43/1999

INHALT

Lesejahr A

Erotische Weisheit

Thomas Staubli zu Weish 6,12-21

 

Bibel: Preislied auf die Sophia

Ein gebildetes Publikum liebt Anspielungen auf ihm Bekanntes, das Herstellen von Beziehungen zwischen verschiedenen Bereichen, Aha-Effekte, die sich wie von selbst aus dem Gehörten einstellen. Mit solchen Methoden spielt die Lesung aus der Sapientia Salomonis, jener im 1. Jh. n. Chr. in Alexandria entstandenen, weisheitlichen Erbauungsschrift (vgl. SKZ 31­32/1998). Sie bildet den Schluss des ersten von drei Buchteilen. Dieser ist ein in einer kunstvollen Ringkomposition gestalteter Appell an die «Richter der Erde» (1,1), in allem Tun der Weisheit Raum zu geben. Das Zentrum dieses Proömiums bildet eine Gegenüberstellung des Gerechten und des Frevlers (3,1­4,20). Dieser Kern wird umgeben durch die Rede des Frevlers auf Erden (Kap. 2) und beim Endgericht (Kap. 5). Den äusseren Rahmen bilden Mahnungen im eigentlichen Sinne zuhanden der Herrschenden (1,1­15; 6,1­21). Nur in diesen beiden Abschnitten des Buches wird vorwiegend in Imperativen gesprochen. Das ganze Buch beginnt mit den Worten: «Liebt Gerechtigkeit, ihr, die die Erde richtet,/ denkt nach über den Herrn der Güte/ und in Einfalt des Herzens sucht ihn./ Denn er wird gefunden von denen, die ihn nicht versuchen;/ erscheint er doch denen, die ihm nicht misstrauen» (1,1­2). Dem Suchen des Herrn (kyrios; hinter diesem Titel verbirgt sich natürlich, der Septuaginta entsprechend, JHWH) entspricht das Sich-auffinden-Lassen von der Weisheit, die auch mit dem Heiligen Geist gleichgesetzt werden kann (vgl. SKZ 35/1998). Herrscher, die sich diese Aufgabe nicht zu eigen machen, werden vor dem Endgericht keine Gnade finden, denn sie werden entsprechend ihrer irdischen Macht abgeurteilt, während die Kleinen eher mit Nachsicht rechnen können.
Das abschliessende Preislied auf die Weisheit, unser Lesungstext, bedient sich einiger Motive der hellenisierten ägyptischen Isisfrömmigkeit, wo die traditionelle Muttergöttin durch Verbindung mit Aphrodite erotisiert wurde (vgl. Kasten). Sie wird als äusserst attraktive und initiative Frau vorgestellt, die sich nicht lange suchen und bitten lässt, sondern jenen bereits entgegenkommt, die sie suchen (gratia praeveniens). Die Weisheit selber ist sozusagen auch Urheberin der Weisheit (vgl. Spr 7,12; 8,7; 9,17). Ansätze zu einer erotischen Kunde der Weisheit finden sich schon bei Jesus Sirach (Sir 15,10; 51,13­30). Den Ausklang des Gedichts (6,17­19) bildet ein so genannter Kettenschluss, ein in der griechischen Rhetorik beliebtes Stilmittel (vgl. Röm 5,3­5; Jak 1,2­4.14­15; 2 Petr 1,5­7), wonach eines aus dem anderen folgt und beweisen soll, das das Letzte aus dem Ersten stammt. In diesem Fall beginnt die Kette mit dem Wissensdurst und endet mit der Gottesnähe. Merkwürdigerweise fehlt die übliche abschliessende Quintessenz, also die Feststellung, dass Wissensdurst bzw. der Hang zur Weisheit in die Nähe Gottes führt. Der Leser oder die Leserin muss selbst darauf kommen, und der/die Wissensdurstige wird es auch leicht merken. Die letzten Verse (6,20f.) ziehen daraus einen Schluss, der einen Bogen zum Anfang der Weisheitsschrift bildet: «Ihr Herrscher (tyrannoi) der Völker, wenn ihr Throne und Szepter liebt, dann ehrt die Weisheit, damit ihr ewig als Könige herrscht.»

Kirche: Von der Sophia zum Bräutigam

Maria konnte die erotisch-weisheitlichen Aspekte der Isis nicht übernehmen. Sie musste sich vorerst als Gottesgebärerin mit der Mutterschaft begnügen. Darin spiegeln sich weibliche Rollen in der frühen Kirche. Erst mit den Marienoffenbarungen von Lourdes und Fatima hat sich das vorherrschende Image Marias zu einer kinderlosen, jungen Frau hin, die (apokalyptische) Weisheit verkündet, verändert. Im Evangelium (Mt 25,1­13) werden die Züge der Weisheit daher auf Christus übertragen, auf den die Jungfrauen warten. Den klugen unter ihnen wird in der Folge die Begegnung mit dem attraktiven Bräutigam zuteil. Es ist eigentlich erstaunlich, wie leicht die geschlechterüberschreitende Übertragung der Sophia-Rolle auf Christus vonstatten ging, wenn man bedenkt, wie schwer sich die Kirche in der Frage der Priesterschaft mit der umgekehrten Richtung tut.

Welt: Weisheit ohne Gerechtigkeit?

Im blühenden Esoterikmarkt ist die Weisheit vor allem in Gestalt einer riesigen Bücherflut gegenwärtig, die das Esoterische gerne mit dem Exotischen verbindet. Was bei dieser Art Literatur auffällt, ist das fast durchgängige Fehlen des Themas der Gerechtigkeit, das in der Isis- und Sophia-Frömmigkeit so zentral war. Es ist Erbauungsliteratur, die süchtig macht nach mehr, weil sie das, was uns eigentlich Sorgen macht, nicht zur Sprache bringt. Das kann dem Buchmarkt nur recht sein.

 

Literaturhinweis: Silvia Schroer, Das Buch der Weisheit, in: E. Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart (Kohlhammer) 1998 (3. neu bearbeitete Aufl.), 352­362.


Isis

Viele orientalische Kulte sind in griechisch-römischer Zeit in den Westen exportiert worden, aber keiner war so erfolgreich ­ von der Ausbreitung des Christentums einmal abgesehen ­ wie derjenige der Isis. Vor allem Griechen und Griechinnen verbreiteten den Kult der Göttin über so genannte Aretologien (Selbstlobpreise) der Isis, die auch in jüdischen Kreisen Alexandrias rezipiert wurden. Darin lassen sich viele Parallelen zur Darstellung der Weisheit in der Weisheit Salomos finden. Auch hier findet sich das Motiv der Garantin einer guten, erfolgreichen und gerechten Herrschaft: «Alle, die höchstglücklich leben, die hervorragendsten Männer,/ szeptertragende Könige und alle, die Herrscher sind,/ diese regieren, wenn sie sich an dich halten, bis ins Alter,/ und hinterlassen glänzenden und reichlichen grossen Wohlstand/ Söhnen und Enkeln und Männern danach./ Wen aber die Königin am meisten lieb hat von den Herrschern,/ dieser herrscht sowohl über Asien wie auch Europa,/ er erhält den Frieden, Früchte hängen schwer zu seiner Zeit/ von guten Dingen aller Art, bringen beste Frucht» (Hymnus des Isidor III,7­15; um 85 v. Chr.). Sie kann als Throngenossin des höchsten Gottes/Herrschers verstanden werden: «Ich bin Throngenossin bei der Fahrt der Sonne» (Isis-Aretologie von Kyme v. 45; um 100 n. Chr.). Sie wacht über Recht und Gerechtigkeit: «Denen, die Recht sprechen, bin ich zur Seite, damit nichts Unrechtes geschieht» (Hymnus des Karpokrates v. 8; um 300 n. Chr.). In griechisch-römischer Zeit wird Isis besonders mit Aphrodite verbunden (vgl. Bild: Eine nackte Frau trägt ein Füllhorn, Zeichen der Isis. Neben ihr ein flötenspielendes Kind ­ vgl. Mt 11,17||Lk 7,32! ­ und eine Amphore). Ausserdem kann sie als Allgöttin und Herrin des Schicksals (Heimarmene) dargestellt werden. Sie ist eine Führerin, worauf das häufig dargestellte Attribut des Steuerruders hinweist, nicht nur für die Schiffsleute, deren Patronin sie ist, sondern für alle, die die Mutter des Lebens lieben.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999