46/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
Nach Auschwitz wurde Gott von vielen Gläubigen für tot erklärt. Vor dreissig Jahren (vgl. Lit.) hat Dorothee Sölle eine Lanze gebrochen für Menschen, die das dunkle oder verborgene Antlitz Gottes nicht beschönigten, sondern anklagten. Damals haben sich solche Menschen Atheisten genannt. Im Grunde aber vertraten sie eine Position, die alte christliche und mehr noch jüdische Wurzeln hat. Die in den Augen der Römer und Griechen pietätlosen Gottesbeschimpfungen in ihren Gebeten haben Juden und Christen schon vor fast zweitausend Jahren den Vorwurf des Atheismus eingebracht. Sie stehen noch heute in der Bibel.
Die sonntägliche Lesung ist ein Ausschnitt aus einem Psalm. Dieser
Psalm, «wohl der gewaltigste Volksklagepsalm in der Bibel» (Claus
Westermann), sollte wenn möglich ganz gelesen werden. Westermanns Urteil
hängt mit der schonungslosen Sprache dieses Gebetes zusammen, das
wie einige Klagen Ijobs «starke und vitale Argumente des Atheismus»
vorausnimmt. Dadurch, dass dies im Rahmen eines Gebetes geschieht, werden
die Aussagen noch dramatischer und berührender: Hoffnung wider alle
Vernunft und Treue trotz aller Verlassenheit machen das Gebet zu einer Beschwörung,
der sich der deus absconditus nicht länger zu entziehen vermag. Ähnlich
wie durch die Vorwürfe Ijobs, fühlt sich auch im Werk Tritojesajas
Gott durch diese Klage herausgefordert zu einer Antwort, die den Klagenden
allerdings nichts schuldig bleibt: «Ich wäre zu erreichen gewesen
für die, die nicht nach mir fragten, ich wäre zu finden gewesen
für die, die nicht nach mir suchten» (65,1).
In einem ersten Teil (63,764,14) werden wie in anderen Psalmen (Pss
63; 78; 89) die ruhmreichen Taten JHWHs gepriesen. Nicht ein Führer
oder ein Engel (LXX: presbys ude angelos), nein, JHWH selbst trug sein Volk
und erlöste es so mit Liebe und Barmherzigkeit aus vielen Nöten.
Diesem väterlich-mütterlichen Bild folgt noch das des Hirten,
der sein Volk durch Meer und Steppe hindurch in ein fruchtbares Tal führt.
Auffällig ist, dass parallel dazu zweimal (63,10.14) vom Geist bzw.
heiligen Geist JHWHs die Rede ist (sonst nur noch Ps 51,13; vgl. SKZ 35/1998).
Das Bemühen, Gottes ständige Gegenwart und Fürsorge herauszustreichen,
ist unübersehbar. Gerade das wird aber im zweiten Teil (64,1519a),
der eigentlichen Klage, massiv in Frage gestellt. Hier ist der Ton bald
sarkastisch: Der einstige Helfer scheint sich wohl aufs Altenteil in seinen
bequemen Himmelspalast zurückgezogen zu haben; bald flehend: Abraham
und Israel sind keine verlässlichen Väter, du bist der einzige
Vater, den wir haben, der den Namen «Unser Erlöser von jeher»
(go'alenu me'olam) verdient; und schliesslich (nach dem kaum noch übersetzbaren
Vers 63,18 EÜ bietet nur eine vermutete Rekonstruktion an) desillusioniert
und verzweifelt: Unserem Zustand nach zu urteilen gibt es dich, auf den
wir unser ganzes Vertrauen setzen, gar nicht. Im dritten Teil des Psalmes
(63,19b64,4a) wird JHWHs Erscheinen auf Erden erfleht. Es reicht nicht,
dass Gott aus seinem Himmelspalast herunterschaut. Wenn er kein Zyniker
ist, muss er vielmehr die Grenze zwischen Himmel und Erde aufheben und sich
als furchtgebietender Held an der Seite derer erweisen, die Gutes tun und
auf ihn hoffen. Dies umso mehr, als der Tempel als Ort, wo Himmel und Erde
sich begegnen, für die Judäer/Judäerinnen nicht mehr existierte:
«Reiss doch den Himmel auf und komm herab!» Zwar wird schon
Jes 57,15 versichert, dass Gott nicht nur im Himmel wohnt, sondern auch
an der Seite der Bedrückten weilt. Doch in einer Zeit, wo Himmel und
Gott austauschbare Worte waren (vgl. Kasten), war das alles andere als selbstverständlich.
Es folgt im vierten Teil (64,4b6) ein kurzes Sündenbekenntnis
mit dem bemerkenswerten Vergleich «unsere Gerechtigkeit ist wie ein
schmutziges Kleid» (zur Gerechtigkeit als prächtiger Mantel vgl.
Bar 5,2; SKZ 48/1997). Zum Schluss (64,711) werden alle zentralen Argumente
für ein Eingreifen Gottes nochmals markant auf den Punkt gebracht.
Es wird an die Schöpfer- bzw. Regenerationskraft JHWHs im Bilde des
Töpfers erinnert, der alles, was existiert, getöpfert hat. Es
wird an die besondere Beziehung zwischen JHWH und seinem Volk erinnert,
die gegen einen ewigen Zorn Gottes spricht. Schliesslich wird daran erinnert,
dass alles das, was dem Volk lieb war, insbesondere der Tempel, Ort des
Gotteslobes, in Trümmern liegt. «Wie kannst du dich bei all dem
zurückhalten JHWH, schweigen und uns demütigen bis zum Gehtnichtmehr?»
Das bekannte Adventslied greift den Lesungstext auf und verbindet ihn mit dem christlichen Messiasverständnis. Die Epiphanie Gottes auf Erden wurde zur Zeit Jesu und wohl auch von ihm selbst in apokalyptischen Bildern geschildert, wie sie im Evangelium vorgetragen werden (Mk 13,2437). Dazu gehörte der Zusammenbruch des alten Himmels und das Erscheinen des Menschensohnes, der die Seinen retten wird.
Literaturhinweis: Dorothee Sölle, Atheistisch an Gott glauben, Olten 1969.
Ein physikalisches Himmelsbild lässt sich aus den biblischen Angaben über den Himmel entgegen derartiger Versuche in der Neuzeit nicht rekonstruieren. Er kann mit einem befestigten (runden) Gewölbe (Gen 1,68; Spr 8,27; Ijob 26,10), einer ausgespannten (flachen) Zeltplane (Ps 104,2; Jes 40,22; 51,13.16; Jer 10,12; Sach 12,1) oder einer durch Schleusen gesicherten Wassermasse (Gen 7,11; 2 Kön 7,2.19; Mal 3,10) umschrieben, mit einer Buchrolle (Jes 34,4) oder einem Kleid (Ps 102,26f.) verglichen und als Wohnung Gottes (Dtn 26,15; 2 Chr 30,27; Ps 11,4; Jer 25,30) bezeichnet werden. Der Himmel wird demnach wie überall im Alten Orient unter verschiedenen Aspekten erfasst, die im Bild bisweilen kombiniert werden. Auf einem assyrischen Rollsiegel des 9. Jh. v. Chr. (vgl. Bild) wird der Himmel durch ausgebreitete Vogelschwingen charakterisiert, aber auch anthropomorph durch einen gekrönten, bärtigen Kopf, der vom Sonnen- und dem Mondgott, ebenfalls in menschengestaltiger Form, flankiert wird. Um die Festigkeit des Himmels hervorzuheben, wird er von zwei Skorpionmenschen gestützt, während zwei weitere Gestalten diese bewundernswerte Konstruktion verehren. Die Vorstellung, dass JHWH im Gegensatz zu den Menschen vom Himmel aus spricht und handelt, ist weit verbreitet. Wohl unter Einfluss persischer Gottesdarstellungen bürgert sich der Titel «Gott des Himmels» für JHWH ein (2 Chr 36,23; Esra 5,12; 6,9f. usw.). In griechischer Zeit kann «Himmel» ein Metonym für Gott werden, was sich auch in der Übersetzungspraxis der Septuaginta niederschlägt. Besonders in neutestamentlichen und apokryphen Schriften werden mehrere Himmel vorausgesetzt (z.B. 2 Kor 12,2). Andererseits findet sich in der Bibel auch die Auffassung, dass nicht einmal der Himmel in der Lage ist, Gott in seiner ganzen Grösse zu fassen (1 Kön 8,27).