39/1999

INHALT

Lesejahr A

Fest statt Frust

Thomas Staubli zu Jes 25,6-12

 

Bibel: JHWH als Gastgeber, Tröster und schützender Retter

Der Lesungstext gehört zu einem Abschnitt (24,1­27,13), der frühe Jesaja-Überlieferungen von solchen einer späteren Zeit trennt. Er wird manchmal (auch in der EÜ) als Jesaja-Apokalypse bezeichnet. Ausgangspunkt ist eine Gerichtsansage JHWHs an die ganze Erde. Diese universale Perspektive, die ins Positive gewendet auch im Lesungstext überrascht, ist historisch schwierig zu verorten. Am Ende der Passage wird den moabitischen Städten die Vernichtung angedroht. Man weiss heute dank der Erforschung assyrischer Keilschriftarchive, dass Moab zwar ein Vasallenstaat des assyrischen Reiches war, jedoch ­ ganz im Gegensatz zu israelitischen und judäischen Städten ­ nie eine militärische Strafaktion der Assyrer zu erleiden hatte. Der Gerichtsspruch über Moab muss daher wohl als politische Propaganda zur höheren Ehre des Gottes und seiner Schützlinge in Juda verstanden werden oder doch zumindest als massive Übertreibung eines uns unbekannten Sachverhaltes.
Der Abschnitt wird gerahmt durch das Motiv vom Berg (vgl. SKZ 47/1998), auf dem JHWH Zebaot gegenwärtig ist. Damit ist natürlich aus judäischer Perspektive der Zion, der Tempelberg in Jerusalem, gemeint. Wie wenig selbstverständlich diese Sicht ist, zeigt noch Jahrhunderte später das Gespräch zwischen der Samaritanerin und Jesus (Joh 4,20). JHWHs Gegenwart wird in drei Bildern anschaulich und berührend konkretisiert: Er ist Gastgeber, Tröster und schützender Retter. 1. JHWH als Gastgeber (25,6): Wenn Pilger in ein Heiligtum kamen, so erwies ihnen der Gott des Hauses die Referenz, wie es die heilige Sitte der Gastfreundschaft verlangte. Die Vorstellung des göttlichen Gastmahls, die in Israel in tempelloser und nachexilischer Zeit eng mit der Weisheit verbunden war (vgl. SKZ 27­28 und 29­30/1998), wird hier mit Gottes Wohnsitz auf dem heiligen Berg verbunden und in universale Dimensionen erweitert. JHWH ist ein Gastwirt, der allen Völkern (lökol-ha'ammim) der Erde zu feinstem Essen «un vin grand cru classé» (schmarim mösuqqaqim) offeriert. 2. JHWH als Tröster (25,7f.): Mit den Decken und Tüchern über Völkern und Nationen (gojim) sind wohl die Schleier von Leidtragenden gemeint (vgl. 2 Sam 15,30; 19,5; Jer 14,3f.; Est 6,12; SKZ 24/1998). JHWH wendet sich ihnen persönlich zu, wie es mit der bewegenden Geste vom Wegwischen der Tränen intimer nicht ausgedrückt werden könnte. «Sein Volk» wird hier nicht mit Israel, sondern mit den Armen aus allen Völkern gleichgesetzt, mit den Menschen, die der Schande (chärfah) preisgegeben sind. Entsprechend ist mit dem Tod, der durch JHWH beseitigt wird, nicht das Lebensende gemeint, sondern der soziale Tod, der verfrühte Tod durch Ausschluss von dem, was das Leben an Gutem zu bieten hat. 3. JHWH als schützender Retter (25,9­10a): Der gastfreundliche, tröstende Gott wird abschliessend als Beschützer und Retter des Berges und der dort Versammelten gepriesen. Auch diese Qualität JHWHs wird bildlich ausgedrückt ­ im Symbol der Hand über dem Berg (vgl. Kasten). In scharfem Kontrast dazu ist anschliessend von den dem Untergang preisgegebenen Mauern Moabs die Rede, von Händen, die sich wehren und verzweifelt in der Jauche umherrudern (25,11).

Kirche: Die zum Tische des Herrn Geladenen

Der Jesajatext hat im Zweiten Testament vielfältige Resonanz gefunden. Paulus fühlte sich durch ihn in seiner Überzeugung bestärkt, dass der Tod des Fleisches ein irrelevanter Schlusspunkt ist, denn Lebende und Tote werden am Jüngsten Tag in eine unsterbliche Existenz verwandelt und das heisst «den Tod verschlingen» (1 Kor 15,54). Nach der Offenbarung des Johannes werden all jene Gesiegelten aus den Stämmen Israels, die wegen Christus Verfolgungen erleiden mussten, vom Lamm, dem Guten Hirten, geführt und vom tränentrocknenden Gott getröstet (Offb 21,4). Die in Armut und Leiden auf ewiges Leben und Trost Harrenden sind es auch, die der Bräutigam (Christus) im Evangelium zu Tisch lädt (Mt 22,1­14).

Welt: «Leve Tab!» ­ Kippt den Tisch!

1986, nach dem Sturz des Diktators Duvalier, prägte der damalige Salesianer-Pater Jean-Betrand Aristide das Bild des mit Speisen überhäuften Tisches der privilegierten Elite, unter dem die Armen kauern. Der Aufruf, den Tisch zu kippen, war die von den Armen wohlverstandene Aufforderung, das gewalttätige System zu stürzen (vgl. Lit.). Heute, 13 Jahre später, sitzen noch immer die meisten Haitianer/Haitianerinnen unter dem Tisch. Mit dem Umsturz wurden zwar notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für das Festmahl am Tisch erfüllt. Erst wenn die Hilfsgelder nicht in Beamtentaschen versickern, die Strassen gebaut, das Land bewässert und bebaut, die Schulzeugnisse verteilt und die begabten jungen Menschen ausgebildet werden, ist an ein Symposion für alle zu denken (vgl. dazu auch das Fastenopfer-Hungertuch aus Haiti). Das Volksfest, zu dem alle geladen sind, ist Ausdruck einer funktionierenden Gesellschaft, die Frucht langfristiger menschlicher Kultur und des Zusammenfindens der Interessen aller Völker. Thomas Staubli

 

Literaturhinweis: Jean-Bertrand Aristide. Lasst mich meine Geschichte erzählen. Bericht aus Haiti. Mit einem Vorwort von Jean Ziegler, Luzern 1992.


Die Hand Gottes

Die Hand (hebr. jad) macht handlungsfähig. Sie verleiht Macht und ist deshalb im Alten Orient ein wichtiges Gottessymbol. In Ägypten symbolisierten die angewinkelt erhobenen Arme des Ka die personifizierte Lebenskraft, die den gesamten Kosmos trägt und zusammenhält, die göttlichen Arme, die das Sonnenschiff oder den Sonnenball am Morgen entlassen, am Abend empfangen, aber auch die Arme der Baumgöttin, die den Verstorbenen die Brust, Wasser oder Nahrung reicht. Im Zentrum des monotheistischen Sonnenkultes Echnatons stand der als Sonnenscheibe mit zahlreichen Leben spendenden Strahlenhänden dargestellte Aton. Auf ägyptischen Tempelwänden wurde übergross der Pharao mit hoch erhobener Rechten beim Niederschlagen von Feinden dargestellt (vgl. SKZ 41/1998). Mit starker Hand und ausgestrecktem Arm führte JHWH sein Volk aus Ägypten heraus (vgl. SKZ 31­32/1998). In der assyrischen Kunst konnten kriegerische Himmelsgötter als geflügelte Scheiben, aus denen menschliche, den Kriegsbogen haltende Hände ragen, dargestellt werden. Besonders auf Amuletten war und ist die geöffnete menschliche Hand Symbol schützender und unheilabwehrender göttlicher Macht schlechthin (Fatimahand). In dieser Funktion erscheint eine Hand auch am Eingang zu einem palästinischen Grab des 8. Jh. v. Chr. neben einer Segensinschrift (vgl. SKZ 7/1999). Noch im Zweiten Weltkrieg sahen fromme Schweizer/Schweizerinnen in einer Vision die Hand des Hl. Niklaus von Flüe mit dieser Geste über der Schweiz.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999