Schweizerische Kirchenzeitung

Leitartikel
 

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Neue Aufmerksamkeit für Gott

von Christoph Gellner

In der Gegenwartskultur lässt sich ein bedeutsamer Vorzeichenwechsel, ein Klimawandel in Sachen Religion beobachten. Wenn auch kein Massenphänomen, gibt es seit den 90er-Jahren eine neue Offenheit und Nachdenklichkeit Religiösem gegenüber.1 Lange tabuisierte, scheinbar «erledigte» religiöse Fragen werden neu bedeutsam. Insbesondere die Gottesfrage hat im Spektrum zeitgenössischer Literatur heute einen Platz, der unter anderen Vorzeichen steht als noch vor 20 oder 30 Jahren. Weitgehend unabhängig und ausserhalb der Kirchen, ergibt sich zwar kein Chor, es sind aber auch nicht bloss Einzelstimmen. Im Gegenteil: Jenseits der einstmals klaren Abgrenzungen zwischen Aufklärung und scheinbarem Irrationalismus ist Gott nach Jahrzehnten der Distanz in Roman und Lyrik genau so ein Thema wie auf der Theaterbühne.
Mit Lukas Bärfuss’ viel beachtetem Stück «Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)» sowie einem Weltuntergangsprojekt «Die Revolution Gottes» bewies das 27. Zeitgenössische Theatertreffen Bern Ende April / Anfang Mai 2009 «Auawirleben» einmal mehr: Der Theaterraum ist poröser geworden für religiöse Themen: «Wenn Blasen platzen, ist vielleicht wieder Platz für anderes?»2 Aufschlussreich auch die Auskunft von Frank Baumbauer, Intendant der Münchner Kammerspiele, warum sich sein Haus mit der Bedeutung von Religion und Glaube auseinandersetzt: «Wir sehen uns mit fundamentalistischen Glaubenskämpfen konfrontiert und fragen uns, was eine oft nur materialistisch ausgerichtete Gesellschaft fanatisierten Gläubigen entgegenzusetzen hat. Genügen allein Toleranz und Multikulturalismus? Wir beschäftigen uns in einigen Neuinszenierungen mit der Glaubenssuche, den neuen Brandherden und Glaubenskriegen unserer zusammenwachsenden Welt. Und wir suchen darin nach unserer Identität.»3

Ich gönne mir das Wort Gott

Das gegenwärtige Interesse für religiöse Fragen lässt sich weder in den Kategorien des «nicht mehr» noch des «wieder» oder des «immer noch» fassen, stellt der Augsburger Religionspädagoge Georg Langenhorst in seiner soeben erschienenen materialreichen Studie «Ich gönne mir das Wort Gott» heraus. Eine «Renaissance von Religion» lasse sich daraus nicht ableiten, wohl aber eine andere, offene, herausfordernde Präsenz des Religiösen in pluraler Gestalt: «Es geht um neue literarische Annäherungen in verändertem Kontext.»4 Neben dem Freischreiben von Gottesvergiftungen arbeitet er eine überraschende neue Tendenz heraus: In Unbefangenheit und neugieriger Suche schreiben sich Autorinnen und Autoren der mittleren und jüngeren Generation an den vormaligen Tabubereich Gott heran. Aufschlussreich dafür die titelgebende Interviewäusserung von Andreas Maier (*1967): «Irgendwann habe ich damit angefangen, mir die Verwendung des Wortes Gott zu gönnen. Wenn man sich dieses Wort verbietet, hat man extreme Schwierigkeiten, bestimmte Dinge zu sagen. Aber dass uns der liebe Gott als ein guter Kerl vorgestellt wird, das verüble ich den heutigen Priestern und ihren Predigten in höchstem Mass. Es darf nicht sein, dass wir das Wort Gott nur verwenden, um uns gegenseitig zu versichern, dass wir alle schon irgendwie gut und richtig seien. (…) Wenn ich von Gott spreche, weiss jeder, dass etwas gemeint ist, das ausserhalb von uns liegt.»5

Was darüber hinausgeht

«Die Menschen kommen offenbar ohne das nicht aus», resümiert Felicitas Hoppe (*1960). «Wenn man versucht, darauf zu verzichten, entsteht (…) eine Leerstelle». Das Problem aufgeklärter Gesellschaften bestehe darin, dass man «so unglaublich viel Zeit mit Befreien verbracht» habe, «dass man jetzt völlig ratlos in der Landschaft steht und nicht weiss, was zu tun ist». Es gebe aber nicht einfach einen Weg zurück in die alten Formen von Kirchlichkeit, sondern zunächst eher ein «Aufschrecken darüber, dass man etwas verloren hat».6 Wie Arnold Stadler (*1954) auf der Sehnsucht insistiert – in seinem neuesten Buch heisst es, dass es für Salvatores Sehnsucht «in den sogenannten Kirchen kleinen Platz» gab, «doch schon der Name, mit dem er auf der Welt herumlief, deutete darauf, dass dies, was ihm hier an Leben und Ausleben geboten wurde, nicht alles war» –,7 deckt Thomas Hürlimann (*1950) immer wieder Wahrnehmungslücken des herrschenden Zeitgeists auf, der den Blick nicht nach oben richte, sondern nur immer geradeaus in der Ebene denke: «So bin ich einerseits froh, dass ich den Dogmen und Normen einer streng katholischen Welt entkommen bin, empfinde andererseits aber eine gewisse Leere.»8 Im Gespräch erläutert der Autor des «Einsiedler Welttheaters» seine Bemühungen, den transzendenzverriegelten Alltag aufzubrechen: «Als Kind erfährt man transzendente Welten, verliert sie später (…). Es gibt keine Transzendenz mehr, andererseits aber auch nicht mehr die vollständige Hinwendung zu einem prallen Diesseits, von dem ich sagen könnte: Darüber hinaus gibt es nichts. Das Gefühl, dass es darüber hinaus etwas geben könnte, ohne dass ich weiss, was das ist, das ist geblieben.»9

Weitgespanntes Panorama

Vor dem Hintergrund der literarischen Gottesrede «christlicher Literatur» (Gertrud von le Fort, Reinhold Schneider, Christine Busta und Ernst Meister) spannt Langenhorst in zwei Hauptteilen («Konfessionelle Identität zwischen Besinnung und Abgrenzung», «Gottesrede als Sprachsuche») ein perspektivenreiches Panorama höchst unterschiedlicher Autorinnen, Autoren und Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur auf.10 Das Spektrum des Umgangs mit Religion und Gottesfrage ist weit gespannt. Der Bogen reicht von parodistisch-ironisierender Distanzierung von Religion (etwa bei Werner Fritsch) bis zur erinnernden Rückbesinnung auf die konfessionelle Prägung der eigenen Biographie (bei Hanns-Josef Ortheil, Ulla Hahn und Ralf Rothmann), vom Abarbeiten an religiösen Beschädigungen (bei Friedrich Christian Delius, Christoph Meckel und Paul Ingendaay) bis zu neu offener Suche (Julie Zeh, Patrick Roth oder Sibylle Lewitscharoff), nicht zuletzt im Ausgriff auf nichtchristliche Religionen, z. B. die islamische Mystik bei Barbara Frischmuth oder den Zen-Buddhismus bei Adolf Muschg und Ralf Rothmann, knappe Seitenblicke fallen auf die neue deutsch-jüdische sowie die gerade im Entstehen begriffene neue deutsch-islamische Literatur.11 Das Fazit? «Wenn es eine neue Erkenntnis (…) gibt, dann nicht, dass sich die literarische Gotteskritik oder Gottesverabschiedung weiter fortschreibt. Das ist nur wenig überraschend, zieht eine alte und wichtige Traditionslinie weiter aus in die Gegenwart und sicherlich auch in die Zukunft. Das Verblüffende, gegen Paradigmen der 60er- bis 80er-Jahre verstossende und darin Herausfordernde der literarischen Entwürfe liegt vor allem darin, sich jenseits der Kritik an Versuche der – innerlich wie formal breit ausdifferenzierten – Affirmation von religiöser Sprachsuche und Gottesrede zu wagen.»12

Ringen um Ausdruck und Form

Wie heute von Gott reden, im Wissen um den Abbruch der überkommenen Gebetstradition? Insbesondere die Suche zeitgenössischer Lyriker nach einer angemessenen Sprache für Religiöses enthält wichtige Impulse für eine theologische Gottesrede auf der Höhe der Zeit.13 Kaum zufällig begegnen in der Gegenwartsliteratur Fortschreibungen des Dankgebets, jedoch unter der Voraussetzung, dass es den Adressaten solchen Danks zumindest so nicht mehr gibt, wie es für die überlieferte Gottesrede selbstverständliche Voraussetzung war. Und doch gibt es offensichtlich nach wie vor Erfahrungen von Dankbarkeit, dem Leben, dem Zufall gegenüber, die zur Sprache gebracht werden wollen! Martin Walser hat dafür die bemerkenswerte Wendung einer «Unanbringbarkeit von Verehrung» geprägt. Menschen möchten sich dankbar verneigen, ihrer Verehrung Ausdruck geben, können das aber nirgendwo anbringen, wissen nicht, wohin damit: «Manchmal ist es schön. Für Sekunden begreift man, dass gesagt wird: das sei von G. geschaffen. Der Gottesnotwendigkeitsbeweis; wem soll ich, wenn ich will, danken? Entsteht G. also aus unanbringbarer Verehrung?»14 Ja, für Felicitas Hoppe «kommt es nicht darauf an, dass wir Gott nicht aus den Augen verlieren, sondern dass ER UNS nicht aus den Augen verliert. Das ist wohl die grösste Angst von allen: Dass wir SELBST nicht mehr gesehen und gehört werden.»15 Dieselbe erstaunliche Umkehrung der Perspektive begegnet auch bei Peter Handke, der davon spricht, «dass Gott eigentlich durch das Zuschauen» wirkt, «wenn wir uns gewärtig machen, dass Gott uns umfassend zuschaut, wären wir alle total besänftigt (…) dass man innerlich sich angeschaut sieht (…) dass man sich von einem alles verstehenden (…) Wesen gesehen sieht – und im Handumdrehen oder im Blickaufschlagen wird etwas anders mit dir.»



1[zurück]Christoph Gellner: Gute Zeiten für christliche Lebenskunst. Die neue Aufmerksamkeit für Religion und Spiritualität als Herausforderung, in: Ders. (Hrsg.): «… biographischer und spiritueller werden». Anstösse für ein zukunftsfähiges Christentum. Zürich 2009, 7–28.
2[zurück]Vgl.: www.auawirleben.ch.
3[zurück]Michael Hainz: Die religiöse Landschaft in Deutschland, in: Stimmen der Zeit 226 (2008), 377–390, hier 382.
4[zurück]Georg Langenhorst: «Ich gönne mir das Wort Gott». Freiburg 2009, 295.
5[zurück]Andreas Maier: Ich gönne mir das Wort Gott. Gespräch, in: ZEITLiteratur März 2005, 33.
6[zurück]Langenhorst, Wort Gott (wie Anm. 4), 224.
7[zurück]Arnold Stadler: Salvatore. Frankfurt a.M. 2008, 22 f.
8[zurück]Thomas Hürlimann: Das Holztheater. Geschichten und Gedanken am Rand, Zürich 2000, 60.15 f.
9[zurück]Das Zwischen ist kein gemütlicher Ort. Gespräch mit Thomas Hürlimann, in: Daniel Lenz / Eric Pütz: LebensBeschreibungen. München 2000, 110–122, hier 112.
10[zurück]Ergänzend Albrecht Grözinger u. a. (Hrsg.): Religion und Gegenwartsliteratur. Würzburg 2009.
11[zurück]Christoph Gellner: Wahrheiten ausserhalb des Blickfeldes. Judentum und Islam in der Gegenwartsliteratur, in: Herder Korrespondenz 63 (2009) 38–42; ders., Weltreligionen im Spiegel zeitgenössischer Literatur. Karlsruhe 2005; ders., Der Glaube der Anderen. Christsein inmitten der Weltreligionen, Düsseldorf 2008.
12[zurück]Langenhorst, Wort Gott (wie Anm. 4), 297.
13[zurück]Christoph Gellner: Heute eine Sprache des Glaubens finden , in: Ders., biographischer und spiritueller (wie Anm. 1), 141–173.
14[zurück]Martin Walser: Aus den Notizen betreffend G. (vom 6. 4. 1981 bis 6. 5. 1991), in: Ders., Zauber und Gegenzauber. Eggingen 1995, 180–185, hier 182.
15[zurück]Langenhorst, Wort Gott (wie Anm. 4), 301, das folgende Zitat 302.


Freitag, 3. September 2010, 05:43 Uhr

 


24/2009 • 11. Juni
177. Jahrgang
erscheint donnerstags
ISSN 1420-5041
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Erscheinungsdaten 2010
Register 2009


Inhalt

Neue Aufmerksamkeit für Gott
Christoph Gellner

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Dieter Bauer

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