1/2000

INHALT

Der Kommentar

Die Nicht-Glaubenden und der Kampf für den Frieden

von Denis Clerc übersetzt von Rolf Weibel

 

In seiner ersten Botschaft des Jahres 2000, der Botschaft zum Weltfriedenstag, tut Papst Johannes Paul II. allen seine tiefe Überzeugung kund, wenn er beteuert, dass der Friede möglich ist, wenn die Menschheit Gott sucht und wieder findet ­ Gott, der der Gott des Friedens ist. Gott will den Frieden; der Friede ist deshalb möglich. Man kann sich fragen: Und sind jene, die nicht auf der Suche nach Gott sind, sind jene, die ihn nicht kennen, von diesem wesentlichen Suchen ausgenommen oder unwiderruflich am Rande dieser für die Menschheit doch so wichtigen Suche oder von ihr ausgeschlossen?
Eine erneute Lektüre der Texte, die das Denken des gegenwärtigen Papstes inspirieren, zeigt, dass solche Fragen seit dem Erscheinen der Enzyklika «Pacem in terris» aufgetaucht sind. Papst Johannes XXIII. richtete seinen Brief nicht nur an die Verantwortlichen und die Glieder der Katholischen Kirche, sondern auch an jeden Menschen guten Willens. Man fragt sich: «Wie kann er Menschen, die nicht katholisch, nicht einmal christlich sind, zur Teilnahme an seiner Sorge als Glaubender engagieren?»
Mgr. Bernard Lalande, zu jener Zeit internationaler Generaldelegierter von Pax Christi Frankreich, schrieb die Einleitung, die Anmerkungen und das Themenverzeichnis für die bei Fleurus in der Reihe «L'aujourd'hui de l'Église» 1963 erschienene Ausgabe der Enzyklika. In der Einleitung antwortet er auf eine sehr nützliche Weise auf die Frage. Er zeigt zunächst, dass die Bezugnahme auf die Natur, die der Papst vornimmt, sehr wohl die von Gott geschaffene Natur meint und dass die Menschen guten Willens es in dem Masse sind, als sie das Naturgesetz beobachten (24­25). Aber zu dieser Zeit «existiert für viele unserer Zeitgenossen die Natur nicht, ist sie eine Ðmittelalterlicheð Abstraktion, der wissenschaftlichen Erfassung und philosophischen Reflexion ebenso wenig zugänglich wie der Begriff von Gott oder einer göttlichen Ordnung... Aber auch von christlicher Seite wird die Natur bestritten. Für die Theologen der Reformation und für die Jansenisten hat die Erbsünde die menschliche Natur nicht nur verwundet: sie hat sie radikal verdorben... Jedwelche Möglichkeit des Menschen, das Gute zu erkennen oder zu tun, kann nur von der Gnade kommen. In diesem Sinne ist der Friede nicht das Werk des Menschen: er ist vollständig ein Geschenk Gottes» (26­27).
In seinem Kommentar zitiert Bernard Lalande, was Paulus im Römerbrief (2,14) hinsichtlich der Rechtfertigung sagt: «Wenn die Heiden, die das Gesetz (das heisst: die Offenbarung) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz», und die Enzyklika, um uns zu sagen, dass die Heiden das ewige Gesetz kennen, diese durch «das Gewissen, das ihnen befiehlt, sie zu achten» (§ 5) präexistente göttliche Ordnung. Aber das Naturrecht ist das Erbe und der gemeinsame Nenner aller Menschen guten Willens. Darum fragt er sich: «Mit welchem Recht richtet sich das Kirchenoberhaupt an sie? Worauf stützt sich die Autorität, die er mit der Kirche hinsichtlich des Friedens beansprucht?» Weil der Friede ein Gut ist, das alle ohne Unterschied interessiert, sagt Johannes XXIII. in einem Interview vom 24. April 1963, und weil er «der Gegenstand des tiefen Verlangens der Menschheit aller Zeiten» (Enzyklika, § 1) ist.
In einer Welt, die sich entwickelt hat und in der die Nationen ihre Autonomie erlangt und sich von den von der Kirche vorgelegten ethischen Visionen befreit haben, müssen die Christen zur Kenntnis nehmen, dass die Motivationen zum für das Wohl der Welt Handeln auch von anderen Horizonten her kommen. Sie sind nicht die Einzigen, die die Suche nach Frieden fördern und es auch begründen. Künftig sind es denn auch die Erklärung der Menschenrechte (1789) und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, wie sie von der Vollversammlung der Vereinten Nationen angenommen und am 10. Dezember 1948 promulgiert wurde, die das Bezugssystem für alle bilden. Jeder Mensch, jedes Volk, jede Religion ist von diesen Referenztexten herausgefordert, sich im Dienst des Friedens zu engagieren. In der Tat haben sich Organismen, Bewegungen ohne Bezug zum christlichen Glauben gebildet, um dieses Ziel zu erreichen.
Durch ihren Glauben erleuchtet, wissen die Christen in höchstem Masse, wie fundamental das Erfordernis des Friedens für das Leben der Menschen ist. Die Treue zu ihrem Glauben muss sie dazu bringen, sich an die Spitze dieses Kampfes zu stellen, nicht allein, sondern mit jedem Menschen guten Willens, wie es «Pacem in terris» empfiehlt (§§ 147, 156, 157).
Viel vor diesem Appell, aber bereits in seinem Geist wurde Pax Christi gegründet. Und auch das Zweite Vatikanische Konzil bezieht sich im fünften Kapitel von «Gaudium et spes» auf diese Enzyklika und Papst Paul VI., als er den Weltfriedenstag einrichtete und ihn auf ein bürgerliches Datum legte, um deutlich zu machen, dass der Friede die Angelegenheit von allen ist.

 

Denis Clerc ist Seelsorger in der Pastoralequipe von Villars-sur-Glâne und Mitglied von Pax Christi Schweiz.


Pax Christi Schweiz

Am 1. Januar verteilt Pax Christi in allen Pfarreien der ganzen Westschweiz die Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag. Sie erscheint im Informationsblatt unserer Bewegung, wo unter anderem auch die Überlegungen von Denis Clerc erscheinen, die die Schweizerische Kirchenzeitung im nebenstehenden Artikel übernimmt.
In unserer Neujahrsnummer erscheint dieses Jahr auch ein Aufruf zur Aufhebung des Embargos gegen den Irak, das von verschiedenen katholischen Organismen unterstützt wird. Dieser Aufruf ist eine Folgeaktion des Internationalen Rates von Pax Christi, der dieses Jahr in Amman und Jerusalem getagt hat und sich dort mit der Irakfrage auseinander gesetzt hat.
Während dieser Versammlung hat Pax Christi International auch einen neuen Präsidenten gewählt: Bischof Michel Sabbah, katholischer Patriarch von Jerusalem. Diese Wahl unterstreicht nicht nur das Eintreten unserer NGO für eine friedliche Lösung im Heiligen Land, sondern auch unseren Einsatz für alle anderen Völker auf der Erde, die unterdrückt und ihrer Freiheit beraubt werden.
Unsere Engagements sind vielseitig: gerne informieren wir auch auf Deutsch, worum es im Detail geht bei Pax Christi, antworten auf konkrete Anfragen oder stellen Probenummern unseres Informationsblattes «Si tu veux la paix» zu: Pax Christi Schweiz, Ch. Cardinal-Journet 3, 1752 Villars-sur-Glâne, Telefon 026-4263475, Fax 026-4263476, E-Mail pxch@mcnet.ch

Martin Bernet, Generalsekretär


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