36/1999

INHALT

Lesejahr A

Versöhnung und Neubeginn

Thomas Staubli zu Lev 16,1-34

 

Bibel: Jom Kippur

Das Versöhnungsritual (16,2b­28) schloss ursprünglich an Lev 10 an, denn für Sakrilegfälle wie den dort beschriebenen war es zunächst gedacht. Um es zu vollziehen, begann der Hohepriester den Tag mit einem Bad und zog spezielle leinene Gewänder an. Er brachte einen Stier als Sündopfer für sich und seine Familie dar. Dann vollzog er hinter dem Vorhang, der das Allerheiligste vom Heiligen trennte, am «Sühnmal» (kapporät; eine Platte aus purem Gold zwischen der Lade und den Kerubim; vgl. Ex 37,6) einen Blutbesprengungs- und Räucherritus. Im Hof des Heiligtums wurde über zwei Ziegenböcken das Los geworfen. Derjenige, den das Los «für JHWH» traf, wurde als Sündopfer des Volkes, in gleicher Weise wie zuvor der Stier, dargebracht. Mit dem Blut beider Tiere wurde schliesslich der Altar besprengt. Das Blut als Tabuflüssigkeit und Sitz des Lebens hatte sühnende Kraft. Es reinigte das Heiligtum von der Unreinheit, die die Verunreinigungen, Freveltaten und Sünden der Israeliten/Israelitinnen verursachten, und garantierte so das Fortwirken der göttlichen Segenskraft am heiligen Ort. Danach wandte sich der Hohepriester dem «für Asasel» ausgelosten Bock zu. Er stemmte ihm beide Hände auf und nannte alle ihm bekannten Sünden des Volkes. Der so mit Sünden beladene Bock wurde von einem Mann in die Wüste hinausgetrieben. Währenddessen ging der Hohepriester ins Heiligtum, zog die Leinengewänder aus, badete und brachte in den üblichen Kleidern die Brandopfer dar. Der Mann, der den Ziegenbock «für Asasel» in die Wüste getrieben hatte, musste vor seiner Rückkehr die Kleider waschen und baden. Die Kadaver des Jungstieres und des Bockes «für JHWH» wurden ausserhalb des Ortes verbrannt. Der Ausführende musste vor seiner Rückkehr ebenfalls seine Kleider waschen und baden.
Das Prozedere für das Versöhnungsritual verknüpft zwei unterschiedliche Rituale: ein Tempelreinigungsritual mit manchen Parallelen zum babylonischen Neujahrsritual und einen Sündeneliminationsritus mit Entsprechungen im nordsyrisch-anatolischen Raum. Bei Letzterem geht es um die Ausschaffung des Bösen zu einem Dämon auf einem diesem sympathischen Wesen. Aus Anatolien ist ein Ritual bekannt, wo die Seuche in einem Heerlager, vergegenständlicht in einem Stück Metall, das von den Offizieren mit bunten Fäden an Widdern befestigt wird, der Gottheit, die die Seuche verursacht hat, zusammen mit einer geschmückten Frau, zurückgeschickt wird. Ganz ähnlich gehen die Priester der Philister vor, um sich der Seuche zu entledigen, die nach dem Raub der israelitischen Bundeslade in ihrem Land ausgebrochen ist (1 Sam 6). Nach einer Vision Sacharjas (4,5­11) wird das Frevlerische in Israel in Gestalt einer Frau, die in ein grosses Gefäss gesteckt wird, von zwei geflügelten Frauen ins Land Schinear verfrachtet. Auf einem Tonlungenmodell eines Opferschaupriesters der Stadt Ugarit steht: «Wenn die Stadt in Bedrängnis gebracht wird, wenn ein Krieger die Leute des Palastes unrecht behandelt, dann soll ein Bürger eine Ziege nehmen und in die Ferne treiben!» Ein syrisches Ritual ist der zuversichtlichen Ansicht, dass mit solchen Riten jegliches Übel aus der Welt geschafft werden kann. In Redewendungen wie, «zum Teufel damit!» leben Eliminationsriten in verblasster Gestalt auch bei uns fort.
Wahrscheinlich in der tempellosen Zeit des Exils wurden die Reinigungsvorschriften mit einem Anhang (16,29­34) versehen, der anstelle des Versöhnungsrituals einen Versöhnungstag jährlich am 10. Tischri festschreibt. Er ist geprägt von Enthaltung in Bezug auf Essen, Geschlechtsverkehr und Arbeit. Die Einkehr bewirkt Sühne, allerdings nicht im Sinne eines billigen Persilautomaten, wie die rabbinische Auslegung betont: «Wer da spricht: ich werde sündigen, und der Versöhnungstag wird mir Sühne bringen, dem wird der Versöhnungstag keine Sühne bringen; Sünden des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag nach Reue und Einkehr, Sünden gegen den Mitmenschen nur dann, wenn er diesen versöhnt hat» (m. Joma 8,9). Oder in den Worten des Baal Schem Tow: «Genau so wie der Schatten den Gesten und Bewegungen des Körpers folgt, folgt Gott den Regungen der Seele.»

Kirche/Welt: Eidgenössische Einkehr

Der eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag steht in der Tradition des ersttestamentlichen Versöhnungstages. Doch während dieser im Judentum bis heute in bewegender Weise Anlass für eine das ganze Volk, ob religiös oder säkular, erfassende gegenseitige Versöhnung ist, verunmöglichen Schweizerfahne und Landeshymne in unseren Kirchen oftmals eine echte, selbstkritische Einkehr; denn das Kreuz im Wappen propagiert nach aussen hin in grellen Farben eine Christlichkeit, die es zuallererst im Handeln zu bezeugen gilt, und die Kirchenmelodie der Hymne weckt fromm-nationalistische Gefühle, die uns vorschnell veranlassen können, den status quo heilig zu sprechen. Am Ende eines von Nationalismen erschütterten Jahrhunderts, das so viele Menschen wie nie zuvor zu Fremden auf diesem Planeten gemacht hat, sind wir von dem, der unter Herodes verfolgt und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, aufgerufen, alles in unseren Kräften stehende zu tun, dass kein Mensch, kein Volk und keine Religion mehr zum Sündenbock gemacht und in die Wüste geschickt wird.


Asasel und der Sündenbock

Bei Asasel handelt es sich um einen Wüstendämon. Die Vorstellung, dass es in der Wüste von Dämonen wimmelt, ist im ganzen Orient teilweise bis heute verbreitet. Analog zur «Herrin des offenen Landes», der die Krankheit eines Exorzierten in einem babylonischen Ritual geschickt wird, dürfte Asasel der «Herr/Gott der Wüste» sein (im Arabischen bedeutet 'as'as «rauhes Land»), was man auch als «Gott, der sich stark zeigt» (von hebräisch 'asas «sich stark zeigen, trotzen») verstehen konnte, dessen nächste Verwandte dann die Se'irim wären, wörtlich «die Haarigen», die Ziegenbocksdämonen (Jes 13,21; 34,14). Für die Haare als Ausdruck von Kraft, Trotz und dämonischer Stärke, vor der sich andere fürchten, finden sich Beispiele von Simson über Paulus (1 Kor 11,1­16) bis zu den Hippies der 68er-Bewegung. Die Wahl eines Ziegenbocks als Sündentransportmittel sollte bewirken, dass Asasel ihn als seinesgleichen schnell akzeptiert und von ihm Besitz ergreift, samt den Sünden der Israeliten. Das Tier selber ist ohne Sünde. Es ist reines Vehikel und sympathischer Attraktor für den Dämon. Das Auftauchen Asasels an zentraler Stelle der Bibel mag befremdlich wirken. Der JHWH-Monotheismus stösst hier an eine Grenze. JHWH sieht sich nicht in der Lage, das Übel seiner Schützlinge selbst zu entsorgen. Das Heilige ist und bleibt auf einen Gegenpol angewiesen, um den man nicht umhin kann, den man aber lieber totschweigt, indem man es bei einem Namen bewenden lässt, dessen Bezugsgrösse im Dunkeln bleibt.
Sowohl Asasel als auch der Sündenbock wurden in ihrer Wirkungsgeschichte pervertiert. Die apokalyptische Literatur hat Asasel zum Gegengott stilisiert, der Adam und Eva schon im Paradies in Gestalt der Schlange versucht und sie zur Götzenverehrung verleitet habe. In der Welt des Aberglaubens wurde er zum Dämonenfürsten gemacht, der das Zentrum der Bocksfeste und Walpurgisnächte darstellt. Das Wort «Sündenbock» wird seit dem 17. Jahrhundert anders als in der Bibel (s.o.), zur Bezeichnung von Menschen gebraucht, denen unberechtigt alle Schuld zugeschoben wird, ohne dass sie wirklich schuldig sind. In diesem Sinne waren die als Christusmörder verfemten Juden und Jüdinnen für die Christen/Christinnen jahrhundertelang die klassischen Sündenböcke, daneben aber auch die Katarer (daher das Wort «Ketzer»), die Zigeuner/Zigeunerinnen, die Hexen bzw. die Frauen generell, die Farbigen und die Homosexuellen, Gruppen, die auch von den Nazis systematisch verfolgt und umgebracht wurden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999