. Den eigenen Gewalterfahrungen ist es wohl zuzuschreiben, wenn die Gegenüberstellung von Gerechten und Frevlern manchmal zu platt ausfällt. Der Fall Schindler, bekannt geworden durch den Film «Schindlers Liste», lässt sich wie ein differenzierender Kommentar zum Lesungstext verstehen. Der zu einfache Dualismus hier die gottesfürchtigen Gerechten, dort die gottlosen Lebemenschen wird aufgebrochen durch die irritierende Gestalt des Carpe-Diem-Menschen Schindler, der für einige ins Konzentrationslager deportierte Juden zum rettenden Segen wird. Gerade aus seiner lebenslustigen Haltung heraus gelingt es ihm, die Handlanger des Todes zu übertölpeln und die letzten Spielräume des nazistischen Unrechtssystems zugunsten seiner Opfer auszunutzen. Thomas Staubli
Literaturhinweis: Silvia Schroer, Das Buch der Weisheit, in: E. Zenger u.a. (Hrsg.), Einleitung in das Alte Testament (Kohlhammer Studienbücher Theologie 1,1), Stuttgart 31998, 352362.
Lieder, die angesichts der Begrenztheit menschlicher Lebenszeit ultimativ zum Lebensgenuss auffordern, gehören zum schönsten Erbe der Poesie. Berühmt ist das Lied der Schenkin aus einer seltenen Version des mesopotamischen Gilgameschepos (um 1800 v. Chr.): «Gilgamesch, wohin läufst du?/ Das Leben, das du suchst, wirst du nicht finden!/ Als die Götter die Menschheit erschufen,/ wiesen sie der Menschheit den Tod zu,/ nahmen das Leben in ihre eigene Hand./ Du, Gilgamesch, voll sei dein Bauch,/ Tag und Nacht sei andauernd froh, du!/ Täglich mache ein Freudenfest,/ Tag und Nacht tanze und spiele!/ Gereinigt seien deine Kleider,/ dein Haupt sei gewaschen und du mit Wasser gebadet!/ Sieh auf das Kind, das deine Hand gefasst hält,/ die Gattin freue sich auf deinem Schoss!/ So ist das Tun der Menschen!» In Ägypten findet sich die Motivik vor allem in den so genannten Harfnerliedern, die im Rahmen von Festanlässen durch professionelle Sänger zum Vortrag gelangten und über Jahrhunderte hinweg überliefert und gesungen wurden: «Lass dein Herz nimmer überdrüssig werden/ des Essens, Trinkens und der Lust!/ Feiere den frohen Tag! Folge deinem Herzen bei Tag und bei Nacht! Lass die Sorge nicht ein in dein Herz,/ verbringe deine Jahre froh auf Erden:/ Der Westen ist ein Land des Schlafes, drückender Finsternis,/ wo die verehrungswürdigen Toten sitzen,/ schlummernd in ihren Gestalten./ Nicht erwachen sie, ihre Brüder zu sehen,/ nicht erblicken sie ihren Vater, ihre Mutter,/ ihre Herzen entbehren ihrer Frauen, ihrer Kinder ()» In Griechenland wurde ausser bei Symposien insbesondere auf Grabsteinen die Memento-mori-Dichtung gepflegt: «Einen festen Schlaf schläft Eros; im Totenreich/ gibt es kein Sehnen mehr und keine Liebe bei den Abgeschiedenen,/ sondern der Tote liegt da wie ein Stein, der fest in der Erde steht,/ wenn sein Blut und sein zarter Leib sich aufgelöst haben./ Deswegen, solange du dies beides noch besitzt, greife du selber nach des Lebens edlem Ruhm,/ geniesse alle Güter dieser Zeit, solange du noch Liebe und Verlangen in dir verspürst.» Weitaus häufiger als ausgefeilte Gedichte sind auf griechischen Grabsteinen Bilder mit derselben Aussage: Sie zeigen den Verstorbenen, als er noch trinken konnte. Die Tradition der Carpe-Diem-Lieder wanderte über Horaz und die mitteleuropäischen Minnelieder bis in die Sinngedichte des Barock.