Kirchenzeitung
Die Schweizerische Kirchenzeitung im Sonderangebot
27-28/2012
Leitartikel«Beschützer der kirchlichen Freiheit»Alois Odermatt
Lesejahr BUnruhe unter den Massen und keine gute Zeit zum EssenUrsula Rapp
Schlaraffenland am GennesaretHans Rapp
Vatikanum IIWas bleibt 50 Jahre nach dem Konzil noch zu tun? (I)Gilles Routhier
BuchHilfsmittel für die Lagersaison!Simone Dollinger
BerichtOrden: lebendig und hoffnungsfrohWalter Ludin
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«Beschützer der kirchlichen Freiheit»   

Fünfhundert Jahre päpstlicher Ehrentitel der Schweizer: Heute auf den Tag genau vor einem halben Jahrtausend verlieh Papst Julius II. am 5. Juli 1512 den Schweizern mit der Bulle «Etsi Romani pontifices» den Ehrentitel «Ecclesiasticae libertatis defensores» – Beschützer der kirchlichen Freiheit. Sie waren ihm zu Hilfe geeilt, um französische Truppen zu verjagen, die von der Lombardei aus seinen mittelitalienischen Kirchenstaat bedrohten. Er betonte, der Ehrentitel gelte «für ewige künftige Zeiten», und überreichte ihnen zum Dank für «ihre bewährte Treue und Kampfkraft » zwei damastene päpstliche Hauptbanner «mit den Schlüsseln, Wappen und Zeichen unserer Kirche».1

Am vorausgehenden Weihnachtsfest 1511 hatte er ihnen bereits zwei Gaben verehrt, die sonst nur an Könige und Fürsten gingen: einen perlenbestickten Ehrenhut und ein silbervergoldetes Ehrenschwert. Julius beauftragte seinen Legaten, den Walliser Kardinal Matthäus Schiner, diese Geschenke den zwölf Orten zu überbringen. Hierfür erliess er ein eigenes Begleitbreve mit Datum vom 27. Juli 1512. Darin betonte er, kein Papst habe bisher einem König oder Fürsten eine grössere Liebe und Zuneigung erwiesen.

Widersprüchlichkeit

Wie es dazu kam, dass die Eidgenossen diesen Ehrentitel erhielten, ist breit erforscht und erzählt worden: als ein Stück glorioser Schweizer Geschichte.2

Hier kommt es als ein Stück Kirchengeschichte zur Sprache. Dabei werden wir hellhörig, wenn der Glarner Pfarrer und Feldprediger Ulrich Zwingli im April 1512 vor dem Waffengang schreibt, «die Kirche Gottes, die gemeinsame Mutter der Christenheit», sei aus der Raubgier des französischen Tyrannen zu befreien. Es schlägt jene Zwiespältigkeit durch, die ab dem 4. Jahrhundert zur Verknüpfung zwischen pastoralem Leitungsdienst und politischer Machtentfaltung, ab dem 8. Jahrhundert zu einem eigenen «Kirchenstaat» des römischen Bischofs geführt hat. Doch welche Massstäbe an das Renaissancepapsttum anlegen, in dessen glanzvollem Rahmen wir Schweizer zu ewigen «Beschützern der kirchlichen Freiheit» wurden? «Der Begriff der ‹Verweltlichung› ist so anachronistisch wie vieldeutig; zur Kritik, geschweige denn zur Analyse, taugt er nicht mehr. Ob die kulturelle Autorität des Papsttums der Renaissance den Schwund an geistlicher Autorität kompensiert oder befördert hat, ist eine offene Frage.»3 Was wurde mit Kirche gemeint, was mit kirchlicher Freiheit? Die Liebe des P apstes war Kalkül – so berechnend wie die Hilfe der Schweizer.

Machtpolitik der «heiligen Kirche»

Die Eidgenossenschaft und die Zugewandten Orte hatten im Schwabenkrieg 1499 ihr Gebiet gegen Norden erweitert. Rhein und Bodensee bildeten nun die natürliche Grenze. Als gemeinsame Bezeichnung für Eidgenossen und Zugewandte setzte sich der Begriff «Schweizer» durch. Dieser Stillstand im Norden führte zur Neubelebung der Südpolitik. Aber hier prallten vielfache Interessen aufeinander. Der französische König Ludwig XII., begierig auf Italien, war ab 1499 mit Tausenden eidgenössischer Reisläufer in die Lombardei eingedrungen. Er hatte das Herzogtum Mailand erobert und in weiten Teilen Italiens die Vorherrschaft errungen. Das wurde zur Bedrohung für den Kirchenstaat. Einzelne Regionen, so die Romagna mit Bologna, entwanden sich seiner Herrschaft. In dieser Situation trat 1503 der kriegerische Papst Julius II. auf den Plan. Als Erstes schuf er sich 1505/1506 eine schlagkräftige Leibgarde: teure Soldknechte aus der Eidgenossenschaft. Und 1510 schloss er, durch Vermittlung des Sittener Bischofs Matthäus Schiner, für fünf Jahre einen Soldvertrag mit den Eidgenossen. Diese verpflichteten sich, den Schutz des Kirchenstaates zu übernehmen. Der erste Auszug schweizerischer Söldnertruppen endete freilich mit schmählichem Fiasko. In Bologna geriet Julius II. in grösste Gefahr, gefangen zu werden. Er polterte mit einem zornsprühenden Breve gegen die Eidgenossen. Sie seien «Gelübdeverletzer und von der heiligen Kirche abgefallen». Er drohte Vergeltung mit geistlichen und weltlichen Waffen an.

Krieg für die «Freiheit der Kirche»

Neue Vorstösse der Franzosen in der Lombardei stimmten den Papst um. Er erhob Matthäus Schiner am 10. März 1511 zum Kardinal. Nach abenteuerlicher Reise, zum Teil als Pilger verkleidet, gelangte Schiner über Graubünden und Venedig nach Rom und nahm dort am 20. August 1511 den Kardinalshut entgegen. Am 11. April 1512 schlugen französische Truppen eine päpstlichspanische Armee bei Ravenna. Die eidgenössische Tagsatzung beschloss am 30. April gemäss Soldvertrag den Krieg für den Papst. Eidgenössische Verbände mit 24 000 Soldknechten versammelten sich am 25. Mai 1512 in Verona und trieben von dort aus die Franzosen vor sich her. Sie eroberten Pavia am 18. Juni, gewannen Mailand und unterwarfen durch Schiners Feldherrengenie in drei Wochen die Lombardei. Der Papst erhielt die Romagna mit Bologna zurück, veranstaltete Dankfeiern und verlieh, eben heute vor 500 Jahren, den Schweizern den erwähnten Ehrentitel. Der Kirchenstaat erreichte seine grösste Ausdehnung!

Jubel in der Schweiz

«Freiheit der Kirche» bedeutete die politische Eigenständigkeit des mittelitalienischen Kirchenstaates, den der Papst als Fürst regierte. Der Sieg der Schweizer erregte europaweites Aufsehen. Kardinal Schiner präsentierte die päpstlichen Ehrengeschenke am 11. August 1512 der Tagsatzung in Baden. Ein Chronist berichtet: «Reden hielten vor allem Gesandte des Papstes selbst, des Kaisers, des spanischen Königs, der Venezianer, der Mailänder, des Herzogs von Savoyen und des Herzogs von Lothringen. Die päpstliche Bulle und das Begleitbreve wurden von der Kirchenkanzel herab vor grossem Volk verlesen und laut in der Volkssprache erläutert. Und gezeigt wurden die päpstlichen Banner, das goldene Schwert und der wertvolle Herzogshut.»4 Am 6 . S eptember v erfügte die Tagsatzung über die Geschenke. Der Vorort Zürich übernahm Hut, Schwert und Bulle zur Verwahrung; die beiden Banner wurden in der Einsiedler Stiftskirche aufgehängt. Der lateinische Text von Bulle und Begleitbreve fanden Eingang in die amtliche Sammlung der Tagsatzungsbeschlüsse.5 Der Papst v eredelte mit diesem ausserordentlichen Ehrerweis die «Grossmachtrolle » der Schweizer «im Triennium 1512 bis 1515».6 Marignano läutete dann die Wende ein. Aber bis heute ist die Päpstliche Schweizergarde eine lebendige Erinnerung an jenen widersprüchlichen Einsatz für die «Freiheit der Kirche».

Widersprüchliches Papsttum

Szenenwechsel. Am 3. Mai 1512, gerade als sich Schweizer Söldnerverbände auf den Krieg «für die Freiheit der Kirche» rüsteten, eröffnete Julius II. das V. Laterankonzil.6 Als eine seiner Aufgaben bestimmte er die Kirchenreform. Das Konzil ging unter seinem Nachfolger Leo X. weiter und schloss im März 1517. «Die Durchführung der Konzilsdekrete geschah so halbherzig, dass ihre Gültigkeit schon bald in Frage gestellt war.»7 Nun bahnte sich eine andere Reformbewegung an, nicht angestossen durch Papst oder Konzil in Rom, sondern vom Norden her durch den Augustinermönch Martin Luther – und durch Ulrich Zwingli, Leutpriester am Grossmünster in Zürich. Es nahen andere 500-Jahr-Jubiläen: 2017 in Wittenberg – und 2019 in Zürich, wo die päpstliche Bulle liegt, die uns Schweizer auf ewig zu Beschützern der kirchlichen Freiheit macht. Oder wird ihre Gültigkeit in Frage gestellt?

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