Schweizerische Kirchenzeitung

Leitartikel
 

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Freikirchlich - katholisch

von Rolf Weibel

Die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangenen Kirchen bilden vier Hauptrichtungen: die Lutheraner, die Reformierten, die Anglikaner und die «Radikalen» des «linken Flügels» der Reformation, namentlich der Täuferbewegung. In täuferische Traditionen gestellt haben sich später noch weitere Bewegungen, so im 17. Jahrhundert der aus dem englischen Puritanismus und Separatismus heraus entstandene Baptismus. Wenig später als in England begann die baptistische Bewegung in Amerika; auf dem europäischen Festland konnten die Baptisten erst im 19. Jahrhundert Fuss fassen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts nahmen die Baptisten in Amerika so stark zu, dass sie heute die grösste reformatorische Denomination bilden; weit mehr als die Hälfte der schwarzen Christen in Amerika sind Baptisten ­ wie der als Bürgerrechtler unvergessliche Martin Luther King jr.
Diesen Baptismus hat Damian Brot zum Objekt seiner konfessionskundlichen und ökumenischen Studien gemacht, wobei ihm ein Studienaufenthalt als Visiting Scholar am Baptist Theological Seminary in Richmond (Virginia) nicht nur einen leichten Zugang zu amerikanischer Literatur erschloss, sondern auch die Möglichkeit zu Interviews mit führenden Persönlichkeiten gab. Vier dieser Studien hat er zu einer Dissertation zusammengefügt, die die Theologische Fakultät der Universität Freiburg angenommen hat und die nun ­ mit einem Geleitwort des Generalsekretärs des Baptistischen Weltbundes ­ auch als Buch vorliegt.1 Weil es sich um Einzelstudien handelt, die auch im Buch als solche kenntlich sind, können sie unabhängig voneinander gelesen werden; liest man sie nacheinander, wirken die Überschneidungen zuweilen als redundante Wiederholungen.2
In der ersten Studie wird die Sozialgestalt der Freikirche als Kirchenform der Moderne dargestellt, womit Damian Brot der katholischen Seite aufzeigen möchte, was sie im ökumenischen Miteinander von den Freikirchen in einer «nachvolkskirchlichen» Zeit lernen könnte. Zunächst bringt er verschiedene Elemente einer möglichen Umschreibung von Freikirchen bei: im Anschluss an Ernst Troeltschs Kirche-Sekte-Typologie, in Abgrenzung zur Staats-, Landes- und Volkskirche, von den geschichtlichen Herkünften her. Dabei stellt er fest, dass eine freikirchliche Identität eher in Europa als in Nordamerika auszumachen ist. Die vor allem für Nordamerika zutreffendste Umschreibung ist für Damian Brot «Believers´ Church (Kirche der Gläubigen)» (in einer Gegenüberstellung zu «Kirche der als Säuglinge Getauften»), und das Moderne dabei die Zentrierung auf das Subjekt, insofern die religiöse Erfahrung nicht in der Kirche, sondern im menschlichen Leben verortet wird.
Die zweite Studie unternimmt den Versuch einer vergleichenden Ekklesiologie, indem sie im Blick auf ein freikirchliches Kirchenverständnis dem vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigten Wandel der katholischen Ekklesiologie nachgeht; mit diesem Wandel wurden antireformatorische Akzente weggelassen und freikirchliche Anliegen ­ wie namentlich die Religionsfreiheit ­ aufgenommen. Dazu kommen Entwicklungen in der Zeit seit dem Konzil wie beispielsweise die stetige Mahnung der Päpste zu Evangelisation, die charismatische Bewegung oder auch die Aufmerksamkeit der Praktischen Theologie für eine Gemeindekirche ­ besteht für die Freikirchen die christliche Gemeinde doch nur aus bekehrten und gläubigen Menschen.
Die in bestimmter Hinsicht ausschliessliche Bedeutung der Bibel und des Heil bringenden Glaubens an Jesus Christus (mit der Bekehrungserfahrung) auf der freikirchlichen gegenüber der Verschränkung des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft auf der katholischen Seite macht das ökumenische Problem zwischen der katholischen Kirche und den Freikirchen aus. Für das katholisch-baptistische Gespräch veranschaulicht es Damian Brot in der dritten Studie am Beispiel der Taufe, die für die katholische Kirche ­ aber auch für die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen ­ ein Band der Einheit bzw. ein Einheit stiftendes Band zwischen den Christen und Christinnen ist, für die meisten Baptisten hingegen nur ein Symbol. Und weil für sie ein Christ ein Mensch ist, «der bekehrt ist und an Jesus Christus glaubt, auch wenn sie oder er nicht gültig getauft wurde» (187), ist ihre Ablehnung der Säuglingstaufe zu verstehen. Das ökumenische Gespräch hat allerdings neue Verstehensmöglichkeiten eröffnet, wie auf katholischer Seite mit der Einführung des Erwachsenenkatechumenats und der Feier der Eingliederung Erwachsener in die Kirche Akzente gesetzt wurden, an die das katholisch-baptistische Gespräch anknüpfen kann.
Dieses Gespräch bzw. vor allem sein bisheriger Verlauf ist in der vierten Studie thematisiert. Im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils sind Baptisten und Katholiken auf zahlreichen Ebenen in Gespräche eingetreten; obwohl eingeladen, nahm am Konzil selber noch kein baptistischer Beobachter teil, wohl aber liess sich ein baptistischer Journalist akkreditieren. Auf die gleiche Zurückhaltung zurückzuführen ist, dass auf internationaler Ebene erst von 1984 bis 1988 Gespräche geführt wurden. Zu tun hat diese Zurückhaltung mit den Vorurteilen gegenüber der katholischen Kirche und dem ausgeprägt kongregationalistischen Kirchenverständnis des Baptismus, was Rücksichtnahmen verlangt. Dass in der Southern Baptist Convention der fundamentalistische Flügel die Macht übernommen hat, wird die Gespräche auf internationaler Ebene zusätzlich belasten, weil dieser Bund der grösste Beitragszahler des Baptistischen Weltbundes ist. Auch abgesehen davon ist der katholisch-baptistische Dialog schwierig, sachlich schwierig, was indes kein Grund sein dürfte, ihn nicht fortzusetzen.



1[zurück]Damian Brot, Kirche der Getauften oder Kirche der Gläubigen? Ein Beitrag zum Dialog zwischen der katholischen Kirche und den Freikirchen, unter besonderer Berücksichtigung des Baptismus, (Europäische Hochschulschriften, XXIII/751), Peter Lang, Bern 2002, 409 Seiten.
2[zurück]Die im Buch abgedruckten Interviews tragen anderseits zu seiner Lebendigkeit bei.


Dienstag, 9. Februar 2010, 14:26 Uhr

 


4/2004 • 22. Januar
172. Jahrgang
erscheint donnerstags
ISSN 1420-5041
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Erscheinungsdaten 2010
Register 2008


Inhalt

Freikirchlich - katholisch
Rolf Weibel

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125 Jahre Priesterseminar St. Beat
Rolf Weibel

Phil Bosmans

Prophetische Provokation
Marie-Louise Gubler zu Lk 4,21-30

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