44/1999

INHALT

Pastoral

Männliche Homosexualität: Erfahrungen und Einsichten

von Markus Thürig

 

Seit sechzehn Jahren begleite ich als ausgebildeter Psychotherapeut tiefenpsychologischer Richtung Frauen und Männer, die im kirchlichen Dienst bzw. in der Ausbildung sind. Seit zwölf Jahren arbeite ich als Priester in der allgemeinen Pfarreiseelsorge. Aus den Erfahrungen und Einsichten dieser beiden Tätigkeiten kommen die folgenden Beobachtungen und Hinweise.

Ziel dieser Ausführungen

Im Gespräch über Sexualität sind alle Menschen Betroffene. Respekt vor der unantastbaren Persönlichkeit des anderen ist unbedingte Voraussetzung. Gesellschaftlich und kirchlich wird Homosexualität nach wie vor heftig diskutiert. Leicht neigt man zu einfachen polarisierenden Antworten. Plakative Vereinfachungen werden den Menschen und ihrer Sexualität in keiner Weise gerecht. Darum sollen hier einige in der Praxis hilfreiche Unterscheidungen und Einsichten dargestellt werden. Dies möge das Gesprächsklima entkrampfen und versachlichen.

Abgrenzungen

Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf die Homosexualität bei erwachsenen Männern. Beziehungen von Männern zu Knaben (eine Form der Pädophilie) bzw. zu männlichen Jugendlichen (Ephebophilie) werden ausgeklammert. Auch die Homosexualität<1> bei erwachsenen Frauen, die wohl ebenso häufig vorkommt wie bei Männern, thematisiere ich nicht, weil ich dafür zu wenig praktische Erfahrungen habe.
Wenn also im Folgenden das Wort «Homosexualität» bzw. «homosexuell»<2> verwendet wird, bedeutet dies: Es geht um erwachsene Männer, die gleichgeschlechtlich empfinden, eventuell entsprechende Beziehungen eingehen und darin auch sexuelle Befriedigung suchen können.
Dieser Beitrag beschäftigt sich nicht mit der ethischen Beurteilung homosexueller Handlungen oder Beziehungen.

Beobachtungen von Gegebenheiten

Als Ausgangspunkt weiterführender Überlegungen sollen hier zunächst einige Gegebenheiten und damit verbundene Schwierigkeiten aufgelistet werden.

Das Klima in unserer Gesellschaft ist offener geworden

Menschen, die gleichgeschlechtlich empfinden, wagen es eher, dies da oder dort bekannt zu machen. Manche haben darum Bekannte, die sich als homosexuell bezeichnen. In den letzten Jahren hat sich entsprechend auch das Urteil über die Homosexualität gewandelt. Eine jüngste Bestätigung findet sich in der 1998 durchgeführten Konsultation des Kirchenrates der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.<3>
Diese gewandelte Einstellung wird allerdings dann problematisch, wenn alle Formen von Homosexualität undifferenziert als dasselbe angesehen werden. Sie macht schliesslich auch jenen Menschen Schwierigkeiten, die an ihren homosexuellen Gefühlen oder Handlungen leiden, dafür aber bei anderen kein Verständnis finden.

Die traurige Geschichte der Diskriminierungen von Minderheiten

betrifft auch die homosexuellen Menschen. Ihre gesellschaftliche Verurteilung und ihre ausschliessliche Zuordnung zu Krankheitsbildern ist nach wie vor in der Mentalität vorhanden, wenn auch unterschwelliger. Ausbrüche manifester Gewalt gegen Homosexuelle kommen immer wieder vor. Die besondere Sensibilität Homosexueller bezüglich ihrer persönlichen Akzeptanz bzw. das militante Verfechten der Homosexualität ist als Reaktion auf diesem Hintergrund zu sehen. Wer anderseits heftig und undifferenziert über Homosexuelle urteilt, muss sich fragen lassen, welche eigenen inneren Ängste und Abgründe er damit abwehren will.

In der allgemeinen Seelsorge

begegnen wir Menschen, die (a) sich als homosexuell bezeichnen und homosexuelle Beziehungen eingegangen sind. Zwei andere Gruppen bilden jene, die (b) eine gleichgeschlechtliche Neigung bei sich entdeckt haben, und diejenigen, die (c) befürchten, es könnte so sein. Letztere kommen aus einer inneren Not. Sie suchen Halt, Verständnis und helfende Klärung. Aus meiner Erfahrung sucht am ehesten diese Gruppe Kontakt zu einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin. Bei der zweiten Gruppe (b) kann ebenfalls ein inneres Ringen um die psychosexuelle Identität zum seelsorgerlichen Gespräch führen. Der ersten Gruppe (a) begegnen wir manchmal im Beichtgespräch, oder dann, wenn Freiwillige oder Ehrenamtliche uns über ihre homosexuelle Neigung informieren. Mehr aus der reformierten Kirche bekannt sind Anfragen für einen kirchlichen Segen durch Homosexuelle, die in einer festen Beziehung leben.
Rückblickend auf die Jahre der Pfarreiseelsorge hatte ich aber doch selten Gespräche mit Menschen, die wegen Fragen zur Homosexualität zu mir kamen.

Bei Ordensleuten bzw. Diözesanseelsorgern mit gleichgeschlechtlicher Neigung

kann die erwähnte Einteilung auch angewandt werden. Im Unterschied zur allgemeinen Seelsorge gehören hier die Menschen aber eher zur ersten (a) oder zweiten Gruppe (b). Zum Teil kommen sie zur Beratung, weil ihre Homosexualität sie in eine persönlich und eventuell auch sozial schwierige Situation geführt hat; zum Teil kommen sie mit der Frage, ob sie mit ihrer Homosexualität für einen kirchlichen Beruf, zu dem sie sich hingezogen fühlen, geeignet sind. Etwa fünf Prozent der Ratsuchenden kommen mit Fragen zur Homosexualität in die Beratung. Klärung und Persönlichkeitsbildung stehen zunächst im Vordergrund. Dann kann es auch darum gehen, ob und wie sie mit ihrer Persönlichkeit so leben können, dass ihre persönlichen Ideale, ihr Stand und ihr apostolischer Auftrag nicht (zu stark) beeinträchtigt werden. Dies wäre auf Dauer weder persönlich tragbar noch von den kirchlichen Vorgesetzten verantwortbar.
Die Angst, homosexuell zu sein (c), habe ich vor allem bei 18- bis 25-jährigen Kandidaten oder Studenten angetroffen, die nach ihrer psychosexuellen Identität suchen. Homosexuelle Phantasien, Unsicherheit gegenüber dem Weiblichen, zufällige homosexuelle Erlebnisse können Gründe für diese Angst sein.
Als sehr schwierig und belastend empfinden die Betroffenen das Klima für Gespräche in der Ordensgemeinschaft oder unter Seelsorgekolleginnen und -kollegen. Unbedachte Äusserungen bei Tisch ­ ohne zu ahnen, dass ein Betroffener dabei sitzt ­ können tief verletzen und eine Mauer des Schweigens aufrichten. Falsche Dramatisierungen oder verständnisloses Abweisen fördern das Totschweigen und damit die Entstehung von Subkulturen.

Verständnis suchen

In der fachlichen Bewertung und Einschätzung der Homosexualität gibt es ein breites Meinungsspektrum. Die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse verbieten es, vereinfachend alle Formen von Homosexualität gleich zu sehen. Homosexuell ist nicht gleich homosexuell. Rüdiger Lautmann schreibt im Vorwort zum hier angezeigten Buch: «Unter dem Einheitsetikett Ðmännliche Homosexualitätð verbergen sich höchst unterschiedliche Bewältigungs- und Handlungsstile.»<4> Von Übel ist in jedem Fall eine undifferenzierte Sichtweise, die von Unsicherheiten in der eigenen psychosexuellen Identität (und damit einhergehenden homosexuell gefärbten Ängsten und Ambivalenzen) bis hin zum praktizierten Sexualverkehr alles über eine Leiste schlägt.<5> Abgesehen von der sich darin ausdrückenden Respektlosigkeit und fachlichen Ignoranz bergen solche Rundumschläge die Gefahr, dass Betroffene zu früh auf homosexuelle Tendenzen fixiert werden, weil sie Gelegenheiten und Hilfestellungen zur Reflexion ihrer Situation nicht wahrnehmen können. Eine dermassen verkürzte Sicht kann auch kaum sehen, dass eine Homosexualität verbunden sein kann mit psychischer Unreife oder psychischer Krankheit.<6> Dies ist um so tragischer, als meines Erachtens Unsicherheiten und Schwierigkeiten in der Selbstfindung zunehmen.

Unterscheidungen machen

Zunächst ist wichtig zu unterscheiden zwischen homosexuellen Gefühlen (Affekten), homosexueller Orientierung oder Neigung (Haltung) und homosexuellen Handlungen (Verhalten). Theoretisch und praktisch sind dann meines Erachtens drei Haupt-formen von Homosexualität voneinander abzuheben: die Kernhomosexualität, die Pseudohomosexualität und die Entwicklungshomosexualität.

Bei der Kernhomosexualität

(man spricht auch von primärer, genuiner Homosexualität) ist psychodynamisch die sexuelle Befriedigung zentral und es gibt Hinweise für eine «homosexuelle Veranlagung»<7>. Die «homosexuelle Disposition» besteht darin, dass das biopsychosoziale Erregungsmuster bzw. die erotisch-sexuelle Lust (Verlangen) nur von einem gleichgeschlechtlichen Partner ausgelöst wird und dann zur psychosomatischen Befriedigung drängt. Man rechnet zirka drei Prozent der Bevölkerung zu dieser Gruppe. Für sie trifft am ehesten zu, dass die sexuelle Orientierung als früh entwickelte Struktur eine relative Stabilität besitzt und nicht willentlich veränderbar ist. Durch Therapien kann lediglich das manifeste Verhalten beeinflusst werden.
Als Hinweise für eine Kernhomosexualität werden genannt: a) die Person fühlt sich als Homosexueller, identifiziert sich sozial mit den Homosexuellen, hat kein Krankheitsgefühl und wehrt sich daher gegen eine Veränderung ihrer sexuellen Orientierung; b) man findet ein ausgeprägt ich-bezogenes Verhalten, weil der Homosexuelle im Partner sich selbst sucht; c) man beobachtet einen hohen Grad an homosexueller Konsolidierung, sichtbar an lebensgeschichtlich frühen homosexuellen Erfahrungen und langem ausschliesslich homosexuellem Verhalten; d) es besteht ein niedriger Grad heterosexueller Identität sichtbar darin, dass Frauen sexuell nicht erregen, sexuelle Beziehungen zu Frauen nicht als lustvoll erlebt werden, keine heterosexuellen Erlebnisse da sind, ja sexuelle Kontakte mit Frauen abgelehnt werden; e) das Phantasieleben ist vorwiegend homosexuell geprägt.

Bei der Pseudohomosexualität

zeigt sich die homosexuelle Orientierung und homosexuelles Verhalten psychodynamisch als eine Ersatzhandlung für andere psychosoziale Bedürfnisse wie zum Beispiel affektive Zuwendung erhalten. Die eigentliche sexuelle Befriedigung ist klar zweitrangig. Besonders die beiden in Spannung stehenden Bedürfnisse «Abhängigkeit» und «Autonomie» sind psychodynamisch zentral. Manche sprechen von «defensiver Homosexualität», insofern diese Form der Homosexualität im Dienst der Abwehr psychischer Kräfte (zum Beispiel Aggressions- und Konkurrenzgefühle etwa dem Vater gegenüber) steht bzw. psychische Schwächen ausgleichen soll. Die soziale Situation beeinflusst hier stärker, ob es zu homosexuellem Verhalten kommt oder nicht (als Beispielort ungünstiger Einflüsse werden Gefängnisse genannt). Soziale und erziehungsbedingte Umstände spielen bei der Entwicklung dieser Form der Homosexualität eine entscheidende Rolle. Sie findet sich denn auch ausgeprägter bei gestörten Familienkonstellationen, die sich auf das Kind so auswirken, dass sie schwere Ängste hervorrufen.
Als Hinweise für eine Pseudohomosexualität werden genannt: a) keine frühen homosexuellen Erfahrungen und kein ausschliesslich homosexuelles Empfinden und Verhalten, b) zumindest phasenweise möchte die Person nicht homosexuell sein; sie ist insofern offen für mögliche Veränderungen ihrer sexuellen Orientierung, c) der Konflikt zwischen (affektiver) Abhängigkeit und Autonomie (eventuell mit starker unterschwelliger Aggression) ist erkennbar, d) das Phantasieleben kennt homosexuelle und heterosexuelle Bilder.

Bei der Entwicklungshomosexualität

steht die psychosexuelle Reifung im Zentrum.<8> Es finden sich in der Psychodynamik der meist noch jungen Menschen (Adoleszenz) starke Minderwertigkeitsgefühle, die die Angst auslösen, homosexuell zu sein. Es können auch homoerotisch gefärbte Anlehnungsbedürfnisse dahinter liegen. Manchmal zeigt sich eine neurotische Fehlentwicklung, deren Probleme sich im Umgang mit Partnern des gleichen und des anderen Geschlechts äussern. Begünstigend für episodische homosexuelle Handlungen sind mangelnder Kontakt zum anderen Geschlecht und die Nähe des eigenen Geschlechts in Gleichaltrigengruppen. Man rechnet bei den Männern mit bis zu 30%, die vorübergehend in ihrer Entwicklung solche Ängste bzw. episodische Erlebnisse haben.
Als Hinweise für eine Entwicklungshomosexualität werden genannt: a) die Person fühlt sich unsicher bezüglich ihrer Geschlechtskonstanz und/oder ihrer Geschlechtspartnerorientierung, b) es sind junge Menschen (bis gegen 30-jährig), c) die Person macht einen schwachen unsicheren Eindruck (Minderwertigkeitsgefühle) und sucht Hilfe, d) es gibt keine homosexuelle Praxis bzw. falls es zu homosexuellen Erlebnissen kam, empfindet die Person deswegen ein Unbehagen, schämt sich und hat eventuell Schuldgefühle.

Die Frage nach der Disposition für Homosexualität

und die Entstehung (Psychogenese) der verschiedenen Formen der Homosexualität wird nach wie vor diskutiert. Einfache Erklärungen wie etwa die undifferenzierte «Veranlagung» greifen klar zu kurz. Einigkeit besteht darüber, dass körperliche (genetische, hormonelle, eventuell gehirnanatomische), psychische und soziale Faktoren bei der Entstehung von Homosexualität zusammenwirken.<9> Andere Forschungen zeigen, wie komplex die Entwicklung und Struktur der Psychosexualität ist. Verschiedene Aspekte dieser Entwicklung sind in Anmerkung <8> erwähnt.<10>
Studien zur Entwicklung von Homosexualität weisen auf die Bedeutung der (früh-)kindlichen Beziehungen, insbesondere der Elternbeziehung, hin. Dabei ist aber zu sehen, dass die psychosexuelle Entwicklung bis über die Adoleszenz hinausgeht und darum vielfältig beeinflusst wird. Diese Untersuchungen gehen auch auf die psychodynamische Seite der Homosexualität ein. Wie bereits erwähnt, ist sie bei bestimmten Formen nicht primär auf sexuelle Befriedigung ausgerichtet. Zu berücksichtigen ist in jedem Fall, dass der psychodynamische Hintergrund jeder Homosexualität individuell ist. Dies begründet nochmals, warum grobe Vereinfachungen zu vermeiden sind.

Im Gespräch bleiben

Worauf könnte man achten, um im Sinne dieser Ausführungen eine klärende und menschenwürdige Gesprächskultur zu gewinnen?

Respekt und Vertrauen fördern

Wie wir alle, so sind auch homosexuelle Menschen darauf angewiesen, dass wir sie als Menschen respektieren und auf sie zugehen. Sie erwarten in der Regel keine Sonderbehandlung. Ein offenes Klima und das notwendige Vertrauen für Gespräche wird innerkirchlich erschwert durch eine einseitig bewertende Reflexion über Sexualität im Allgemeinen und über Homosexualität im Speziellen. Schnell kann es zur eingeengten Fragestellung persönlicher Akzeptanz oder Ablehnung kommen. Dabei kann beim homosexuellen Menschen ein ihm wenig bewusstes Misstrauen, von vornherein abgelehnt zu werden, mitspielen. Solche Erschwernisse im Gespräch einander mitzuteilen, kann Vertrauen fördern.

Gespräch- und Lebenskultur

Umfassender brauchen wir innerkirchlich eine angemessene Gesprächs- und Lebenskultur. Sie ist bekanntermassen von der Persönlichkeitsbildung abhängig. Einige Grundfähigkeiten sind gerade auch für die Integration der Sexualität wichtig: a) die Fähigkeit, das eigene Leben zu gestalten und sich nicht unkontrolliert von Phantasien, Wünschen und Trieben bestimmen zu lassen (Selbstbeherrschung), b) die Fähigkeit, eigene Interessen zurückzustellen aus Verantwortung und im Dienst für andere, c) die Fähigkeit, die richtige Verbindung von Nähe und Distanz in den Beziehungen zu den Menschen zu finden, d) die Fähigkeit zum Alleinsein und zur Kommunikation, e) die Aufrichtigkeit sich selbst und anderen gegenüber, f) die Diskretion und die grundsätzliche Bereitschaft, sich dem geistlichen Begleiter und den Verantwortlichen im forum externum anzuvertrauen, g) der Mut, zu eigenen Überzeugungen zu stehen und die Offenheit für die Argumente anderer.
Zu dieser Kultur gehört auch, dass Menschsein als Menschwerden verstanden wird. Menschliches Handeln korrespondiert mit dem Prozess menschlicher Reifung, die bezüglich der Psychosexualität manchmal erheblich verzögert sein kann.

Für die Verantwortlichen in der Ausbildung

zukünftiger Seelsorgerinnen und Seelsorger ergeben sich einige Konsequenzen. Zunächst wird an ihre eigene Persönlichkeit eine hohe Anforderung gestellt. Ein in Gesprächen auch anwendbares Grundwissen (ein geschultes Auge) zur menschlichen Sexualität ist nötig, um Menschen in Würde und Klarheit nach ihrer Sexualität zu fragen, und sie auf ihrem Reifeweg zu begleiten. Dies geschieht immer in der Spannung zwischen dem Setzen klarer, integrationsfördernder Grenzen und dem Leisten notwendiger Unterstützung. Dazu kommt die Unterscheidungsgabe, ob ein bestimmter Mensch für seine Persönlichkeitsbildung auf eine spezifisch fachlichere Begleitung angewiesen ist oder nicht.

Interdiözesan beauftragte Ansprechpersonen

Dafür, aber auch für Seelsorgerinnen und Seelsorger im Dienst, wären geeignete Therapeutinnen und Therapeuten auszuwählen und für die spezifisch kirchlichen Fragen zu sensibilisieren. Um jemanden gesprächsbereit zu machen, muss spürbar sein, dass hier fachliche Kompetenz, Diskretion, «unbefangene Sicherheit» und Akzeptanz gegeben sind. Im Sinne von Ansprechpersonen bei entsprechenden Schwierigkeiten könnten diese Therapeutinnen und Therapeuten diözesan oder interdiözesan bekannt gemacht werden.

Hilfestellungen für den Einzelnen

Für den einzelnen Menschen, der seine Homosexualität oder seine Ängste, homosexuell zu sein, eröffnet, sind Klärungen sehr wichtig. Es ist die ganze Persönlichkeit und die Tatsache zu sehen, dass sich psychische Spannungen sexuell ausdrücken können (zum Beispiel Masturbation) bzw. sexuelle Spannungen in psychischen Haltungen (zum Beispiel Rigidität). Psychosexuelle Bedürfnisse und Handlungen sind oft überdeterminiert, das heisst mit mehreren Bedeutungen besetzt. Darum ist meines Erachtens eine Therapie, die ausschliesslich auf die Veränderung einer Form der Homosexualität zielt, verfehlt. Im Rahmen einer Psychotherpie, die die ganze Persönlichkeit im Blick hat, können sich aber Veränderungen der Psychosexualität ergeben. Die psychosexuelle Identität ist als Nebeneffekt gelungener Ichidentität zu verstehen.
Eine möglichst klare Unterscheidung der psychodynamischen und sozialen Bedeutungen, die mit einer Homosexualität verbunden sind, gibt dem Betroffenen die Chance, seine Identität zu finden und in reifer Form seine Persönlichkeit zu akzeptieren. Zu diesen Klärungen gehört: a) das lebensgeschichtliche und psychodynamische Verstehen der gegebenen Form von Homosexualität, b) ob diese Homosexualität mit psychischer Unreife oder psychischer Krankheit verbunden ist, c) die Frage nach homosexueller Praxis und Lebenskultur, d) die persönlichen Zukunftsvorstellungen, speziell bezüglich ihrer Sexualität (Selbstannahme), e) die Möglichkeiten psychodynamischer Veränderungen (im Sinne der erwähnten Überdeterminierung) bzw. die Fähigkeit, mit ihrer Homosexualität ihr Leben zu gestalten und ihre Aufgaben zu erfüllen.
Selbstentfaltung beruht auf Selbsterkenntnis. Solche Klärungen schaffen dafür den Boden. Auch für die Aufgabe jeder Psychotherapie, nämlich die Schaffung günstiger Bedingungen für weitere Reifungsschritte und die Erarbeitung von Bewältigungsstrategien für kritische Lebenssituationen, sind sie Bedingung.

Aus christlicher Überzeugung einander begegnen

Wenn wir den christlichen Schöpfungs- und Erlösungsglauben ernst nehmen, dann ist uns die Auseinandersetzung mit der Begrenztheit des Menschseins aufgegeben. Speziell im Bereich der sehr vielschichtigen, die ganze Persönlichkeit einfordernden, verletzlichen Sexualität sind wir alle herausgefordert ­ und manchmal überfordert. Gegenseitiger Respekt gepaart mit Klarheit hilft allen weiter.

 

Markus Thürig ist Pfarrer, Psychologe FSP und Psychotherapeut SGPT.


Das Institut für Psychologie an der Gregoriana

Wer Rom etwas näher kennt, weiss um die Gegensätze dieser Stadt, aber auch um die Faszination und Bereicherung, die sich aus einer echten Begegnung dieser Gegensätze ergeben kann.
Ein Beispiel einer solchen «Begegnung» ist das Institut für Psychologie an der Universität Gregoriana. Gegründet im Jahr 1971, antwortet es auf die Einladung des II. Vatikanischen Konzils, nicht nur Theologie, sondern auch die Humanwissenschaften, insbesondere Psychologie und Soziologie, zu benützen, um bei den Gläubigen ein reiferes Glaubensleben zu fördern (vgl. Gaudium et Spes, Nr. 62). Nach ausgiebiger Ausbildung und Forschung, die später mit dem Fünf-Jahres-Preis der Internationalen Kommission für wissenschaftliche Religionspsychologie ausgezeichnet wurde (Brüssel 1976), begann das Institut seine Tätigkeit unter der Leitung von Luigi M. Rulla SJ, Franco Imoda SJ und Joyce Ridick SSC.
Seit über 25 Jahren hat das Institut für Psychologie einen interdisziplinären Ansatz für das Studium der menschlichen Person angewendet. Mittels einer durchgängigen Integration von Theologie, Philosophie und Psychologie werden die Studenten befähigt, ein christliches Verständnis der menschlichen Person mit den modernsten Ergebnissen und Methoden der Psychologie zu verbinden. Kurse, die die christliche Berufung, die sittliche Entwicklung, die Unterscheidung der Geister und die Spiritualität des Ordens- und des priesterlichen Lebens zum Thema haben, werden neben solchen unterrichtet, die die menschliche Entwicklung, Psychopathologie, Sozialpsychologie und vieles andere behandeln. Den Studenten wird ferner ein direkter Kontakt mit der klinischen Arbeit von Psychiatern und klinischen Psychologen ermöglicht, wenn ihre akademischen Studien und die praktische Erfahrung sich zu entfalten beginnen. All diese Aktivitäten stehen unter der professionellen Supervision der Institutsleitung, die in ihrem Kern aus fünf Professoren mit interdisziplinärer Kenntnis und Erfahrung besteht, zusammen mit zwölf weiteren Professoren, die ihre Kompetenz in Spezialgebieten zur Verfügung stellen. Im Jahr 1990 erkannte der Staat Italien durch ministerielles Dekret die akademischen Grade eines Lizentiates und Doktorates des Instituts für Psychologie an. Diese werden nun als äquivalent zu einer «laurea» in Psychologie an den italienischen staatlichen Universitäten anerkannt, was die Zulassung zu den staatlichen Prüfungen ermöglicht, die notwendig sind, um in Italien den Beruf eines Psychologen auszuüben.
Die akademischen und theoretischen Aspekte der Ausbildung am Institut bekommen ein menschliches Gesicht, wenn die Studenten in ihre Arbeit im «Beratungszentrum» der Universität eingeführt werden, das vom Institut für Psychologie betreut wird. Dort sind ungefähr 125 Priester, Ordensleute und Laien an wöchentlichen «Kolloquien zum Wachstum der Berufung» (vocational growth sessions) beteiligt, die darauf ausgerichtet sind, nicht nur den Schwierigkeiten des Lebens zu begegnen, sondern das Wachstum und die Entwicklung sowohl des menschlichen als auch des spirituellen Bereichs zu fördern. Zur gleichen Zeit nehmen während eines akademischen Jahres weitere 250 Männer und Frauen an den «Persönlichkeitsgutachten» (personality assessments) des Zentrums teil, wodurch jedem einzelnen die Möglichkeit angeboten wird, seine Selbstkenntnis zu vertiefen. Das «Zentrum» wird von weither von Priesterseminarien, Ordenskongregationen und Säkularinstituten aus ganz Italien und darüber hinaus angefragt, um ihre Kandidaten vor dem Eintritt in ihre jeweiligen Ausbildungsgänge zu beurteilen.
Bis jetzt haben auch 16 Absolventinnen und Absolventen aus dem deutschsprachigen Raum dieses Institut besucht, davon 3 aus der Schweiz. Wer mehr über diese Ausbildung oder über ihre Anwendung wissen möchte, ist herzlich eingeladen, sich mit einem der Absolventen in Verbindung zu setzen:
Dr. Markus Thürig, Hauptstrasse 63, 4566 Kriegstetten (032-6756010); Martin Werlen OSB, Kloster Einsiedeln, 8840 Einsiedeln (055-4186555), Albert Schmucki OFM, Hofackerstrasse 19, 8032 Zürich (01-3816996).

Albert Schmucki


Anmerkungen

1 «Homo» bedeutet in dieser Wortzusammensetzung «gleich», nicht «Mann».

2 In Gegenüberstellung zu «heterosexuell» wird hier «homosexuell» anderen Begriffen wie «homophil», «homoerotisch» oder «schwul» vorgezogen.

3 Befragt wurden die Pfarrkapitel, die Kirchenpflegen, die Bezirkskirchenpflegen und die Theologische Fakultät Zürich. «Rund 75% der Antwortenden erachten aufgrund des heutigen Wissensstandes Homosexualität nicht mehr als krankhaft oder defizitär.» Ev.-ref. Landeskirche des Kantons Zürich, Antrag und Bericht des Kirchenrates an die Kirchensynode betreffend Stellungnahme der Kirche zur Frage der Homosexualität, Zürich, 7. April 1999, S. 6.

4 V. Koch-Burghardt, Identität und Intimität. Eine biographische Rekonstruktion männlich-homosexueller Handlungsstile, Berlin 1997, S. 15.

5 Zum Verständnis der Psychophysiologie homosexueller Praxis muss gesagt werden, dass «Praxis» keineswegs immer Analverkehr bedeutet, sondern zunächst den Austausch von Zärtlichkeiten und sehr häufig gegenseitiges Masturbieren. Das auf 111 Interviews basierende Buch von V. Koch (Anm. 4) gibt Hinweise zum Lebensstil Homosexueller.

6 Konflikte, die durch eine Form der Homosexualität entstehen, können zu Persönlichkeitsstörungen führen und die Betroffenen stark beeinträchtigen, z.B. Ängste und Hemmungen, Störungen der Selbstorganisation, spezifische Kontaktprobleme, Selbstüberschätzung, mangelnde Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer (Dissozialität) bis hin zur Benutzung anderer als Objekte ihrer Macht und ihrer sexuellen Begierde (Kontrasozialität).

7 Zur Problematik der «homosexuellen Veranlagung» vgl. den Abschnitt «Zur Frage nach der Disposition».

8 Man unterscheidet verschiedene Aspekte dieser Entwicklung: a) (Kern-) Geschlechtsidentität (d.i. die Selbstkategorisierung der eigenen Person als weiblich oder männlich); b) Geschlechtskonstanz (d.i. das Selbstbild als weiblich oder männlich mit entsprechenden expressiven Eigenschaften); c) Geschlechtsrolle (d.i. die Verhaltensweisen, die die Gesellschaft als adäquat für männlich bzw. weiblich zuschreibt); d) Geschlechtstypisierung (d.i. das Ausmass an Konformität zu den gesellschaftlich gegebenen Geschlechtsrollen); e) Geschlechtspartnerorientierung (d.i. die sexuelle Anziehung von und zu einer Person des anderen bzw. des gleichen Geschlechts).

9 Eine Übersicht findet sich bei U. Rauchfleisch, Schwule, Lesben, Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten, Göttingen 1994, S. 40­75. Roswith Roth kommt in ihrer Abhandlung zum Schluss: «Alle diese Untersuchungen und Spekulationen konnten keinen schlüssigen Nachweis von genetischen, hormonellen oder gehirnanatomischen Ursachen für die Entwicklung homosexueller oder lesbischer sexueller Orientierung erbringen.» R. Roth, Psychologische Forschungsaspekte der männlichen und weiblichen Homosexualität: Geschlecht vs. Geschlechtsrolle vs. sexuelle Orientierung, in: B. Hey, R. Pallier, R. Roth (Hrsg.), Que(e)rdenken. Weibliche/männliche Homosexualität und Wissenschaft, Innsbruck-Wien 1997, S. 77­104, hier S. 80.

10 Vgl. W. Mertens, Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität, Stuttgart, Bd. 1: 31997, Bd. 2: 21996.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999