28-29/1999

INHALT

Lesejahr A

Das hörende Herz

von Thomas Staubli

 

Bibel: Salomos Herrschaftsantritt

König Salomos Herrschaftsantritt ging mit einem Blutbad einher. Der Sohn Davids und Batschebas bekräftigte seine Herrschaft gegen den Rat seiner Mutter, indem er seine mächtigsten Konkurrenten, Adonja, Joab und Schimi durch Benaja ermorden liess. Für die Landbevölkerung, auf die sich Davids Herrschaft abstützen konnte, war es wenig einleuchtend, dass ausgerechnet der Sohn einer Jerusalemerin Davids Nachfolger auf dem Thron werden sollte. Umso grösser war der Legitimationsbedarf Salomos als Regent. Was Benaja nicht auf seine Art erledigen konnte, holten die Propheten und Schreiber des Palastes auf ihre Weise nach. Sie liessen den König Zeremonien durchführen, die ­ insbesondere in Ägypten ­ damals zu einem Herrschaftsantritt gehörten. Salomo begab sich zu der altehrwürdigen Kultstätte von Gibeon (vielleicht ist damit das heutige Nebi Samwil gemeint), wo das Königtum mit der Salbung Sauls seinen Anfang genommen hatte, und die bei der Landbevölkerung in hohem Ansehen stand. Dort brachte er Opfer dar (die biblischen Zahlen sind dabei ebenso übertrieben wie die Hekatomben bei Homer) und unterzog sich einem Tempelschlaf, in dessen Verlauf ihm im Traum eine Gottesbegegnung zuteil wurde. Der König hat bei Gott einen Wunsch frei. Weil er sich nicht langes Leben, Reichtum oder Tod der Feinde wünscht, was nicht nur für einen König durchaus verständliche Wünsche gewesen wären, die andernorts in der Bibel auch tatsächlich mit dem Königtum in Verbindung gebracht werden (Ps 2,8f.; 21,5), sondern ein «hörendes Herz» (vgl. Kasten), erwirbt er sich Gottes Gunst ­ die denkbar beste Form von Legitimation. Er bringt weitere Opfer dar und veranstaltet für die Palastdiener ein Bankett. Dieser letzte Teil der Zeremonien wurde angeblich in Jerusalem vor der Bundeslade JHWHs vollzogen. Das entspricht der deuteronomistischen Konzeption von Tempel und Königtum, wonach JHWH nur im Heiligtum von Jerusalem verehrt werden darf, während alle anderen Kultstätten zerstört werden müssen (Dtn 7; 2 Kön 23,4­14). Die deuteronomistischen Schreiber des Königsbuches, so die Einschätzung vieler Exegeten, fanden eine Vorlage über den Amtsantritt Salomos vor, die eng mit Gibeon verbunden war, und die sie nicht abändern, sondern nur noch in ihrem Sinne kommentieren und ergänzen konnten, bis hin zum bekräftigenden Schlusssatz: «So wurde König Salomo König von ganz Israel» (4,1). Vor diesen Satz wurde später noch eine Legende eingeschoben, die die Qualität von Salomos «hörendem Herzen» in ergreifender Weise veranschaulicht: die berühmte Episode vom Salomonischen Urteil.

Kirche: Christus auf dem Thron der Weisheit

An Salomo wird zwar schon in der Bibel (2 Kön 11,1­13) und später auch in der jüdischen Tradition auch Kritik laut, doch im Allgemeinen hat sich sein Image vom weisen Herrscher durchgesetzt. Er gilt denn auch als Patron der Weisheitsliteratur (vgl. SKZ 35/1998) und Ps 72, eine Bitte um gerechte Herrschaft, die das zweite Buch des Psalters feierlich beschliesst, wird ihm zugeschrieben. Schon die Logienquelle nimmt auf Salomo Bezug, indem sie die Weisheit Jesu als noch höher einstuft als jene Salomos (Mt 12,42 parr.) Jesus ist es, der für das Christentum auf der sedes sapientiae sitzt, die von der Tradition mit Maria gleichgesetzt wurde. Die Mutter Gottes hält ihren Sohn jeweils dort, wo der Grund für eine weise und gerechte Herrschaft liegt, an ihrem «hörenden Herzen».

Welt: Wahrnehmen von Veränderungen

Oscar Lafontaine hatte als Bundeskanzlerkandidat ebenso wenig Chancen wie Eugen David als CVP-Bundesrat. In der marktorientierten Demokratie ist ein scharfer Verstand eher ein Hindernis, um Regent zu werden, als eine Tugend. Gefragt ist Wirtschaftsfreundlichkeit, Volksnähe und eine Kompromissbereitschaft, die zu fast jedem Vernunftopfer bereit ist. Für eine am Leben orientierte Demokratie stellt das «hörende Herz» aber eine unaufgebbare politische Qualität dar. Es realisiert sich in der nicht schon a priori durch Marktinteressen verzerrten Wahrnehmung von Veränderungen auf unserem Planeten wie der Klimaveränderung, dem Artenschwund, dem Wald- und Bodensterben, dem grösser werdenden Graben zwischen Armen und Reichen...

 

Literaturhinweis: Helmut Brunner, Das hörende Herz. Kleine Schriften zur Religions- und Geistesgeschichte Ägyptens. Hrsg. von Wolfgang Röllig, (OBO 80), Fribourg (CH)/Göttingen 1988.


Herz (hebr. lev)

«Herz» reimt sich im Deutschen gern mit «Schmerz». Herz steht bei uns für Gefühl, Pathos, ja Sentimentalität. Die mit dem Herzen verbundenen Gefühlswelten entwickeln sich erst ab der Renaissance, vor allem in der Barockzeit, wo sie unter anderem in der Herz-Jesu-Frömmigkeit ihren religiösen Ausdruck finden. In der Bibel aber steht das Herz für das Innere des Menschen, seine unsichtbaren und trotzdem wesentlichen Aspekte. Im aktiven Sinn steht das Herz für das Denken und Planen, Sinnen und Trachten, im passiven für das Registrieren und Speichern der Wahrnehmungen der Sinnesorgane (vgl. Lk 2,51). Das Herz ist so etwas wie der Flugschreiber eines Menschen oder anders gesagt: sein Gewissen. Ein pochendes Herz kann auf Gewissensbisse deuten (2 Sam 24,10). Das Ausser-sich-Geraten eines Menschen wurde im Alten Ägypten als Herzensverlassenheit umschrieben. Die Abbildung zeigt einen von der Sphinx niedergetretenen Feind, der sein Herz in der Hand hält, das aus seinem Körper herausgetreten ist. Man stellte sich vor, dass das Herz vom Totenrichter Osiris dereinst einer strengen Prüfung unterzogen wird (vgl. SKZ 29­30/1998, S. 440 mit Bild). Beschwörungen auf Amuletten sollten die Verstorbenen gegen verhängnisvolle Herzensbekenntnisse schützen. Ein wirklich weiser Mensch wünschte sich aber schon zu Lebzeiten ein ruhiges, reines Herz, das sich im Leib wohl fühlt. Nur so ist es in der Lage, seine eigentliche Aufgabe zu erfüllen, die in einer ägyptischen Darlegung so beschrieben wird: «Das Sehen der Augen, das Hören der Ohren, das Riechen der Nase: sie erstatten dem Herzen Meldung. Das Herz aber ist es, das jede Erkenntnis entstehen lässt; die Zunge ist es dann, die wiederholt, was vom Herzen erdacht wurde.» Nichts konnte einen Regenten also mehr adeln, als der Wunsch nach einem «hörenden Herz», nach einem Verstand, der in der Lage ist, die Sinneseindrücke aufzunehmen, zu verarbeiten und sprachlich angemessen wiederzugeben. Der Ausdruck findet sich bereits um 1360 v. Chr. in der Autobiographie eines hohen ägyptischen Beamten: «Ich bin ein wahrhaft Hervorragender unter allen Menschen, einer mit hörendem Herzen, wenn er einen Rat sucht bei Fremdartigem wie einer, dessen Herz dabei war.»


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999