49/1999

INHALT

Lesejahr B

Die längste Dynastie der Welt

Thomas Staubli zu 2 Sam 7,1-17

 

Bibel: Natans Weissagung

David stammte aus einer verarmten Familie in Betlehem. Zusammen mit anderen abgestürzten Existenzen diente er zunächst als Söldner für die Philister, dann führte er ein Leben als Bandenführer in den judäischen Bergen. Dort genoss er die Unterstützung des einfachen Landvolkes und ihrer lokalen Priester. Man prophezeite ihm, dass er «Fürst» (nagid) Israels werde und unterstützte ihn in einem Netzwerk, das sich als äusserst tragfähig erwies. David wurde zunächst König über die südlichen Stämme in Hebron. Dann eroberte er die jebusitische Stadt Jerusalem, wobei es kaum zu grossen Kämpfen gekommen sein dürfte. Er machte diese Stadt zum Zentrum seines Reiches, dem sich nun auch die nördlichen Stämme Israels anschlossen. Auf der religiös-symbolischen Ebene verschaffte David den neuen Verhältnissen dadurch Nachdruck, dass er das traditionelle Stämmeheiligtum, die Bundeslade, nach Jerusalem überführen liess, wobei er übrigens ­ praktisch nackt ­ einen archaischen Tanz aufführte, der seiner Frau Michal missfiel. Den Bau eines steinernen Tempels hielt David, der an seinen traditionellen ländlichen Kultbräuchen festhielt, zur Legitimation seiner Herrschaft nicht für nötig. Er liess sich vom Propheten Natan die Rechtmässigkeit seiner Herrschaft bestätigen. Natans Orakel liegt vielleicht in 2 Sam 7,11b vor. Es lautete schlicht und unmissverständlich: «JHWH lässt dir ausrichten: Ja, ein Haus (bait im Sinne von Dynastie; vgl. SKZ 44/1999) macht dir JHWH.» Das alles ist so originell, so atypisch, ja skandalös für die Biographie eines altorientalischen Königs, dass es keine Gründe gibt, an der Echtheit dieser Überlieferungen zu zweifeln. Erst Salomo, der Sohn Davids und der Jerusalemerin Batscheba, benahm sich wie ein «anständiger» König. Er hielt sich an die höfische, in Jerusalem wohl seit Jahrhunderten gepflegte, Etikette eines altorientalischen Stadtkönigs, indem er für den Schutzgott der durch seinen Vater begründeten Dynastie einen Tempel erbauen liess. Genauer gesagt: Er funktionierte das Jerusalemer Sonnenheiligtum in ein JHWH-Heiligtum um.
Die Hofschreiber sahen sich hiermit vor das Problem gestellt, Davids unorthodoxes Verhalten in den Augen der Stadtbevölkerung einleuchtend zu rechtfertigen. Sie taten es, indem sie ihr eigenes Problem dem verstorbenen König in den Mund legten: «Siehe doch, ich selber wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Gotteslade aber wohnt unter Zeltdecken.» Mit ihrer Darstellung der folgenden Weissagung Nathans schlagen sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: 1. Es entsteht der Eindruck, dass bereits David JHWH ein Haus bauen wollte, dass er also nach den Massstäben der Stadtbevölkerung ein frommer König war, dessen Name in der Dynastie zu tragen keine Schande ist. 2. In einem kurzen Geschichtsrückblick wird die Theologie des «Gottes-mit-uns» entwickelt. JHWH war immer bei seinem Volk Israel. Das Zelt war demzufolge, bis er seinem Volk Ruhe verschafft hatte, die einzige ihm angemessene Wohnung (7,6­7.9­11b). Gleichzeitig wird mit der Betonung des Motivs vom «Ruhe verschaffen» (7,1.11) das Terrain für ein steinernes JHWH-Haus vorbereitet. 3. David war als Fürst (nagid) der von Gott berufene, rechtmässige Hirte Israels (7,11a; vgl. SKZ 45/1999). 4. Ein leiblicher Sohn Davids (gemeint ist Salomo) wird als König bestätigt werden. 5. Er wird JHWH ein Haus (bait im Sinne von Palast/Tempel) bauen (7,12­13). Die Tatsache, dass nach Davids Tod die zadokidische Priesterschaft Jerusalems und die Jerusalemerin Batscheba ihre Interessen durchsetzten und den traditionellen ländlichen JHWH-Kult im Zelt in einen städtischen Tempelkult transformierten, wird in Getalt einer Prophezeiung legitimiert. 5. Das Haus Davids wird für ewige Zeiten (lö'olam) verheissen.

Kirche: Einer aus dem Haus Davids

Mit der Eroberung Jerusalems (587 v. Chr.) endete die Herrschaft der Davididen. Natans Verheissung eines Hauses, das ewigen Bestand haben wird, wirkte jedoch weiter. Die Propheten Haggai und Sacharja glaubten in Serubbabel, einem Enkel des zweitletzten judäischen Königs und Regierungskommissar des persischen Königs Darius in Jerusalem (520/18 v.Chr.), den Erneuerer des Königtums vor sich zu sehen. Es kam aber nicht dazu. Das wirtschaftlich gebeutelte, politisch unterdrückte und religiös frustrierte Volk der Heimgekehrten auf dem Zion hoffte schliesslich auf einen endzeitlichen Erlöser davidischer Abstammung. Hoffnungen dieser Art bringt etwa der Jakobssegen über Juda (Gen 49,8­12) zum Ausdruck. Die Gestalt des Messias wurde zum Katalysator politischer Konzepte (Jes 8,23­9,6; vgl. SKZ 51/1998) und endzeitlicher Friedensutopien (Jes 1,1­6; vgl. SKZ 48/1998). Man erwartete den Messias aus Betlehem, wo schon David aufgewachsen war (Mi 5,1; vgl. SKZ 50/1997). Jesus von Nazareth war eine von vielen Gestalten, in welchen die Zeitgenossen den Sohn Davids (vgl. Lk 1,32) und die Offenbarung eines lange verborgenen Geheimnisses (Röm 16,25) sahen. Überall dort, wo Menschen im Vertrauen auf die Herrschaftsweise Christi ihre Fesseln sprengen, bricht heute noch seine Herrschaft an.

Welt: Das «Haus der Menschlichkeit»

Davids Erfolg gründete nicht im Bau eines Tempels, sondern in der sorgfältigen Pflege eines Beziehungsnetzes und in seinem Respekt gegenüber traditionellen Sitten und Gebräuchen. In einer Welt, die im Banne steht von Firmengründungen und -fusionen, mag diese Haltung lächerlich scheinen. Doch im Hinblick auf ein noch zu gründendes «Haus der Menschlichkeit» könnte sich seine Methode auch künftig als ein Erfolgsrezept erweisen.


Haus Davids (bait Dawid)

«Haus des xy» ist eine vom 11. bis 7. Jh. v. Chr. besonders in assyrischen Quellen häufig belegte Bezeichnung von stammesmässig organisierten Staaten, die sich um die Grossfamilie eines Dynastiebegründers formierten. Der Staat der von Samaria aus regierenden Omriden war den Assyrern nicht als Israel, sondern als «Haus Omris» bekannt. Der Prophet Amos (8. Jh. v. Chr.) kennt ein «Haus Hasaels» und ein «Haus Eden» (Am 1,4f.). Nur allmählich entwickelten sich aus den Stammesverbänden Flächenstaaten. So wurde aus dem «Haus Omris» Israel, aus dem «Haus Meschas» Moab, aus dem «Haus Esaus» Edom, aus dem «Haus Ismaels» Arabien bzw. das Nabatäerreich und aus dem «Haus Davids» Juda. 1993 wurde in den Trümmern der biblischen Stadt Dan ein altaramäisch beschriftetes Fragment einer Prunkinschrift gefunden, auf dem unter anderem von einem «[...]jahu, Sohn des [... König des?] Hauses Davids (BYTDWD)» die Rede ist. Auch auf einer Monumentalinschrift des moabitischen Königs Mescha ist vom «Haus Davids» die Rede. Das sind die einzigen ausserbiblischen Belege für jene Dynastie, deren weite Perspektiven in gewisser Weise die ganze Welt verändert haben.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999