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Lesejahr B |
David stammte aus einer verarmten Familie in Betlehem. Zusammen mit anderen
abgestürzten Existenzen diente er zunächst als Söldner für
die Philister, dann führte er ein Leben als Bandenführer in den
judäischen Bergen. Dort genoss er die Unterstützung des einfachen
Landvolkes und ihrer lokalen Priester. Man prophezeite ihm, dass er «Fürst»
(nagid) Israels werde und unterstützte ihn in einem Netzwerk, das sich
als äusserst tragfähig erwies. David wurde zunächst König
über die südlichen Stämme in Hebron. Dann eroberte er die
jebusitische Stadt Jerusalem, wobei es kaum zu grossen Kämpfen gekommen
sein dürfte. Er machte diese Stadt zum Zentrum seines Reiches, dem
sich nun auch die nördlichen Stämme Israels anschlossen. Auf der
religiös-symbolischen Ebene verschaffte David den neuen Verhältnissen
dadurch Nachdruck, dass er das traditionelle Stämmeheiligtum, die Bundeslade,
nach Jerusalem überführen liess, wobei er übrigens
praktisch nackt einen archaischen Tanz aufführte, der seiner
Frau Michal missfiel. Den Bau eines steinernen Tempels hielt David, der
an seinen traditionellen ländlichen Kultbräuchen festhielt, zur
Legitimation seiner Herrschaft nicht für nötig. Er liess sich
vom Propheten Natan die Rechtmässigkeit seiner Herrschaft bestätigen.
Natans Orakel liegt vielleicht in 2 Sam 7,11b vor. Es lautete schlicht und
unmissverständlich: «JHWH lässt dir ausrichten: Ja, ein
Haus (bait im Sinne von Dynastie; vgl. SKZ 44/1999) macht dir JHWH.»
Das alles ist so originell, so atypisch, ja skandalös für die
Biographie eines altorientalischen Königs, dass es keine Gründe
gibt, an der Echtheit dieser Überlieferungen zu zweifeln. Erst Salomo,
der Sohn Davids und der Jerusalemerin Batscheba, benahm sich wie ein «anständiger»
König. Er hielt sich an die höfische, in Jerusalem wohl seit Jahrhunderten
gepflegte, Etikette eines altorientalischen Stadtkönigs, indem er für
den Schutzgott der durch seinen Vater begründeten Dynastie einen Tempel
erbauen liess. Genauer gesagt: Er funktionierte das Jerusalemer Sonnenheiligtum
in ein JHWH-Heiligtum um.
Die Hofschreiber sahen sich hiermit vor das Problem gestellt, Davids unorthodoxes
Verhalten in den Augen der Stadtbevölkerung einleuchtend zu rechtfertigen.
Sie taten es, indem sie ihr eigenes Problem dem verstorbenen König
in den Mund legten: «Siehe doch, ich selber wohne in einem Haus aus
Zedernholz, die Gotteslade aber wohnt unter Zeltdecken.» Mit ihrer
Darstellung der folgenden Weissagung Nathans schlagen sie gleich mehrere
Fliegen mit einer Klappe: 1. Es entsteht der Eindruck, dass bereits David
JHWH ein Haus bauen wollte, dass er also nach den Massstäben der Stadtbevölkerung
ein frommer König war, dessen Name in der Dynastie zu tragen keine
Schande ist. 2. In einem kurzen Geschichtsrückblick wird die Theologie
des «Gottes-mit-uns» entwickelt. JHWH war immer bei seinem Volk
Israel. Das Zelt war demzufolge, bis er seinem Volk Ruhe verschafft hatte,
die einzige ihm angemessene Wohnung (7,67.911b). Gleichzeitig
wird mit der Betonung des Motivs vom «Ruhe verschaffen» (7,1.11)
das Terrain für ein steinernes JHWH-Haus vorbereitet. 3. David war
als Fürst (nagid) der von Gott berufene, rechtmässige Hirte Israels
(7,11a; vgl. SKZ 45/1999). 4. Ein leiblicher Sohn Davids (gemeint ist Salomo)
wird als König bestätigt werden. 5. Er wird JHWH ein Haus (bait
im Sinne von Palast/Tempel) bauen (7,1213). Die Tatsache, dass nach
Davids Tod die zadokidische Priesterschaft Jerusalems und die Jerusalemerin
Batscheba ihre Interessen durchsetzten und den traditionellen ländlichen
JHWH-Kult im Zelt in einen städtischen Tempelkult transformierten,
wird in Getalt einer Prophezeiung legitimiert. 5. Das Haus Davids wird für
ewige Zeiten (lö'olam) verheissen.
Mit der Eroberung Jerusalems (587 v. Chr.) endete die Herrschaft der Davididen. Natans Verheissung eines Hauses, das ewigen Bestand haben wird, wirkte jedoch weiter. Die Propheten Haggai und Sacharja glaubten in Serubbabel, einem Enkel des zweitletzten judäischen Königs und Regierungskommissar des persischen Königs Darius in Jerusalem (520/18 v.Chr.), den Erneuerer des Königtums vor sich zu sehen. Es kam aber nicht dazu. Das wirtschaftlich gebeutelte, politisch unterdrückte und religiös frustrierte Volk der Heimgekehrten auf dem Zion hoffte schliesslich auf einen endzeitlichen Erlöser davidischer Abstammung. Hoffnungen dieser Art bringt etwa der Jakobssegen über Juda (Gen 49,812) zum Ausdruck. Die Gestalt des Messias wurde zum Katalysator politischer Konzepte (Jes 8,239,6; vgl. SKZ 51/1998) und endzeitlicher Friedensutopien (Jes 1,16; vgl. SKZ 48/1998). Man erwartete den Messias aus Betlehem, wo schon David aufgewachsen war (Mi 5,1; vgl. SKZ 50/1997). Jesus von Nazareth war eine von vielen Gestalten, in welchen die Zeitgenossen den Sohn Davids (vgl. Lk 1,32) und die Offenbarung eines lange verborgenen Geheimnisses (Röm 16,25) sahen. Überall dort, wo Menschen im Vertrauen auf die Herrschaftsweise Christi ihre Fesseln sprengen, bricht heute noch seine Herrschaft an.
Davids Erfolg gründete nicht im Bau eines Tempels, sondern in der sorgfältigen Pflege eines Beziehungsnetzes und in seinem Respekt gegenüber traditionellen Sitten und Gebräuchen. In einer Welt, die im Banne steht von Firmengründungen und -fusionen, mag diese Haltung lächerlich scheinen. Doch im Hinblick auf ein noch zu gründendes «Haus der Menschlichkeit» könnte sich seine Methode auch künftig als ein Erfolgsrezept erweisen.
«Haus des xy» ist eine vom 11. bis 7. Jh. v. Chr. besonders in assyrischen Quellen häufig belegte Bezeichnung von stammesmässig organisierten Staaten, die sich um die Grossfamilie eines Dynastiebegründers formierten. Der Staat der von Samaria aus regierenden Omriden war den Assyrern nicht als Israel, sondern als «Haus Omris» bekannt. Der Prophet Amos (8. Jh. v. Chr.) kennt ein «Haus Hasaels» und ein «Haus Eden» (Am 1,4f.). Nur allmählich entwickelten sich aus den Stammesverbänden Flächenstaaten. So wurde aus dem «Haus Omris» Israel, aus dem «Haus Meschas» Moab, aus dem «Haus Esaus» Edom, aus dem «Haus Ismaels» Arabien bzw. das Nabatäerreich und aus dem «Haus Davids» Juda. 1993 wurde in den Trümmern der biblischen Stadt Dan ein altaramäisch beschriftetes Fragment einer Prunkinschrift gefunden, auf dem unter anderem von einem «[...]jahu, Sohn des [... König des?] Hauses Davids (BYTDWD)» die Rede ist. Auch auf einer Monumentalinschrift des moabitischen Königs Mescha ist vom «Haus Davids» die Rede. Das sind die einzigen ausserbiblischen Belege für jene Dynastie, deren weite Perspektiven in gewisser Weise die ganze Welt verändert haben.