44/1999

INHALT

Lesejahr A

Eine ökonomische Alphabetisierung

Thomas Staubli zu Spr 31,10-31

 

Kirche: Zensur im Dienst am Männerbund

Das Konzil verlangte in der Glaubenskonstitution über das göttliche Wort die «treue Auslegung» des «heiligen Schatzes» des Gotteswortes (DV 10). Was die Congregatio de Cultu Divino et Disciplina Sacramentorum (Rom) und das Deutsche Liturgische Institut (Trier) trotzdem veranlasste, das Alphabetlied am Schluss des Sprüchebuches nur massiv gekürzt (8 Buchstaben/Verse statt 22!) in die Leseordnung aufzunehmen, ist leider nur allzu durchsichtig und widerspricht der geforderten Auslegungstreue und dem durch das Evangelium von den Talenten (Mt 25,14­30) nahegelegten Zusammenhang, der besonders durch Spr 31,16 gegeben wäre. Statt dem vollständigen Lob der «starken Frau» ('eschät-chajil) findet sich in den im Lektionar abgedruckten Versen nur noch der Torso einer Frau, die Karikatur vom Heimchen am Herd. Denn nur jene Verse stehen in der Leseordnung, die das traditionelle katholische Frauenbild nicht in Frage stellen, sondern in Gestalt dieser Collage zementieren. Das Wort Gottes verkünden heisst an diesem Sonntag deshalb vorab: das ganze Lied lesen.
Es geht um eine bibel- und frauengerechte Alphabetisierungskampagne wie sie Gott gefällt.

Bibel: Das Lob der starken Frau

Das Alphabetlied in der Bibel ist eine besonders intensive literarische Form, um die Quintessenz eines Themas zum Ausdruck zu bringen (vgl. SKZ 11/1999). Dieses hier bildet den Schluss des Sprüchebuches. Es rahmt zugleich zusammen mit Spr 1­9 die Spruchsammlungen (Spr 10,1­31,9). Die vielfältigen Bezüge zwischen den rahmenden Buchteilen machen den Zusammenhang deutlich zwischen den realen Frauen und der aspektreichen Gestaltung der personifizierten Weisheit (chokmah). «Sie will in sich Gott und Frau verbinden, sie will das Menschliche, Konkrete, Diesseitige mit dem Göttlichen, Universalen und Jenseitigen verbinden, sie will JHWH mit der Strasse, dem Haus, der Liebe, der Weisheitstradition und dem Leben der israelitischen Frauen verbinden, so dass das Wirken der weisen Frau auf JHWH hin transparent, ja transzendent wird und JHWH im Bild der ÐFrauð Weisheit erfahrbar» (Silvia Schroer).
In der folgenden Vers-für-Vers-Auslegung sind die in der Leseordnung ausgelassenen Buchstaben fett gedruckt. 'Alef/10: Die im Folgenden beschriebene starke Frau ist eine Seltenheit. Wie die Weisheit muss sie gefunden werden (vgl. Spr 8,35 und 18,22). Ihr Wert übertrifft sogar den von Korallen (körah; EÜ: Perlen). Dasselbe wird mehrfach von der Weisheit gesagt (Spr 3,15; 8,11; Ijob 28,18). Beth/11; Gimel/12: Ein Mann, der anders Beute (schalal; EÜ: Erfolg) machen will als die Verführer (Spr 1,13f.), richtet seinen Verstand (lev; vgl. SKZ 28­29/1999; EÜ: Herz) vertrauensvoll an ihr aus. Er hat keinen Grund, misstrauisch zu sein. Dalet/13: Sie kümmert sich um die Rohstoffe für die Textilherstellung. He/14: Um ihr Haus mit Brot/Nahrung (lacham) zu versorgen, nimmt sie Distanzen und Risiken auf sich wie ein Seefahrer. Waw/15: Wenn es um die Versorgung ihres Hauses (beitah) geht, kümmert sie sich nicht um die Tageszeiten (vgl. auch 31,18). Ein späterer Zusatz, der die Mägde eingeschlossen haben will, wendet sich offenbar gegen ein zu exklusives Verständnis von «Haus» (vgl. Kasten). Er macht zugleich deutlich, dass man sich unter der Frau die Vorsteherin eines Gutes und nicht eine Haushälterin im kleinbürgerlichen Sinne vorzustellen hat. Sain/16: Sie erwirbt Boden, die Grundlage bäuerlicher Existenz. Mit dem Überschuss leistet sie sich einen Weinberg, den Stolz der Bauernschaft (vgl. SKZ 38/1999). Chet/17; Thet/18: Kraft und Ausdauer der Frau werden mit Worten beschrieben, die das Bild einer unwiderstehlichen Autorität evozieren. Jod/19; Kaf/20: Diese Verse wurden in der Leseordnung belassen, weil sie mit dem Spinnen und der Caritas gegenüber den Armen Bereiche berühren, die von der patriarchalen christlichen Ökonomie immer den Frauen überlassen wurden.
Lamed/21; Mem/22: Das Gesponnene wird gefärbt und verwoben. (Ägyptisches) Leinen und Purpur (mit dem Saft der an der phönizischen Küste gezüchteten Purpurschnecke gefärbte Kleider) tragen sonst nur Priester und Könige. Nun/23: In der Ratsversammlung fällt der gute Ruf einer solchen Frau positiv auf den Mann zurück. Samech/24; 'Ajin/25: Das Gewobene wird von der Frau verkauft. Der Erlös gibt ihr Kraft und Hoheit ('os-wöhadar) und Zukunftsperspektiven, die sie prächtig kleiden. Ähnliche Formulierungen werden sonst nur für Gott verwendet (vgl. Pss 96,6; 104,1). Pe/26; Zade/27: Sie ist, wie Frau Weisheit selber (vgl. Spr 8,1­3), eine Lehrerin, die ihre Umgebung aufmerksam beobachtet. Qof/28; Resch/29; Sin/30; Taw/31: Eine solche Frau wird in den Stadttoren, wo die Männer Rat halten, als gottesfürchtig gelobt (vgl. Rut 3,11). Die Septuaginta hat das Frauenlob nicht ertragen und den Schluss des Liedes massiv verändert: die verständige Frau soll die Gottesfurcht preisen, und ihr Mann soll in den Stadttoren gelobt werden...

Welt: Weiberwirtschaft

Obwohl das Wissen um das Funktionieren des Hauses eine ureigene Qualität von Frauen ist, scheinen sie in der klassischen Ökonomie, der «Wissenschaft vom Haus», kaum auf. Hier wird nur das, was Männer tun, als Arbeit bezeichnet. Frauen haben deshalb unter dem Begriff «Weiberwirtschaft» angefangen, Gegenkonzepte zu entwickeln. «Üblicherweise ist Weiberwirtschaft ein pejorativer Begriff, der so etwas wie das emotionsgeleitete, für Männer unverständliche Gewurstel der Frauen in ihrem Alltag bezeichnet. Für uns wird Weiberwirtschaft zur Bezeichnung für die ökonomischen Tätigkeiten der Frauen, die in der offiziellen Theorie nicht vorkommen, die zu beschreiben wir uns vorgenommen haben, die wir für sinn- und wertvoll halten» (s. Lit.). Die Weiberwirtschaft nimmt zum Beispiel auch nichtkommerzialisierte Bereiche der Wirtschaft in den Blick, hat ein wesentlich differenzierteres Zeitverständnis als die traditionelle Ökonomie, die nur Arbeits- und Freizeit kennt und Zeit mit Geld gleichsetzt, oder sie macht sich Gedanken darüber, warum das, was Männer sagen, a priori mehr Gültigkeit besitzt als ein Wort im Mund der Frau.

 

Literaturhinweis: Weiberwirtschaft. Frauen ­ Ökonomie ­ Ethik. Mit Beiträgen von H. Bernhard Filli, A. Günter, M. Jochimsen, U. Knobloch, I. Prätorius, L. Schmuckli, U. Vock, Luzern 1994.


Haus (hebr. bet; gr. oikos)

Unter Haus versteht man weder im Hebräischen noch im Griechischen nur das Wohnhaus, sondern alles, was darin und darum herum lebt. Dieser umfassende bäuerliche Haushalt der mediterranen Welt ist (teilweise bis heute) patriarchal strukturiert. Die Frau verlässt mit der Heirat das Haus des Vaters und zieht in das Haus des Gatten. Was aber die ökonomischen Kompetenzen der Frau anging, so waren diese in vorindustrieller und erst recht in vorchristlicher Zeit umfassend. Das Image einer solchen Ökonomin, die mit ihrer Kompetenz dem «Haus» Segen beschert, wird im Lob der starken Frau eindrücklich entfaltet (Leitwort «Haus» in 31,15.21.27) und in vielen biblischen Gestalten konkretisiert. Besonders in der Frau von Schunem (2 Kön 4; vgl. SKZ 24/1999), der Frau von En-Dor (1 Sam 28) oder der Frau von Abel-Bet-Maacha (2 Sam 20), die sogar eine ganze Stadt managt und erfolgreich vor dem Untergang bewahrt. Die Frauen, die aus dem Exil zurückkehrten, waren massgeblich am Wiederaufbau der Stadt Jerusalem beteiligt (Neh 3,12; 5,1­5). Die altisraelitische Spruchweisheit wusste: «Frauenweisheit hat ihr Haus gebaut,/Torheit reisst es mit eigenen Händen nieder» (Spr 14,1; vgl. 24,3). Die personifizierte, göttliche Weisheit (chokmah) wird daher als Frau gezeichnet, die ihr Haus auf sieben Säulen errichtet hat (Spr 9,1). An dieses Bild hat die christliche Kirchenarchitektur angeknüpft ­ die christliche Ökonomie hingegen hat den Anschluss bisher verpasst.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999