37/1999 | |
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Lesejahr A |
Nach der Zerstörung Jerusalems durch die neubabylonische Armee machte
sich in Jerusalem Resignation, gemischt mit einer kräftigen Portion
Zynismus breit. Unter der Bevölkerung kursierte das Sprichwort: «Die
Väter essen saure Trauben, und den Söhnen werden die Zähne
stumpf» (18,2; Jer 31,29; Klgl 5,7). Das sollte heissen: Unsere Generation
bezahlt für das falsche Verhalten der Vorfahren. Damit war wohl einerseits
die falsche, von den Propheten oft kritisierte Bündnispolitik der Jerusalemer
gemeint (z.B. Jer 27), andererseits aber auch der von den Propheten nicht
minder beanstandete moralische Zerfall der Gesellschaft, der sich besonders
in der schamlosen Bereicherung einer dünnen Oberschicht und in einer
generellen Missachtung des Rechts manifestierte (z.B. Jer 5). Die Vorstellung,
dass sich falsches Verhalten noch Generationen später negativ auswirkt,
gehörte zu den tief im Volk verwurzelten Weisheiten, die auf Erfahrung
beruhten und in der Tora an zentraler Stelle stehen (Ex 20,5; 34,7; vgl.
SKZ 22/1999). Der im babylonischen Exil lebende Ezechiel, der durch Informanten
über die Verhältnisse in Jerusalem bestens unterrichtet war (vgl.
etwa Ez 33,24), muss, um diesem auf bester Tradition fussenden Zynismus
zu begegnen, weit ausholen und mit langem Atem predigen. Der Grund für
das wortgewaltige Engagement des Propheten liegt darin, dass das Sprichwort
den unausgesprochenen Vorwurf enthält, Gott handle ungerecht (18,25),
sei ein willkürlicher Despot. Es geht also um die Frage der Theodizee,
die sich wie ein roter Faden durch die Bibel zieht (vgl. Kasten).
Das Wesentliche stellt Ezechiel seiner Predigt als Gottesspruch voran: Vor
Gott sind alle Menschen gleich, und nur wer wirklich sündigt, muss
sterben. Damit stellt sich natürlich sofort die Frage: Was muss ich
tun, um als gerecht zu gelten? Darauf antwortet der Priesterprophet mit
einer Reihe von Rechtssätzen (18,69.1013.1517; vgl.
Pss 15; 24), die ihren Sitz im Leben wohl in der so genannten Torliturgie
hat, also beim Eingang zum Tempelhof, wo die Pilger/Pilgerinnen sich vor
den amtierenden Priestern für rein zu erklären hatten, bevor sie
den Tempel betreten durften (vgl. Ps 50,16). Ihnen wurde der priesterliche
Zuspruch zuteil, den Ezechiel aufnimmt, wenn es am Schluss der Reihe in
liturgisch-formelhafter Kürze heisst: «Er ist gerecht er
möge leben» (zadiq hu' chaiah jichjäh; 18,9). Der Zuspruch
des Lebens am Eingang zum Tempelhof ist äusserst konkret zu verstehen,
denn der Tempel galt ja als Lebensort schlechthin. Hier war der Segen Gottes
in Gestalt von Opfermahlzeiten, Weihrauchgerüchen, Lobgesängen
und Gemeinschaftserfahrungen sinnenfreudig vorhanden und die Erwartungen
der Besucher/Besucherinnen waren gross (vgl. Jer 7,4). Ezechiel versucht
deutlich zu machen, dass Gott die Menschheit nicht in gerettete Gerechte
und verdammte Sünder eingeteilt hat. Busse und Umkehr sind jederzeit
möglich und wirksam (18,21f.27f.), denn JHWH liebt das Leben und nicht
den Tod (18,23). Die Predigt des Propheten endet im Appell, die Rebellion
(päscha') gegen Gott zu fliehen und Herz und Geist umkehrwillig zu
erneuern (18,30f.).
Das existenielle Thema der Einzel- oder Kollektivhaftung über Generationen
hinweg hat auch Eingang in die Tora gefunden. Es wird im Kontext der Wüstenwanderung
von Mose selbst in einem Fürbittgebet an Gott eingebracht: «Gott,
du Herr des Atems allen Fleisches, kannst du denn, wo nur ein Einzelner
sündigt, der ganzen Gemeinde zürnen?» (Num 16,22). Innerhalb
jener Erzählung kommt es zur Trennung der Sünder von den Gerechten,
und Letztere entgehen der Strafe. Die ganze Erzählung vom Zug durch
die Wüste ist darüber hinaus darauf bedacht, die sündige
Generation des Auszugs (Num 1,126,65) von der gerechten Generation
des Einzugs (Num 27,1Jos 24,33) säuberlich zu trennen, wie die
beiden Musterungen in Num 1 und 26 verdeutlichen.
Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen (Mt 21,2832) eignet sich gut, um Ezechiels Grundgedanken zu verdeutlichen: Nicht blinde Selbstgerechtigkeit, sondern Reue und Umkehrbereitschaft führen ins Leben, jesuanisch gesprochen ins Reich Gottes, gleichnishaft gesprochen in den Weinberg.
Besonders für kriegsgeschüttelte Völker ist Ezechiels Thema grundlegend für einen Neuanfang. Für die Menschen Ex-Jugoslawiens zum Beispiel ist es eine Frage der Existenz, individuell einen Weg einschlagen zu können, der aus den Flüchen der Elterngeneration in die Zukunft führt. Gerade im konkreten Fall zeigt sich aber auch die Grenze des individuellen Entwurfs, denn eine Neugestaltung der Zukunft ist auch auf das Zusammenspiel der Gemeinschaft angewiesen und da kann es noch oft zur Wiederholung alter Muster kommen. Die «traditionelle» Antwort und die «neuen» Ezechiels sind offenbar nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als zwei Seiten derselben Medaille ernst zu nehmen.
Darf eine solche Frage überhaupt gestellt werden? Ist Gottes Souveränität
nicht unangreifbar? Macht eine solche Frage überhaupt Sinn?
Ist Gott nicht per definitionem gerecht? In verschiedenen Theologien und
in gewissen liturgischen Gebeten dominiert bei uns ein statisches Gottesverständnis,
das Gott als eine von den Strudeln und Wirbeln des irdischen Lebens unberührte,
metaphysische Grösse beschreibt, die allmächtig, allwissend, wahrhaftig,
gut und schön ist. Diesem von antiken Philosphien vermittelten Gottesbild
steht ein ganz anderes in der Bibel gegenüber. Ihm zufolge greift Gott
als Krieger/Kriegerin, Richter/Richterin, König/Königin, aber
auch in Gestalt der Gottesknechte und -mägde massiv ins Weltgeschehen
ein. Er hat die Welt erschaffen und segnet sie mit seinem Regen. Er ist
liebend und eifersüchtig, erwählt sich Freunde und kämpft
gegen Feinde. Ein apathischer, weltferner Gott, der seinen Freunden nicht
wirksam zur Seite steht, ist für die Propheten/Prophetinnen Israels
eine lächerliche Vorstellung. «Ruft doch lauter!», verspottet
Elija die Baalspropheten, die vergeblich zu ihrem Gott rufen, «vielleicht
ist er gerade beschäftigt, ausgetreten oder auf Reisen gegangen. Vielleicht
schläft er und muss erst aufwachen» (1 Kön 19,27). Die Propheten
und Frommen Israels befinden sich mit ihrem Gott in einem ständigen
Dialog. Er ist ihr Beschützer und Wohltäter, aber auch die Ursache
von Hunger, Krieg und Krankheit. Die Frage, ob Gott gerecht handelt, liegt
bei einem solchen Gottesbild auf der Hand, ja sie drängt sich zu gewissen
Zeiten sogar auf. Israels Gebet zu Gott ist nie reine Verehrung oder reines
Lob.
Es umfasst ein breites Spektrum zwischen Fluch und Klage, Vertrauensaussage
und Lobpreis, und oft ist es ein Streitgespräch, das Gott zur Rechenschaft
herausfordert oder gar eine Fürbitte, die Gott zum Einlenken veranlasst.
Gottes Antworten auf den Vorwurf der Ungerechtigkeit bzw. Gottlosigkeit
(!) seitens der Menschen sind innerhalb des Ersten Testaments, aber auch
menschheitsgeschichtlich, Meilensteine der Selbstoffenbarung Gottes (bes.
Ijob 38f.; vgl. SKZ 12/1999). Indem wir seine Antworten zu verstehen versuchen,
erhalten wir tieferen Einblick in unsere Existenz.