48/1999 | |
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Lesejahr B |
Das erst seit dem 8. Dezember 1854 geltende Dogma von der Unbefleckten Empfängnis gehört für viele Katholikinnen und Katholiken zu den am schwersten verständlichen. Nach heute verbreiteter Sicht widerspricht es nicht nur der menschlichen Biologie, sondern verletzt auch menschliches Empfinden, das nicht bereit ist, die körperliche Vereinigung sich Liebender im Zeugungsakt mit Sündhaftigkeit in Verbindung zu bringen. Umso mehr erstaunt der folgende Satz aus dem befreiungstheologischen Werk von Ivone Gebara und Maria C. Lucchetti Bingemer (s. Lit.): «Die Körperlichkeit der Frau, die das Buch Genesis zur Ursache für die Erbsünde macht womit sie dem weiblichen Geschlecht einen nur schwer zu ertragenden Makel und eine drückende Last aufbürdet , ist durch das Evangelium und das Lehramt der Kirche rehabilitiert.» Die beiden Frauen die eine Nonne, die andere Mutter dreier Kinder sehen in Maria die Tochter Zions, die Inkarnation des jüdischen Volkes, in dessen Mitte das Neue heranwächst, das sich im Messias Jesus offenbart. Die Kirche, das neue Volk Gottes, erkenne in ihr, der von der Gnade Gottes durchdrungenen, armen Frau, die leibhaftige Verankerung des göttlichen Projektes für die Menschen, das in dem von ihrem Sohn Jesus verkündigten Reich Gottes allmählich Gestalt annehme. Die beiden Theologinnen verstehen Maria aber nicht nur als konkrete Gestalt, sondern als ein umfassendes Symbol, wenn sie sagen: «Im Körper und in der Person einer Frau kann die Menschheit ihre Berufung und ihre Bestimmung erkennen, die zu einem guten Ende führen.» Problematisch an ihrem Entwurf ist, dass er, wie schon die älteren Theologien der Kirchenväter, auf der Folie einer dunkel gefärbten Genesis gezeichnet wird, in der angeblich dem weiblichen Geschlecht die Erbschuld aufgebürdet werde. Das steht aber nicht in der Genesis, sondern entspricht ihrer frauenfeindlichen Auslegung durch jüdische (z.B. Sir 25,24) und christliche (besonders die Kirchenväter des Westens) Gelehrte. Ein nicht von dieser Tradition verstellter Blick in die Lesung aus der Genesis offenbart uns ein sehr viel differenzierteres Verständnis der so genannten «Ursprungssünde» (peccatum originale).
Die Verletzung des göttlichen Tabus, Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, bescherte dem ersten Menschenpaar zunächst die Entdeckung der Scham (vgl. SKZ 6/1999). Nach der Erzählung des Vergehens (Gen 3,17) folgt nun ein Geschehen, das den Charakter eines Rechtsverfahrens trägt, welches den Menschen ihre Schuld, die ihnen bisher nicht bewusst war, allmählich vor Augen führt: Verstecken und Entdeckung (3,810), Vernehmung und Verteidigung (3,1113), Strafsprüche (3,1419). Die unglaublich behutsame Art und Weise, mit der die Bewusstseinsdämmerung poetisch eingefangen wird, ist bewegend. Die Geräusche (qol), die Gott auf seinem Spaziergang durchs Paradies verursacht, rufen den Menschen erneut ihre Nacktheit in Erinnerung. Sie verstecken sich. Zur Scham kommt nun noch die Angst, die Adam zum Ausdruck bringt, wenn er sein Verstecken begründet mit «ich fürchtete mich» ('ira'). Damit wird das grundlegende, angemessene Verhältnis zwischen Mensch und Gott, die Gottesfurcht, narrativ begründet. Darüber hinaus können wir darin aber auch eine tiefe psychologische Einsicht finden, die besonders Kirkegaard (und ihm folgend Eugen Drewermann) zum Angelpunkt seines Denkens machte: Die Angst geht der Schuld voraus und ist nicht ihre Folge. Erst die Frage Gottes nach der Verbotsübertretung macht den Menschen ihre Schuld bewusst. Durch ihre Verteidigungsreden versuchen sie, die Last ihrer Schuld auf andere abzuschieben, was aber nur zur Folge hat, dass alle Inkriminierten einen Teil der Strafe zu tragen haben. Es fällt auf, dass die Schlange nicht weiter befragt wird. Der Ursprung des Bösen bleibt damit im Dunkeln. Die Strafen sind eigentlich Verfluchungen und als solche im Munde Gottes singulär. Dabei ist zu beachten, dass weder Frau, noch Mann, wohl aber die Schlange und der Ackerboden ausdrücklich verflucht werden. Der Fluch über die Schlange ist zugleich eine Erklärung ihrer merkwürdigen Fortbewegungs- und ihrer vermeintlichen Ernährungsweise. Der zweite Teil des Fluches, betrifft die andauernde Feindschaft ('ivah) zwischen dem Samen (sar'a, Nachkommen) der Schlange und dem Samen (sar'a, Nachkommen) der Frau. Ein Wortspiel bekräftigt die Aussage: «Er zertritt (schof) dir den Kopf und du schnappst (sch'of) ihm nach der Ferse.» Seit Irenäus von Lyon deutet die kirchliche Tradition, frühjüdischen Auslegungen folgend, diesen zweiten Teil des Fluches auf den Messias bzw. Marias Sohn, der die Gewalt des Bösen besiegt (so genanntes Protoevangelium). Exegetisch ist diese Auslegung, die innerhalb der Liturgie die Mariologie mit der adventlichen Erwartung des Messias verbindet, unhaltbar, da 1. das Wort Same sich nicht auf eine bestimmte Person beziehen lässt, sondern parallel zur Nachkommenschaft der Schlange steht, und da 2. die Schlange nicht dämonisiert wird, sondern als ein normales Tier, das sich fortpflanzt, betrachtet wird. Der Strafspruch an die Frau ist kurz, aber inhaltsschwer. Er erklärt nicht bloss die Mühen und Lebensgefahren von Schwangerschaft und Geburt (ein grosser Teil der Frauen ist im Kindbett gestorben; vgl. Gen 35,1620), sondern legitimiert auch noch die patriarchale Gesellschaftsordnung, die offenbar wie die anderen Strafelemente als unabänderliche Gegebenheit betrachtet wurde. Die grösste Emphase liegt aber auf der Verfluchung des Ackerbodens (adamah), wobei man sich hier die speziell schwierige Situation palästinischer Bergbauern vor Augen halten muss (vgl. Kasten). Gleichzeitig schliesst diese Verfluchung den Bogen zum Anfang der jahwistischen Schöpfungsgeschichte, die mit der Formung des ersten Menschen aus Ackererde begonnen hatte (2,7).
Die Menschen investieren viel Energie in die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Sie erfinden Maschinen, züchten ertragreiche Pflanzen, entwickeln Medikamente. Jenseits von Eden suchen sie den Weg zurück ins Paradies. Dort wo es gelingt, diesen Weg zu gehen, ohne Opfer zu produzieren, feiern wir den Anbruch des Reiches Gottes.
Literaturhinweis: I. Gebara, M.C. Lucchetti Bingemer, Maria, Mutter Gottes und Mutter der Armen (BThB), Düsseldorf 1988.
In Palästina gibt es keine Tiefebenen mit Strömen, deren Wasser in Kanäle gelenkt werden kann und deren schlammreiches Hochwasser alljährlich die Felder düngt, wie das in Mesopotamien und besonders in Ägypten bis zum Bau der modernen Staudämme der Fall war. Der traditionelle Ackerbau ist hier ein hochriskantes Unterfangen, abhängig von der Intensität der Winterregen. Fällt zu wenig Regen, vertrocknet das Saatgut, fällt zu viel, reisst die Erosion das Erdreich fortund wenn etwas wächst, dann wächst auch das Unkraut und die Frucht muss vor Dieben und wilden Tieren geschützt werden. Roden, Räumen, Hacken, Pflügen (SKZ 25/1998), Säen, Jäten, Ernten, Mauern und Terrassen bauen hielten den Bauern das ganze Jahr hindurch in Atem, so dass man den Acker des Fleissigen leicht von dem des Faulen unterscheiden konnte (vgl. Spr 24,3034).