50/1999 | |
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Kirche in der Welt |
Wir stehen unmittelbar vor einem Wechsel nicht nur eines Jahres und nicht nur eines Jahrhunderts, sondern eines ganzen Jahrtausends. Wie zumeist beim Wechsel von bisher Vertrautem zu unbekannt Neuem stellen sich Schwellenängste ein. Und in der Nähe von Schwellenereignissen kommt Ungewissheit auf. Dies gilt auch für die Kirche, die an der Schwelle ins unbekannte dritte Jahrtausend zuerst und vor allem nach ihrer eigenen Zukunft fragt.<1> Und wenn sie es nicht von sich aus tut, wird sie gefragt werden zuweilen nicht ohne zynische Bosheit, zuweilen mit einer gehörigen Portion Mitleid und zuweilen sogar mit grosser Besorgnis. Auf jeden Fall stellt sich die Frage: «Kirche: Wohin gehst du?»<2> Eine Antwort auf diese elementare Frage lässt sich kaum finden, ohne zunächst nach den tieferen Wurzeln der kritischen Situation in der gegenwärtigen Kirche zu fragen.
In der gegenwärtigen Situation der Kirche ist zumeist die Rede von
einer tiefgreifenden Kirchenkrise, die sich seit den sechziger Jahren im
Slogan «Jesus ja Kirche nein» artikuliert. Die Gründe
für diese weit verbreitete Kirchenmüdigkeit sind gewiss sehr vielfältig.
Zumeist werden sie bei jenen innerkirchlichen Problemen ausfindig zu machen
versucht, die so oft die Tagesordnung des kirchlichen Lebens beschäftigen
und die auch in der öffentlichen Diskussion verhandelt werden. Selbstverständlich
können und sollen diese innerkirchlichen Probleme weder verschwiegen
noch tabuisiert werden. Aber man würde zu kurz greifen, wollte man
die eigentlichen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, in diesen
innerkirchlich-hausgemachten Schwierigkeiten lokalisieren.
Dies lässt sich bereits daran ablesen, dass die evangelisch-reformierten
Schwesterkirchen, die nicht zusätzlich mit solchen internen Problemen
belastet sind wie die römisch-katholische Kirche, gleichermassen, wenn
nicht sogar noch stärker von einer elementaren Krise betroffen sind.
In diesem Sinn hat der katholische Theologe Johann B. Metz in einer Stellungnahme
zu den verschiedenen Kirchenvolksbegehren sensibel beobachtet, dass beinahe
alle Probleme, die in den Kirchenvolksbegehren angemahnt werden wie
die Fragen des Priesterzölibates und der Frauenordination in
den evangelisch-reformierten Kirchen sich entweder nicht stellen oder gelöst
sind, dass sich allein deshalb aber in diesen Kirchen das grundlegendere
Problem des Christseins und des Kirchelebens nicht weniger dramatisch stellt.<3> Und dieses fundamentale und alle christlichen
Konfessionen gleichermassen berührende Problem hat er mit dem Stichwort
der «Gotteskrise» namhaft gemacht. Denn die eigentliche Krise,
vor der wir stehen, ist «keineswegs nur am Zustand der Kirchen festzumachen,
die Krise ist zur Gotteskrise geworden»<4>.
Angesichts dieser Gotteskrise erweist sich die heute viel beredete Kirchenkrise
letztlich als ein Oberflächenphänomen, dem man auf den Grund gehen
muss. Deshalb legt sich der Schluss nahe, dass die wahren Wurzeln der gegenwärtigen
Überlebenskrise des christlichen Glaubens und der Kirche viel tiefer
liegen, dass mit den Postulaten der Kirchenvolksbegehren allein «die
Kirche nicht zu erneuern und zu verlebendigen ist» und dass die Erneuerung
der Kirche «ohne eine Erneuerung des Glaubens nicht zu haben ist».<5> Denn die eigentliche Glaubenskrise liegt
heute im weitgehenden Verblassen des biblisch-christlichen Bildes Gottes
als eines in der Geschichte gegenwärtigen und handelnden Gottes. Dieses
fundamentale Problem lässt sich in der Kurzformel festmachen: «Religion
ja ein persönlicher Gott nein». Diese Gotteskrise ist dabei
nicht leicht zu diagnostizieren, zumal sie in einer äusserst religionsfreundlichen
Atmosphäre stattfindet. Aber sie bringt auf jeden Fall zum Ausdruck,
dass man sich einen Gott weithin nicht mehr vorstellen kann, der sich um
den einzelnen Menschen kümmert und der überhaupt in der Welt handelt.
Dies bedeutet freilich gerade nicht, dass die Menschen heute nicht mehr
an Gott glauben würden; aber es scheint sich weithin um einen Gott
zu handeln, der in der Geschichte der Menschen nicht als gegenwärtig
wahrgenommen wird.
Von daher muss man der Diagnose von Kardinal Joseph Ratzinger zustimmen,
dass sich der seit der europäischen Aufklärung aufgekommene Deismus
«praktisch im allgemeinen Bewusstsein durchgesetzt» hat: «Gott
mag den Urknall angestossen haben, wenn es ihn schon geben sollte, aber
mehr bleibt ihm in der aufgeklärten Welt nicht. Es scheint fast lächerlich
sich vorzustellen, dass ihn unsere Taten und Untaten interessieren, so klein
sind wir angesichts der Grösse des Universums. Es erscheint mythologisch,
ihm Aktionen in der Welt zuzuschreiben.»<6>
Ein solch deistisch verstandener Gott aber ist weder zu fürchten noch
zum Lieben. Es fehlt die elementare Leidenschaft an Gott; und darin liegt
die tiefste Glaubensnot in der heutigen Zeit.
Diese Diagnose muss freilich noch vertieft werden. Denn die sich hinter
der heute offenkundig gewordenen Kirchenkrise verbergende Gotteskrise findet
ihre radikalste Zuspitzung in einer Krise des Christusglaubens. Zumal in
der heutigen Gesellschaft, die sich durchgehend durch Multikulturalität
und damit auch Multireligiosität auszeichnet, stellt sich mit besonderem
Ernst die Frage, wie der Christusglaube der Kirche angesichts des vielfältigen
Religionsangebotes von heute redlich verantwortet werden kann, ohne den
Christusglauben zu einer bloss humanistischen Jesulogie herunterzustufen.
Kardinal Joseph Ratzinger hat deshalb mit Recht betont, dass der eigentliche
Gegensatz, dem wir uns stellen müssen, noch nicht durch die Formel
«Jesus ja Kirche nein» ausgedrückt wird, sondern
eher mit dem Wort umschrieben werden müsste: «ÐJesus ja
Christus neinð oder ÐJesus ja Sohn Gottes neinð»<7>.
In dieser Formel verschafft sich die durchschnittliche Einstellung des heutigen
Menschen Ausdruck, der sich vor allem berühren lässt von allen
menschlichen Dimensionen an Jesus von Nazareth, dem aber das Bekenntnis,
dieser Jesus sei der eingeborene Sohn Gottes, der als der Auferweckte in
der Gestalt und Person des Heiligen Geistes unter uns gegenwärtig ist,
und insofern der kirchliche Christusglaube weithin Mühe bereitet. In
dieser Krise des Christusglaubens dürfte denn auch der massive Rückgang
der Teilnahme am sakramentalen Leben der Kirche, vor allem an der Eucharistie,
seinen tiefsten Grund haben, da die Feier der Eucharistie mit dem Glauben
an den auferweckten und in seinem Geist gegenwärtigen Christus steht
oder fällt. Denn ohne diesen Glauben wäre die Eucharistie nichts
anderes als «Totenkult» und ein weiterer Ausdruck «unserer
Trauer über die Allmacht des Todes» in der heutigen Welt<8>.
Wenn diese Diagnose einer dreifachen Krise in der heutigen Kirche stimmt,
ist auch ein Weg der Therapie gewiesen, der bereits vom Zweiten Vatikanischen
Konzil grundgelegt worden ist. Die konziliare Kirchenkonstitution beginnt
nicht zufälligerweise mit einem Bekenntnis zu Christus. Denn «Lumen
Gentium» «Licht der Völker» ist gerade
nicht die Kirche, sondern Christus. Die Kirche aber muss transparent sein
auf Christus hin, damit er in allem den Primat hat oder zurückerhält.
Diesen Primat haben bereits die frühchristlichen Theologen mit dem
schönen Bild von Sonne und Mond zur Geltung gebracht: Wie der Mond
sein ganzes Licht von der Sonne empfängt, um dieses in die Nacht hineinstrahlen
zu lassen, so liegt die Grundsendung der Kirche darin, das Licht der Christussonne
in die Weltnacht der Menschen hineinstrahlen zu lassen und erleuchtende
Hoffnung zu ermöglichen.
Eine derart lunar verstandene Kirche, die sich damit zufrieden gibt, Mond
zu sein, und sich selbst nicht stets sonnen will, dürfte die beste
Glaubensgegenwehr gegen das heutige Kreisen der Kirche um sich selbst und
ihre kirchenstrukturell bedingten Schwierigkeiten sein. Denn eine Kirche,
die weitgehend mit sich selbst beschäftigt ist, muss ihre Ausstrahlungskraft
in der heutigen Welt einbüssen. Dieses konziliare Kirchenbild lässt
sich aber kaum wirksam verlebendigen, ohne es zunächst mit den gängigen
Einstellungen heutiger Katholiken und Katholikinnen zur gegenwärtigen
Situation der Kirche zu konfrontieren. Dabei scheinen heute zwei einander
entgegengesetzte Wahrnehmungen der gegenwärtigen kirchlichen Situation
zu dominieren:
Die erste Einstellung liegt in einer grossen Sehnsucht nach einer perfekten
und deshalb gleichsam österlichen Kirche, in der alles rund läuft,
in der es keine Auseinandersetzungen gibt und in der Konflikte ausbleiben.
Die emphatischen Vertreter eines solchen österlich-triumphalistischen
Kirchenverständnisses pflegen sich freilich selten Rechenschaft darüber
zu geben, dass eine perfekte Kirche auch eine grausam intolerante und unmenschliche
Kirche wäre. Denn in keiner Kirche müsste es derart viele Exkommunikationen
und Selbstexkommunikationen geben wie in einer perfekten Kirche. Wer von
uns fände mit seinen eigenen Schwächen und Menschlichkeiten in
einer perfekten Kirche schon Platz und vor allem Lebensraum zum Atmen? Und
wer von uns leistet nicht auch seinen Beitrag dazu, dass unsere Kirche als
allzu menschliche in Erscheinung tritt? Verdrängt wird bei dieser Einstellung
zur Kirche die von den Kirchenvätern in äusserst realistischer
Weise festgestellte Dirnengestalt der Kirche, dergemäss die Kirche
nicht nur die Gemeinschaft der Heiligen ist, sondern sich auch als «casta
meretrix», als «keusche Hure» präsentiert.<9> Und ebenso droht aus dem gläubigen Bewusstsein
verdrängt zu werden, dass die Kirche aus der Seitenwunde Christi am
Kreuz entsprungen ist und deshalb nicht nur von seiner Auferstehungsgestalt,
sondern auch von seiner Todesgestalt bleibend stigmatisiert ist.
Die grosse Gefahr dieses österlich-triumphalistischen Kirchenverständnisses
besteht darin, dass von der faktischen Kirche erwartet wird, was eigentlich
nur Gott selbst erfüllen kann. Je grösser und illusionärer
aber die Erwartungen sind, die die Menschen an die real existierende Kirche
heften, desto schmerzlicher werden auch die Frustrationen und Enttäuschungen
ausfallen und sich im buchstäblichen Sinne als Ende von Täuschungen
herausstellen. Diesbezüglich hat die katholische Theologin Eva-Maria
Faber sensibel festgestellt, dass die Kritik an der Kirche heute manchmal
deshalb so heftig ausfällt, «weil die Erwartungen an das, was
Kirche darstellen sollte, übersteigert und kaum an der spezifischen
Gestalt der christlichen Heilsordnung orientiert ist». Denn die Kirche
ist und bleibt «die unvollkommene und unansehnliche Kirche der Sünder»<10>. Ein solches Selbstbekenntnis wird zwar
heute vielfach von der Kirche und vor allem von ihrer Leitung gefordert.
Wo es dann freilich ernst wird damit, will man die Realität der sündigen
Kirche so oft nicht mehr gerne wahrhaben. Im Grunde des Herzens möchten
eben doch so viele Menschen eine österliche und deshalb perfekte Kirche.
Insofern ist es gerade dieses österlich-triumphalistische Kirchenbild,
das auf der anderen Seite ein äusserst karfreitäglich-depressives
Kirchenverständnis provoziert; und dieses macht die zweite dominierende
Einstellung zur heutigen Kirche aus. In der Tat ist in der heutigen Kirche
eine schmerzliche Kirchenverdrossenheit oder gar Kirchentrauer weit verbreitet.
Diese äussert sich heute allerdings nicht mehr in der aggressiv-kämpferischen
Parole der sechziger Jahre, die damals hiess: «Jesus ja Kirche
nein»; sie artikuliert sich vielmehr in der eher resigniert-enttäuschten
Parole «Jesus ja Kirche na ja». Viele Menschen und selbst
Katholiken bekunden in der Tat Mühe mit der Kirche und stehen in Gefahr
zu resignieren.
Wie unterschiedlich diese skizzierten Einstellungen zur heutigen Kirche
auch sein mögen, so haben doch beide die österliche wie
die karfreitägliche Einstellung eines gemeinsam: Sie leiden daran,
dass die Kirche eine menschliche und deshalb oft genug auch allzu menschliche
Kirche ist, die aus Menschen besteht, die von Menschen geleitet wird und
in der es deshalb Menschliches und oft genug auch allzu Menschliches gibt.
Sie vermögen deshalb die fundamentale Spannung zwischen Grösse
und Grenze der Kirche nicht mehr auszuhalten: Während die erste Einstellung
der Gefahr erliegt, nur noch die einmalige Grösse der Kirche zu sehen
und sie beinahe vergöttlichend zu überhöhen, ist die zweite
Einstellung der Versuchung ausgesetzt, aufgrund von Enttäuschungen
nur noch die Grenze der Kirche wahrzunehmen und sie zu einer Gemeinschaft
nach Analogie anderer weltlicher Gemeinschaften zu erniedrigen.
Sollen demgegenüber sowohl die Grösse als auch die Grenze der
Kirche wahrgenommen werden, bleibt nur der gewiss schmale, aber verheissungsvolle
Weg zwischen österlicher Kirchenglorie und karfreitäglicher
Kirchendepression. In dieser gläubigen Gratwanderung erschliesst sich
aber eine präzise Ortsbestimmung der gegenwärtigen Kirche zwischen
Karfreitag und Ostern, und dies heisst: am Karsamstag. In der Tat erleben
wir gegenwärtig in unserer Kirche eine elementare Karsamstagsstunde.
Deren spezifisches Gesicht liegt dabei darin, dass man die Karfreitagserfahrungen
nicht schönfärberisch wegschminken, aber auch den Blick auf österliche
Neuaufbrüche in der heutigen Kirche nicht verlieren darf. Sie verhilft
vielmehr dazu, im Durchschreiten von Karfreitagserfahrungen und in der österlichen
Hoffnung auf neues Leben in der gegenwärtigen Kirche den «Karsamstag
als die vielleicht bezeichnendste Kirchenstunde hierzulande wahrzunehmen»<11>.
Dieser Karsamstagsstunde in der gegenwärtigen Kirche können
wir nur gerecht werden, wenn wir den Mut aufbringen, uns jenen Herausforderungen
zu stellen, die der deutsche Katholik Alfred Delp bereits im Jahre 1941
als bohrende Fragen formuliert hat: «Kirche wird immer sein. Aber
wird Kirche immer bei uns sein? Wenn wir fragen: Lebt oder stirbt die Kirche?,
dann meint das unsere Kirchenstunde. Da helfen uns keine Erwägungen.
Da hilft nur die ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was ist, und der innere
Versuch, damit fertig zu werden.»<12>
In diesen von gläubiger Offenheit zeugenden Worten ist treffend ausgedrückt,
vor welchen Herausforderungen wir heute stehen. Selbstverständlich
hat Alfred Delp als gläubiger Christ nie daran gezweifelt, dass die
Kirche als ganze nicht scheitern und in der Welt nicht verloren gehen kann.
Er war aber zugleich davon überzeugt, dass die Kirche in ihrer jeweiligen
Gestalt eine elementar geschichtliche Wirklichkeit ist und deshalb nicht
nur Phasen schöner Vitalität und kranker Lebensschwäche durchmacht,
sondern dass auch realistisch davon auszugehen ist, dass in der konkreten
Kirche immer wieder vieles sterben muss, um neuen Lebensgestalten Platz
zu machen.
Auch wenn dieser Sterbeprozess schmerzlich empfunden wird, gilt es doch,
sich ihm zu stellen, zumal wir diesen Prozess hierzulande gegenwärtig
in einer besonders intensiven Weise erleben müssen, wie beispielsweise
die hohe Zahl von Kirchenaustritten zeigt, die einem Votum gegen die Kirche
mit den Füssen gleichkommt. Dabei handelt es sich freilich um eine
Erscheinung, die für die gegenwärtige kirchliche Situation überhaupt
charakteristisch ist und die dazu veranlasst, nach den tieferen Ursachen
zu fragen. Mit dem Frankfurter Jesuiten-Theologen Medard Kehl ist davon
auszugehen, dass die augenblickliche Lebens- und Überlebensfrage der
Kirche im engsten Zusammenhang mit unserer gesamten «modernen»
bzw. «postmodernen» Kultur und ihrer Lebens- und Überlebensfrage»
steht: «Die grossen Kirchen sind massiv in die gegenwärtigen
Krisenphänomene unserer neuzeitlichen Kultur hineinverstrickt und teilen
darum auf ihre Weise die Problematik dieser Kultur.»<13>
In dieser schwierigen Situation müssen wir die Erfahrung Israels und
der alten Kirche machen und neu buchstabieren lernen, dass wir als Volk
Gottes in der Welt «Fremdlinge» sind. Diese Erfahrung, die uns
heute kulturell zugemutet wird, gilt es in erster Linie zu bewältigen.
Dies setzt die Wiederverlebendigung jener gläubigen Wüstenspiritualität
voraus, die für die biblische Botschaft grundlegend ist und die auch
in der heutigen Situation der Kirche nichts an Aktualität eingebüsst
hat.
Diese Wegweisung legt sich jedenfalls dann nahe, wenn man die Situation
von Religion und Kirche in der gegenwärtigen Gesellschaft genauer betrachtet.
Im allgemeinen Bewusstsein pflegt man diese Situation mit dem Stichwort
der «Säkularisierung» zu bezeichnen. Geht man dieser Diagnose
aber auf den Grund, ist die heutige Situation vielmehr als Säkularisierung
einer viel früheren Säkularisierung zu verstehen. Denn der Ursprung
der heutigen Säkularisierung muss in jener vorherigen Säkularisierung
des Reiches Gottes zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit gesehen werden,
die im Konstantinischen Zeitalter angesetzt und zur Vergesellschaftung des
Christentums, insbesondere des Glaubensbekenntnisses und der Taufe, in dem
Sinne geführt hat, dass die Christianisierung des römischen Imperiums
unweigerlich auch eine Imperialisierung des Christentums nach sich gezogen
hat.<14>
Dieses konstantinische Bündnis zwischen dem christlichen Glauben und
dem weltlichen Imperium zeigt Nachwirkungen bis heute. Es wird aber immer
mehr aufgelöst, so dass der heutige Säkularisierungsschub als
Säkularisierung dieser ersten Säkularisierung und folglich als
Endphase des Prozesses der Entimperialisierung des Christentums und der
Kirche eingeschätzt werden muss. Damit aber wird immer offensichtlicher,
dass die mit dem jahrhundertealten Bündnis gegebene Selbstverständlichkeit
des Hineinwachsens von Menschen in die Kirche aufgrund ebenso selbstverständlicher
Sozialisationsprozesse des Glaubens immer wirkungsloser wird. Denn das Strukturganze,
das der (nach-)konstantinischen Sozialisationspraxis zugrundeliegt, bricht
immer mehr, und zwar unhintergehbar, auseinander, und die gesellschaftlichen
Stützen der Volkskirche, die bisher das Christwerden und Kirchesein
getragen haben, verschwinden stets unaufhaltsamer. Darin liegt der äusserst
labil und fragil gewordene Status der volkskirchlichen Situation hierzulande
begründet.
Auf der anderen Seite ist aber noch nicht wirklich deutlich geworden, was in der Zukunft an ihre Stelle treten wird und kann. Es scheint vielmehr, dass wir irgendwie an einem toten Punkt angelangt sind und nicht genau wissen, wie es weitergehen kann. Es ist zwar unübersehbar geworden, dass wir an der Schwelle einer epochal neuen Kirchengestalt stehen. Mehr als Umrisse freilich sind noch nicht sichtbar, was aber für die gegenwärtige Phase notwendiger Trauerarbeit im Blick auf vergehende Formen des kirchlichen Lebens nicht erstaunen kann. Hier dürfte es denn auch begründet liegen, dass sich die gegenwärtige Kirche weithin in einem «glaubensgeschichtlichen Vakuum» bewegt<15>; und hier dürfte auch der tiefste Grund jener pastoralen Ratlosigkeit liegen, die heute weit verbreitet ist und nicht selten dazu neigt, nach Sündenböcken zu suchen, als welche sich Bischöfe offensichtlich besonders gut eignen. Dennoch sind bereits einzelne Facetten einer epochal neuen Kirchengestalt am Horizont sichtbar, die wahrzunehmen wir herausgefordert sind.
Wir finden uns erstens kirchlich erneut in einer Diaspora-Situation vor,
die unfehlbar daran zu erkennen ist, dass der christliche Glaube heute nicht
mehr einfach traditionell oder gar automatisch übernommen wird. Dies
hängt vor allem damit zusammen, dass die geschichtlich gewachsenen
Vermittlungswege des Glaubens zunehmend schwächer werden oder ganz
ausfallen. Dementsprechend stehen die herkömmlicherweise vorzüglichen
Lernorte des Glaubens Familie, Schule und selbst die Katechese und
der Religionsunterricht im Blick auf die Weitergabe des Glaubens weithin
im Zeichen einer unübersehbaren Erfolgslosigkeit. Wenn aber die traditionellen
Wege der Glaubensvermittlung immer prekärer werden, droht auch der
christliche Glaube in der heutigen Gesellschaft in zunehmendem Masse zu
verdunsten und, um das treffende Bild des Rottenburger Bischofs Walter Kasper
aufzugreifen, «wegzuschmelzen wie der letzte Schnee vor der erstarkenden
Frühjahrssonne»<16>.
Wie der Glaube an die kommende Generation weitergegeben werden kann, ist
jedenfalls zur Schicksalsfrage für die heutige Kirche geworden. Diese
Herausforderung mit den Augen des Glaubens anzunehmen und ihr jene Priorität
zu geben, die sie verdient, darin muss man den Anruf des Heiligen Geistes
in der gegenwärtig keineswegs leichten Situation der Kirche erblicken.
Dieser Herausforderung wird man nur mit der Erkundung von neuen katechumenalen
Hinführungswegen zum Christwerden und zum Leben mit den Sakramenten
gerecht werden können. Denn auch das Christwerden und Kirchesein muss
neu gelernt werden, zumal in einer Gesellschaft wie der heutigen, in der
auch die erwachsenen Menschen alles angefangen vom Autofahren bis
zum Altwerden lernen müssen. In dieser Situation kann man nicht
mehr von der stillschweigenden Voraussetzung ausgehen, dass die Menschen
heute das Christsein selbstverständlich können. Es ist vielmehr
Not-wendig, es neu zu lernen. Und dazu braucht es viel pastorale Phantasie.
Wenn die gesellschaftlichen Stützen des Christwerdens und Kircheseins
immer schwächer werden, wird das Christsein der Zukunft zweitens noch
vermehrt mit einer persönlichen Gottesbeziehung der einzelnen Christen
und Christinnen stehen oder fallen. Dementsprechend wird das entscheidende
Kriterium aller Pastoral darin bestehen, ob sie hilft, eine solche persönliche
Gottesbeziehung zu ermöglichen und zu vertiefen. Denn hier liegt der
eigentliche Hebel zur Erneuerung der Kirche. Eine wahre Kirchenreform kann
es jedenfalls ohne tiefe Einwurzelung aller Glieder der Kirche im Gottesgeheimnis
und ohne eine dementsprechende Spiritualität, die die Kirche mystischer
werden lässt, nicht geben. Deshalb wird im Mittelpunkt aller Reformbemühungen
zuerst und zuletzt weder eine «Kirche von oben» noch eine «Kirche
von unten» stehen, sondern eine «Kirche von innen», und
zwar oben wie unten! Denn wirklich erneuert wird die Kirche weder von oben
noch von unten, sondern allein von innen, und zwar oben wie unten!
Dies gilt zumal in der heutigen Situation, in der die Gottesfrage wieder
deutlich an unserer Türe klopft<17>,
und zwar mit einem unmissverständlichen Ernst, insofern jener radikalen
Gotteskrise, von der unsere Gesellschaft befallen ist, eine ebenso gefährliche
Menschenkrise auf dem Fuss folgt. Wenn nämlich gemäss der Überzeugung
des christlichen Glaubens der Mensch das Ebenbild Gottes ist, das Gott hütet
wie seinen eigenen Augapfel, dann nagt das Verdunsten des Gottesbewusstseins
in der heutigen gesellschaftlichen Öffentlichkeit in einer gefährlichen
Weise auch an der Würde des menschlichen Lebens. Die Symptome dieser
Gefahr sind mit Händen zu greifen. Da die Menschenrechte historisch
wirksam geworden sind auf dem Boden der christlichen Glaubensüberzeugung
vom Menschen als dem unantastbaren Ebenbild Gottes, stellt sich die besorgte
Frage, ob und wie sie weiterhin wirksam bleiben können, wenn sie von
diesem christlichen Boden losgelöst werden. Die in Amerika heute wieder
neu diskutierte Frage, ob die Menschenrechte wirklich universal sind, und
die in den europäischen Gesellschaften entfachte Euthanasiedebatte
belegen den tödlichen Ernst dieser Frage. Wenn wir dieser Herausforderung
gerecht werden wollen, dann muss sich das kirchliche Leben und pastorale
Handeln heute mit einer neuen Leidenschaft der Gottesfrage stellen und ihr
die erste Priorität in den alltäglichen Traktanden einräumen.
Statt diesen Appell ernsthaft aufzunehmen, wird er freilich in der katholischen
Kirche heute sehr oft und vorschnell als Ablenkmanöver von notwendigen
Kirchenstrukturfragen beargwöhnt und diskriminiert. Von daher ist es
ratsam, auf die Stimme eines evangelischen Mitchristen, des Bischofs von
Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, zu hören, der die entscheidende
Herausforderung an die Kirchen in der heutigen säkularisierten Gesellschaft
an der gleichen Stelle ortet. In seiner sensiblen Situationsvergewisserung
über die evangelische Kirche in der heutigen Zeit «Kirche
in der Zeitenwende» erblickt er das elementare Problem darin,
dass die Kirchen in Westeuropa in der Versuchung stehen, auf die gesellschaftliche
Säkularisierung mit einem Prozess der Selbstsäkularisierung zu
antworten, genauerhin mit einer durchgehenden «Ethisierung der Religion»:
«Sie haben den Säkularisierungsprozess in einem Prozess der Selbstsäkularisierung
aufgenommen. Die moralischen Forderungen der Religion wurden zum dominierenden
Thema; die transmoralischen Gehalte der Religion, die Begegnung mit dem
Heiligen, die Erfahrung der Transzendenz traten in den Hintergrund.»<18> Demgegenüber sieht Bischof Huber
die wichtigste Herausforderung der heutigen Zeit an die Kirche darin, «den
alle Moral überschreitenden Gehalt des christlichen Glaubens in seiner
Bedeutung für die Orientierungsprobleme der Gegenwart zu verdeutlichen»<19>. Von daher fordert er die Kirche auf,
ihre spezifische religiöse Kompetenz entschieden zur Geltung zu bringen,
weil es für die Kirche «vorrangig ist, ihre eigene Botschaft
ernst zu nehmen»: «Strukturelle Reformen müssen sich nämlich
aus einer erneuerten Auftragsgewissheit ergeben; verselbständigte Strukturdebatten
dagegen laufen ins Leere.»<20>
Die spezifisch religiöse Kompetenz der Kirchen, die sie heute zur Geltung
zu bringen haben, liegt genauerhin in den drei Themen von Gotteserkenntnis,
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dies sind die drei entscheidenden Stichworte,
mit denen die Kirche auf die Herausforderungen der heutigen Gesellschaft
antworten muss. Denn in diesen drei Themen liegen die elementaren Lebenskräfte
und Lebenssäfte einer zukunftsfähigen Gesellschaft verborgen.
Für den christlichen Glauben muss es sich dabei aber wiederum von selbst
verstehen, dass bei dieser Trias der Gotteserkenntnis der eindeutige Primat
zukommt. Denn nur wenn die Kirche die Kostbarkeit jener Wahrheit im Blick
hat, die ihr anvertraut ist, kann sie sich gelassen und entschieden zugleich
den gesellschaftlichen Herausforderungen von heute stellen.
Diese unmissverständliche Orientierung an der Wahrheit des Glaubens
steht freilich in der heutigen kirchlichen Landschaft etwas quer. Denn die
alarmierenden Krisenerscheinungen wie die abnehmende Zahl von Gottesdienstbesuchern
und die zunehmende Zahl von Kirchenaustritten veranlassen viele in der Pastoral
Engagierte, nach ihren Ursachen zu suchen. Dabei wird heute immer stärker
die Feststellung getroffen, die Kirche lebe an den Menschen vorbei. Und
als Therapie wird vorgeschlagen, die Kirche müsse sich mehr an den
Bedürfnissen der Menschen ausrichten, sie müsse sich marktgerechter
verhalten und sie müsse ihre Angebote kundenfreundlicher gestalten.
Dazu pflegt man gerne Anleihen bei weltlichen Betrieben zu machen, um von
der hier entwickelten Betriebsorganisation und dem dabei im Vordergrund
stehenden Management zu profitieren und Konsequenzen für die Kirche
zu ziehen.
Zweifellos stehen hinter diesen pastoralen Bestrebungen berechtigte Anliegen.
Sie müssen aber mit der letztlich alles entscheidenden Frage konfrontiert
werden, warum denn das Leben Jesu unvermeidlich auf seinen Kreuzestod hingeführt
hat. Hätte Jesus allein kundenfreundlich gedacht und bedürfnisorientiert
gewirkt, dann hätte am Ende seines Lebens möglicherweise ein theologisches
Ehrendoktorat gestanden, sicher aber nicht der gewaltsame Verbrechertod
am Kreuz. Wenn Jesus nur nach den Bedürfnissen und Erwartungen der
ihm begegnenden Menschen gehandelt hätte, warum nur hat man einen solchen
Menschen ans Kreuz geschlagen?
Mit Recht hat Leonardo Boff einmal im Blick auf das Kreuz Jesu die lapidare
Feststellung getroffen: «Kein Prophet von gestern und heute starb
eines natürlichen Todes.»<21>
Es ist das Kreuz, das auch unsere heute beliebten Vorstellungen von einem
«Jesus Christ light» immer wieder durch-kreuzt. Denn Jesus ist
ans Kreuz gekommen, weil er sich nicht einfach nach den Bedürfnissen
und Plausibilitäten der ihm begegnenden Menschen gerichtet hat, sondern
weil er im Dienst einer Botschaft gestanden ist, die er gelegen oder ungelegen
und keineswegs bloss gelegentlich ausgerichtet hat. Sein Leben war in erster
Linie Botschaft-orientiert. Kundenfreundlich war durchaus die Art und Weise,
in der Jesus seine Botschaft an den Mann und an die Frau zu bringen versuchte,
vor allem in der Sprache seiner anschaulichen Gleichnisse.
In der Nachfolge Jesu muss auch für die Kirche heute das erste Kriterium
ihres Handelns in der Orientierung an der Wahrheit des Evangeliums liegen.
Wenn diese feststeht, sind kundenfreundliche Überlegungen, Planungen
und Entscheidungen nicht nur angebracht, sondern auch geboten. Denn das
Evangelium geht alle Menschen an und ist öffentlich. Deshalb muss es
auch auf dem heutigen Marktplatz verkündet werden, wie schon Paulus
es getan hat. Auf dem heutigen Markt kann es aber nur fruchtbar werden,
wenn es gerade nicht den harten Gesetzen des Marktes unterworfen wird, sondern
wenn es diese auch in Frage stellt. Denn das Christentum ist sehr viel mehr
als eine Bedürfnisbefriedigungsreligion; und die Kirche ist sehr viel
mehr als eine religiöse Bedürfnisbefriedigungsanstalt. Die Kirche
befriedigt deshalb, wie der Mailänder Kardinal Carlo M. Martini mit
Recht einschärft, nicht einfach Bedürfnisse und Erwartungen, sondern
«sie feiert Geheimnisse», und zwar vor allem das öffentliche
Geheimnis der Wahrheit des Evangeliums<22>.
Was wir folglich heute und für die Zukunft in der Kirche nötig
haben, ist eine Neu-Orientierung an der Wahrheit des Evangeliums, und zwar
in der Überzeugung, dass die wirkliche Kundenfreundlichkeit in der
Orientierung an der unbestechlichen und oft genug unbequemen Wahrheit des
Evangeliums liegt.
Die Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Missionsrates (SKM)
hat zum Advent 1999 an der Schwelle zum neuen Jahrtausend einen Brief an
die Mitglieder des Missionsrates und alle mit ihm Verbundenen verfasst.
Nachstehend dokumentieren wir dieses Wort der Ermutigung:
An der Schwelle zum neuen Jahrtausend möchte ich Ihnen das Leitthema
mitgeben, das die Assemblée Diocésaine AD 2000 der Diözese
Lausanne-Genf-Freiburg prägt. Auch als SKM dürfen wir, gerade
aus der Erfahrung der gemeinsamen Wegstrecke heraus, Hoffnung wagen. Sie
gründet wie beim Volk Israel, das sich an Gottes grosse Taten erinnerte,
auf Begebenheiten, die wir miteinander teilen und uns dadurch gegenseitig
stärken konnten. So berichtete uns an der vergangenen Herbstversammlung
P. Toni Jurt WV, wie er inmitten schlimmster Kriegswirren und eigener Entführung
im Kongo/Zaïre den Mut treuer Christen erleben und die Nähe Gottes
spüren durfte. Auch aus andern Ländern Afrikas, Lateinamerikas,
Asiens kommen solche Zeugnisse und ermutigen uns, von hier aus das uns Mögliche
zu tun, damit die Welt etwas Reich-Gottes-ähnlicher werde und das Evangelium
wirklich als Gute Nachricht erfahren werden kann. Besonders gefreut hat
uns, dass P. Jurt auch in der Kirche Schweiz Hoffnungszeichen entdeckt hat:
Grosses Engagement vieler Laien in missionarischen, sozialen, pastoralen
Aufgaben; gute Zusammenarbeit zwischen Laien und Priestern, Aufmerksamkeit
für Behinderte und Betagte, ein interessantes Urlaubertreffen, angeboten
von der Missionskonferenz der deutschen Schweiz. Wir erinnern uns aber auch
mit Freude, wie gut die Fastenkampagne «SolidariTaT» und der
Oktobermonat von Missio mit dem haitianischen Ausdruck «Chèché
lavi» angekommen sind, wie viel missionarische Dynamik in der italienischen
Schweiz zu spüren ist und wie in der Suisse Romande neue Wege missionarischer
Verkündigung ausprobiert werden.
Ich wünsche uns allen, dass wir uns nicht entmutigen lassen, wenn die
Kräfte des Todes das Leben zu überwältigen scheinen, und
dass wir gemeinsam, beharrlich in Lateinamerika heisst dies «con
terquedad»! dem Leben, das Gott für alle Menschen will,
den Weg bereiten.
1 Öffentliche Vorlesung an der Theologischen Hochschule Chur am 25. Mai 1999.
2 K. Koch, Kirche: Wohin gehst du? Ein hoffnungsvoller Zwischenruf (Freiburg/Schweiz 1995).
3 J. B. Metz, Der unpassende Gott, in: «Wir sind Kirche». Das Kirchenvolks-Begehren in der Diskussion (Freiburg i.Br. 1995) 200203.
4 J. B. Metz, Gotteskrise. Versuch zur «geistigen Situation der Zeit», in: Diagnosen zur Zeit (Düsseldorf 1994) 7692, zit. 77.
5 W. Kasper, Kirche Glaubensgeheimnis und Institution, in: P. Reifenberg u.a. (Hrsg.), Licht aus dem Ursprung. Kirchliche Gemeinschaft auf dem Weg ins 3. Jahrtausend (Würzburg 1998) 273292, zit. 273274.
6 J. Kardinal Ratzinger, Christus und Kirche. Aktuelle Probleme der Theologie Konsequenzen für die Katechese, in: Ders., Ein neues Lied für den Herrn. Christusglaube und Liturgie in der Gegenwart (Freiburg i.Br. 1995) 4755, zit. 50.
7 Ebd. 47.
8 J. Kardinal Ratzinger, Zur Gemeinschaft gerufen. Kirche heute verstehen (Freiburg i.Br. 1991) 70.
9 Vgl. dazu H. U. von Balthasar, Casta Meretrix, in: Ders., Sponsa Verbi, (Skizzen zur Theologie II), (Einsiedeln 1961) 203305.
10 E.-M. Faber, Kirche Gottes Weg und die Träume der Menschen (Würzburg 1994) 13.
11 G. Fuchs, Neue Gnosis alte Kirche. Eiserne Ration für den geistlichen Aufbruch, in: A. Biesinger/P. Braun (Hrsg.), Jugend verändert Kirche. Wege aus der Resignation (München 1989) 4579, zit. 67.
12 A. Delp, Gesammelte Schriften III (Frankfurt a.M. 1983) 234235.
13 M. Kehl, Kirche in der Fremde. Zum Umgang mit der gegenwärtigen Situation der Kirche, in: G. Koch/J. Pretscher (Hrsg.), Wozu Kirche? Wozu Gemeinde? Kirchenvisionen (Würzburg 1994) 4062, zit. 4142. Vgl. auch Ders., Wohin geht die Kirche? Eine Zeitdiagnose (Freiburg i.Br. 1996).
14 Vgl. dazu die eingehenden Analysen bei H. Mühlen, Kirche wächst von innen. Weg zu einer glaubensgeschichtlich neuen Gestalt der Kirche. Neubestimmung des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft (Paderborn 1996), bes. 39160: Kritische soziologisch-theologische Grundlegung.
15 Ebd. 136.
16 W. Kasper, Die Weitergabe des Glaubens. Schwierigkeit und Notwendigkeit einer zeitgemässen Glaubensvermittlung, in: Ders., Theologie und Kirche (Mainz 1987) 117134, zit. 117.
17 Vgl. Kardinal Franz König, Die Gottesfrage klopft wieder an unserer Tür. Vorwort zu: C. M. Martini/U. Eco, Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Wien 1998) 11.
18 W. Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche (Gütersloh 1998) 31.
19 Ebd. 910.
20 Ebd. 39.
21 L. Boff, Die befreiende Botschaft. Das Evangelium von Ostern (Freiburg i.Br. 1987) 44.
22 C. M. Martini/U. Eco, Woran glaubt, wer nicht glaubt? (Wien 1998) 64.
Blickpunkt Bethlehem heisst der Titel über dem im Herbst und auf Weihnachten 1999 verbreiteten Prospekt der Kinderhilfe Bethlehem (KHB). Bethlehem bleibt ohne Zweifel im Jahr 2000 allgemeiner Blickpunkt. Speziell gehört dazu das Kinderspital, das Caritas Baby Hospital (CBH).
Die notwendige Renovation des Spitals wurde praktisch zum Neubau. Nach
unerwartet langer Bauzeit läuft der Spitalbetrieb wieder in vollem
Umfang. Es fehlen noch einige Umgebungsarbeiten; sie dürften bis Ostern
2000 vollendet sein.
Die sehr lange Bauzeit hat ihre Ursachen. Beim Bau vor 20 Jahren musste
überall gespart werden. Das hat sich jetzt «ausbezahlt».
Dazu kamen im Verlaufe der Arbeiten stets neue Wünsche des «oberen»
Personals, die die Arbeit verzögerten; viele Wünsche brachten
betriebstechnische Verbesserungen. Mitgespielt hat die unruhige politische
Lage, die manchen kürzeren oder längeren Baustopp brachte.
Aber jetzt, nach «getaner Arbeit», sind alle zufrieden. Die
Um- oder Neubauten bringen spürbare Verbesserungen für die Babys
und Kinder. Die Aufnahmestation, der Emergency-Room, bisher gar bescheiden,
hat genügend grosse Räume mit allen notwendigen Apparaturen, um
die Patienten menschenwürdig aufnehmen und ihnen von Anfang an die
richtige Behandlung geben zu können. Die Frühgeburtenabteilung
ist jetzt ein eigener Sektor. Die Überwachung und Betreuung der Babys
ist besser möglich, und Ärzte und Nurses stehen sich gegenseitig
nicht mehr auf den Füssen. Entsprechend haben die bisherigen Abteilungen
auch mehr Luft, und die kleinen Patienten können noch sorgfältiger
gepflegt werden. Dieser grössere Raum ermöglicht es auch, die
Mütter bei der Pflege der Kleinen besser zu integrieren, was für
den Gesundungsprozess hilfreich ist.
Eine positive Feststellung konnte der ärztliche Berater bei seinem
letzten Besuch machen: Die Kinder werden zwar nach wie vor oft in einem
kläglichen Zustand ins Spital gebracht; aber anderseits warten die
Eltern doch nicht mehr zu lange, bis sie zum CBH kommen. Man hat Vertrauen
zum CBH. Zudem sind viele Frauen und Mütter, die sich einmal im Spital
ausbildeten, im Stande, zu Hause selber mehr Pflege anzubieten; man rennt
nicht wegen jeder Kleinigkeit zur Ambulanz.
Die Weiterbildung für das Personal wurde während der Zeit des
Umbaus sehr gefördert. Es war während drei Jahren nur die Hälfte
des Spitals in Betrieb. Um möglichst niemanden entlassen zu müssen,
wurde ein Weiterbildungskonzept erarbeitet und angeboten. Es gab zum Beispiel
Kurse an der Bethlehem University. Die Angebote wurden rege benützt.
Somit wurde nicht nur das Gebäude modernisiert, sondern auch der medizinische
und pflegerische Standard des Spitalbetriebes ist mit den neuen Erkenntnissen
und Möglichkeiten in diesem Bereich gewachsen.
Der Umbau erstreckte sich auf noch viele andere Sektoren: die neue Milchküche
für die Babys, die Spitalküche, ein freundlicher Speiseraum für
das Personal, ein neues Konzept im Hauswirtschaftsbereich, eine neue Wasseranlage
usw.
Die Out Patient Clinic war durch den Umbau nicht betroffen. Da herrscht
nach wie vor an gewissen Tagen Grossandrang. «Schwere Fälle»
kommen dann gleich ins Spital. Zudem steht am Dienstag in der Klinik ein
Arzt aus Bethlehem für betagte Personen zur Beratung und ambulanten
Behandlung zur Verfügung.
Ebenfalls nicht betroffen war die Pflegerinnenschule. Hier machen die neuen
Verfügungen der palästinensischen Autoritäten etwas Mühe.
Es scheint sich eine gute Lösung anzubahnen, das CBH wird weiterhin
ihre Pflegerinnenschule haben neben der Mütterschulung, für
die beim Umbau auch mehr Raum geschaffen wurde.
Der christlich-kirchliche Charakter des CBH ist in der Bethlehemer Region bekannt, und das ist keine Nebensache. Unabhängig von Konfession werden alle Babys und Kinder aufgenommen, wobei israelische Familien begreiflicherweise ihre eigenen Spitäler bevorzugen. Im CBH sollen alle nach christlichem Ethos menschenwürdige Hilfe erhalten. Das Personal weiss sich darauf verpflichtet. In der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung von Bethlehem und Westbank lebt hier ein glaubwürdiges Zeichen der christlichen Botschaft. Viel beigetragen zu diesem guten christlichen Ruf haben die Schwestern von Padua, die Suore Francescane Elisabettine, die sowohl im pflegerischen Sektor arbeiten wie auch die Kapelle als Ort des Gebetes für das Personal, die Umgebung und die vielen Gruppen, die das Spital besichtigen, betreuen. Die Schwestern werden hier bewusst erwähnt. Denn im Frühling 2000 sind es 25 Jahre, dass die Schwestern von Padua ihre Arbeit aufgenommen haben, damals noch im alten Gebäude. Ein Werk wie das CBH braucht für die christliche Konstanz eine religiöse Gemeinschaft. Darum hier der spezielle Dank an die Schwestern im Spital und in Padua.
Die politische Unsicherheit und die Angst vor möglichen politischen
Entwicklungen, die immer wieder neuen Überraschungen an der «Grenze»
zwischen Jerusalem und Bethlehem machen das Leben für die Einheimischen
im Bethlehem 2000 wenig froh. Auch beim Personal im CBH spürt man eine
grosse Verunsicherung. Die Erwartungen in die neue Regierung unter Barak
sind klein geworden. Realistisch gesehen sind sowohl die israelischen wie
die palästinensischen Behörden in einer ausweglosen Zwickmühle,
insbesondere wegen der inneren Zerstrittenheit. Beide machen kleine Zugeständnisse
auf Nebengeleisen; ausgeklammert werden die Hauptprobleme: Status von Jerusalem,
die Siedlungen usw. Darum bewegt sich nichts oder nur ganz weniges.
So wurde in den Medien gross verbreitet eine Strassenverbindung
zwischen Gaza-Distrikt und Hebron/Bethlehem für die Palästinenser
eröffnet; die Benützung der Strasse unterliegt harten Kontrollen,
viele empfinden diese als demütigend. Anderseits wird gleichzeitig
der Grenzposten zwischen Bethlehem und Jerusalem zu einer «Festung»
ausgebaut; davon hört man wenig in den Medien. Das CBH ist unmittelbar
von der neuen Regelung betroffen; denn es liegt an der «Grenze».
Zudem soll es zwei Verbindungsstrassen zwischen Jerusalem und Bethlehem
geben: Die bisherige Strasse für Touristen, Pilger und Juden, die zum
Rachels Tomb gehen wollen; die Strasse wird momentan ausgebaut. Daneben
die «Zweit-Klass-Strasse» für Palästinenser mit blauen
Autonummern direkt am Spital vorbei zum nördlich davon gelegenen grossen
Parkplatz, wo die «Blauen» parkieren und von wo aus sie zu Fuss
über die «Grenze» gehen müssen, wo israelische Busse
und Autos warten, sofern die Grenze nicht geschlossen ist. Unter all dem
leiden die «Einfachen», die hüben und drüben Frieden
möchten. Wie kann es da überraschen, wenn wieder Steine fliegen,
Bomben platzen und es dann natürlich Reaktionen der Vergeltung
auf beiden Seiten gibt.
Stadt und Region Bethlehem sind zwar ruhiger geworden. Auch am Abend ist
etwas Leben auf den unbeleuchteten Strassen. Aber irgendwie ist Bethlehem
für die Einheimischen von der Welt abgeriegelt. Darum geht es auch
wirtschaftlich immer schlechter. Das merken auch die christlichen Privatschulen:
die Eltern können die Schulgelder nicht mehr bezahlen. So steht die
Sozialarbeit der KHB vor neuen Herausforderungen. Man will ja nicht das
«Giesskannen-Prinzip». Ein neues Konzept wird wichtig. Die Koordination
mit vertrauenswürdigen einheimischen Aktivitäten wird angestrebt,
ist teilweise schon im Gang. Das geht bis zur Mithilfe bei einer Schule
und Klinik in einem Beduinendorf mitten in der Wüste, eine Station
mit denkbar einfachsten Mitteln. Das Dorf wurde vor gut 10 Jahren wegen
unerlaubtem Häuserbau mit Bulldozern zerstört. Die Beduinen liessen
sich nicht vertreiben, sie leben in den Trümmern ihrer ehemaligen Häuser
oder in Zelten seit Jahren. Erstaunlich, wie die Buben und Mädchen,
zusammengepfercht in engen «Schulzimmern», fröhlich sind
und laut und mit Begeisterung ihre Nationalhymne singen.
Im Jahr 2000 werden in Bethlehem Gäste in grossen Scharen erwartet.
Grosse Feste sind geplant. Aber momentan herrscht ein absolutes Verkehrschaos,
das in wenigen Monaten sicher nicht behoben ist. Wie soll man die Gäste
empfangen? Der Platz vor der Geburtskirche ist prächtig neu gestaltet
und lädt zum Verweilen ein. Aber es führen keine Strassen zum
Platz, nur Baustellen ohne Zahl. Neue Hotels werden gebaut, sind teilweise
fertig erstellt. Aber dann fehlt es wieder an Wasser. Und Hotels ohne Wasser
für Gäste! Bethlehem hätte genügend Grundwasser, aber
es wird von den Bewohnern der Siedlungen abgezapft. Selbst das CBH muss
seit einem Jahr das Wasser aus Jerusalem «holen». So ist das
Leben in Bethlehem.
Kommt der Papst? Kommt er nicht? Diese Frage wird immer wieder gestellt.
Die Erwartungen sind sehr zwiespältig, auch bei den Christen. Denn
kommt der Papst, dann wird der Besuch so oder anders politisch ausgeschlachtet,
kaum zur Freude der Christen. Wenn man nur «oben» Gehör
hätte!
Der Kinderhilfe Bethlehem geht die Arbeit mit dem Jahr 2000 sicher nicht
aus! Das sollen an Weihnachten 1999 möglichst viele hören und
wissen. Denn an Weihnachten wird durch das Opfer in (fast) allen Pfarreien
der Schweiz einer der Hauptpfeiler «genährt», womit auch
über das Jahr 2000 hinaus die KHB im Heiligen Land den Kindern von
Bethlehem und ihren Familien die Botschaft der Heiligen Nacht: «Frieden
auf Erden», ein klein wenig möglich macht. Es ist zugleich eine
Hilfe, die Glaubwürdigkeit der Botschaft aus Bethlehem weltweit zu
verkünden. Die KHB dankt allen herzlich, die wie in den vergangenen
Jahrzehnten weiterhin die notwendige materielle Hilfe geben und für
den Frieden im Heiligen Land beten.
Pfarrer Dr. Robert Füglister ist Präsident der Kinderhilfe Bethlehem (KHB).
Hinsichtlich des Jahres 2000 «fragt man sich, weshalb so viel Aufsehens
gemacht werde wegen einer Sache, die nicht tiefer fundiert ist, als dass
sich im Laufe von Jahrhunderten diese Berechnungsweise als die praktikabelste
herausgestellt hat». Mit diesen Erwägungen leitet Alfred Schindler,
der Historiker und ehemalige Dekan der Theologischen Fakultät der Universität
Zürich den Sammelband zum Jahr 2000 ein,<1>
der auf eine Ringvorlesung zurückgeht, die genau auf diese Frage Antworten
gegeben hatte. Gemeinsam mit dem Generalvikar für den Kanton Zürich,
Weihbischof Peter Henrici, ehemals Philosophieprofessor und Dekan der Philosophischen
Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana, wurde sie
so nicht nur eine interfakultäre, sondern auch eine interkonfessionelle
Veranstaltung. Der erste Teil des Bandes befasst sich philosophisch, theologisch
und religionswssenschaftlich mit der Zeitstruktur; eine kurze Einführung
in die Zeitrechnung, die wir heute für selbstverständlich halten,
bietet Alfred Schindler. Der zweite und umfangreichere Teil ist unter dem
Titel «Apokalyptik» historischen, philosophischen und theologischen
Aspekten nicht nur der Apokalyptik, sondern auch der Eschatologie gewidmet.
Apokalyptischen Vorstellungen in der Gegenwart ausserhalb der Kirchen und
Weltreligionen, namentlich in religiösen Sondergruppen, christlichen
Randgruppen und im Film, wo die Apokalyptik der Unterhaltung dient, war
eine Tagung in der Paulus-Akademie gewidmet, die von der Ökumenischen
Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz»
und der Informations- und Beratungsstelle «Infosekta» vorbereitet
worden war. Die Referate dieser Tagung wurden zum Teil in erheblich
erweiterter Form und um zusätzliche Beiträge ergänzt
ebenfalls veröffentlicht.<2>
1 Urban Fink und Alfred Schindler (Hrsg.), Zeitstruktur und Apokalyptik. Interdisziplinäre Betrachtungen zur Jahrtausendwende, NZN Buchverlag, Zürich 1999, 280 Seiten.
2 Weltanschauungen im Gespräch, Band 17: Vom Ende der Zeiten. Apokalyptische Visionen vor der Jahrtausendwende, Paulusverlag, Freiburg Schweiz 1999, 200 Seiten.