Schweizerische Kirchenzeitung

Leitartikel
 

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Ver-rückendes Arbeiten

von Wolfgang Bürgstein, Daniel Schmid-Holz, Robert Untereggger, Thomas Wallimann

Das diesjährige Zusammentreff en der beiden Feiertage 1. Mai und Christi Himmel fahrt lädt dazu ein, beide Feste miteinander in Beziehung zu bringen.

Vom Sinn der beiden Feiertage

Der 1. Mai war einmal ein Tag, an dem die Industriearbeiter zusammenstanden, ihre Anliegen klärten und ihre Forderungen stellten. Industriearbeit gibt es heute in Europa in dieser Art kaum mehr, auch die Arbeiterbewegung als gesamtgesellschaftliche Bewegung nicht mehr.

Christi Himmelfahrt weist uns darauf hin, dass wir, auch wenn wir hier zurückbleiben, mit Blick auf Christus Orientierung gewinnen können. Christus hat Erdenerfahrung, weist uns aber auf eine Sinndimension hin, die in der harten Alltagsarbeit nicht immer erfahrbar ist. Aber auch dieses Fest hat keine gesamtgesellschaftliche Bedeutung mehr.

Ernüchterung und eine Aufgabe

Als Christus in den Himmel auffährt, wollen die Jünger über das Künftige Sicherheit und Gewissheit haben. Die Antwort Jesu muss ernüchternd gewesen sein: «Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht gesetzt hat» (Apg 1, 6–7). Über das kommende gesellschaftliche Geschehen lässt Christus die Jünger im Ungewissen. Aber sie verweist auch auf etwas Anderes: Von der diesseitigen Hoffnung lenkt sie den Blick «himmelwärts». Sie bringt nicht nur die Begrenztheit menschlichen Handelns zum Ausdruck, sondern erinnert daran, was wir in der Arbeitswelt immer wieder erleben: Der Blick hinauf darf als Suche nach Sinn gelesen werden. Die Jünger erhalten keinen fertigen Masterplan, sie finden sich in einer offenen Perspektive wieder, sind aufgerufen, ihr Leben selber zu führen, gesellschaftliche Zusammenhänge mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen.

Wie anders ist die Arbeitswelt

Wie anders ist unsere Arbeits- und Lebenswelt, verglichen mit der biblischen!

  • Die genaue Uhrzeit ist das zeitliche Koordinationsinstrument für alle möglichen Tätigkeiten.
  • Durchschnittlich legt jeder Mensch in der Schweiz jährlich eine Distanz von 19 000 km zurück. Vor 100 Jahren sollen es noch 300 km gewesen sein.
  • Wir sind in unserem Alltag von lauter technischen Wunderwerken umgeben, welche die meisten weder selber herstellen noch reparieren können.

Die heutige ausgeprägte Arbeitsteilung ermöglicht das Erzeugen umfangmässig so grosser Dinge wie unser Verkehrssystem, der Bundesverwaltung, Grosstädte usw. Zusammen mit dem Einsatz technischer und organisatorischer Mittel kann auch sehr schnell sehr viel produziert werden. Arbeitsteilung verändert menschliches Leben und Arbeiten grundlegend. Es stellen sich neue Fragen wie:

  • Wer bestimmt, was produziert wird, wieviel, für wen und wofür?
  • Ist die Arbeit für den Einzelnen spannend, oder kann sie einem nur vom Endprodukt her gefallen?
  • Arbeitsteilung ist meist auch mit Kapitalbildung und Geldwirtschaft verbunden. Wer bestimmt über die Verteilung des Geldes?

Wenn Arbeitsteilung Sinn machen soll, müssen wir auf solche Fragen gute Antworten finden.

Arbeiten und Wirken

Die Frage, was Arbeit eigentlich ist, wird sehr unterschiedlich beantwortet. Dennoch: Ein Soldat beispielsweise dient, ein Künstler wirkt in seinem Werk, ein Sportler spielt eher oder sucht die Herausforderung. Aber jede und jeder arbeitet auf ihre oder seine Weise, jede oder jeder muss sogar auf irgendeine Weise arbeiten.

Der Begriff «Arbeit» besitzt eine indogermanische Wurzel mit Bedeutungen wie Mühsal, Not und Pein oder Last. Auch in der Bibel finden sich sehr unterschiedliche Begriffe und Verwendungen für das, was arbeiten meint. Das Alte Testament kennt das Arbeiten, das mit Mühsal verbunden ist.

Aber auch Gott arbeitete: Er erschuf in sechs Tagen die Welt, und am siebten Tag ruhte er, um sich von seinem Werk zu erholen. Den Menschen machte er zu seinem Mitschöpfer, weil er ihm die Sorge und die Verantwortung für seine Schöpfung übertrug. Damit kommt schon in der Bibel zum Aspekt von Mühsal und Bedürftigkeit ein weiterer Aspekt hinzu: menschliche Arbeit als ein Wirken, ähnlich dem Wirken Gottes in der Schöpfung. Gott wirkt, weil er zuallererst frei ist in seinem Tätigsein. Das, was Gott hervorbringt, ist Ausdruck seiner selbst, ob in seinem Schöpfungs- oder in seinem Erlösungshandeln. Dies mag vielleicht etwas theologisch klingen, meint aber, dass Gott nicht für jemanden oder für etwas arbeiten musste, er war schlicht frei von Fremdbestimmung und Bedürftigkeit.

Sinn-volles Arbeiten?

Zum Beispiel Brot backen, einen Autobus voller Menschen gekonnt steuern, ein Büchergestell fertigen, ein Haus bauen, eine lecke Wasserleitung dicht machen, Fenster putzen, Geld wechseln... Essen zubereiten, wobei sich Bedürfnis und Gestalterisches verbinden können, zu Kultur werden, und so zeitlose Schöpfungen wie Brot, Wein, gebratener Reis und vieles mehr immer wieder von neuem...

Das heutige Verständnis von Arbeit als Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit als Erwerbslosigkeit ist eine Erfindung der Moderne und stammt aus der Zeit der Industrialisierung. Die Tätigkeit, die man ausser Haus, aber innerhalb der Fabriktore tagtäglich zu verrichten hatte und für die man finanziell entlöhnt wurde, ist zum Inbegriff der Arbeit geworden. Das 21. Jahrhundert braucht wieder ein Tätigkeitsverständnis, das weit über Erwerbsarbeit hinausgeht und das dem Ziel der Ermächtigung und der Anerkennung von Menschen dient. Wenn wir unter wertvoller Arbeit jede Tätigkeit verstehen, die sozial nützlich ist und in guter Absicht für mich und andere geschieht, dann zählen zur Arbeit auch Hausarbeit, Kindererziehung, Krankenpflege, Altenpflege, soziales Engagement, Kontakte pflegen und nicht zuletzt lieben und geliebt werden.

Vergesellschaftetes Arbeiten

Die Möglichkeiten und Auswirkungen einer ausgeprägten Arbeitsteilung werden mit den Möglichkeiten unserer Technik und der kapitalistischen Wirtschaftsweise noch einmal um ein Vielfaches erhöht. Dadurch noch dringender wird die Frage nach sinnvollen, zukunftsfähigen Arbeits- und Handlungszusammenhängen, nach Zielvorstellungen überhaupt. Hierzu einige wichtige Punkte:

  • Wird der Gelderwerb zum einzigen Antrieb und Massstab, ist die Arbeit entwertet, und der arbeitende Mensch selber auch.
  • Wirtschaftliche Organisation und Arbeit sind für die Menschen da, haben ihnen zu dienen!
  • Eine Orientierungshilfe für die Bemessung von Löhnen kann sein, dass ein voller Lohn zum Lebensunterhalt einer Familie ausreichen muss.
  • Wir dürfen den Menschen nicht als Summe seiner Taten missverstehen nach der Losung «Geraten seine Taten, ist er Mensch geraten. Missraten seine Taten, ist der Mensch missraten.» Diese Lebenslüge ist insbesondere in der europäischen Gesellschaft, die in ihrem Bann lebt, verbreitet.
  • Ein besonderes Augenmerk gilt jenen, die zwischen Stühle und Bänke fallen, wenige Privilegien haben und benachteiligt sind. An ihrem Wohlergehen misst sich letztlich eine humane Arbeitsund Wirtschaftsordnung.
  • Menschliche Arbeit muss im Einklang mit der Natur erfolgen. Wir sind in unserer Arbeit nicht Herr über die Natur, so dass wir mit ihr tun und lassen können, wie es uns gefällt. Wir sind aufgerufen, zu unserer Mitwelt Sorge zu tragen.

Himmelfahrt – und «ora et labora» für die Zurückgebliebenen?

Uns gefällt das Bild mit den zurückgebliebenen Jüngern und dem auffahrenden Jesus. Auch wir Heutigen finden uns mit einer nicht einfachen Aufgabe wieder: Den Rahmen und die Praxis unseres Arbeits- und Wirtschaftslebens so zu gestalten, dass sie sinn-voll und zukunftsfähig bleiben und, wo nötig, werden. Dazu brauchen wir auch den Blick von aussen. Und das Wissen, dass wir über einen Masterplan – den Blick von oben – selber nicht verfügen, kann uns davor abhalten, die eigene Verantwortung an vermeintliche Masterpläne, goldene Formeln und Kälber abzugeben.

Gott hat uns als arbeitende und wirkende Menschen geschaffen, mit der Aufgabe, diesen Garten Erde zu hegen und zu pflegen. Mit dieser Aufgabe hat er uns zurückgelassen, und wir sind angesprochen, verantwortbare Arbeits- und Lebenswelten zu gestalten.

Wolfgang Bürgstein, Daniel Schmid-Holz, Robert Untereggger, Thomas Wallimann
(Werkstatt-Wirkstatt-Kirche)


Der hier abgedruckte Text setzt sich aus Textausschnitten aller Werkstatt-Mitglieder zusammen. Die vollständigen Skizzen und Texte sind als Predigthilfen für Christi Himmelfahrt am 1. Mai 2008 geschrieben worden. Sie sind hier einsehbar:


Donnerstag, 29. Juli 2010, 15:38 Uhr

 


17/2008 • 24. April
176. Jahrgang
erscheint donnerstags
ISSN 1420-5041
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Impressum
Erscheinungsdaten 2010
Register 2009


Inhalt

Ver-rückendes Arbeiten
Wolfgang Bürgstein, Daniel Schmid-Holz, Robert Untereggger, Thomas Wallimann

Gott lässt sich suchen
Josef-Anton Willa

Die Kommunikation der Kirche in der Schweiz*
Iwan Rickenbacher

Der Streitfall Röschenz im Spiegel der Medien
Constanze Straub

Medien – Zwischen Selbstdarstellung und Dienst an der Wahrheit
+ Peter Henrici SJ, Medienbischof

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Kirche und kirchliche Körperschaften: Miteinander, nicht Nebeneinander