45/1999 | |
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Lesejahr A |
Die SVP hat die Wahlen 1999 vor allem deshalb gewonnen, weil sie es verstand, sich zur Beschützerin der Schweiz, ihrer Bewohner/Bewohnerinnen, Traditionen und Werte zu stilisieren, weil ein Christoph Blocher ständig lauthals vorgibt zu wissen, wo es lang geht und was für die Herde gut ist. Der böse Feind, der bekämpft werden muss, ist für ihn der Solidarität fordernde Sozialstaat, der die Leistungswilligen ausnütze und für dumm verkaufe. Das sagt ein Mann, der zu jenen obersten 3 Prozent unseres Landes gehört, die gleichviel Vermögen besitzen wie die restlichen 97 Prozent, dessen Vermögen seit 1993 jährlich um 200 Mio. Franken wächst, dessen steuerpflichtiges Einkommen aber immer nur etwa 1 Mio. Franken beträgt, der also weniger als 1 Prozent seines Einkommens versteuert und dessen Partei es im Kanton Zürich durchgesetzt hat, dass er seine Steuerdaten fortan sperren lassen kann. Er sagt es zu 250000 Working poor in unserem Land, die 100 Prozent arbeiten für einen Lohn, der ihre Existenz nicht sichert keine Folge des (nicht existierenden) Sozialstaates, sondern der neokonservativen Politik (vgl. Lit.). Fragwürdiges Führertum dieser Art wird in der Sonntagslesung von verschiedenen Seiten durchleuchtet.
Das Thema von Ez 34 ist die (un)gerechte Herrschaft. Dargelegt wird es unter Auslotung verschiedenster Aspekte der im Alten Orient tief verwurzelten Hirtenmetaphorik (vgl. Kasten). Die einzelnen Teile und Sentenzen stammen nicht aus einer Hand und sind wohl über einen längeren Zeitraum hinweg gesammelt und ineinander verzahnt worden. Den historischen Hintergrund bildet die Herrschaft der Neubabylonier und ihrer Klientelfürsten über den Vorderen Orient. In 34,116 geht es um das Verhältnis zwischen Hirten und Herde. Die Hirten müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, sich selber geweidet zu haben, während sie die Herde den wilden Tieren preisgaben. JHWH selber präsentiert sich demgegenüber als Hirte, der die versprengte Herde (das Volk Israel) zurückführt auf gute Weide, nämlich die hohen Berge Israels. In 34,1722 geht es um das Verhältnis unter den Tieren. JHWH ersetzt nicht bloss die ungerechten Herrscher, sondern schafft auch Recht unter den Untertanen, die sich gegenseitig ausbeuten. Damit haben wir im Buch Ezechiel den Entwurf einer theokratischen, akephalen und egalitären Volksutopie, die durch Anwendung göttlichen Rechts verwirklicht werden soll.
Während Könige und Bischöfe zum Teil bis heute den Titel des Hirten und sein wichtigstes Attribut, den Stab, beanspruchen, war und ist der Hirtenberuf nicht angesehen, und nicht selten sind es Frauen, die den Job ausüben (vgl. schon Rahel in Gen 29,7). Unter Kaiser Diokletian verdiente ein Hirte 20 Denare, weniger als den für Landarbeiter vorgeschriebenen Mindesttaglohn von 25 Denaren. Die Verkündigung der Geburt des Messias an richtige Hirten auf den Feldern bei Betlehem ist daher als materialistische Kritik des Evangelisten Lukas an der im römischen Palästina herrschenden Königs- und Kaiserideologie zu werten. Diese Randfiguren wurden zu den ersten Aposteln/Apostelinnen des Friedenskönigs in der Futterkrippe. Der Hirtentitel wird damit wieder jenen zurückgegeben, die ihn aufgrund ihrer Arbeit im Schweisse des Angesichts, in der Einfalt ihres Herzens und mit einem Leben in Bescheidenheit verdient haben.
Literaturhinweis: Willy Spieler, Zeichen der Zeit: «Weniger Solidarität»?: Neue Wege 93 (1999) 300302.
Die Bezeichnung «Hirte» ist wohl der älteste und wichtigste Königstitel des Alten Orients, der schon in den frühesten mesopotamischen Königslisten gebraucht wird: «Gott Dumuzi, der Hirt, regierte 36000 Jahre. Etana (vgl. SKZ 18/1999), der Hirt, der zum Himmel emporstieg, der die Länder festigte, war König, 1560 Jahre regierte er [...] Der göttliche Lugalbanda, der Hirt, regierte 1200 Jahre.» Im Prolog zur berühmten Gesetzesstele des Hammurapi preist sich der Herrscher zweimal als Hirte: «Der von Enlil (Gott des Himmels und der Erde) berufene Hirte [...] Der Hirte der Leute, dessen Taten der Ischtar (Göttin der Liebe und des Krieges) gefallen.» David, der sich aus ärmsten Verhältnissen als Guerilla-Krieger und Söldner in philistäischen Diensten zum Herrscher über Juda und weitere Gebiete mauserte (1 Sam 22ff.), wurde nachträglich mit einer Biographie ausgestattet, die ihn als fähigen Hirten charakterisiert (1 Sam 16f.). Ähnliches gilt auch für Mose (Ex 3,1). Hinter diesem Sprachgebrauch steht die Realität, dass Besitzer grosser Herden mächtige Männer waren, die andere für sich arbeiten lassen konnten (z.B. Nabal in 1 Sam 25). Umgekehrt werden Könige als Schafzüchter genannt (z.B. Mescha in 2 Kön 3,4). Gleichzeitig wird mit dem Titel ein Regierungsprogramm zum Ausdruck gebracht: Der König ist wie der Hirte einerseits Beschützer seiner Herde, aber auch ihr Besitzer. Er lenkt sie, wohin er will und macht sie sich zu Nutze. Besonders, wenn von unterworfenen Rebellen oder Feinden die Rede ist, kann der Tieraspekt der Untergebenen mitunter drastisch herausgestrichen werden: «Dunamu, den Sohn des Beliqischa, den Gambuläer, der meiner Majestät den Dienst versagte, auf der Schlachtbank schlachtete ich ihn wie ein Lamm und zerstückelte seine Glieder.» Die Subversivität des Titels «Lamm Gottes» (Joh 1,29.36) für Jesus Christus, den «König der Könige» (Offb 17,14), wird auf diesem Hintergrund besonders deutlich (vgl. SKZ 2223/1998). Das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wurde, ist in paradoxer Weise zugleich der wahre Hirte, der seine Schafe kennt, die ihrerseits ihn kennen, den Guten Hirten, der sein Leben einsetzt, wenn der Wolf sie bedroht (Joh 10,130). Während auf vorhellenistischen Hirtendarstellungen gerade diese dynamisch-beschützende Hirtenrolle hervorgehoben wird, finden sich in der christlichen Ikonographie fast nur bukolisch-idyllische Darstellungen des Guten Hirten, die besonders auf Sarkophagen auf die Friedensherrschaft im Reich Gottes hinweisen.