24/1999 | |
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Theologie in Luzern |
Wenn ich mich als Fundamentaltheologe vorstelle, begegnet mir bisweilen die Bemerkung: «Sie sind also Fundamentalist.» Das Missverständnis ist ebenso bezeichnend wie vielsagend. Was Fundamentaltheologie will und was ein Fundamentaltheologe tut (im deutschsprachigen Raum gibt es bislang keine habilitierten Fundamentaltheologinnen), ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Um «Fundamentales» geht es ja offensichtlich vehement auch den Fundamentalisten, die von Seiten der Fundamentaltheologie freilich als Gegenpol des eigenen Bemühens angesehen werden. Sie hat nämlich wenig mit einem intransingenten Buchstaben- und Autoritätsglauben im Sinn. Worauf sie aus ist, ist ein reflektierter, gesprächsfähiger, anderen verständlich zu machender und ihnen gegenüber zu verantwortender Glaube. Fundamentaltheologie zielt auf eine im Gespräch und in Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen kritisch durchdachte und geprüfte eigene Glaubensüberzeugung, -sprache und -praxis. Es geht ihr um einen Glauben, der sich im Dialog mit anderen Anschauungen bewährt und im Gespräch mit den Wissenschaften sowie mit der Philosophie zu rechtfertigen vermag. Als Leitwort der Fundamentaltheologie gilt nicht von ungefähr ein Satz aus dem ersten Petrusbrief, in dem die Christinnen und Christen aufgefordert werden: «Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.» (1 Petr 3,15) Rechenschaft über die Hoffnung, das ist Anliegen und Auftrag von Fundamentaltheologie. Wer es heutzutage unternimmt, Rechenschaft zu geben, muss wissen, wo er oder sie steht, wem gegenüber solche Rechenschaft abzulegen ist, wie dies geschieht, was sie beinhaltet und woraufhin sie zielt. Fundamentaltheologie, die im Anschluss an den ersten Petrusbrief etwas ist, womit alle Christinnen und Christen zu tun haben und was allen aufgetragen ist, stellt zuallererst solche elementaren Fragen: Wie lässt sich heute überhaupt von Gott reden? Wer treibt und was tut eigentlich Theologie? Was meint Glauben? Wie lassen sich die christlichen Überzeugungen und Handlungen verständlich und plausibel machen? Wozu sind Christentum, Kirche und Theologie im Kern da?
Gegenwärtig wichtige und kontrovers diskutierte Fragestellungen
der Fundamentaltheologie betreffen zuallererst die Bestimmung des Ortes
bzw. der Orte von Theologie: Was sind die hervorstechenden Kennzeichen unserer
Zeit und welchen Platz können Glaube und Theologie darin einnehmen?
Wo ist in erster Linie von Gott zu reden, und wen hat die christliche Gottesrede
primär im Blick? Stichworte wie «differenzierte Gesellschaft»,
«spezialisierte Wissenschaft», «pluralisierte Kirche»
und «individualisierte Religion» geben Hinweise auf aktuelle
Kontexte des Glaubens und Theologietreiben. Was indes den ausschlaggebenden
Kontext theologischer Arbeit bildet, wo die Theologie ihren vorrangigen
Anknüpfungspunkt und ihre herausragende Gesprächspartnerin findet,
ist innerhalb des Fachs umstritten. In der Fundamentaltheologie werden zurzeit
vor allem Religion, Gesellschaft, Wissenschaft, Philosophie und Kirche als
Kontexte diskutiert, innerhalb derer sich ein fundamentaltheologisches Unternehmen
anzusiedeln und auszufächern hat.
Wenn Fundamentaltheologie zunächst einmal Reflexion auf den Kontext
des eigenen Tuns ist, diese Kontexte aber deutlich verschieden bestimmt
werden, ergibt sich ganz selbstverständlich eine Pluralität von
fundamentaltheologischen Ansätzen, Positionen und Arbeitsfeldern. Zu
den wichtigsten und meistdiskutierten gehören zum einen die politische
Theologie von Johann Baptist Metz, welche den Glauben im Kontext der modernen
Geschichte und Gesellschaft mitsamt ihren Errungenschaften und Katastrophen
verortet, als praktisch-kritisch begreift und sich dezidiert als eine Theologie
im Angesicht der Opfer der Geschichte versteht. Sie sieht Theologie primär
als prophetisch-kritisches Korrektiv innerhalb von Gesellschaft und Kirche.
Sie buchstabiert die heute nötige Gottesrede konkret als eine Theologie
nach Auschwitz aus. Für diese Konzeption sind die Begriffe der Erinnerung,
der Kritik und der Solidarität fundamental. Eine wissenschaftstheoretische
Fundierung dieses Ansatzes einer praktischen politischen Fundamentaltheologie
im Sinne einer theologischen Handlungstheorie hat Helmut Peukert im Gespräch
und in Auseinandersetzung mit der wissenschaftstheoretischen Diskussion
dieses Jahrhunderts unternommen.
Gegenüber einer praktisch-kritischen Position verorten hermeneutische
Zugänge wie der David Tracys die Fundamentaltheologie in erster Linie
im Horizont der menschlichen Erfahrung von sowie der Suche nach Sinn. Demnach
soll die Theologie im Gespräch mit religiösen Traditionen die
Sinnpotentiale von Religion eruieren und Verständnis für den unverzichtbaren
Beitrag von Religion zum heutigen Selbstverständnis sowie zu einem
gelingenden menschlichen Leben schaffen. «Religion» ist denn
auch in den letzten Jahren ein dominantes Thema innerhalb der deutschsprachigen
Fundamentaltheologie, in welcher der Ansatz und Anspruch der aus dem anglo-amerikanischen
Raum stammenden pluralistischen Religionstheologie eingehend diskutiert
wird. Zur Debatte steht dabei ihr Versuch, aus der Situation multireligiöser
Gesellschaften und des interreligiösen Dialogs eine Theologie zu entwickeln,
die andere Religionen anerkennt, ohne sie zu vereinnahmen und die den religiösen
Pluralismus als theologisches Grunddatum begreift, aus dem eine allen Religionen
gemeinsame Grundorientierung abzuleiten ist.
Ein dritter Reflexionsstrang, der die fundamentaltheologischen Gemüter
zurzeit erregt, betrifft die Relevanz und Reichweite von Glaubensbegründung.
Vor allem Hansjürgen Verweyen will die Möglichkeit des Subjekts
aufzeigen, sich philosophisch seiner selbst zu vergewissern und eine unumstössliche
Basis letzter Gewissheit über ein Unbedingtes bzw. Absolutes zu gewinnen,
das für das Denken gegeben ist und worüber eine vernünftig
einsehbare Begründung für den Glauben zu erreichen ist. Ob mit
den Mitteln der Vernunft in strikt philosophischer Geltungsreflexion die
Möglichkeit eines letztgültigen Sinns aufgezeigt und auf diesem
Weg Glaube und Theologie erstphilosophisch stringent begründet werden
können, oder ob solche Ansprüche auf Letztbegründung zu weit
reichen bzw. die Theologie auf eine fragwürdige «idealistische»
Schiene einspuren, wird in Fachkreisen allerdings höchst unterschiedlich
beurteilt.
Eine vierte Diskussionsfront, die sich gegenüber säkularer Wissenschaft
und Gesellschaft sowie allgemeiner Religion und Vernunft deutlich absetzt
und damit dem Begründungsdenken entgegentritt, macht in letzter Zeit
Furore. Sie gewinnt bislang im englischsprachigen Raum zunehmend an Einfluss,
ist aber dabei, sich auch auf der deutschsprachigen Bildfläche zu etablieren.
Diese Richtung behauptet, Theologie könne nicht von bzw. nach aussen
begründet werden, sondern müsse von Anfang an eine gemeinschaftsinterne
Reflexion auf die Überzeugungen und Praktiken der eigenen Glaubensgemeinschaft
sein; sie habe sich demzufolge in der Tradition der jeweiligen kirchlichen
Gemeinschaft zu verankern; ihr Ziel sei es, deren Sprachspiele herauszuarbeiten
und die dabei zum Zuge kommenden Regeln aufzuzeigen. Damit sollen, so George
Lindbeck, einer der Vorreiter dieses Ansatzes, den ich als kirchlichen Kommunitarismus
bezeichne<1>, von innen her die Grundstrukturen
und Regeln der Glaubenssprache und Glaubensvollzüge der jeweiligen
Glaubensgemeinschaft in einer Art Grammatik des Glaubens erhellt und entfaltet
werden.
Die Fundamentaltheologie kommt nach meinem Verständnis nicht darum
herum, ihre verschiedenen Kontexte, also Gesellschaft, Religion, Wissenschaft,
Philosophie und Kirche in eine produktive Verbindung miteinander zu bringen.
Sie hat also aufzuzeigen, dass und wie sie sich zu Religion im Allgemeinen,
zu den konkreten Religionen und zum interreligiösen Gespräch verhält;
sie hat sich im Blick auf die Gesellschaft zu verorten und steht dabei vor
der Option, ob sie sich als öffentliche politische Theologie am gesellschaftlichen
Diskurs beteiligt oder als «postliberale» kommunitäre sich
davon distanziert und sich auf die eigene kirchliche Gemeinschaft konzentriert.<2> Sie hat zudem ihren Ort in Bezug auf die
bzw. innerhalb der Wissenschaft(en) zu bestimmen. Und sie hat sich schliesslich
den diversen Ansprüchen der philosophischen Vernunft zu stellen und
darzulegen, was ihre (eigene) Rationalität ausmacht.
Den Beitrag der Fundamentaltheologie zum Ganzen der Theologie sehe ich
einerseits in der Grundlagenreflexion und andererseits in der Integration.
Fundamentaltheologie betreibt interdisziplinär orientierte theologische
Grundlagenforschung. Zu dieser gehört die Selbstvergewisserung der
Theologie hinsichtlich ihres Gegenstandes, ihres Ortes und ihres Vorgehens.
Dazu gehört auch die Offenlegung und Darlegung der kontextuellen Bezüge
und Einbettungen theologischer Rede. Dazu gehört das Nachdenken über
Grundbegriffe, Kategorien und Methoden. Ein grundlegender Beitrag ist meines
Erachtens insbesondere in einer Wissenschaftstheorie der Theologie zu sehen,
das heisst in der Reflexion auf die Möglichkeiten, Leistungen und Grenzen
von Wissenschaft, auf die Wissenschaftlichkeit von Theologie und den spezifischen
Beitrag der theologischen Wissenschaft im Kontext und Rahmen des wissenschaftlichen
Gesamtunternehmens.
Die Fundamentaltheologie verfolgt gleichzeitig mit ihrem fundamentalen Anliegen
auch ein integratives Ziel. Es geht ihr dabei darum, die verschiedenen theologischen
Disziplinen als zusammengehörig, komplementär und aufeinander
angewiesen aufzuzeigen. Sie hat die Absicht, auf der Basis ihrer Grundlagen-,
Kontext- und Methodenreflexion die biblisch-historische, die systematische
sowie die praktische Theologie aufeinander zu beziehen, miteinander ins
Gespräch zu bringen sowie in ihrer faktischen Pluralität und unaufgebbaren
Gemeinsamkeit und Einheit herauszustellen. Mit dieser Perspektive versteht
sie sich als ein Fach, das der Kommunikation dient, das Brücken baut
und Zusammenhänge aufzeigt, nach innen wie nach aussen. Das ist angesichts
der tatsächlichen und rasant zunehmenden Zersplitterung des Wissenschaftsbetriebs
einschliesslich des theologischen nicht die leichteste Übung. Eine
solche Einheit kann, wie die Pluralität fundamentaltheologischer Ansätze
und Methoden schon zeigt, weder verordnet noch vorgeschrieben werden. Sie
darf freilich als Horizont der Arbeit der Theologie und als Einladung und
Angebot zur innertheologischen Verständigung nicht aus den Augen verloren
werden.
Fundamentaltheologie liefert keinen letzten unerschütterlichen Grund.
Sie versorgt die Theologie nicht mit einem felsenfesten Fundament, auf dem
die anderen Disziplinen dann weiterbauen könnten. Was leistet sie also?
Sie stellt fundamentale Fragen, und sie stellt einfache Antworten in Frage.
Sie unternimmt kontextbezogene Denkanstrengungen, und sie nimmt wissenschaftliche
Klärungen vor: Sprachklärungen, Begriffsklärungen, Denkrichtungsklärungen.
Sie ist darin meines Erachtens so etwas wie ein Fegefeuer für die Theologie:
sie läutert die theologische Begrifflichkeit, reinigt den religiösen
Sprachgebrauch, sie prüft die christliche Praxis und setzt den Glauben
der Feuerprobe öffentlicher Argumentation wie Kritik aus.<3>
Das Fegefeuer ist weder Erstes noch Letztes. Es ist ein Durchgangsstadium,
ein Reflexions- und Reinigungsort, ein Ort der Rechenschaft. Das Fegefeuer
der Fundamentaltheologie bekommt freilich dem Fundamentalismus schlecht.
Es wird ihm darin schlicht zu heiss. Und das ist ein ausgesprochener Vorteil
für die wissenschaftliche Gottesrede.
Als erste Einführung in die Fundamentaltheologie, die mit der Geschichte
des Fachs und seinen wichtigsten Fragestellungen vertraut macht, eignet
sich immer noch: Harald Wagner, Einführung in die Fundamentaltheologie,
Darmstadt 21996. Einen handbuchartigen Überblick bietet und daher auch
als Nachschlagewerk zu empfehlen ist: Hans Waldenfels, Kontextuelle Fundamentaltheologie,
Paderborn 31994. Die aktuelle Diskussion findet sich auf dem neuesten Stand
in Einzelbeiträgen umfassend dokumentiert in: Klaus Müller (Hrsg.),
Fundamentaltheologie Fluchtlinien und gegenwärtige Herausforderungen,
Regensburg 1998.
Als Standardwerke sind die Arbeiten der bereits erwähnten Autoren zu
nennen: Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien
zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz 51992; Helmut Peukert,
Wissenschaftstheorie Handlungstheorie Fundamentale Theologie.
Analysen zu Ansatz und Status theologischer Theoriebildung, Frankfurt 21988
(zurzeit vergriffen, Neuauflage im Herbst 1999); Hansjürgen Verweyen,
Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Düsseldorf
21991; David Tracy, Theologie als Gespräch. Eine postmoderne Hermeneutik,
Mainz 1993; George A. Lindbeck, Christliche Lehre als Grammatik des Glaubens.
Religion und Theologie im postliberalen Zeitalter, Gütersloh 1994.
Edmund Arens ist ordentlicher Professor für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 Vgl. E. Arens, Kirchlicher Kommunitarismus, in: Theologische Revue 94 (1998) 487500.
2 Vgl. E. Arens, Ist Theologie Luxus?, in: Orientierung 63 (1999) 8184.
3 Vgl. E. Arens, Im Fegefeuer der Fundamentaltheologie, in: Orientierung 61 (1997) 152156.