16/1999

INHALT

Wortmeldung

«Echo» zur Wortmeldung von Iso Baumer «Brauchen wir eine Metapherntheologie?»

Schon die Eingangsfrage der Wortmeldung von Iso Baumer ist einengend und damit einseitig: «Gehen wir von ÐFakten des Glaubensð aus und deuten sie auf unser Leben hin, oder nehmen wir unser Leben als einzig bedeutsames Faktum, was wir in Glaubenserzählungen und Glaubenslehren nur mehr als Metaphern (Bilder) widergespiegelt sehen?»
Die Alternative zu den «Fakten des Glaubens» ist sicher nicht die, unser Leben als «einzig bedeutsames Faktum» zu nehmen. Aber ist es doch wohl Aufgabe einer modernen Theologie, die Aussagen des Glaubens mit dem «bedeutsamen Faktum unseres Lebens» in Verbindung zu bringen!
Warum diese unselige und unkatholische Entscheidungsnötigung eines entweder ­ oder: entweder Glaubensfakten oder Lebensrelevanz? Warum nicht vielmehr ein umfassendes sowohl ­ als auch: sowohl Glaubensaussagen als auch Bezug zum bedeutsamen Faktum unseres Lebens?
Eine Theologie, welche die Lebenserfahrungen der Menschen in das Prokrustesbett einer traditionellen Dogmatik zwängen will, hat (religions)pädagogisch äusserst schlechte Startvoraussetzungen.
Eine Theologie, welche die Lebenserfahrungen der Menschen zur Sprache kommen lässt und diese Lebenserfahrungen deuten kann vor dem Hintergrund überlieferten Glaubens, ja sogar zeigen kann, dass in diesen Glaubensüberlieferungen Grundwahrheiten des Menschseins zum Ausdruck gebracht werden, die auch heute noch ­ unter anderen Rahmenbedingungen ­ gelten, ­ eine solche Theologie überliefert nicht nur den Glauben in eine Welt von morgen, sie gewinnt auch Menschen für die Sache Jesu, weil diese die Erfahrung machen: mea res agitur, nostra res agitur.
Wenn wir von Auferstehung reden, ohne a) sagen zu können, was wir damit meinen und ohne b) einen konkreten Bezug zum bedeutenden Faktum unseres heutigen Lebens herstellen zu können, dann betreiben wir Theologie im Sinne einer Geschichtswissenschaft, die allenfalls für historisch oder altphilologisch Interessierte von Bedeutung ist. Ohne über Bord zu werfen, was Auferstehung damals bedeutet hat, gilt es zu sagen, was Auferstehung heute heisst oder heissen kann ­ und das nicht nur als «Glaubensfaktum» am Ende unseres physischen Lebens.
Theologie und Verkündigung sollten auch Bezug nehmen zum «Leben vor dem Tod» ­ Auferstehung kann auch hier und heute relevant werden. Dann werden wir ermutigt zum Handeln, ins Handeln gesandt.
Übrigens ist es ­ hermeneutisch betrachtet ­ sowieso unmöglich zu entscheiden, ob Huhn oder Ei zuerst waren. Wenn Iso Baumer behauptet, die «Metapherntheologie» suche in den Glaubensakten lediglich «passende bildhafte Erklärungsmuster» für das eigene Handeln, so könnte ich ebenso behaupten, Baumers Verständnis von Glaubensfakten diene lediglich der Rechtfertigung des eigenen theologischen Denkgebäudes.
Die «Wahrheit» begegnet in der jeweiligen Lebensgeschichte «inkarniert». Warum sollte da «Auferstehung» für den einen oder die andere nicht heissen dürfen, gegen Unrecht und Unterdrückung aufzustehen und zu handeln? So könnte Karfreitag für die eine oder den anderen auch heissen, die gewohnnten Denkansätze einmal sterben zu lassen, damit Neues entstehen kann. Ein wahrhaft schmerzhafter Prozess ­ es geht dabei wirklich um Leben und Tod! Denn der Mensch in der Krise sehnt sich lieber nach den «Fleischtöpfen Ägyptens» als nach mutigen Schritten durch die Wüste hindurch in Richtung Zukunft.
Mit dieser Thematik ­ und nicht mit Struktur- und Amtsfragen ­ stehen wir meines Erachtens am entscheidenden Punkt im Blick auf die Zukunft unseres Glaubens. Wenn es der Theologie nicht gelingt, Glaubensaussagen und das bedeutende Faktum unseres Lebens in Relation zu bringen, dann verliert sie in den Augen vieler Zeitgenossen an Lebensrelevanz.
Was wir Menschen brauchen ist nicht eine «Museumsfrömmigkeit», die für die eine oder andere feierlich eingerichtete Stunde von Bedeutung ist. Was wir Menschen brauchen ist eine Alltagsfrömmigkeit, in der die «hohen» Begriffe der Theologie wie zum Beispiel «Auferstehung», «Gerechtigkeit», «Erlösung», «Heil» herunterbuchstabiert werden in den Lebensalltag einer Verkäuferin oder eines Fischers.

Hannes Steinebrunner


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999