24/1999

INHALT

Theologie in Luzern

Fundamentaltheologie

von Edmund Arens

 

Wenn ich mich als Fundamentaltheologe vorstelle, begegnet mir bisweilen die Bemerkung: «Sie sind also Fundamentalist.» Das Missverständnis ist ebenso bezeichnend wie vielsagend. Was Fundamentaltheologie will und was ein Fundamentaltheologe tut (im deutschsprachigen Raum gibt es bislang keine habilitierten Fundamentaltheologinnen), ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Um «Fundamentales» geht es ja offensichtlich vehement auch den Fundamentalisten, die von Seiten der Fundamentaltheologie freilich als Gegenpol des eigenen Bemühens angesehen werden. Sie hat nämlich wenig mit einem intransingenten Buchstaben- und Autoritätsglauben im Sinn. Worauf sie aus ist, ist ein reflektierter, gesprächsfähiger, anderen verständlich zu machender und ihnen gegenüber zu verantwortender Glaube. Fundamentaltheologie zielt auf eine im Gespräch und in Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen kritisch durchdachte und geprüfte eigene Glaubensüberzeugung, -sprache und -praxis. Es geht ihr um einen Glauben, der sich im Dialog mit anderen Anschauungen bewährt und im Gespräch mit den Wissenschaften sowie mit der Philosophie zu rechtfertigen vermag. Als Leitwort der Fundamentaltheologie gilt nicht von ungefähr ein Satz aus dem ersten Petrusbrief, in dem die Christinnen und Christen aufgefordert werden: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.» (1 Petr 3,15) Rechenschaft über die Hoffnung, das ist Anliegen und Auftrag von Fundamentaltheologie. Wer es heutzutage unternimmt, Rechenschaft zu geben, muss wissen, wo er oder sie steht, wem gegenüber solche Rechenschaft abzulegen ist, wie dies geschieht, was sie beinhaltet und woraufhin sie zielt. Fundamentaltheologie, die im Anschluss an den ersten Petrusbrief etwas ist, womit alle Christinnen und Christen zu tun haben und was allen aufgetragen ist, stellt zuallererst solche elementaren Fragen: Wie lässt sich heute überhaupt von Gott reden? Wer treibt und was tut eigentlich Theologie? Was meint Glauben? Wie lassen sich die christlichen Überzeugungen und Handlungen verständlich und plausibel machen? Wozu sind Christentum, Kirche und Theologie im Kern da?

1. Gegenwärtige Fragestellungen

Gegenwärtig wichtige und kontrovers diskutierte Fragestellungen der Fundamentaltheologie betreffen zuallererst die Bestimmung des Ortes bzw. der Orte von Theologie: Was sind die hervorstechenden Kennzeichen unserer Zeit und welchen Platz können Glaube und Theologie darin einnehmen? Wo ist in erster Linie von Gott zu reden, und wen hat die christliche Gottesrede primär im Blick? Stichworte wie «differenzierte Gesellschaft», «spezialisierte Wissenschaft», «pluralisierte Kirche» und «individualisierte Religion» geben Hinweise auf aktuelle Kontexte des Glaubens und Theologietreiben. Was indes den ausschlaggebenden Kontext theologischer Arbeit bildet, wo die Theologie ihren vorrangigen Anknüpfungspunkt und ihre herausragende Gesprächspartnerin findet, ist innerhalb des Fachs umstritten. In der Fundamentaltheologie werden zurzeit vor allem Religion, Gesellschaft, Wissenschaft, Philosophie und Kirche als Kontexte diskutiert, innerhalb derer sich ein fundamentaltheologisches Unternehmen anzusiedeln und auszufächern hat.
Wenn Fundamentaltheologie zunächst einmal Reflexion auf den Kontext des eigenen Tuns ist, diese Kontexte aber deutlich verschieden bestimmt werden, ergibt sich ganz selbstverständlich eine Pluralität von fundamentaltheologischen Ansätzen, Positionen und Arbeitsfeldern. Zu den wichtigsten und meistdiskutierten gehören zum einen die politische Theologie von Johann Baptist Metz, welche den Glauben im Kontext der modernen Geschichte und Gesellschaft mitsamt ihren Errungenschaften und Katastrophen verortet, als praktisch-kritisch begreift und sich dezidiert als eine Theologie im Angesicht der Opfer der Geschichte versteht. Sie sieht Theologie primär als prophetisch-kritisches Korrektiv innerhalb von Gesellschaft und Kirche. Sie buchstabiert die heute nötige Gottesrede konkret als eine Theologie nach Auschwitz aus. Für diese Konzeption sind die Begriffe der Erinnerung, der Kritik und der Solidarität fundamental. Eine wissenschaftstheoretische Fundierung dieses Ansatzes einer praktischen politischen Fundamentaltheologie im Sinne einer theologischen Handlungstheorie hat Helmut Peukert im Gespräch und in Auseinandersetzung mit der wissenschaftstheoretischen Diskussion dieses Jahrhunderts unternommen.
Gegenüber einer praktisch-kritischen Position verorten hermeneutische Zugänge wie der David Tracys die Fundamentaltheologie in erster Linie im Horizont der menschlichen Erfahrung von sowie der Suche nach Sinn. Demnach soll die Theologie im Gespräch mit religiösen Traditionen die Sinnpotentiale von Religion eruieren und Verständnis für den unverzichtbaren Beitrag von Religion zum heutigen Selbstverständnis sowie zu einem gelingenden menschlichen Leben schaffen. «Religion» ist denn auch in den letzten Jahren ein dominantes Thema innerhalb der deutschsprachigen Fundamentaltheologie, in welcher der Ansatz und Anspruch der aus dem anglo-amerikanischen Raum stammenden pluralistischen Religionstheologie eingehend diskutiert wird. Zur Debatte steht dabei ihr Versuch, aus der Situation multireligiöser Gesellschaften und des interreligiösen Dialogs eine Theologie zu entwickeln, die andere Religionen anerkennt, ohne sie zu vereinnahmen und die den religiösen Pluralismus als theologisches Grunddatum begreift, aus dem eine allen Religionen gemeinsame Grundorientierung abzuleiten ist.
Ein dritter Reflexionsstrang, der die fundamentaltheologischen Gemüter zurzeit erregt, betrifft die Relevanz und Reichweite von Glaubensbegründung. Vor allem Hansjürgen Verweyen will die Möglichkeit des Subjekts aufzeigen, sich philosophisch seiner selbst zu vergewissern und eine unumstössliche Basis letzter Gewissheit über ein Unbedingtes bzw. Absolutes zu gewinnen, das für das Denken gegeben ist und worüber eine vernünftig einsehbare Begründung für den Glauben zu erreichen ist. Ob mit den Mitteln der Vernunft in strikt philosophischer Geltungsreflexion die Möglichkeit eines letztgültigen Sinns aufgezeigt und auf diesem Weg Glaube und Theologie erstphilosophisch stringent begründet werden können, oder ob solche Ansprüche auf Letztbegründung zu weit reichen bzw. die Theologie auf eine fragwürdige «idealistische» Schiene einspuren, wird in Fachkreisen allerdings höchst unterschiedlich beurteilt.
Eine vierte Diskussionsfront, die sich gegenüber säkularer Wissenschaft und Gesellschaft sowie allgemeiner Religion und Vernunft deutlich absetzt und damit dem Begründungsdenken entgegentritt, macht in letzter Zeit Furore. Sie gewinnt bislang im englischsprachigen Raum zunehmend an Einfluss, ist aber dabei, sich auch auf der deutschsprachigen Bildfläche zu etablieren. Diese Richtung behauptet, Theologie könne nicht von bzw. nach aussen begründet werden, sondern müsse von Anfang an eine gemeinschaftsinterne Reflexion auf die Überzeugungen und Praktiken der eigenen Glaubensgemeinschaft sein; sie habe sich demzufolge in der Tradition der jeweiligen kirchlichen Gemeinschaft zu verankern; ihr Ziel sei es, deren Sprachspiele herauszuarbeiten und die dabei zum Zuge kommenden Regeln aufzuzeigen. Damit sollen, so George Lindbeck, einer der Vorreiter dieses Ansatzes, den ich als kirchlichen Kommunitarismus bezeichne<1>, von innen her die Grundstrukturen und Regeln der Glaubenssprache und Glaubensvollzüge der jeweiligen Glaubensgemeinschaft in einer Art Grammatik des Glaubens erhellt und entfaltet werden.
Die Fundamentaltheologie kommt nach meinem Verständnis nicht darum herum, ihre verschiedenen Kontexte, also Gesellschaft, Religion, Wissenschaft, Philosophie und Kirche in eine produktive Verbindung miteinander zu bringen. Sie hat also aufzuzeigen, dass und wie sie sich zu Religion im Allgemeinen, zu den konkreten Religionen und zum interreligiösen Gespräch verhält; sie hat sich im Blick auf die Gesellschaft zu verorten und steht dabei vor der Option, ob sie sich als öffentliche politische Theologie am gesellschaftlichen Diskurs beteiligt oder als «postliberale» kommunitäre sich davon distanziert und sich auf die eigene kirchliche Gemeinschaft konzentriert.<2> Sie hat zudem ihren Ort in Bezug auf die bzw. innerhalb der Wissenschaft(en) zu bestimmen. Und sie hat sich schliesslich den diversen Ansprüchen der philosophischen Vernunft zu stellen und darzulegen, was ihre (eigene) Rationalität ausmacht.

2. Der Beitrag der Fundamentaltheologie

Den Beitrag der Fundamentaltheologie zum Ganzen der Theologie sehe ich einerseits in der Grundlagenreflexion und andererseits in der Integration. Fundamentaltheologie betreibt interdisziplinär orientierte theologische Grundlagenforschung. Zu dieser gehört die Selbstvergewisserung der Theologie hinsichtlich ihres Gegenstandes, ihres Ortes und ihres Vorgehens. Dazu gehört auch die Offenlegung und Darlegung der kontextuellen Bezüge und Einbettungen theologischer Rede. Dazu gehört das Nachdenken über Grundbegriffe, Kategorien und Methoden. Ein grundlegender Beitrag ist meines Erachtens insbesondere in einer Wissenschaftstheorie der Theologie zu sehen, das heisst in der Reflexion auf die Möglichkeiten, Leistungen und Grenzen von Wissenschaft, auf die Wissenschaftlichkeit von Theologie und den spezifischen Beitrag der theologischen Wissenschaft im Kontext und Rahmen des wissenschaftlichen Gesamtunternehmens.
Die Fundamentaltheologie verfolgt gleichzeitig mit ihrem fundamentalen Anliegen auch ein integratives Ziel. Es geht ihr dabei darum, die verschiedenen theologischen Disziplinen als zusammengehörig, komplementär und aufeinander angewiesen aufzuzeigen. Sie hat die Absicht, auf der Basis ihrer Grundlagen-, Kontext- und Methodenreflexion die biblisch-historische, die systematische sowie die praktische Theologie aufeinander zu beziehen, miteinander ins Gespräch zu bringen sowie in ihrer faktischen Pluralität und unaufgebbaren Gemeinsamkeit und Einheit herauszustellen. Mit dieser Perspektive versteht sie sich als ein Fach, das der Kommunikation dient, das Brücken baut und Zusammenhänge aufzeigt, nach innen wie nach aussen. Das ist angesichts der tatsächlichen und rasant zunehmenden Zersplitterung des Wissenschaftsbetriebs einschliesslich des theologischen nicht die leichteste Übung. Eine solche Einheit kann, wie die Pluralität fundamentaltheologischer Ansätze und Methoden schon zeigt, weder verordnet noch vorgeschrieben werden. Sie darf freilich als Horizont der Arbeit der Theologie und als Einladung und Angebot zur innertheologischen Verständigung nicht aus den Augen verloren werden.
Fundamentaltheologie liefert keinen letzten unerschütterlichen Grund. Sie versorgt die Theologie nicht mit einem felsenfesten Fundament, auf dem die anderen Disziplinen dann weiterbauen könnten. Was leistet sie also? Sie stellt fundamentale Fragen, und sie stellt einfache Antworten in Frage. Sie unternimmt kontextbezogene Denkanstrengungen, und sie nimmt wissenschaftliche Klärungen vor: Sprachklärungen, Begriffsklärungen, Denkrichtungsklärungen. Sie ist darin meines Erachtens so etwas wie ein Fegefeuer für die Theologie: sie läutert die theologische Begrifflichkeit, reinigt den religiösen Sprachgebrauch, sie prüft die christliche Praxis und setzt den Glauben der Feuerprobe öffentlicher Argumentation wie Kritik aus.<3> Das Fegefeuer ist weder Erstes noch Letztes. Es ist ein Durchgangsstadium, ein Reflexions- und Reinigungsort, ein Ort der Rechenschaft. Das Fegefeuer der Fundamentaltheologie bekommt freilich dem Fundamentalismus schlecht. Es wird ihm darin schlicht zu heiss. Und das ist ein ausgesprochener Vorteil für die wissenschaftliche Gottesrede.

3. Literatur

Als erste Einführung in die Fundamentaltheologie, die mit der Geschichte des Fachs und seinen wichtigsten Fragestellungen vertraut macht, eignet sich immer noch: Harald Wagner, Einführung in die Fundamentaltheologie, Darmstadt 21996. Einen handbuchartigen Überblick bietet und daher auch als Nachschlagewerk zu empfehlen ist: Hans Waldenfels, Kontextuelle Fundamentaltheologie, Paderborn 31994. Die aktuelle Diskussion findet sich auf dem neuesten Stand in Einzelbeiträgen umfassend dokumentiert in: Klaus Müller (Hrsg.), Fundamentaltheologie ­ Fluchtlinien und gegenwärtige Herausforderungen, Regensburg 1998.
Als Standardwerke sind die Arbeiten der bereits erwähnten Autoren zu nennen: Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 51992; Helmut Peukert, Wissenschaftstheorie ­ Handlungstheorie ­ Fundamentale Theologie. Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, Frankfurt 21988 (zurzeit vergriffen, Neuauflage im Herbst 1999); Hansjürgen Verweyen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Düsseldorf 21991; David Tracy, Theologie als Gespräch. Eine postmoderne Hermeneutik, Mainz 1993; George A. Lindbeck, Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens. Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter, Gütersloh 1994.

 

Edmund Arens ist ordentlicher Professor für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 Vgl. E. Arens, Kirchlicher Kommunitarismus, in: Theologische Revue 94 (1998) 487­500.

2 Vgl. E. Arens, Ist Theologie Luxus?, in: Orientierung 63 (1999) 81­84.

3 Vgl. E. Arens, Im Fegefeuer der Fundamentaltheologie, in: Orientierung 61 (1997) 152­156.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999