44/1999 | |
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Lesejahr A |
Das Konzil verlangte in der Glaubenskonstitution über das göttliche
Wort die «treue Auslegung» des «heiligen Schatzes»
des Gotteswortes (DV 10). Was die Congregatio de Cultu Divino et Disciplina
Sacramentorum (Rom) und das Deutsche Liturgische Institut (Trier) trotzdem
veranlasste, das Alphabetlied am Schluss des Sprüchebuches nur massiv
gekürzt (8 Buchstaben/Verse statt 22!) in die Leseordnung aufzunehmen,
ist leider nur allzu durchsichtig und widerspricht der geforderten Auslegungstreue
und dem durch das Evangelium von den Talenten (Mt 25,1430) nahegelegten
Zusammenhang, der besonders durch Spr 31,16 gegeben wäre. Statt dem
vollständigen Lob der «starken Frau» ('eschät-chajil)
findet sich in den im Lektionar abgedruckten Versen nur noch der Torso einer
Frau, die Karikatur vom Heimchen am Herd. Denn nur jene Verse stehen in
der Leseordnung, die das traditionelle katholische Frauenbild nicht in Frage
stellen, sondern in Gestalt dieser Collage zementieren. Das Wort Gottes
verkünden heisst an diesem Sonntag deshalb vorab: das ganze Lied lesen.
Es geht um eine bibel- und frauengerechte Alphabetisierungskampagne wie
sie Gott gefällt.
Das Alphabetlied in der Bibel ist eine besonders intensive literarische
Form, um die Quintessenz eines Themas zum Ausdruck zu bringen (vgl. SKZ
11/1999). Dieses hier bildet den Schluss des Sprüchebuches. Es rahmt
zugleich zusammen mit Spr 19 die Spruchsammlungen (Spr 10,131,9).
Die vielfältigen Bezüge zwischen den rahmenden Buchteilen machen
den Zusammenhang deutlich zwischen den realen Frauen und der aspektreichen
Gestaltung der personifizierten Weisheit (chokmah). «Sie will in sich
Gott und Frau verbinden, sie will das Menschliche, Konkrete, Diesseitige
mit dem Göttlichen, Universalen und Jenseitigen verbinden, sie will
JHWH mit der Strasse, dem Haus, der Liebe, der Weisheitstradition und dem
Leben der israelitischen Frauen verbinden, so dass das Wirken der weisen
Frau auf JHWH hin transparent, ja transzendent wird und JHWH im Bild der
ÐFrauð Weisheit erfahrbar» (Silvia Schroer).
In der folgenden Vers-für-Vers-Auslegung sind die in der Leseordnung
ausgelassenen Buchstaben fett gedruckt. 'Alef/10: Die im Folgenden beschriebene
starke Frau ist eine Seltenheit. Wie die Weisheit muss sie gefunden werden
(vgl. Spr 8,35 und 18,22). Ihr Wert übertrifft sogar den von Korallen
(körah; EÜ: Perlen). Dasselbe wird mehrfach von der Weisheit gesagt
(Spr 3,15; 8,11; Ijob 28,18). Beth/11; Gimel/12: Ein Mann, der anders Beute
(schalal; EÜ: Erfolg) machen will als die Verführer (Spr 1,13f.),
richtet seinen Verstand (lev; vgl. SKZ 2829/1999; EÜ: Herz) vertrauensvoll
an ihr aus. Er hat keinen Grund, misstrauisch zu sein. Dalet/13: Sie kümmert
sich um die Rohstoffe für die Textilherstellung. He/14: Um ihr Haus
mit Brot/Nahrung (lacham) zu versorgen, nimmt sie Distanzen und Risiken
auf sich wie ein Seefahrer. Waw/15: Wenn es um die Versorgung ihres Hauses
(beitah) geht, kümmert sie sich nicht um die Tageszeiten (vgl. auch
31,18). Ein späterer Zusatz, der die Mägde eingeschlossen haben
will, wendet sich offenbar gegen ein zu exklusives Verständnis von
«Haus» (vgl. Kasten). Er macht zugleich deutlich, dass man sich
unter der Frau die Vorsteherin eines Gutes und nicht eine Haushälterin
im kleinbürgerlichen Sinne vorzustellen hat. Sain/16: Sie erwirbt Boden,
die Grundlage bäuerlicher Existenz. Mit dem Überschuss leistet
sie sich einen Weinberg, den Stolz der Bauernschaft (vgl. SKZ 38/1999).
Chet/17; Thet/18: Kraft und Ausdauer der Frau werden mit Worten beschrieben,
die das Bild einer unwiderstehlichen Autorität evozieren. Jod/19; Kaf/20:
Diese Verse wurden in der Leseordnung belassen, weil sie mit dem Spinnen
und der Caritas gegenüber den Armen Bereiche berühren, die von
der patriarchalen christlichen Ökonomie immer den Frauen überlassen
wurden.
Lamed/21; Mem/22: Das Gesponnene wird gefärbt und verwoben. (Ägyptisches)
Leinen und Purpur (mit dem Saft der an der phönizischen Küste
gezüchteten Purpurschnecke gefärbte Kleider) tragen sonst nur
Priester und Könige. Nun/23: In der Ratsversammlung fällt der
gute Ruf einer solchen Frau positiv auf den Mann zurück. Samech/24;
'Ajin/25: Das Gewobene wird von der Frau verkauft. Der Erlös gibt ihr
Kraft und Hoheit ('os-wöhadar) und Zukunftsperspektiven, die sie prächtig
kleiden. Ähnliche Formulierungen werden sonst nur für Gott verwendet
(vgl. Pss 96,6; 104,1). Pe/26; Zade/27: Sie ist, wie Frau Weisheit selber
(vgl. Spr 8,13), eine Lehrerin, die ihre Umgebung aufmerksam beobachtet.
Qof/28; Resch/29; Sin/30; Taw/31: Eine solche Frau wird in den Stadttoren,
wo die Männer Rat halten, als gottesfürchtig gelobt (vgl. Rut
3,11). Die Septuaginta hat das Frauenlob nicht ertragen und den Schluss
des Liedes massiv verändert: die verständige Frau soll die Gottesfurcht
preisen, und ihr Mann soll in den Stadttoren gelobt werden...
Obwohl das Wissen um das Funktionieren des Hauses eine ureigene Qualität von Frauen ist, scheinen sie in der klassischen Ökonomie, der «Wissenschaft vom Haus», kaum auf. Hier wird nur das, was Männer tun, als Arbeit bezeichnet. Frauen haben deshalb unter dem Begriff «Weiberwirtschaft» angefangen, Gegenkonzepte zu entwickeln. «Üblicherweise ist Weiberwirtschaft ein pejorativer Begriff, der so etwas wie das emotionsgeleitete, für Männer unverständliche Gewurstel der Frauen in ihrem Alltag bezeichnet. Für uns wird Weiberwirtschaft zur Bezeichnung für die ökonomischen Tätigkeiten der Frauen, die in der offiziellen Theorie nicht vorkommen, die zu beschreiben wir uns vorgenommen haben, die wir für sinn- und wertvoll halten» (s. Lit.). Die Weiberwirtschaft nimmt zum Beispiel auch nichtkommerzialisierte Bereiche der Wirtschaft in den Blick, hat ein wesentlich differenzierteres Zeitverständnis als die traditionelle Ökonomie, die nur Arbeits- und Freizeit kennt und Zeit mit Geld gleichsetzt, oder sie macht sich Gedanken darüber, warum das, was Männer sagen, a priori mehr Gültigkeit besitzt als ein Wort im Mund der Frau.
Literaturhinweis: Weiberwirtschaft. Frauen Ökonomie Ethik. Mit Beiträgen von H. Bernhard Filli, A. Günter, M. Jochimsen, U. Knobloch, I. Prätorius, L. Schmuckli, U. Vock, Luzern 1994.
Unter Haus versteht man weder im Hebräischen noch im Griechischen nur das Wohnhaus, sondern alles, was darin und darum herum lebt. Dieser umfassende bäuerliche Haushalt der mediterranen Welt ist (teilweise bis heute) patriarchal strukturiert. Die Frau verlässt mit der Heirat das Haus des Vaters und zieht in das Haus des Gatten. Was aber die ökonomischen Kompetenzen der Frau anging, so waren diese in vorindustrieller und erst recht in vorchristlicher Zeit umfassend. Das Image einer solchen Ökonomin, die mit ihrer Kompetenz dem «Haus» Segen beschert, wird im Lob der starken Frau eindrücklich entfaltet (Leitwort «Haus» in 31,15.21.27) und in vielen biblischen Gestalten konkretisiert. Besonders in der Frau von Schunem (2 Kön 4; vgl. SKZ 24/1999), der Frau von En-Dor (1 Sam 28) oder der Frau von Abel-Bet-Maacha (2 Sam 20), die sogar eine ganze Stadt managt und erfolgreich vor dem Untergang bewahrt. Die Frauen, die aus dem Exil zurückkehrten, waren massgeblich am Wiederaufbau der Stadt Jerusalem beteiligt (Neh 3,12; 5,15). Die altisraelitische Spruchweisheit wusste: «Frauenweisheit hat ihr Haus gebaut,/Torheit reisst es mit eigenen Händen nieder» (Spr 14,1; vgl. 24,3). Die personifizierte, göttliche Weisheit (chokmah) wird daher als Frau gezeichnet, die ihr Haus auf sieben Säulen errichtet hat (Spr 9,1). An dieses Bild hat die christliche Kirchenarchitektur angeknüpft die christliche Ökonomie hingegen hat den Anschluss bisher verpasst.